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“Hiroshima: Verbrechen gegen die Menschlichkeit”

Der 6. August 1945 aus Sicht der Einsatzmannschaft / Warum wurden die Atombomben abgeworfen? / Die menschliche Seite: Grauenhafte Folgen / Seit dem 6. August 1945: Leben auf Abruf / Aktuelle atomare Risiken / Atomaren Schreckensszenarien Vision von “Atomwaffenfrei 2020” entgegensetzen.

Von Michael Schmid - Vortrag bei der Eröffnungsveranstaltung zur Aussstellung “Hiroshima mahnt - Nie wieder Krieg” am 9.11.2005 in Gammertingen

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>> Hier kann der Vortrag als PDF-Datei heruntergeladen werden.

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Unsere Veranstaltung zur Eröffnung der Ausstellung heute findet am 9. November statt. Der 9. November - das ist ein sehr geschichtsträchtiges Datum. So haben am 9. November 1938 Nazis jüdische Geschäfte und Synagogen zerstört und in Brand gesetzt. Auf den Tag genau vor 67 Jahren erlebte der antisemitische Terror im Nazideutschland einen ersten grausamen Höhepunkt. Mit dieser Pogromnacht wurde auch sichtbar für alle der letzte Schritt vor der systematischen, staatlich betriebenen Vernichtungspolitik gemacht. Der eingeschlagene Weg mündete in die millionenfache Ausrottung von Menschen. “Auschwitz” ist als ein Synonym für diese unvorstellbaren Verbrechen in die Geschichte eingegangen.

August 1945: Die Menschheitsgeschichte hatte soeben ihren ersten mit Atomwaffen geführten Krieg erlebt. Damals vor 60 Jahren, am 6. und 9. August 1945, da gab es zwei Riesenblitze über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki, die hunderttausenden Menschen den sofortigen oder späteren Tod brachten.

“Auschwitz” und “Hiroshima” - das sind die beiden Namen, die für die Schrecken des 20. Jahrhunderts stehen. Sie wurden zu Symbolen für den massenhaften Mord an unschuldigen Menschen, an Frauen und Männern, an Kindern und Alten. Beide Namen stehen für eine unbeschreibliche Entwertung menschlichen Lebens. “Auschwitz” und “Hiroshima” waren die Hölle auf Erden. Sie sind Vorboten der Apokalypse. Es handelte sich dabei aber um keine unabwendbaren Naturkatastrophen. Sie waren die beabsichtigte Folge menschlichen Handelns. “Auschwitz” und “Hiroshima” zeigen also, was Menschen zu tun in der Lage sind und auch zu tun wagen.

Heute Abend geht es um Hiroshima und Nagasaki. Die Bilder der Ausstellung, möglicherweise auch die Fakten, die in unseren Veranstaltungen vermittelt werden, können sicherlich ängstigen. Wir wollen aber keine lähmende Angst erzeugen. Vielmehr geht es darum, uns möglichst die Forderung des Philosophen Günther Anders zu Eigen zu machen:

“Habe keine Angst vor der Angst, habe Mut zur Angst. Auch den Mut, Angst zu machen. Ängstige deinen Nachbarn wie dich selbst.”

Und Anders ergänzte:

“Freilich muss diese unsere Angst eine von ganz besonderer Art sein: 1. Eine furchtlose Angst … 2. Eine belebende Angst, da sie uns statt in die Stubenecken hinein in die Straßen hinaus treiben soll. 3. Eine liebende Angst, die sich ‘um’ die Welt ängstigen soll, nicht nur ‘vor’ dem, was uns zustoßen könnte.”

Eine solche Angst könnte zum Widerstand gegen den atomaren Wahnsinn führen.

1. Der 6. August 1945 aus Sicht der Einsatzmannschaft

Versetzen wir uns zurück zum 6. August 1945. Bereits seit fast einem Jahr ist der 509. Bomberverband der US-Air Force mit der speziellen Ausbildung für die Aufgabe von Atombombenabwürfen ausgebildet worden. Die Männer der 509. wussten zwar nicht um die Atomwaffen, sie spürten aber, dass sie es mit einem außergewöhnlichen Auftrag zu tun hatten. Sie brannten auf ihren Einsatz. Nun war es endlich so weit. Um 2.45 Uhr am Morgen des 6. August startete die “Enola Gay” - so hieß der B29-Bomber mit seinem hunderttausendfachen Tod an Bord, getauft vom Piloten und Kommandeurs des Unternehmens Paul Tibbets mit dem Namen seiner Mutter Enola Gay - die “Enola Gay” startete also gemeinsam mit zwei Begleitflugzeugen von der kleinen Südsee-Insel Tiniam aus, die 2.500 Kilometer südöstlich von Japan liegt.

Im Mai 1945 waren die Ziele nach bestimmten Kriterien ausgewählt worden. Unter anderem sollten die Ziele nicht schon durch Luftangriffe beschädigt sein, um die Wirkung der Bombe richtig schätzen zu können. “Erwünscht war weiter als erstes einen Ort von solcher Größe zu wählen, dass die ganze Zerstörungszone sich innerhalb des Ortes befände und wir daher die Gewalt der Bombe genauer bestimmen könnten”, so General Groves, der Leiter des Projektes. Hiroshima war in die Zielliste aufgenommen worden, Nagasaki dann auch.

Zunächst hatte es am 6. August 1945 gegen 0.15 Uhr einen der Höhepunkte neuzeitlicher Gotteslästerung gegeben. Gerade acht Stunden bevor sie den Atomtod nach Hiroshima bringen sollten, bekamen die Besatzungen der beteiligten B29-Bomber seelsorgerische Stärkung. Der katholische Priester George Zabelka segnete die Atombombe, die sinnigerweise “Little Boy” getauft wurde, und sein lutherischer Amtsbruder Downey betete vor versammelten Fliegern:

“Allmächtiger Vater, wir bitten Dich: Schütze diese Männer, die den Kampf zu unseren Feinden tragen. Mögen sie, bewaffnet mit Deiner Macht, den Krieg zu einem schnellen Ende bringen. Mögen die Männer, die in dieser Nacht fliegen, in Deiner Obhut sein und sicher zurückkehren… Im Namen Jesus Christus, Amen.”

Derselbe Feldgeistliche Downey sprach dann auch drei Tage später vor dem Abwurf auf Nagasaki ein Gebet:

“Allmächtiger Vater, der Du die Gebete jener erhörst, die Dich lieben, wir bitten Dich, denen beizustehen, die sich in die Höhen Deines Himmels wagen und den Kampf zu unseren Feinden vortragen … Wir werden im Vertrauen auf Dich weiter unseren Weg gehen …”

So vorbereitet, machten sich die Bomber mit ihrer tödlichen Last auf den Weg nach Japan.
William L. Laurence, Sonderkorrespondent der “New York Times”, der dann drei Tage später beim Atombombenabwurf auf Nagasaki selber in einem Begleitflugzeug mitfliegen durfte, schrieb einen Bericht zu dem Geschehen über Hiroshima, den ich in Auszügen hier wiedergeben möchte:

Die erste Atombombe, die jemals im Krieg verwendet wurde, eine kleine vom Menschen gemachte Feuerkugel, die mit der Gewalt von 20.000 Tonnen Trinitrotoluol explodierte, wurde heute von einer B 29 abgeworfen und vernichtete das große japanische industrielle und militärische Zentrum Hiroshima. Genau um acht Uhr fünfzehn heute Morgen lag Hiroshima klar da im Licht eines blauen Himmels. Ein Zehntel eines millionsten Teils einer Sekunde später, nach einem Zeitraum, der sich durch keine Uhr messen lässt, war es von einer Wolke eines wirbelnden Feuers verschlungen, als habe es niemals bestanden. … Falls wirklich irgendwelche Luftwarnstellen unten das Nahen des großen silbernen Schiffes hoch oben bemerkt haben sollten, so gaben sie doch kein Zeichen davon. Keine Flak. Kein Alarm irgendwelcher Art. Die vierhunderttausend Einwohner von Hiroshima gingen anscheinend wie gewöhnlich ihren Geschäften nach.

Die “Enola Gay” erreichte die japanische Hauptinsel um 07.50 und nahm dann Kurs auf den Versammlungsraum, von wo das Ziel direkt angeflogen werden sollte. Sie erreichte diesen Punkt um acht Uhr elf. Major Thomas W. Ferebee … als Bombenschütze, Hauptmann Theodore J. Van Kirk … als Navigationsoffizier und Feldwebel Joc A. Stiborik … als Radarfunker, begannen hier die letzten Minuten ihrer Zusammenarbeit als eine Mannschaft, eine furchtbare und herrliche Aufgabe. Die “Enola Gay” machte einen Flug von vier Minuten auf ein völlig offen daliegendes Ziel. Major Ferebee bediente sein Zielgerät, bis er das Ziel deutlich im Schnittpunkt der haardünnen Ziellinien liegen sah. Der große Augenblick war gekommen. Er klinkte die Bombe aus.

Die großen Luken des Bombenraumes der “Enola Gay” wurden aufgerissen. Die unbewegliche Masse, die im Innern aufgehängt war, wurde frei und glitt hinaus. Zur Erde hinab stürzte sie, bis sie einen vorher bestimmten Punkt über dem Boden erreicht hatte. Da trat ihr genau abgestimmter Mechanismus in Tätigkeit. Ewig erscheinende Sekunden verstrichen.

Die Männer in der “Enola Gay” sahen zuerst nur ein stecknadelkopfgroßes Licht in purpurner Röte. In einem Augenblick entwickelte sich dieser Stecknadelkopf zu einer riesigen Feuerkugel mit einem Durchmesser von etwa achthundert Meter. Der große Feuerball explodierte plötzlich und wurde zu einer riesigen Masse wirbelnder Flammen und purpurroter Wolke. Ihr entströmten riesige konzentrische weiße Nebelringe, als bliese die Erde selber gewaltige Rauchringe ab.

Die Masse schien einen Augenblick lang zu zögern. Plötzlich stieg aus den wirbelnden purpurnen Wolken eine riesige weiße Rauchsäule. Sie stieg immer höher und höher, bis sie etwa dreitausendfünfhundert Meter erreicht hatte.

Darauf folgte eine andere Phase. Die Säule wuchs plötzlich zu einem riesigen Pilz an, um dessen Fuß auf eine Entfernung von rund fünf Kilometer riesige Staubwolken wirbelten. Weiter wuchs der Pilz an und wuchs vor den Augen der Männer auf der “Enola Gay” und auf den anderen B 29, die als Instrumenten- und Aufnahmeflugzeuge gefolgt waren, zu ungeheuren Höhen an, während die Beobachter vom Anblick wie erstarrt waren. Er stieg immer weiter, bis er eine Höhe von etwa fünfzehntausend bis achtzehntausend Meter erreicht hatte, zerbrach dann in mehrere Schichten einer cremeartigen Masse von purpurner Färbung, die sich von den weißen Wolken abhoben, die sie durchbrachen. …

Hauptmann Robert A. Lewis, der zweite Pilot, berichtete: “Selbst als das Flugzeug sich in der entgegengesetzten Richtung bewegte, waren die Flammen noch furchtbar. Das Stadtgebiet sah aus, als sei es in Stücke zerrissen worden. Ich habe niemals so etwas gesehen - noch niemals so etwas. Als wir mit unserem Flugzeug wendeten, um das Ergebnis zu beobachten, lag vor unseren Augen die größte Explosion, die der Mensch je erlebt hat. Zu neun Zehnteln war die Stadt von einer Rauchsäule bedeckt, die in weniger als drei Minuten eine Höhe von zehntausend Meter erreicht hatte. Wir waren von diesem Anblick wie erstarrt. Er überstieg bei weitem alle unsere Erwartungen. Auch wenn wir etwas Furchtbares erwartet hatten, so ließ uns doch das, was wir sahen, fühlen, als seien wir Krieger des fünfundzwanzigsten Jahrhunderts. Noch nach einer Stunde, als wir uns etwa vierhundert Kilometer vom Ziel entfernt befanden, nahm die Wolke an Mächtigkeit zu. Die Rauchsäule hatte eine Höhe von fünfzehntausend Meter erreicht, weit höher als wir selbst waren. Sie veränderte weiterhin ihre unheimlichen Farben, bis wir sie aus unserem Blickfeld verloren.”

Soweit einige Auszüge aus der “New York Times”. Der Autor war offensichtlich durch die Atomblitze selber ziemlich “geblendet” worden - jedenfalls war er ganz offenkundig völlig überwältigt von dem neuen Wunderwerk der Technik, der Atombombe. Auf die Auswirkungen der Atombomben am Boden komme ich später zu sprechen.

Übrigens sind die Besatzungen der Bomber, die den hunderttausendfachen Tod nach Hiroshima und Nagasaki brachten, wieder heil zurückgekommen. Ob wegen des vielen Betens sei dahingestellt. Gebete in diesem Zusammenhang - eine unerträgliche Gotteslästerung. Anlässlich der rückkehrenden Besatzungen von ihren Einsätzen, in welchen sie ihre mörderische Fracht gut in die geplanten Ziele gebracht hatten, gab es dann eine große Freibierparty mit heißer Musik, neuen Darbietungen und Sonderfilmvorführung.

2. Warum wurden die Atombomben abgeworfen?

Präsident Truman hatte sich zur Rechtfertigung der Atombombenabwürfe folgende Version zurechtgelegt: Die Bomben waren notwendig, um die japanische Regierung zur raschen Kapitulation zu zwingen und somit bis zu 500.000 amerikanische Soldatenleben zu retten - manches Mal nannte er auch eine Million -, die bei einer Invasion seinen Angaben zufolge ums Leben gekommen wären. Diese Selbstrechtfertigung dessen, der den Befehl zum Abwurf der Atombomben gegeben hat, ist dann zum festen Bestandteil der amerikanischen Erinnerung an Hiroshima geworden. Auch von der jetzigen Bush-Regierung wird diese Meinung propagandistisch verbreitet, und selbst in der hierzulande anlässlich des 60. Jahrestages veröffentlichten Meinung wurde sie häufig wiederholt. Doch diese Version ist nichts anderes als Propaganda.

Mir ist es wichtig, ausführlicher darauf einzugehen, weil ich hier nicht einfach nur eine Behauptung in den Raum stellen möchte. Vielmehr möchte ich verschiedene Aspekte anführen, die meine Meinung nachvollziehbar machen. Ich bitte also um entsprechende Geduld für diese Ausführungen.

Zunächst möchte ich vorwegschicken, dass es wohl nicht nur einen einzigen Grund für den Atomwaffeneinsatz gibt, sondern ganz verschiedene Aspekte eine Rolle spielen, deren Beachtung wichtig ist. Hier können nur ein paar davon ausgeführt werden.

Das Atomprogramm der USA wurde 1939 ins Leben gerufen, nachdem der dänische Physiker Niels Bohr in Washington von den bahnbrechenden Experimenten auf dem Gebiet der Kernspaltung um den Wissenschaftler Otto Hahn in Deutschland berichtet hatte. Es gab die Angst, Nazi-Deutschland könnte in den Besitz von Atombomben kommen. In den USA waren dann Wissenschaftler am Atomprogramm maßgeblich beteiligt, die vor der Nazi-Diktatur nach Übersee geflohen waren. Sie bewogen Albert Einstein, US-Präsident Franklin D. Roosevelt auf die Gefahr hinzuweisen. Einstein schickte seinen Brief am 2. August 1939 ab. Später sagte er: “Ich könnte meine Finger dafür verbrennen, dass ich diesen Brief geschrieben habe.”

Richtig intensiv wurden die Arbeiten an dem Atomprogramm dann unter größter Geheimhaltung ab 1941 vorangetrieben und schließlich in dem so genannten “Manhatten-Projekt” koordiniert. Dieses gigantische Projekt kostete - nach heutigem Kurswert - zwanzig Milliarden Dollar, 130.000 Personen waren darin beschäftigt. Das Ziel: die 1939 entdeckte Kernspaltung militärisch zu nutzen. Praktisch die gesamte Wissenschaftler-Elite der Erde - außer den Deutschen und den Russen - war beteiligt.

Nach einem jahrelangen Weg konnte dann am 16. Juli 1945 in einem Stück Wüste in New Mexico der erste erfolgreiche Test mit einer einsatzfähigen Atomwaffe durchgeführt werden. Diese Bombe erhielt übrigens den Namen “Trinity”, “Dreifaltigkeit”!

Nachdem die ersten Atombomben zur Verfügung standen, ging es jetzt also um den möglichst zielgenauen Abwurf von Atombomben aus Bomberflugzeugen. Die darauf trainierten Spezialeinheiten machten sich nur drei Wochen nach der Testzündung von “Trinity” mit ihren B29-Bombern auf den Weg nach Japan. Von Bord der “Enola Gay” aus wurde dann eine Atombombe mitten über dem Zentrum von Hiroshima ausgeklinkt. Gemeinsam mit ihr wurden auch Messinstrumente für die Beobachtung der Wirkung abgeworfen. 43 Sekunden später detonierte die Bombe in 580 Meter Höhe über dem Shirna-Krankenhaus. Sie produzierte einen Feuerball, der innerhalb 1/10.000 Sekunde eine Temperatur von fast 300.000 °C erreichte. Im Hypozentrum - dem Punkt auf dem Boden, über dem die Explosion stattfand - erreichte die Temperatur unvorstellbare 4.000 - 6000°C Grad. Dem extremen Blitz aus Hitze und Licht, der in einem Umkreis von anderthalb Kilometern rund um das Hypozentrum alles in Brand setzte, folgte eine enorme Druckwelle, die die meisten Gebäude in zwei Kilometern Umkreis zerstörte. Die Energie, die freigesetzt wurde, bestand aus 35 Wärme bzw. Hitze, 50 aus Druck und 15 % aus radioaktiver Strahlung.

Dieses technische Wunderwerk war das Ergebnis der Zusammenarbeit der besten Physiker, Techniker und Militärlogistiker sowie des Einsatzes von zwei Milliarden Vorkriegsdollar. Dadurch hatte sich die außerordentliche Leistungsfähigkeit der amerikanischen Wissenschaft und Industrie erwiesen - für lange Zeit Grund zum Stolzsein.

Eine Rolle für den Atombombeneinsatz hat sicherlich das Interesse gespielt, die Wirkung der Bombe feststellen zu können. Es handelte sich als auch um Waffenexperimente im Großmaßstab und am lebenden Objekt. Für diesen Verdacht spricht, dass die Logistik zur Beobachtung und Dokumentation, also z.B. die Begleitung durch Flugzeuge mit Messinstrumenten und Kameras für Aufnahmen, fester Bestandteil der beiden Bombenabwürfe war.

Nach den Bombenabwürfen waren die wissenschaftlichen Anstrengungen wichtig, um die Folgen der Strahlungen beim Menschen zu untersuchen. So wurden Überlebende zwar durch amerikanische Mediziner intensiv untersucht, bekamen aber keine medizinische Behandlung. Ja, durch amerikanisches Besatzungspersonal in Japan wurde die medizinische Versorgung von Überlebenden zum Teil gezielt behindert. Medizinische Nothilfe des Internationalen Roten Kreuzes wurde nicht zugelassen. Die atomaren Schäden wurden als strengstes Geheimnis gehütet. Japanischen Medizinern und Wissenschaftlern wurde bis 1952 der Zugang zu den Daten über die Strahlenkrankheiten verwehrt, die für Therapien hätten dienlich sein können.

Von Anfang an diente das Manhatten-Projekt militärischen Zwecken. Henry Stimson, der während des ganzen Pazifischen Krieges amerikanischer Kriegsminister und als solcher dem Präsidenten für das Projekt verantwortlich war, erklärte kurz nach dem Krieg:

“Zu keiner Zeit zwischen 1941 und 1945 äußerte sich der Präsident oder irgendein anderes verantwortliches Regierungsmitglied dahingehend, dass Atomenergie nicht im Krieg verwendet werden sollte. […] Es war unser gemeinsames Ziel, die ersten zu sein, die eine Atomwaffe herstellten und benutzten. […] Der ganze Zweck war die Produktion einer militärischen Waffe; der Aufwand von so viel Zeit und Geld in Kriegszeiten hätte aus keinem anderen Grund gerechtfertigt werden können.”

Die Verantwortlichen zweifelten nicht am militärischen Zweck der Entwicklung der neuen Waffe. Allerdings ist heftig umstritten, dass ihr Einsatz aus militärischen Gründen dann notwendig war. Denn militärisch war Japan im Sommer 1945 am Ende. Nachdem die Kriegshandlungen in Europa beendet waren - Deutschland kapitulierte bekanntlich am 8. Mai 1945 - war die Lage für Japan aussichtslos. Das war sowohl der japanischen als auch der amerikanischen Führung bewusst.

Zwar bereitete der amerikanische Generalstab, für den Fall, dass Japan nicht kapitulieren würde, Pläne für eine Invasion vor. Vorgesehen war diese in einer ersten Etappe im November 1945 und im März 1946 in einer zweiten Etappe. Jedoch gingen die meisten Militärs davon aus, dass keine Invasion mehr notwendig werden würde. Denn Stalin hatte bereits auf der Konferenz von Jalta im Februar dem amerikanischen Präsidenten Roosevelt die Zusage gegeben, dass die Sowjetunion spätestens drei Monate nach dem sich abzeichnenden Sieg über Deutschland in den Krieg gegen Japan eintreten würde. Führende amerikanische Militärs gingen deshalb im Frühjahr 1945 davon aus, dass dies der entscheidende Faktor sein würde, um Japan umgehend zur Aufgabe zu zwingen. Andere wiederum waren der Ansicht, dass Japan sich so oder so ergeben würde.

Ein 1946 herausgegebener Militärbericht (vom U.S. Strategic Bombing Survey: Japan`s Struggle to End the War, Juli 1946) kommt zu der Schlussfolgerung:

“Aller Wahrscheinlichkeit nach hätte Japan vor dem 1. November 1945 kapituliert, selbst wenn die Atombomben nicht abgeworfen worden wären, Russland nicht in den Krieg eingetreten und keine Invasion geplant oder erwogen worden wäre.”

Es gab hochrangige Militärs, die weder vom militärischen Nutzen überzeugt waren, noch dass der Einsatz dieser Bomben vertretbar war. General Dwight D. Eisenhower, damals Oberkommandierende der US-Truppen in Europa, später Präsident der USA, äußerte:

“Ich glaubte, dass unser Land es vermeiden sollte, die Weltmeinung durch die Verwendung einer Waffe zu schockieren, deren Einsatz meines Erachtens nicht mehr erforderlich war, um amerikanische Leben zu retten.”

Admiral William Leahy, als Chef des Stabes und Mitglied der US-Delegation bei der Potsdamer Konferenz 1945 ebenfalls einer der hochrangigsten damaligen US-Militärs, fasste seine Haltung später so zusammen:

“Die Japaner waren schon geschlagen und bereit sich zu ergeben. Der Einsatz dieser barbarischen Waffe gegen Hiroshima und Nagasaki half unseren Kriegsanstrengungen gegen Japan in keiner Weise. Durch ihre Erstverwendung haben wir uns den moralischen Standard von Barbaren des finstersten Mittelalters zu Eigen gemacht. Ich habe nicht gelernt, auf diese Weise Krieg zu führen, und Kriege werden nicht durch die Vernichtung von Frauen und Kindern gewonnen.”

Die politische Seite

Natürlich stellt sich die Frage, warum Hiroshima und Nagasaki bombardiert wurden, wenn dies militärisch unnötig war. Hierbei haben wohl die politischen Gründe das größte Gewicht gehabt.

Nach dem sich das Kriegsende in Europa im Frühjahr 1945 abzeichnete, waren es vor allem zwei Probleme, welche die Außenpolitik der USA beherrschten: der Krieg im Pazifik und das Verhältnis zur Sowjetunion.

Bis 1945 hatten sich die Sowjets - einem Neutralitätsabkommen mit Japan folgend - vom Kriegsschauplatz in Ostasien ferngehalten. Erst bei der Konferenz von Jalta im Februar 1945 sagte Stalin auf Drängen der USA seine Bereitschaft zu, drei Monate nach dem Kriegsende in Europa in Asien eine “zweite Front” zu eröffnen. Zu diesem Zeitpunkt gingen die Alliierten davon aus, dass Japans Wille zum Durchhalten anders nicht zu brechen sei.

Dann allerdings geschah im Frühsommer 1945 Unerwartetes: Nachdem schon vorher verschiedene inoffizielle “Friedensfühler” Japans ohne Ergebnis abgebrochen werden mussten, bemühte sich der japanische Außenminister Togo auf Veranlassung des japanischen Kaisers im Juli 1945 um konkrete Kontakte zur UdSSR. Moskau sollte zur Vermittlung eines Verhandlungsfriedens mit den USA gewonnen werden. Japan ging es um das Problem, dass es durch die geforderte bedingungslose Kapitulation sein Kaisertum in Frage gestellt sah. Mit einer Zusage zur Erhaltung des Kaisertums wäre Kaiser Hirohito bereit gewesen, die japanische Niederlage einzugestehen. Allerdings waren die russischen Diplomaten seit Jalta nicht sonderlich an einer Beendigung des Krieges interessiert und gingen den japanischen Unterhändlern aus dem Weg. Andererseits wussten die USA jedoch vom japanischen Interesse am Frieden.

Offensichtlich hatten weder die USA noch die Sowjetunion ein Interesse an einem vorzeitigen Ende des Krieges. Deshalb ließen sie das Angebot des japanischen Kaisers verstreichen.

Bei der Konferenz von Jalta war Stalin vom Westen als Belohnung für seinen Kriegseintritt gegen Japan die Rückgabe von Süd-Sachalin und den Kurilen-Inseln zugesagt worden. Er hatte nun Zweifel, ob sein Land die in Aussicht gestellten Inseln im Norden Japans im Falle einer baldigen japanischen Kapitulation tatsächlich bekommen würde. Es ging ihm wie in Europa darum, durch militärische Präsenz seine politischen Ansprüche zu untermauern.

Auch Truman und seine Berater hatten einen eigenen Fahrplan. Obwohl sie von den japanischen Bemühungen um Verhandlungen zur Kriegsbeendigung wussten, loteten sie diese Möglichkeiten nicht aus. Truman beharrte auf einer bedingungslosen Kapitulation.

Nach dem Krieg zeigte sich, dass die Zukunft des Kaisers für die US-Regierung nur eine untergeordnete Rolle gespielt hat. Sie beließ den Tenno in seinem Amt. Hätte sie diese Position während des Krieges eingenommen, hätten die Japaner unter diesen Bedingungen wohl kapituliert. Dies war von Truman so offensichtlich nicht gewollt. Für ihn war das Verhältnis zur Sowjetunion wichtiger, die als neuer Gegner ausgemacht worden war.

Offensichtlich spielte dabei die Perspektive, bald über einsatzfähige Atomwaffen verfügen zu können, die zentrale Rolle. Mit Atombomben schien Truman der Sieg bzw. die japanische Kapitulation auch ohne russische Beteiligung möglich. Zudem war es günstiger, den geplanten Vormarsch der Roten Armee bereits im Ansatz zu stoppen. Je weniger Territorium durch die Sowjetunion besetzt werden konnte, umso schwächer war deren politische Stellung in Asien.

Wenn also die Atombombe rechtzeitig vor dem ursprünglich für den sowjetischen Kriegseintritt vereinbarten Termin einsatzfähig war, Japan dann unter dem Schock der Bombe kapitulieren würde, ginge in Asien rechtzeitig eine Art “atomarer Vorhang” gegen die Ausbreitung des Kommunismus nieder, so das Kalkül.

Aus diesem Grund galt es also zu beweisen, dass die Atombombe wirklich funktionierte und dass die amerikanische Führung die Bereitschaft hatte, sie wirklich einzusetzen. Das war der hauptsächliche Grund, warum von Truman die Möglichkeit eines Verhandlungsfriedens mit Japan nicht weiter verfolgte wurde.

Aus der völlig unterschiedlichen Interessenlage heraus entbrannte nun im Sommer 1945 ein regelrechtes Wettrennen zwischen den beiden bis dahin alliierten Großmächten USA und UdSSR. Ganz offensichtlich ging es darum, den jeweils anderen in einem hektischen Wettrennen kurz vor der Ziellinie noch abzufangen.

Wie schon erwähnt, wurde dann am 16. Juli 1945 die erste Atombombe in der Wüste von Neu Mexiko erfolgreich getestet. Dies geschah unmittelbar vor Beginn der Konferenz von Potsdam, zu der sich die “Großen Drei” der Siegermächte, also Winston Churchill, Josef Stalin und Harry S. Truman vom 17. Juli bis 2. August 1945 trafen, um über die politische Aufteilung Europas und das weitere Vorgehen im Pazifik-Krieg zu verhandeln.

Präsident Truman hatte nun die Atombombe als militärische Trumpfkarte in der Hinterhand, die er ausspielen konnte. Daraufhin legte er sich endgültig fest: Japan sollte nicht diplomatisch, sondern mit einem “großen Knall” in die Knie gezwungen werden. Am 24. Juli gab Truman den Befehl zum Einsatz der Atombomben ab 3. August. Am 26. Juli forderte er Japan unter Androhung von “unverzüglicher und völliger Zerstörung” ultimativ auf, bedingungslos kapitulieren. Und nachdem die japanische Regierung diese Forderung ignorierte, wurde die Atombombe auf eine japanische Stadt zum frühestmöglichen Termin abgeworfen: am 6. August über Hiroshima.

Am 8. August erfolgte erwartungsgemäß die Kriegserklärung der UdSSR gegen Japan. Einen Tag danach wurde die Bombe auf Nagasaki abgeworfen, nicht zuletzt, wenn nicht vor allem, um Stalin und der Welt zu zeigen, dass die erste Bombe nicht die einzige war, die die USA besaß.

Vom Zeitablauf war es für die USA wie gewünscht gelaufen. Doch politisch hatte sich Truman verkalkuliert. Die japanische Führung nahm keine Notiz davon, als am 6. August die Atomwolke über Hiroshima aufstieg. Offensichtlich war es dem Obersten Kriegsrat Japans egal, ob zwei, drei oder fünf Städte mehr pulverisiert wurden.

Tsuyoshi Hasegawa, Historiker an der University of California in Santa Barbara, der fließend Englisch, Russisch und Japanisch spricht und deshalb die einschlägigen russischen, japanischen und amerikanischen Akten zur ersten “internationalen Geschichte” der Atombombe verarbeitet hat, meint, dass die Amerikaner das japanische Wertesystem nicht verstanden hatten. Die USA hätten angenommen, dass die Japaner nach der Bombardierung mit Atomwaffen sofort kapitulieren würden, weil die Amerikaner in einer ähnlichen Situation so gehandelt hätten. Für die japanische Führung jedoch - so tragisch dies sein mag - war der Erhalt des Kaiserreiches wichtiger als die eigene Bevölkerung. Sonst hätten sie bereits nach der Flächenbombardierung von Tokio kapituliert, die ebenfalls zum Massentod geführt hatte.

Als dann Stalin am 8. August seinen Generälen die Offensive durch die Mandschurei befohlen hatte, war klar, dass es nicht nur die erhoffte sowjetische Vermittlungsrolle für eine Kriegsbeendigung nicht gab, sondern in der Sowjetunion ein neuer übermächtiger Feind auf den Plan getreten war. Japan hatte dann im Prinzip keine andere Wahl mehr als bald zu kapitulieren.

Am 15. August signalisierte die japanische Führung unter dem Druck der vorrückenden Roten Armee schließlich ihre Bereitschaft zur Kapitulation. Dies geschah aber zunächst nur gegenüber den USA. Die Front gegen die Russen im Norden sollte unbedingt gehalten werden. Deshalb lieferte die kaiserliche Armee den Russen eine weitere Woche lang blutige Kämpfe und ergab sich erst, als auch Hokkaido zu fallen drohte und damit eine Besetzung des japanischen Kernlandes befürchtet werden musste.

Zusammenfassung zu den Gründen der Bombenabwürfe

Gibt es eine bessere Rechtfertigung dafür, die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki abzuwerfen als die, dass dadurch vermeintlich 500.000 oder gar eine Million amerikanischer Soldatenleben gerettet werden konnten? Doch für diese von Truman aufgestellte Behauptung gibt es keine Grundlage in den Fakten. Sie wurde erst nach Kriegsende von der amerikanischen Führung erfunden. Bevor über den Einsatz der Atombomben entschieden wurde, hatte niemand dem amerikanischen Präsidenten derartige Zahlen genannt. In militärischen Planungen wurde von weniger als einem Zehntel Toter und Verletzter ausgegangen. Es handelt sich also um eine propagandistische Selbstrechtfertigung für den Einsatz der Atombomben mit ihren grauenhaften Folgen.

Tatsächlich aber kamen eine Reihe ganz verschiedener Faktoren zusammen, die zum Atombombeneinsatz führten. Militärische Gründe spielten kaum eine Rolle. Ein Faktor, der mitspielte, war der Druck, die gewaltigen Kosten des Unternehmens zu rechtfertigen. Voll beabsichtigt war das unendliche menschliche Leid, das durch die Bombenabwürfe angerichtet wurde. Vorschläge, die Bombe auf rein militärische Anlagen oder unbewohntes Gebiet abzuwerfen, um ihre Wirkung zu demonstrieren, wurden ausgeschlagen. Offensichtlich spielte auch die Entwertung der anderen Rasse mit hinein bei der Entscheidung des Bombeneinsatzes. Vor allem war aber das politische Motiv von großer Bedeutung, gegenüber der Führung der Sowjetunion Stärke zu zeigen. Schließlich machte das Versäumnis Japans, den bereits verlorenen Krieg zu beenden, es letztlich möglich, Hiroshima und Nagasaki die Katastrophe zu bereiten.

Der Historiker Tsuyoshi Hasegawa zieht aufgrund seines intensiven Aktenstudiums der unterschiedlichen beteiligten Akteure das Fazit, dass die Annahme falsch sei, vorwiegend der Abwurf der Atombombe auf Hiroshima hätte die Kapitulation der Japaner verursacht. Die Atombombe trug zur Beendigung des Krieges im Pazifik nichts bei, so Hasegawa. Eher hatte das Warten auf ihre Fertigstellung die Kämpfe in die Länge gezogen. Die Bombe rettete auch keinem amerikanischen Soldaten das Leben. Denn nicht die Gewalt der neuen Waffe, sondern die Wucht der Roten Armee machte eine verlustreiche US-Invasion gegen das japanische Kernland überflüssig - ein Szenario, das Harry Truman vor dem Angriffsbefehl auf Hiroshima deutlich vor Augen hatte und das ihn dennoch nicht bewog, seine Entscheidung zu überdenken.

3. Die menschliche Seite: Grauenhafte Folgen

Ich habe vorher den Bombenabwurf aus Sicht derjenigen dargestellt, die diesen vollzogen haben. Die beiden Riesenblitze, die aber durch Menschen am 6. und 9. August 1945 über Hiroshima und Nagasaki verursacht wurden, waren natürlich nicht nur und vor allem eine technologische Meisterleistung. Sie stürzte die Menschen der beiden japanischen Städte von einem Moment auf den anderen in eine Hölle. Die vernichtenden Feuerbälle und die Druckwellen der Atombomben richteten verheerende Zerstörungen an. Die Städte wurden regelrecht verschluckt. Zigtausende Menschen fanden dadurch den sofortigen Tod. Wer sich in der Nähe des Epizentrums aufgehalten, aber die atomare Apokalypse zunächst überlebt hatte, blieb meist schwer verletzt und hilflos zurück, als Opfer von Verbrennungen und Verstrahlungen. Vor allem die radioaktive Strahlung der Atombomben verursachte ein nie gekanntes Leiden unter jenen Menschen, die nicht sofort tot waren.

Wie das vor Ort aussehen kann, wenn wir tun, was wir können, hat der US-amerikanische Schriftsteller und Kriegskorrespondent John Hersey in Hiroshima im Mai 1946 in Erfahrung gebracht.

Hersey war im Auftrag des US-amerikanischen Magazins The New Yorker im Mai 1946 nach Hiroshima gefahren, um “mit den Überlebenden der furchtbaren Katastrophe in Fühlung (zu) treten, ihre Gefühle, Beobachtungen, Gedanken … auf(zu)zeichnen” (Vorwort). Hersey lässt nur wenige Monate nach dem Abwurf der Atombombe “Little Boy” über Hiroshima sechs Überlebende ihre Erinnerungen erzählen.

Hier ein kleiner Ausschnitt von John Herseys Bericht über die grauenhaften Erlebnisse von Kiyoshi Tanimoto, Pastor der Methodistenkirche, am 6. August 1945 in Hiroshima:

“Tanimoto war der einzige Mensch, der sich in der Richtung gegen die Stadt bewegte. Er begegnete Hunderten und Hunderten, die auf der Flucht waren, und jeder von ihnen schien irgendwie verwundet zu sein. Manchen waren die Augenbrauen versengt, und ihre Haut hing in Fetzen von Gesicht und Händen. Andere hielten vor Schmerzen die Arme in die Höhe, als trügen sie etwas in beiden Händen. Andere erbrachen sich im Gehen. Viele waren nackt oder mit Fetzen bekleidet. Auf manchen unbekleideten Körpern hatten die Verbrennungen förmliche Muster hinterlassen - von Hemdspangen und Hosenträgern und auf der Haut von Frauen die Zeichnung der Blumen auf ihren Kimonos, da nämlich Weiß die Hitze der Bombe reflektierte, während dunkle Kleider die Hitze absorbierten und der Haut zuleiteten. Viele, obgleich selbst verletzt, stützten Angehörige, die schlimmer daran waren. Fast alle trugen den Kopf gebeugt, schauten gerade vor sich hin, schwiegen und zeigten keinerlei Gesichtsausdruck.”

Der Methodistenpriester Tanimoto war wundersamerweise selber völlig unverletzt geblieben. Er entfaltete außerordentliche Kräfte und versuchte tagelang Menschen zu retten. Mit einem Kahn transportierte er viele schwer verwundete Menschen:

“Auf der Landzunge fand Tanimoto ungefähr zwanzig Frauen und Männer. Er fuhr mit dem Kahn auf den Strand auf und forderte sie auf einzusteigen. Keiner rührte sich, und es wurde ihm klar, dass sie zu schwach waren, um sich aus eigenen Kräften zu erheben. Er langte hinunter und ergriff eine Frau an der Hand, aber da schälte sich ihre Haut in großen, handschuhähnlichen Stücken ab. Darüber ward ihm so übel, dass er sich einen Augenblick hinsetzen musste. Dann stieg er ins Wasser hinaus und hob, obgleich selbst ein kleiner Mensch, einige Männer und Frauen, alle nackt, in sein Boot. Rücken und Brust dieser Menschen waren klebrig, und er erinnerte sich mit Schaudern, wie die großen Verbrennungen, die er tagsüber beobachtet hatte, aussahen: erst gelb, dann rot und angeschwollen, wobei die Haut sich abschälte, und schließlich abends vereitert und übelriechend. … Am anderen Ufer hob er die schleimigen Körper heraus und trug sie die Böschung hinauf, aus dem Bereich der Flut. Dabei musste er sich fortwährend sagen: “Das sind menschliche Wesen.”

Soweit ein kleiner Ausschnitt aus John Herseys 1946 aufgeschriebener Reportage, in der er subjektive Erinnerungen von Überlebenden aufgezeichnet hat. Sein verdienstvolles Buch ist nichts anderes als der Versuch, das Unvorstellbare, das eingetreten war, aus der Sicht von Menschen, die es erlebt und überlebt haben, so genau wie möglich festzuhalten.

Wieviele Menschen tatsächlich in Hiroshima und Nagasaki durch die Atombombenangriffe sofort getötet worden waren oder später an den Folgen starben, lässt sich nicht genau sagen. Bis heute wird darüber viel spekuliert. Als Folge der ungeheuren Explosion und der Hitzewellen von mehreren tausend Grad waren bis Ende 1945 ca. 140.000 Menschen an den Folgen der Atombombenexplosion über Hiroshima gestorben. Die Zahl der Opfer erhöhte sich in den nächsten Jahren infolge der Strahlenerkrankungen drastisch. 1955 veröffentlichte die Stadtverwaltung die Zahl von 260.000 Toten, sprach aber gleichzeitig von 163.293 Vermissten.

In Nagasaki gab es mindestens 70.000 Tote bis Ende 1945 - bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 270.000 Menschen.

Die Zahl der an den Spätfolgen Gestorbenen wird auf 350.000 in Hiroshima und 270.000 in Nagasaki beziffert.

Die völlig ungewöhnliche Situation, in der sich die überlebenden Opfer der Atombombenabwürfe befanden und heute noch befinden, hat eine besondere Bezeichnung für sie entstehen lassen: “Hibakusha”. Erst gegen Ende der 50er Jahre bekamen übrigens Hibakushas Hilfe durch die japanische Regierung. Allerdings werden nur relativ wenige als Strahlenopfer anerkannt, nämlich 0,8 Prozent der Hibakushas.

Betroffen waren übrigens nicht nur Japaner, sondern auch US-amerikanische Kriegsgefangene und koreanische Zwangsarbeiter. Letztere, schätzungsweise 10 % der Bevölkerung in Hiroshima, vermutlich 20.000 bis 30.000 Tote in Hiroshima und Nagasaki, wurden, als Opfer zweiter Klasse marginalisiert und stigmatisiert, erst in den 1990ern offiziell anerkannt.

Heute gibt es in Japan noch an die 290.000 Hibakusha, in Korea noch ca. 40.000. Das vor 60 Jahren angerichtete Leiden setzt sich also weiter fort.

Wenn man das unendliche menschliche Leid auf sich wirken lässt, das durch die Atombombenabwürfe angerichtet wurde, muss man dann nicht der Bewertung des ehemaligen Oberstleutnant der Bundeswehr, Helmuth Prieß, anschließen, der am diesjährigen Hiroshima-Jahrestag feststellte:

“Die Atombomben auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki vor 60 Jahren waren Terrorangriffe gegen die Zivilbevölkerung, sie waren völkerrechtswidriger Massenmord. Und so sind die Besatzungen der Bomber Mörder; Mörder sind auch deren militärische Vorgesetzte und ein Mörder ist auch der damalige amerikanische Präsident Truman.”

4. Seit dem 6. August 1945: Leben auf Abruf

Mit dem Abwurf der Atombomben über Japan ist die ganze Menschheit in einem neuen Zeitalter angekommen. Seit dem 6. August 1945 lebt die Menschheit auf Abruf. Oder wie es der Philosoph Günther Anders ausgedrückt hat: In Hiroshima begann ein neues Zeitalter, “in dem wir in jedem Augenblick jeden Ort, nein, unsere Erde als ganze in ein Hiroshima verwandeln können.” Das also ist das einzigartig Neue an der Atombombe: die Menschheit konnte und kann sich in ihrer eigenen Existenz auslöschen! Daraus wurde bekanntlich nicht die Konsequenz gezogen, diese Massenvernichtungswaffe weltweit zu ächten.

Viele Wissenschaftler, die an dem Manhattan-Projekt arbeiteten, hatten die US-Regierung gewarnt, dass der Einsatz der Atomwaffen gegen Japan einen gefährlichen nuklearen Rüstungswettlauf mit der Sowjetunion auslösen würde. Sie behielten Recht. Das Atomwaffenmonopol der USA von 1945 bestand nicht lange. Bereits vier Jahre später zog die Sowjetunion gleich. Es bestand die Möglichkeit der gegenseitigen vollständigen Vernichtung, die beschönigend als “atomares Gleichgewicht” bezeichnet wurde.

Ein wahnsinniges Wettrüsten führte dazu, dass das weltweite Atomwaffenarsenal zu Hochzeiten des Kalten Krieges ungefähr 60.000 Atomsprengköpfe umfasste.

Die Atombombe, die Hiroshima zerstörte, war im Vergleich zu modernen Massenvernichtungswaffen fast so etwas wie ein Spielzeug. Die Sprengkraft der Hiroshima-Bombe entsprach etwa 12,5 Kilotonnen (12.500 Tonnen) Trinitrotoluol (TNT). Das ist der stärkste herkömmliche Sprengstoff. So zündeten die USA am 1. März 1954 über dem Bikini-Atoll im Pazifischen Ozean eine 17-Megatonnen-Wasserstoffbombe mit dem Codenamen “Bravo”. “Bravo”, die stärkste amerikanische Waffe, hatte die tausendfache Vernichtungskraft der Bombe von Hiroshima. Die Sprengkraft einer russischen Wasserstoffbombe, die 1961 gezündet wurde, betrug 50 bis 60 Megatonnen TNT-Äquivalent und war damit mehr als 3-4000 mal stärker als die Hiroshima-Bombe. Heutige Wasserstoffbomben, wie sie die USA und Russland besitzen, haben eine Zerstörungswirkung bis zu 750 Kilotonnen TNT - also das 60-fache der Hiroshima-Bombe.

Wir können heute nur froh und dankbar sein, dass es nach den Verbrechen von Hiroshima und Nagasaki nie mehr zu einem Atombombeneinsatz gekommen ist! Aber das ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

Wie hoch gefährlich die angebliche “Sicherheitspolitik” war - und heute noch ist -, bezeugt zum Beispiel der ehemalige amerikanische General Lee Butler. Butler war von 1991 bis 1994 Oberbefehlshaber der US-Nuklearstreitkräfte, damit auch drei Jahre lang oberster und erster Kernwaffenberater des US-Präsidenten und verantwortlich für die nukleare Kriegsplanung der USA. In dieser Funktion hat Butler angefangen, sich durch sämtliche Einsatzpläne der amerikanischen Atomwaffen zu arbeiten. Tief erschrocken erkannte er durch sein intensives Studium im vierten Jahrzehnt seiner militärischen Karriere, was die Bereitschaft zur Zündung von 20.000 und mehr Atomwaffen wirklich bedeutet. Daraus zog General Butler folgendes Fazit:

“Am Ende einer drei Jahrzehnte dauernden Reise verstand ich endlich die Wahrheit, die mich jetzt als Außenseiter, als Spielverderber erscheinen lässt. Sie lautet, wir sind im Kalten Krieg dem atomaren Holocaust nur durch eine Mischung von Sachverstand, Glück und göttlicher Fügung entgangen, und ich befürchte, das letztere hatte den größten Anteil daran.”

Die Älteren von uns werden es noch wissen: Auch hier mitten auf unserer schönen Schwäbischen Alb, sozusagen direkt vor unserer Haustüre, gab es atomare Massenmordinstrumente: In Großengstingen (Lance) und Inneringen (bis 1983 Pershing IA). Weiter gab es Atomsprengköpfe in Mottschieß bei Pfullendorf und dann natürlich die Pershing II in Mutlangen, Heilbronn und Neu-Ulm. Zum Glück sind diese atomaren Massenvernichtungsmittel wieder weg, glücklicherweise sind sie nie zum Einsatz gekommen. Das mag auch unser subjektives Gefühl beeinflusst haben, dass die Gefahr eines Atomkriegs nicht mehr so groß ist wie bis in die 80er und 90er Jahre des letzten Jahrhunderts hinein.

5. Aktuelle atomare Risiken

Der Finger ist nach wie vor auf dem roten Knopf

Der Kalte Krieg ist längst vorbei. Aber heute bedrohen uns rund 28.000 Atomwaffen im Besitz der neun Atomwaffenstaaten (USA, Russland, China, Großbritannien, Frankreich, Israel, Indien, Nordkorea und Pakistan). Das ist zwar weniger als die Hälfte der Atomwaffen auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, jedoch noch genug, um die Welt mehrere Male zu zerstören. 96% der Atomwaffen gehören den USA oder Russland. Ungefähr 13.500 sind sofort einsatzfähig. Davon sind ca. 4.000 in ständiger Höchstalarmbereitschaft. Sie erreichen ihr Ziel in wenigen Minuten und töten Millionen von Menschen. Das Risiko eines versehentlich ausgelösten Atomkrieges ist genauso hoch wie im Kalten Krieg. Auch in Deutschland sind noch ca. 150 amerikanische Atomsprengköpfe stationiert, die teilweise durch die Bundeswehr abgeworfen werden sollen.

Nach wie vor bedrohen also Atomwaffen die Menschheit, könnten diese und sämtliche Lebensformen auf unserem schönen Planeten Erde gleich mehrfach vernichten. Die Hoffnung, dass es nach dem Zusammenbruch der osteuropäischen Staatengemeinschaft also “friedlicher” zugehen würde, hat sich nicht erfüllt. Im Gegenteil: Heute sind die atomaren Gefahren nach Ansicht zahlreicher Experten größer als je zuvor. Unter anderem aus nachfolgend beschriebenen en Gründen.

Die neue atomare Bedrohung

Die Vereinigten Staaten schrecken alle anderen ab und werden selbst unantastbar - das ist die Kernaussage der neuen US-Militärstrategie “Vision 2020”. Angestrebt wird die Überlegenheit in allen militärischen Sphären (Land, Luft, See und Weltraum) mit konventionellen und atomaren Mitteln und mit einem weltraumgestützten Abwehrsystem, das den gesamten Globus überwacht. Atomwaffen sollen also im Krieg eingesetzt werden. Atomwaffen sollen einerseits dort militärisch “präventiv” eingesetzt werden, wo die angegriffenen Ziele konventionellen Angriffen standhalten könnten; andererseits dort, wo Länder atomare, biologische oder chemische Waffen besitzen. Dadurch wird insgesamt die Schwelle zum Einsatz von Atomwaffen deutlich gesenkt. Das heißt also, die Gefahr zum Atomkrieg steigt enorm.

Atomkrieg aus Versehen

Eine atomare Apokalypse droht nicht allein durch die Machtgier von skrupellosen Politikern, sondern vor allem deshalb, weil Warnsysteme versagen oder Irrtümer zu Fehlalarmen in den Atomwaffenstaaten führen. Nur zu oft konnte in den vergangenen Jahrzehnten eine atomare Konfrontation erst in buchstäblich vorletzter Minute abgewendet werden. Erinnern Sie sich, was Sie zum Beispiel am 25. Januar 1995 gemacht habt? Ist Ihnen bewusst, dass das der letzte Tag des Lebens auf dieser Erde hätte sein können? An diesem Tag hat der russische Präsident Boris Jelzin etwa 4 Minuten Zeit, um auf einen als Angriff auf Russland gedeuteten Flugkörper zu reagieren. Tatsächlich aber haben norwegische und amerikanische Wissenschaftler eine Rakete für die Datensammlung in der Erdatmosphäre gestartet. Die Flugbahn erscheint russischen Radartechnikern der einer US-Trident-Rakete zum Verwechseln ähnlich. Für einige Minuten steht Russland kurz davor, zum nuklearen Gegenschlag auf die USA auszuholen, bevor sich der Irrtum aufklärt. Nach Aufklärung des Irrtums sagt Jelzin später selbst, dass er sich bereits über die Aktivierungscodes der russischen Atomsprengsätze informiert hatte.

Aber auch auf Seiten der USA passieren solche Fehler. So ereignet sich z.B. ein gefährlicher Zwischenfall am 9. November 1979 als die Wachhabenden in der Kommandozentrale des Pentagon, in den Cheyenne Mountains, sowie im zweiten Zentrum, in Fort Ritchie (Maryland), eine atomare Attacke der Sowjetunion auf ihren Computern ausmachen. Erste Angriffswarnungen gehen an die Kontrollzentren für die Minuteman-Raketen und die ebenfalls alarmierte Luftwaffe startet unverzüglich zehn atomar bestückte Kampfflugzeuge, um die feindlichen Missiles abzufangen. Gerade noch rechtzeitig stellt sich heraus - der Fehlalarm ist durch ein irrtümlich eingelegtes Trainings-Tonband ausgelöst worden.

Die Recherchen von Greenpeace und der norwegische Umweltstiftung Bellona ergeben, dass sich bis 1989 mindestens 1.200 schwere Unglücksfälle ereigneten.

In den Einsatzkonzepten einer sofortigen Abschussbereitschaft und eines Abschusses vor Eintreffen möglicher gegnerischer Flugkörper sind inzwischen die fortgeschrittensten Raketentypen innerhalb von 15 Minuten startbereit. Diese kurzen Vorwarnzeiten steigern das Risiko einer irrtümlichen Anwendung ins Unermessliche. Die Gefahr eines Atomkriegs aus Versehen existiert weiter.

Weiterverbreitung von Atomwaffen

Die Atomkriegsgefahr steigt auch, weil zu befürchten ist, dass die Zahl der Atomwaffenstaaten zunehmen wird. Heute gibt es acht bis neun Staaten, die über Atombomben verfügen: die USA, Russland, China, Frankreich, Großbritannien, Indien, Pakistan und Israel sowie - nach eigenen Angaben - Nordkorea.

Der Generaldirektor der Internationalen Atomenergieorganisation, Mohamed El Baradei warnt davor, dass wir ohne atomare Abrüstung mit 20 bis 30 Ländern rechnen müssen, die in den kommenden 10 bis 20 Jahren ihre technischen Fähigkeiten so weit vorantreiben, dass sie ihre zivile Atomenergieproduktion in wenigen Wochen auf ein Atomwaffenprogramm umstellen können. Wir befinden uns derzeit genau auf diesem Weg der unbegrenzten Weiterverbreitung von Atomwaffen. Nicht zuletzt ist es die Angst vor einer US-Invasion, die dazu führt, dass immer mehr Staaten eine Gegenwehr durch atomares Drohpotenzial aufzubauen versuchen werden.

Durch den Betrieb von weltweit 438 Atomkraftwerken ist der Teufelskreis der Weitergabe atomarer Technologie kaum noch beherrschbar. Dies macht deutlich, dass sowohl ein Ausstieg aus der Erzeugung von Atomenergie notwendig ist, als auch eine völlige Umkehr in der Politik der Atomwaffenstaaten, um künftige Atomkatastrophen zu verhindern. Allerdings hat vor allem die US-Regierung dieses Jahr schon maßgeblich mit dafür gesorgt, dass die Überprüfungskonferenz zum Nichtverbreitungsvertrag von Atomwaffen im Mai in New York kläglich gescheitert ist.

Nuklearterrorismus

Eine weitere Gefahr besteht darin, dass Terrorgruppen an Atommaterial kommen. Mit hochangereichertem Uran könnten sie eine effektive schmutzige Bombe herstellen und zünden. Eine solche Attacke hätte katastrophale Konsequenzen, u.a. mit hunderttausenden Toten.

Schließlich ist in diesem Zusammenhang auch noch festzuhalten: 438 Atomkraftwerke sind 438 potentielle Ziele für Terroristen. Gegen diese Gefahr hilft vor allem atomare Abrüstung. Je weniger Atomwaffen und je weniger Atomkraftwerke es gibt, umso geringer ist die Gefahr, dass Terroristen in den Besitz von nuklearem Material kommen.

Expertenmeinungen

Robert McNamara, von 1961 bis 1968 US-Verteidigungsminister, schrieb in einem Artikel im Mai 2005:

“Es ist Zeit - ich finde, höchste Zeit - für die Vereinigten Staaten, ihr Vertrauen in Atomwaffen als Mittel der Außenpolitik aus den Zeiten des Kalten Krieges aufzugeben. Auf die Gefahr hin, als simplizistisch und provokativ abgetan zu werden, würde ich die aktuelle Atomwaffenpolitik der USA als unmoralisch, ungesetzlich, militärisch unnötig und furchtbar gefährlich beschreiben. Das Risiko eines irrtümlichen oder unbeabsichtigten Einsatzes von Atomwaffen ist nicht akzeptabel. Weit von der Verringerung dieser Risiken entfernt hat die Regierung Bush signalisiert, dass für sie das US-amerikanische Atomwaffenarsenal auch in Zukunft der Hauptpfeiler der militärischen Machtausübung bleibt - womit sie unmittelbar zur Erosion der völkerrechtlichen Normen beiträgt, die in den vergangenen fünfzig Jahren die Verbreitung von Atomwaffen und Atomwaffenmaterialien eingedämmt haben.”

William J. Perry, 1994 bis 1997 US-Verteidigungsminister, im Sommer 2004:

“Ich habe eine Nuklearexplosion nie mehr gefürchtet als jetzt. Die Wahrscheinlichkeit eines Atomschlags gegen US-Ziele innerhalb der nächsten Dekade ist höher als 50 Prozent”.

Robert McNamara:

“Ich teile (Perrys) Befürchtungen. Wir müssen uns daher an die sofortige … Vernichtung aller Atomwaffen begeben. Leider existiert für viele eine starke Versuchung, an den Strategien der vergangenen 40 Jahre festzuhalten - ein ernsthafter Fehler, der zu unakzeptablen Risiken für alle Staaten führt.”

Mohammed al-Baradei, Chef der Internationalen Atomenergiebehörde und Friedensnobelpreisträger 2005: :

“Noch nie war die Gefahr (eines Atomkrieges) so groß wie heute. Ein Atomkrieg rückt näher, wenn wir uns nicht auf ein neues internationales Kontrollsystem besinnen.”

Die atomaren Gefahren sind also riesengroß. Nach Ansicht zahlreicher Experten größer als je zuvor. Das sollten wir uns selber bewusst machen und dafür sorgen, dass diese Risiken noch mehr Menschen bewusst werden!

6. Atomaren Schreckensszenarien Vision von “Atomwaffenfrei 2020” entgegensetzen

Mit unserer Ausstellung wollen wir dazu beitragen, dass die Folgen der Atombombenangriffe auf Hiroshima und Nagasaki vom August 1945 sichtbar und nicht vergessen werden. Die Bilder dieser Ausstellung entstammen einer Chronik aus Japan, die 1978 durch eine Bürgerbewegung herausgegeben wurde. Viele Hibakusha hatten die Erfahrung gemacht, dass die Schrecken der Atombombenabwürfe und ihre Leiden in Vergessenheit zu geraten drohen - ja, dass sie nicht einmal ihren eigenen Kindern vermitteln konnten, was sie erlebt und überlebt hatten. In einer landesweiten Aktion wurden 4.000 Fotografien und 2.000 Zeichnungen zusammengestellt, aus denen dann eine Sammlung für eine Veröffentlichung ausgewählt wurde.

Mit der Herausgabe der Chronik ist die Hoffnung verbunden, dass alle Menschen der Erde erkennen mögen, was die Schäden und Nachwirkungen der Atombombe bedeuten. Das Buch - und diese Ausstellung - ist aber nicht nur als Chronik einer fernen Vergangenheit gedacht. Vielmehr geht es darum, auf die heutigen atomaren Gefahren hinzuweisen und dafür einzutreten, dass sich Hiroshima und Nagasaki nirgendwo auf der Erde wiederholen.

Zum 60. Jahrestag der Atombombenabwürfe auf die japanischen Städte haben sich die Bürgermeister von Hiroshima und Nagasaki gemeinsam mit internationalen Friedensstreitern mit einem Appell an die Weltöffentlichkeit gewandt. Darin stellen sie fest:

“Die große Mehrheit der Menschen und Nationen auf dieser Erde wollen Atomwaffen für immer abgeschafft haben. Es ist technisch machbar, diese teuren, ruchlosen und absurd gefährlichen Waffen bis zum Jahr 2020 abzuschaffen. Alles was es braucht ist politischer Wille - und wir sind die Mehrheit. Es ist an der Zeit, uns, unsere Kinder und deren Kinder von der unerträglichen, skrupellosen Gefahr der Vernichtung zu befreien. Bitte teilen Sie ihren Politikern mit, dass Sie nichts Geringeres akzeptieren werden.”

Spricht nicht vieles dafür, dass eine atomwaffenfreie Welt sich als weltfremder Traum erweisen könnte? Kann sein.

Ich habe eingangs an den Pogrom vom 9. November 1938 und dem daraus erwachsenden einzigartigen Verbrechen der Vernichtung von Millionen von Menschen im Holocaust erinnert. Es gibt aber an einem 9. November auch noch ein ganz anderes, sehr positives Ereignis in Deutschland, an das es sich zu erinnern lohnt. Am 9. November 1989 wurde aufgrund des gewaltlosen Protests in der DDR die Mauer in Berlin geöffnet. Damit fiel eine Grenze, die Deutschland mit Gewalt in zwei Teile geteilt hatte und es fiel der eiserne Vorhang, der Europa teilte. Hunderttausende in Leipzig und Dresden und Berlin und in vielen anderen Städten haben damals mit ihren gewaltlosen Demonstrationen ein gewalttätiges Regime weggefegt. Dieses Ereignis zeigt uns: Wenn Menschen mutig sind, dann können sie etwas bewegen. Nur wer das Unsichtbare sieht, kann das Unmögliche schaffen. Lasst uns deshalb den atomaren Schreckensszenarien unsere Vision entgegensetzen: Atomwaffenfrei bis 2020. Sehen wir das Unsichtbare, schaffen wir das Unmögliche! Schaffen wir eine Welt ohne Atomwaffen!

Abschließend noch einmal ein Zitat aus dem Appell zum 60. Jahrestag der Atombombenabwürfe:

“Die Menschen von Hiroshima und Nagasaki erfuhren den gewaltigen, tiefgreifenden, lang anhaltenden Horror und das Trauma der Atombombenabwürfe vom 6. und 9. August 1945. Sie erlebten das höllische Ende jener Welt, das Nuklearwaffen für uns bereit halten können. Sechzig Jahre haben die Überlebenden alles in ihrer Macht stehende unternommen, um eine einzige Botschaft zu verkünden: Es darf nie wieder passieren. Werden sie diese Welt erfolgreich aus ihrer irrsinnigen nuklearen Trance erwecken? Oder wird die Vergangenheit vergessen - und wiederholt?”

7. Kleine Literaturauswahl

Folgende Websites enthalten interessante Informationen zu Atomwaffen/atomwaffenfreie Welt:

www.lebenshaus-alb.de
www.ippnw.de
www.atomwaffenfrei.de
www.atomwaffenA-Z.info
www.pressehuette.de
www.gaaa.org
www.versoehnungsbund.de
www.aktion-voelkerrecht.de
www.friedenskooperative.de/netzwerk/hir05-00.htm
www.uranwaffenkonferenz.de

Kontakt: Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V., Bubenhofenstr. 3, 72501 Gammertingen, Tel. 07574-2862, eMail info@lebenshaus-alb.de

Veröffentlicht am

18. November 2005

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