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“Der längste Tag in meinem Leben”

Zeugenbericht des Hiroshi Sawachika über den 6. August 1945 in Hiroshima

Zum internationalen Jahr des Friedens 1986 beschloss das “Hiroshima Peace Cultural Center” die Berichte von 100 Hibakusha aufzuzeichnen. Wir veröffentlichen in der Lebenshaus-Website einige davon ins Deutsche übersetzte Zeugenberichte von Hibakusha. Diese Texte mit den Aussagen von überlebenden Opfern der Atombombenabwürfe müss(t)en jedem Menschen zur Kenntnis gebracht werden. Es soll niemand sagen können, nicht gewusst zu haben, was den Menschen in Hiroshima und Nagasaki Grauenhaftes widerfahren ist.

Herr Hiroshi Sawachika war 28 Jahre alt als die Atombombe abgeworfen wurde. Er war Militärarzt und im Armeehauptquartier in Ujina stationiert. Als er der Strahlung ausgesetzt war, war er im Inneren des Hauptquartiergebäudes, 4.1 km vom Hypozentrum entfernt. Dadurch, dass er ziemlich weit weg vom Hypozentrum war, wurde er nicht ernsthaft verwundet. Danach hatte er alle Hände voll zu tun, die Überlebenden medizinisch zu versorgen.

Sawachika: Ich war in meinem Büro. Ich war gerade hereingekommen und hatte “Guten Morgen” zu den Kollegen gesagt. Auf dem Weg zu meinem Schreibtisch wurde es draußen plötzlich leuchtend rot. Ich fühlte eine große Hitze auf meinen Wangen. Da ich der Chef von dem Raum war, rief ich den jungen Männern und Frauen zu, sie sollten den Raum evakuieren. Sobald ich das schrie, fühlte ich mich schwerelos wie ein Astronaut. Ich war dann für 20 oder 30 Sekunden bewusstlos. Als ich wieder zu mir kam, bemerkte ich, dass jeder, einschließlich mir selbst, auf der einen Seite des Raumes lag. Niemand stand. Die Schreibtische und Sessel waren genauso auf die eine Seite geblasen. In den Fenstern war kein Glas mehr und sogar die Fensterrahmen waren herausgeblasen.

Ich ging zum Fenster, um herauszufinden, wo die Bombe eingeschlagen hat. Und ich sah die Pilzwolke über der Gasgesellschaft. Der Klang und der Stoß ließen mich vermuten, dass die Bombe genau über der Gasgesellschaft abgeworfen worden war. Ich hatte noch immer keine Idee was passiert war und schaute weiter auf die Gasgesellschaft. Nach einer Weile bemerkte ich, dass mein weißes Hemd über und über rot war. Ich dachte, dass das merkwürdig sei, weil ich überhaupt nicht verletzt war. Ich schaute mich um und bemerkte dann, dass das Mädchen, das in der Nähe lag, schwer verletzt war. Eine Menge Glassplitter staken in ihrem ganzen Körper. Ihr Blut spritzte und machte Flecken auf meinem Hemd.

Ein paar Minuten später, hörte ich jemanden meinen Namen rufen. Mir wurde gesagt, ich solle zum Hauptquartier gehen, weil dort eine Menge verletzter Personen warteten. Ich ging hin und begann mit Hilfe von Schwestern und Assistenten zu behandeln. Wir behandelten zuerst das Büropersonal mit seinen Verletzungen. Die meisten hatten Glas- und Holzsplitter abbekommen. Wir behandelten einen nach dem anderen. Dann hörten wir die seltsamen Geräusche. Es klang, wie wenn ein großer Schwarm Mücken aus der Entfernung näher käme. Wir schauten aus dem Fenster, um herauszufinden, was da vor sich ging. Wir sahen, dass Bürger aus der Stadt zu uns her marschierten. Sie sahen ungewöhnlich aus. Wir erkannten, dass da Verletzte zu uns zur Behandlung kamen.

Zu der Zeit dachten wir, dass im Zentrum der Stadt Rot-Kreuz-Spitäler und andere große Spitäler sind, und ich wunderte mich, wieso sie hierher kamen anstatt dorthin zu gehen. Wir wussten da noch nicht, dass das Stadtzentrum so schwer zerstört war. Nach einiger Zeit erreichten die Verletzten unter Führung des Spitalspersonals unser Hauptquartier. Mit der Menge der Verletzten die ankamen, wurde uns klar, wie ernst die Angelegenheit war. Wir beschlossen, dass wir sie ebenso behandeln sollten. Bald danach erkannten wir, dass viele von ihnen schwere Verbrennungen hatten. Als sie zu uns kamen, hielten sie ihre Hände in die Höhe. Sie sahen wie Geister aus.

Wir machten eine Tinktur zur Behandlung, indem wir Erdnuss-Speiseöl mit etwas mischten. Wir mussten wie am Fließband arbeiten, um so viele Patienten behandeln zu können. Wir stellten einen Raum für die Schwerverletzten und einen anderen für die Leichtverletzten bereit. Die Behandlung war auf Erste Hilfe beschränkt, weil keine Einrichtungen zur Spitalsbehandlung da waren. Später, als ich das Gefühl hatte, ich könnte die Arbeit für einen Moment wem anderen überlassen, ging ich aus dem Behandlungsraum in einen weiteren Raum, um zu sehen, was geschehen war. Als ich hineinkam, roch ich, dass in dem Raum ein Geruch war, der recht ähnlich dem von getrocknetem Tintenfrisch war, wenn er gegrillt wird.

Der Geruch war ziemlich stark. Es ist eine traurige Realität, dass der Geruch, den verbrannte Menschen erzeugen, derselbe ist wie der von gegrillten getrockneten Tintenfischen - die Tintenfische, die wir so gerne essen. Es war ein seltsames Gefühl, ein Gefühl, das ich niemals zuvor hatte. Ich kann mich noch immer sehr klar an den Geruch erinnern. Dann kam ich in den Behandlungsraum zurück und ging durch die Reihen von Leuten, die entweder schwer verletzt waren oder auf Behandlung warteten. Dann berührte jemand mein Bein. Es war eine Schwangere. Sie sagte, dass sie in ein paar Stunden sterben würde.

Sie sagte: “Ich weiß, dass ich sterbe. Aber ich kann spüren, dass sich mein Baby bewegt. Es will herauskommen. Es macht mir nichts, wenn ich sterben muss. Aber wenn das Baby jetzt zur Welt gebracht wird, muss es nicht mit mir sterben. Bitte helfen sie meinem Baby zu leben.” Es waren keine Geburtshelfer da. Es gab keinen Kreißsaal. Es gab keine Zeit, sich um das Baby zu kümmern. Alles was ich tun konnte, war ihr zu sagen, dass ich später wiederkommen würde, wenn alles für sie und ihr Baby bereit war. So munterte ich sie auf und sie war so glücklich. Aber ich musste zur Behandlungsarbeit zurück. Ich begann wieder zu arbeiten, kümmerte mich um die Verletzten, einen nach dem anderen. Es waren so viele Verletzte.

Ich kämpfte gegen die Zeit. Es war spät am Nachmittag gegen Abend hin. Das Bild der Schwangeren ging mir die ganz Zeit nicht aus dem Kopf. Später ging ich zu dem Ort, wo ich sie zuvor gefunden hatte. Sie lag immer noch dort. Ich klopfte ihr auf die Schulter, aber sie sagte nichts. Die Person, die neben ihr lag, sagte, dass sie vor kurzer Zeit ruhig geworden war. Ich erinnere mich noch teilweise an diesen Vorfall, weil ich nicht in der Lage war, den letzten Wunsch dieser sterbenden jungen Frau zu erfüllen. Ich erinnere mich auch an sie, weil ich die Chance hatte, mit ihr zu sprechen, wenn es auch nur kurz war.

Interviewer: Wieviele Patienten haben sie am 6. August behandelt?

Sawachika: Ja, mindestens zwei oder dreitausend an diesem ersten Tag, wenn man die Patienten dazuzählt, denen ich Anweisungen gab. Ich hatte das Gefühl, dass dieser Tag nie zu Ende gehen würde, als müsste ich für immer Patienten behandeln. Es war der längste Tag in meinem Leben.

Später, als ich Zeit hatte, mir diesen Tage durch den Kopf gehen zu lassen, kam ich zu dem Schluss, dass wir, die Ärzte, eine Menge durch diese Erfahrung lernten, durch das Leiden all dieser Leute. Es ist wahr, dass wir durch das Fehlen von medizinischen Kenntnissen und Einrichtungen, durchgehender Organisation und so weiter nicht in der Lage waren, ausreichende medizinische Behandlung bereit zu stellen. Aber für uns Ärzte gab es eine Menge zu lernen. Ich lernte, dass die Nuklearwaffen, die Geist und Körper der Menschen zernagen, nie wieder zum Einsatz kommen sollen. Noch die leiseste Idee, Nuklearwaffen einzusetzen, sollte komplett aus den Hirnen der Menschen ausgerottet werden. Ansonsten werden wir dieselbe Tragödie wiederholen. Und wir werden niemals aufhören, uns über uns selbst zu schämen.

Originalfassung: Voice of Hibakusha .


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Weitere Zeugenberichte:

Veröffentlicht am

03. August 2005

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