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“Ich war ja noch ein Kind, als ich von der Atombombe getroffen wurde”

Zeugenbericht von Yoshitaka Kawamoto über den 6. August 1945 in Hiroshima

Der Atomtest Nordkoreas am 9.10.2006 hat weltweit für Aufregung gesorgt. Zurecht! Allerdings sind nicht nur Atomwaffen in den Händen der Führung in Pjöngjang schlecht und zu verurteilen. Es gibt keine guten Atomwaffen! Atomwaffen müssen überall abgerüstet werden! In den USA, Russland, China, Großbritannien, Frankreich, Israel, Indien, Pakistan und Nordkorea. Dass Atomwaffen immer verbrecherische Waffen sind, zeigen die Auswirkungen der beiden Atombombenabwürfe auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki.

Zum internationalen Jahr des Friedens 1986 beschloss das “Hiroshima Peace Cultural Center” die Berichte von 100 Hibakusha (= Überlebende der Atombomben-Abwürfe) aufzuzeichnen. Wir veröffentlichen in der Lebenshaus-Website einige davon ins Deutsche übersetzte Zeugenberichte von Hibakusha. Diese Texte mit den Aussagen von überlebenden Opfern der Atombombenabwürfe müss(t)en jedem Menschen zur Kenntnis gebracht werden. Es soll niemand sagen können, nicht gewusst zu haben, was den Menschen in Hiroshima und Nagasaki Grauenhaftes widerfahren ist.

Herr Yoshitaka Kawamoto war 13 Jahre alt. Er war im Klassenzimmer in Zakoba-cho, 0,8 km vom Hypozentrum entfernt. 1986 arbeitet er als Direktor des Hiroshima Peace Memorial Museum, das den Besuchern, die aus der ganzen Welt kommen, erzählt, was die Bombe den Menschen von Hiroshima angetan hat.

KAWAMOTO: Einer meiner Mitschüler, ich denke sein Name ist Fujimoto, murmelte etwas, zeigte zum Fenster hinaus und sagte dabei “Eine B-29 kommt”. Er deutete mit seinem Finger nach draußen. Ich begann von meinem Stuhl aufzustehen und fragte ihn: “Wo ist sie?” Während ich in die Richtung blickte, in die er zeigte, stand ich auf und war noch nicht ganz aufgestanden, als es passierte. Das einzige, woran ich mich erinnere, war ein blasser Lichtblitz, der zwei oder drei Sekunden dauerte. Dann brach ich zusammen.

Ich weiß nicht, wieviel Zeit verging, bis ich wieder das Bewusstsein erlangt hatte. Es war schrecklich, schrecklich. Der Rauch kam herein, von irgendwo oberhalb des Schutts. Sandiger Staub flog umher. Ich war unter den Trümmern gefangen und ich hatte fürchterliche Schmerzen, was vermutlich der Grund war, warum ich wieder zu mir kam. Ich konnte mich nicht bewegen, nicht einmal einen Zentimeter. Dann hörte ich, wie ungefähr zehn meiner überlebenden Mitschüler unser Schullied sangen. Daran erinnere ich mich. Ich konnte Schluchzen hören. Jemand rief nach seiner Mutter. Aber diejenigen, die noch lebten, sangen das Schullied, so lange sie konnten. Ich denke, ich stimmte in den Chor ein. Wir dachten, jemand würde kommen und uns heraushelfen. Deswegen sangen wir so laut ein Schullied. Aber keiner kam, um uns zu helfen, und wir hörten auf zu singen, einer nach dem andren. Am Ende sang ich alleine. Danach fühlte ich, wie sich die Angst einschlich.

Ich fing an, mich nach draußen zu tasten indem ich Stück für Stück die Trümmer beiseite schob, wozu ich meine gesamte Kraft aufbrachte. Schlussendlich hatte ich alles um meinen Kopf herum weggeräumt. Und als mein Kopf aus den Trümmern schaute, realisierte ich das Ausmaß des Schadens. Der Himmel über Hiroshima war dunkel. Irgendetwas wie ein Tornado oder ein großer Feuerball tobte durch die ganze Stadt. Ich war nur um den Mund und an den Armen verletzt. Aber ich habe viel Blut durch den Mund verloren, ansonsten war ich OK.

Ich dachte, ich könnte einen Weg nach draußen finden. Aber ich hatte Angst beim Gedanken, alleine zu entkommen. Wir hatten jeden Tag militärische Übungen gemacht, und sie hatten uns gesagt, dass alleine wegzurennen ein Akt der Feigheit ist, weswegen ich dachte, ich müsste jemanden mitnehmen. Ich kroch über die Trümmer und versuchte, jemanden zu finden, der noch lebte. Dann fand ich einen meiner Mitschüler lebend daliegen. Ich nahm ihn auf den Arm. Es ist schwer zu erzählen, sein Schädel war aufgebrochen, sein Fleisch baumelte aus seinem Kopf. Er hatte nur noch ein Auge, und es sah mich direkt an. Zuerst murmelte er etwas, aber ich konnte ihn nicht verstehen. Er fing an, seinen Fingernagel abzubeißen. Ich nahm seinen Finger aus seinem Mund. Und dann, ich hielt seine Hand, dann versuchte er, nach dem Notizbuch in seiner Brusttasche zu greifen, deswegen fragte ich ihn, ich sagte: “Du möchtest, dass ich das mitnehme und deiner Mutter übergebe?” Er nickte. Er war dabei, in Ohnmacht zu fallen. Aber ich konnte ihn immer noch aufschreien hören, er sagte: “Mutter, Mutter”. Ich dachte, ich könnte ihn mitnehmen. Ich glaube, dass sein Körper unterhalb der Taille zerquetscht war. Der untere Teil seines Körpers war gefangen, begraben im Schutt. Er lehnte ab, mit mir zu kommen, er befahl mir, wegzugehen.

Zu diesem Zeitpunkt fing ein anderer Flügel des Schulgebäudes, oder davon, was das Schulgebäude gewesen war, Feuer. Ich versuchte zum Spielplatz zu kommen. Rauch erfüllte die Luft, aber ich konnte die weiße sandige Erde darunter sehen. Ich dachte, dies müsse der Spielplatz sein und fing an, in diese Richtung zu laufen. Ich drehte mich um und sah, wie mein Mitschüler Wada mich anschaute. Ich erinnere mich immer noch an die Situation und sie kommt immer noch in meinen Träumen vor. Es tat mir für ihn leid, aber es war das letzte Mal, dass ich ihn sah. Ich rannte, und Hände griffen nach meinen Knöcheln, sie baten mich, sie mitzunehmen. Ich war damals nur ein Kind. Ich war entsetzt über die vielen Hände, die mich ergreifen wollten. Ich hatte auch Schmerzen. Alles was ich tun konnte, war, sie loszuwerden, es ist schrecklich, das zu sagen, aber ich stieß ihre Hände weg. Ich fühle mich deswegen immer noch schlecht.

Ich ging zur Miyuki-Brücke, um etwas Wasser zu bekommen. Am Ufer sah ich dort so viele kollabierte Leute. Und die kleinen Treppen zum Fluss waren verstopft, voller Menschen, die zum Wasser drängten. Ich war so klein, also drängte ich die schmalen Stufen entlang zum Fluss. Das Wasser waren tote Leute. Ich musste die Körper zur Seite schieben um das schlammige Wasser zu trinken.

Wir wussten zu der Zeit nichts über Radioaktivität. Ich stand im Wasser auf und so viele Körper schwammen mit dem Strom davon. Ich kann keine Worte finden um es zu beschreiben. Es war schrecklich. Ich fühlte Angst. Anstatt ins Wasser zu gehen kletterte ich über das Flussufer. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich konnte meinen Schatten nicht finden. Ich schaute hoch. Ich sah die Wolke, die Pilzwolke in den Himmel wachsen. Sie war sehr hell. Sie trug so viel Hitze in sich. Sie fing das Licht ein und zeigte jede Farbe des Regenbogens. Wenn ich über die Vergangenheit nachdenke, ist es seltsam, aber ich könnte sagen, dass sie schön war. Während ich die Wolke ansah, dachte ich mir, ich könnte meine Mutter nie wieder sehen, ich würde meinen jüngeren Bruder nicht mehr sehen können. Und dann verlor ich das Bewusstsein.

Als ich wieder zu mir kam, war es ungefähr sieben Uhr abends. Ich war im Verkehrsbüro von Ujina. Ich lag auf dem Boden des Lagers. Und ein Soldat sah mir ins Gesicht. Er gab mir einen leichten Klaps auf die Wange und er sagte: “Du bist ein glücklicher Junge”. Er erzählte mir, dass er mit einem der verbliebenen LKWs zur Miyuki-Brücke gefahren war, um die Toten einzusammeln. Sie luden Körper auf und behandelten sie wie Säcke. Sie nahmen mich vom Flussufer auf und warfen mich ganz oben auf den Stapel. Mein Körper rutschte herunter, und als sie mich am Arm packten um mich wieder auf den LKW zu packen, fühlten sie, dass ich noch Pulsschlag hatte, also luden sie mich auf den LKW, der die Überlebenden transportierte.

Ich hatte wirklich Glück. Aber ich konnte ungefähr ein Jahr lang nicht stehen. Ich war so schwach. Mein Haar fiel aus, sogar die Haare in meiner Nase fielen aus. Mein Haar begann nach etwa zwei Wochen auszufallen. Es ging mir sehr schlecht. Meine Augen, ich verlor mein Sehrvermögen, vielleicht nicht wegen der Radioaktivität, sondern weil ich so schwach wurde. Ich konnte für ungefähr drei Monate nicht sehen. Aber ich war erst dreizehn, ich war noch jung, und ich war noch im Wachstum, als ich von der Atombombe getroffen wurde. Nach etwa einem Jahr erlangte ich meine Gesundheit zurück.

Mein Gesundheitszustand wurde wieder gut. Heute arbeite ich immer noch, wie Sie sehen können. Als Direktor des Hiroshima Peace Memorial Museum gebe ich heute meine Botschaft an die Kinder weiter, die uns besuchen. Ich möchte, dass sie über Hiroshima lernen. Und wenn sie aufwachsen, möchte ich, dass sie die Botschaft mit präzisen Informationen weitergeben. Ich möchte ihnen das richtige Urteilsvermögen vermitteln, so dass wir die Menschheit nicht in die Vernichtung führen. Das ist unsere Verantwortung.

Deutsche Übersetzung: Claudia Halter. Englische Fassung: Testimony of Yoshitaka Kawamoto .


Siehe ebenfalls:

Zeugenberichte:

Veröffentlicht am

14. Oktober 2006

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