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Code für die Apokalypse

Unkalkulierbare Risiken: Jeden Tag kann der US-Präsident innerhalb von 20 Minuten eine Entscheidung treffen, die zum Abschuss der verheerendsten Waffen der Welt führt

Von Robert S. McNamara

Die Gefahr eines Atomkrieges ist derzeit weltpolitisch kein Thema. Aber die nuklearen Risiken sind größer als je zuvor, erklärten sowohl UN-Generalsekretär Annan als auch der Generalsekretär der Wiener Atomenergiebehörde, Mohamed El-Bahradei, auf der Überprüfungskonferenz zum Atomwaffensperrvertrag jüngst in New York. Gewarnt wurde dort nicht zuletzt vor einer unbegrenzten Weiterverbreitung von Kernwaffen. Diese Befürchtungen werden offenbar auch von einem Teil des US-Establishments geteilt, wie der von uns auf dieser Seite dokumentierte Artikel von Robert S. McNamara aus der Mai/Juni-Ausgabe der Zeitschrift Foreign Policy zeigt.

McNamara war von 1961 bis 1968 Verteidigungsminister unter den Präsidenten Kennedy und Johnson, danach übernahm er den Posten des Weltbankpräsidenten bis zu seiner Pensionierung 1981. Er war mitverantwortlich für die gescheiterte Invasion gegen Kuba 1961 und zählte während des Vietnamkriegs zu den Hardlinern. Mit seinem Namen sind Einsatzoptionen für Atomwaffen wie die Strategie der “massiven Vergeltung” verbunden. Doch schon 1982/83 überraschte McNamara mit einer scharfen Kritik an der nuklearen Erstschlagsdoktrin der NATO.

Es ist an der Zeit - meiner Ansicht nach über der Zeit -, dass die Vereinigten Staaten ihre Abhängigkeit von Atomwaffen aufgeben, wie sie für den Kalten Krieg typisch und ein Mittel der Außenpolitik war. Auch auf die Gefahr hin, vereinfachend und provokativ zu erscheinen, würde ich die derzeitige US-Nuklearpolitik als unmoralisch, illegal, militärisch unnötig und gefährlich charakterisieren. Das Risiko eines versehentlichen nuklearen Abschusses ist unakzeptabel hoch. Weit davon entfernt, diese Risiken zu reduzieren, hat die Bush-Regierung signalisiert, dass sie das Kernwaffenarsenal als eine Hauptstütze ihrer militärischen Macht erhalten will - eine Festlegung, mit der internationale Normen unterhöhlt werden, die 50 Jahre lang die Ausbreitung von Nuklearraketen und spaltbarem Material limitiert haben.

Wie gefährlich sind Atomwaffen? Ein durchschnittlicher US-Sprengkopf verfügt über eine 20 mal höhere Zerstörungskraft als die Hiroshima-Bombe. Von den 8.000 einsatzfähigen Sprengköpfen des US-Kernwaffenarsenals, befinden sich im Moment 2.000 auf Hair-Trigger-Alarmstufe - das heißt, sie können nach einem Alarm innerhalb von 15 Minuten abgeschossen werden. Bekanntlich haben die Vereinigten Staaten niemals den Verzicht auf Ersteinsätze befürwortet, weder während meiner sieben Jahre als Verteidigungsminister, noch seither. Jahrzehntelang waren unsere Nuklear-Streitkräfte stark genug, einen Erstschlag aufzufangen und mit dem Gegenschlag einem Kontrahenten “irreparable” Schäden zuzufügen. Dies war das Fundament unserer nuklearen Abschreckung. Und solange wir uns mit Atomwaffen versehenen potenziellen Kontrahenten gegenübersehen, muss sie es bleiben.

Während meiner Zeit als Verteidigungsminister führte der Befehlshaber des US Strategic Air Command (SAC) ein sicheres Telefon mit sich, egal wohin er ging, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr. Dieses Telefon war mit dem unterirdischen Kommandoposten des North American Defense Command verbunden, tief im Inneren des Cheyenne Mountain in Colorado und mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, wo auch immer der sein mochte. Der Präsident wiederum musste stets die Freigabe-Codes für die Nuklearwaffen zur Hand haben, die im so genannten “Fußball” aufbewahrt wurden, einer Aktentasche, die ein Armeeoffizier aus der Begleitung des Präsidenten mit sich führte.

Beim dritten Klingeln

Der SAC-Befehlshaber hatte Order, das Telefon spätestens beim dritten Klingeln abzuheben. Wenn er anschließend informiert wurde, dass eine nukleare Attacke feindlicher Raketengeschosse drohte, blieben ihm zwei bis drei Minuten um zu entscheiden, ob die Warnung stichhaltig war (über die Jahre erreichten die USA zahlreiche falsche Warnungen). Wurde das bejaht, blieben dem SAC-Befehlshaber noch einmal annähernd zehn Minuten, um zu entscheiden, was dem Präsidenten empfohlen werden sollte, wenn der die Lage mit zwei oder drei der engsten Berater (in der Regel dem Verteidigungsminister und dem Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs) diskutierte. War ein Beschluss gefasst worden, musste der unverzüglich mit den Codes zu den Abschussstellen weitergeleitet werden. Der Präsident hatte dabei im Wesentlichen zwei Optionen: er konnte beschließen, den Angriff abzuwarten und die Entscheidung über einen Vergeltungsschlag auf später zu verschieben. Oder er konnte aus einem Menü an Optionen einen sofortigen Vergeltungsschlag anordnen und Offensivraketen abschießen lassen, die auf militärisch-industrielle Anlagen des Gegners gerichtet waren.

Jeden Tag, während wir unseren Geschäften nachgehen, ist der Präsident bis heute darauf vorbereitet, innerhalb von 20 Minuten eine Order zu geben, die zum Abschuss der verheerendsten Waffen der Welt führen kann. Einen Krieg zu erklären, setzt einen Beschluss des Kongresses voraus - um einen nuklearen Holocaust auszulösen, reichen 20 Minuten Beratung des Präsidenten mit seinem Stab. Damit haben wir 40 Jahre lang gelebt. Von einigen wenigen Veränderungen abgesehen, ist dieses System intakt geblieben, einschließlich des “Fußballs”, dem ewigen Begleiter des Präsidenten.

Krater am Ground Zero

Wir gelobten in gutem Glauben, auf die letztendliche Vernichtung der nuklearen Arsenale hinzuarbeiten, als wir 1968 den Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen (NPT) aushandelten. Inzwischen fragen sich viele Nationen - inklusive einiger potenzieller neuer Nuklearmächte: Warum unterhalten die USA weiterhin eine solch große Zahl an Atomwaffen - warum einen Teil davon auf Hair-Trigger-Alarmstufe? Sind das nicht deutliche Anzeichen dafür, dass die Amerikaner nicht ernsthaft an die Beseitigung ihres Arsenals denken? Ist es angebracht, unter diesen Umständen die eigenen nuklearen Ambitionen einzuschränken?

Ein Report der International Physicians for the Prevention of Nuclear War aus dem Jahr 2000 beschreibt die wahrscheinlichen Auswirkungen einer einzigen Ein-Megatonnen-Waffe - von denen Dutzende in russischen und amerikanischen Beständen lagern. Am Ground Zero würde die Explosion einen Krater von 948 Metern Tiefe und 3.937 Metern Durchmesser erzeugen. Innerhalb einer Sekunde wäre in der Atmosphäre selbst ein Feuerball von fast einem Kilometer Durchmesser erzeugt, dessen Oberfläche nahezu drei Mal mehr Licht und Hitze ausstrahlen würde als ein vergleichbar großes Segment der Sonnenoberfläche. Dieser Feuerball könnte innerhalb von Sekunden alles Leben in seiner Umgebung zerstören und eine vernichtende Welle komprimierter Luft auslösen, die eine Distanz von 4,8 Kilometern in circa zwölf Sekunden zurücklegen und Fabriken, Geschäfts- und Wohnhäuser flach drücken würde. Man geht davon aus, dass 50 Prozent der Bewohner einer Region, die von einem Atomschlag heimgesucht wird, dem Inferno sofort zum Opfer fallen, noch vor allen Verletzungen durch Verstrahlung oder den aufkommenden Feuersturm.

Nahezu 100 Prozent der Toten von Hiroshima und Nagasaki waren Zivilisten, die unglücklicherweise in der Nähe militärischer und industrieller Anlagen lebten. Ihre Vernichtung, obschon nicht das Ziel derer, von denen der Bombenabwurf befohlen wurde, war die zwangsläufige Konsequenz der Entscheidung für diese Ziele.

Die USA hatten während des Kalten Krieges Dutzende Nuklearsprengköpfe allein auf Moskau gerichtet, da die Stadt über so viele militärische Objekte und so viel “industrielle Kapazität” verfügte. Vermutlich zielten die Sowjets aus den gleichen Gründen auf viele US-Städte. Die Aussage, unsere Nuklearwaffen zielten nicht auf die Bevölkerungen an sich, war und ist völlig irreführend. Es besteht kein Zweifel, dass der sogenannte Kollateralschaden großer Nuklearschläge bei mehreren zehn Millionen zivilen Toten liegen würde.

Am 13. November 2001 verkündete Präsident George W. Bush, er habe dem russischen Präsidenten Wladimir Putin mitgeteilt, dass die Vereinigten Staaten in den nächsten zehn Jahren ihre “operativ einsetzbaren Nuklearsprengköpfe” von ungefähr 5.300 auf einen Stand zwischen 1.700 und 2.200 reduzieren wollten. Diese Verringerung würde an das Quantum zwischen 1.500 und 2.200, die Putin für Russland vorgeschlagen hat, heran reichen. Die Nuclear Posture Review der Bush-Administration, die im Januar 2002 verkündet wurde, erzählt jedoch eine durchaus andere Geschichte. Sie räumt ein, dass strategische Offensivwaffen in den nächsten Jahrzehnten eine Größenordnung erreichen werden, die über den 1.700 bis 2.200 Systemen liegt. Obwohl die Zahl der einsetzbaren Sprengköpfe bis 2007 auf 3.800 und bis 2012 auf 1.700 bis 2.200 reduziert sein wird, verbleiben die Sprengköpfe und zahlreiche Trägerraketen, die außer Betrieb genommen werden, in einer “Reaktionsreserve” aus der sie wieder in operativ einsetzbare Potenziale überführt werden können.

Zusätzlich zu ihrer Ankündigung, ein beachtliches Quantum strategischer Offensivwaffen bis weit in die Zukunft zu verwenden, plant die Bush-Regierung eine ausgedehnte und teure Reihe von Programmen zum Erhalt und zur Modernisierung der bestehenden Nuklearstreitkräfte. Einige Regierungsmitglieder fordern energisch neue Nuklearwaffen, die als Bunkerbrecher gegen Stollen eingesetzt werden können. Sie verweisen zudem auf die Notwendigkeit, neue Produktionsstätten für spaltbares Material zu bauen, um den erweiterten Arsenalen gerecht zu werden. Schließlich ist vorgesehen, ein nationales Raketenabwehrsystem in die neue Triade von Offensivwaffen zu integrieren, um die Fähigkeit der Nation zu erhöhen, ihre “power projection forces” einzusetzen, indem die Fähigkeit zum Angriff auf den Feind verbessert wird.

Nie mehr gefürchtet als jetzt

Die Bush-Administration hat bekanntlich angekündigt, dass sie nicht die Absicht habe, den Kongress zur Ratifizierung des Atomteststoppvertrages (CTBT) aufzufordern. Obwohl noch keine endgültige Entscheidung über die Wiederaufnahme von Atomtests vorliegt, sind die staatlichen Labors schon jetzt angewiesen, mit Forschungen zu einem neuen Nuklearwaffen-Design zu beginnen und das unterirdische Testgelände in Nevada für Tests vorzubereiten, falls sie künftig nötig sein sollten. George W. Bush räumt offen ein, dass Nuklearwaffen für die nächsten Jahrzehnte Teil der US-Streitkräfte sein werden.

Dennoch sagt man den Staaten, die über keine Atomwaffen verfügen: “Wir, die wir über die stärkste konventionelle Streitmacht der Welt gebieten, beanspruchen auf Dauer Atomwaffen - aber ihr, die ihr potenziell gut gerüsteten Kontrahenten gegenüber steht, sollt niemals das Recht auf nur eine einzige Atomwaffe haben”. Wenn die Vereinigten Staaten diese Haltung beibehalten, wird die Verbreitung von Atomwaffen auf Dauer unaufhaltsam sein. Neben anderen werden Staaten wie Ägypten, Japan, Saudi-Arabien, Syrien und Taiwan sehr wahrscheinlich Nuklearprogramme auflegen und damit sowohl das Risiko des Einsatzes als auch das der Umleitung von Kernwaffen und spaltbarem Material in die Hände von Schurkenstaaten oder Terroristen erhöhen. Diplomaten und Geheimdienste glauben, dass Osama bin Laden mehrere Versuche unternommen hat, entsprechende Ressourcen zu bekommen. Es wurde ausführlich berichtet, dass Sultan Bashiruddin Mahmood, der einstige Leiter des pakistanischen Reaktorkomplexes, Osama bin Laden mehrfach traf. Sollte al Qaida Spaltmaterialien, vor allem angereichertes Uran, akquirieren können, würde das mit großer Wahrscheinlichkeit zur Fabrikation von Kernwaffen führen.

Erst im vergangenen Sommer sagte der ehemalige US-Verteidigungsminister William J. Perry auf einem Treffen der National Academy of Science: “Ich habe eine Nuklearexplosion nie mehr gefürchtet als jetzt. Die Wahrscheinlichkeit eines Atomschlags gegen US-Ziele innerhalb der nächsten Dekade ist höher als 50 Prozent”. Ich teile seine Befürchtungen. Wir müssen uns daher an die sofortige - oder zumindest baldige - Vernichtung aller Atomwaffen begeben. Leider existiert für viele eine starke Versuchung, an den Strategien der vergangenen 40 Jahre festzuhalten - ein ernsthafter Fehler, der zu unakzeptablen Risiken für alle Staaten führt.

Aus dem Englischen von Steffen Vogel

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung 21 vom 27.05.2005. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

03. Juni 2005

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