Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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Meine Erfahrungen mit der Atombombe und der “Geist von Hiroshima”

Die Geschichte von Miyoko Matsubara 

Miyoko Matsubara war 12 Jahre alt, als am 6. August 1945, kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges, die USA die Atombombe "Little Boy" über der japanischen Metropole Hiroshima abwarfen. Obwohl nur 1,5 km vom Hypozentrum entfernt, überlebte sie wie durch ein Wunder, wenn auch gezeichnet. Im Gegensatz zu vielen anderen Überlebenden des Atombombenangriffs wählte sie nicht den Weg der Isolation, sondern beschloss als "Botschafterin des Friedens" in aller Welt von ihren Erlebnissen zu berichten und für die Abschaffung aller Atomwaffen zu kämpfen. In eindringlichen Worten beschreibt sie den Tag, der ihr Leben und die Welt veränderte.

6. August 1945 - 8.15 Uhr

Ich war der Bombe ausgesetzt, während ich in Folge der Schüler-Mobilisierungs-Verordnung Trümmer der Gebäudedemolierungsarbeiten wegräumte. Ich war in der 1. Klasse in einer höheren Schule für Mädchen und der Bezirk, wo wir arbeiteten, hieß Tsurumi-cho, 1,5 km südlich des Hypozentrums.

Wir waren ca. 500 Schülerinnen des 1. und 2. Jahrgangs und elf Lehrer. Wir waren aufgefordert worden, uns um 7.30 Uhr bei der Hijijama Brücke zu versammeln. Um 7.09 Uhr ertönte plötzlich eine gelbe Luftangriffswarnung und wir suchten Schuppen und sonstige Unterschlupfmöglichkeiten, um uns zu schützen. Bald darauf jedoch ertönte die Entwarnung und wir eilten weiter zu unserem Treffpunkt.

Als wir unter dem wolkenlosen Sommerhimmel von der Hijiyama Brücke zu unserer Einsatzstelle gingen, fühlten wir uns seit langem wieder einmal froh, befreit von der Anspannung der unheimlichen Luftangriffssirenen, die andauernd aufheulten. Wunderschön glänzten die Hügel und Flüsse in der Frische des Morgens. Wir überquerten die Brücke und gelangten nach Tsurumi-cho. Dort fanden wir eine kleine Hütte, in der wir unsere Luftangriffshüte und Verbandskästen mit unserer Jause und unseren Medikamenten hinterlegten. Dann begannen wir zu arbeiten. Die Demolierung von Häusern hatte den Zweck, offene Flächen zu schaffen, um im Falle eines Angriffs die Ausbreitung von Feuer zu verhindern.

Die Gruppen, die an diesen Ort beordert worden waren, versammelten sich schnell. Wir Schülerinnen aus den unteren Klassen der höheren Schule für Mädchen arbeiteten hier mit Mitgliedern des Nationalen Freiwilligen Corps aus der Umgebung zusammen. Die Schüler-Mobilisierung-Aktion war wegen Arbeitskräftemangel ins Leben gerufen worden. Sie verpflichtete SchülerInnen der oberen Klassen der Volksschule, der mittleren und der berufsbildenden Schulen und auch aus höheren Klassen zur Kriegsarbeit.

So arbeiteten Schüler z.B. in Fabriken für Militärausrüstung und Munition. Ältere Schüler ersetzten Erwachsene in Fabriken, Firmen und in der Landwirtschaft. Jüngere Schüler wie wir halfen beim Wegschaffen von Trümmern und Schutt nach der Gebäudedemolierung.

Eine riesige Zahl von Schülern war in dieser Zeit in Japan zum Arbeiten mobilisiert worden. Im März 1945 waren es 3.156.000, ungefähr 70 % der gesamten Schülerzahl. Mit seltenen Ausnahmen fiel der gesamte Unterricht aus; das Unterrichtswesen war in Japan, zumindest für eine gewisse Zeit, zum Stillstand gekommen.

Wir arbeiteten schwer, verbrachten die Zeit damit, zerbrochene Dachziegel, Bauholz, Nägel zu sammeln und in Körbe zu schlichten. Ich erinnere mich, wie vier oder fünf von uns diese Körbe hoch hievten, schwungvoll "Eins…zwei, eins….zwei" zählend, und sie dann zu bestimmten Stellen hinüberschleppten.

Dann geschah es. Eine meiner besten Freundinnen, Takiko Funaoka, schrie plötzlich: "Ich höre eine B-29!" Die gelbe Luftangriffswarnung war gerade aufgehoben worden, daher dachte ich, das könne nicht wahr sein. Aber trotzdem schaute ich in den Himmel. Bald entdeckte ich die weiße Spur, der ich mit den Augen folgte, bis ich den Umriss eines Flugzeugs ausmachte, das nach Nordwesten unterwegs war. Während ich weiter hinaufstarrte, vermeinte ich ein Licht zu sehen, das zugleich blau, weiß und orange zu sein schien. Schnell warf ich mich auf den Boden. Im selben Moment hörte ich ein Getöse, so ohrenbetäubend, dass es das Fundament der Erde zu erschüttern schien. Die Gewalt der Explosion war ungeheuer und ich glaubte im Moment, dass die Bombe direkt auf mich gefallen sei. Ich weiß nicht, wie viel Zeit verstrichen war, aber als ich das Bewusstsein wieder erlangte, befand ich mich in totaler Finsternis. Die Luft war so mit Schmutz und Staub durchsetzt, dass es unmöglich war, etwas zu sehen. Weder Takiko noch irgendjemand anderer von meiner Gruppe war zu sehen. Offensichtlich waren sie durch die Explosion weggeschleudert worden.

Der Staub über dem Boden setzte sich langsam und bald konnte ich etwas erkennen. Ich stand auf und blickte völlig schockiert und erstarrt um mich. Meine Bluse war ursprünglich so weiß gewesen, dass meine Mutter Angst gehabt hatte, sie könnte von einem Flugzeug aus gesehen werden. Daher hatte sie sie vor ein paar Tagen in ein sichereres Purpurrot umgefärbt. Die Hitzestrahlen hatten meine Arbeitshosen verbrannt. Nur auf meiner Brust und am Rücken befand sich noch Stoff, aber der war in Fetzen. Ich stand da in Unterhemd und Unterhose, beide vom Staub dunkel gefärbt. Die Oberseite meiner Füße war so geschwollen, dass ich vermeinte, sie würden platzen. Schnell zog ich meine Schuhe aus und warf sie weg.

"Einige waren ganz schwarz verkohlt, nur ihre weißen Zähne schienen sichtbar!"

Das war der Moment, wo ich bemerkte, dass meine Hände, Arme, Beine, mein Gesicht - mehr als ein Drittel meines Körpers - schwere Verbrennungen aufwiesen. Die Verbrennungen waren so gravierend, dass meine Haut angeschwollen war und sich ablöste wie glitschige Zellophanstreifen, unter denen das helle rote Fleisch zum Vorschein kam. Die Haut meiner Finger und Hände hing herunter wie Fetzen - ein blasses gelb geflecktes Rot mit frischem Blut. Geschockt von meinen Verletzungen packte mich plötzlich die Sehnsucht nach meiner Familie. Ich rannte los, die Hitze und die Schmerzen vergessend, in eine Richtung, wo ich dann Menschen fand; sie krochen dahin über den Schutt, fielen nieder, alle verzweifelt versuchend nach Hause zu kommen.

Nach einer Weile meinte ich weiter vorne etwas Helligkeit zu sehen und eilte weiter, bis ich schließlich das Ende einer Brücke erreichte. Ich war erschüttert über die Zahl der Verwundeten, die an den Ufern Schutz suchten - junge Leute, alte Leute, ihre Kleider vom Körper gebrannt, ihre Gesichter durch die Hitzewelle schwarz von Schmutz, Blut rann aus ihren Wunden. Einige waren ganz schwarz verkohlt, nur ihre weißen Zähne schienen sichtbar. Viele gingen und rannten herum, wie wahnsinnig geworden, das Fleisch in ihren Gesichtern schrecklich entblößt. Alle tauchten aus der Dunkelheit auf der Suche nach Wasser auf; sie schwankten wie Gespenster am Ufer neben dem Wasser umher. Der Fluss war dunkel von schwarzem Rauch und Dunst. Ein ungeheurer Chor von Stimmen verbreitete einen eintönig dröhnenden Singsang, der wie das Rollen des Meeres klang. Ihre Arme zum Himmel erhebend, tauchten die Menschen ihre vom Schmerz gepeinigten Gesichter immer wieder ins Wasser.

Unerträglich heiß, wie mir war, zog es mich ins Wasser. Jemand näherte sich mir und sagte mit einer dünnen, schwachen Stimme: "Bist du nicht Matsubara?" Zuerst war mir völlig schleierhaft, wer das war. Ihr Gesicht mit der zerrissenen und verbrannten Haut war wie eine formlose Masse. Vor allem ihre Unterlippe war so aufgeschwollen, dass man nicht mehr sagen konnte, wo ihr Kiefer aufhörte und der Hals begann. Und ihre Augen, die so schön und strahlend gewesen waren, schauten irgendwo verloren aus verunstalteten Fleischfalten. Sie war eine Freundin aus meiner Klasse. Ihre groteske Verwandlung entsetzte mich so, dass ich es nicht über mich brachte, sie direkt anzuschauen. Trotzdem, inmitten dieser Hölle war ich von Freude überwältigt, dass ich eine Freundin getroffen hatte. Zum ersten Mal seit der Explosion konnte ich einen klaren Gedanken fassen. Ich erkannte nun, dass es mir nicht allein so ging, sondern dass alle betroffen waren, und außerdem bemerkte ich die enorme Zerstörung rundum.

Ich stand noch immer im Fluss, versuchte meine Kräfte zu sammeln und mir klar zu machen, dass ich jetzt stark sein musste. Dann begann ich herumzugehen in der Hoffnung, in der Menge noch andere Klassenkameraden zu finden. Aber alle waren in so einem Aufruhr, es war praktisch unmöglich, jemanden zu erkennen.

Ich sah, dass in der Richtung, aus der ich gekommen war, Flammen hoch in den Himmel schossen. In der Angst, dass wir dort, wo wir waren, entweder noch einmal bombardiert würden oder aber Opfer des Feuers würden, nötigte ich die Schulfreundin aus dem Wasser zu steigen. Indem wir einander halfen, gelang es uns, irgendwie ans Ufer zu kommen. Beim Überqueren der Brücke kamen wir an Menschen vorbei, die ziellos hin- und hertorkelten, wie Traumwandler. Einige bewegten sich sogar in Richtung der brennenden Stadt. Wir gingen weiter und kamen zu einer Kreuzung: Rechts würden wir zu meinem Zuhause kommen, links zur Schule. Zielstrebig nahmen wir die Straße zur Schule. Auf dem Weg sah ich, dass die Leitungen der Hijiyama Straßenbahnlinie durcheinander am Boden lagen. Alleebäume reduziert zu Strünken waren umgestürzt, ihre Wurzeln in der Luft. Gebrochene Äste und Blätter waren überall verstreut. Menschen hatten auf der Suche nach Wasser ihre Köpfe in die Löschwassertanks bei den Häusern getaucht und waren so gestorben. Während wir weitergingen, den Hijiyama Hügel hinauf, sah ich alte Männer, Frauen, Schüler entlang der Straße ausgestreckt daliegen, dort, wo ihnen die Kraft ausgegangen war. An manchen Stellen lief ihr Blut über die Straße und färbte diese mit einem widerwärtigen Rot-Schwarz.

Wir kamen an einer Frau vorbei, die anscheinend gerade aus ihrem brennenden Haus entkommen war, nun aber versuchte wieder hineinzurennen. Ein Mann umklammerte sie, um sie daran zu hindern, aber sie schlug wie wahnsinnig um sich und schrie und kreischte: "Lasst mich los! Mein kleiner Bub….!" Es war für mich unbegreiflich, dass solche Dinge auf dieser Welt möglich waren, es war eine lebendige Hölle.

Wir liefen weiter, flohen, als wenn uns etwas Schreckliches verfolgen würde, und kamen schließlich zu einer anderen Brücke. Ich denke heute, dass es die Kojin Brücke war. Hier sagte mir Michiko, dass sie zum Ost-Sportplatz gehen wolle. Ich aber wollte zurück zur Schule, und so trennten wir uns kurz vor der Brücke. Es war ein schrecklich schmerzhafter Abschied. Michiko, sonst immer so stark und fröhlich, stand für eine Weile ganz still da, dicke Tränen rannen über ihr verbranntes, verunstaltetes Gesicht. Dass das unser letztes Lebewohl war……

Nachdem ich mich von Michiko getrennt hatte, eilte ich zurück zur Schule. Auf dem Weg durch die engen Straßen von Danbara sah ich, dass viele Geschäfte und Häuser schief dastanden. Scherben von Glastüren lagen in der Straße herum neben hölzernen Türen, Zimmerdecken, Regalen - alles willkürlich durch einander geschleudert. Da nirgends Platz war für meine nackten Füße drückte ich mich am Straßenrand entlang.

Schließlich erreichte ich die Schule, die kommerzielle Mädchenschule von Hiroshima. Von der Straße aus konnte ich sehen, dass der Großteil des Gebäudes eingestürzt war. Nur die Toiletten und die Versammlungshalle waren noch zu erkennen. Ich war unfähig, das Hoftor zu durchschreiten und so stand ich einfach eine Weile da. Als ich mich wieder gefasst hatte, setze ich meinen Weg fort.

Bald gelangte ich zu meiner früheren Volksschule, die Oko Nationale Volksschule. Aber jetzt hatte ich keine Kraft mehr gegen die Hitze und die Schmerzen anzukämpfen und ich brach unter dem Vordach des Mizoguchis Haus vor der Schule zusammen. Doch das Glück war mir hold, denn in dem Moment kam Frau Akino Hamamura von Kitaoko vorbei. Sie war am Weg in die Stadt, um zu erkunden, was mit ihrem Kind geschehen war, und sie trug mich den ganzen Weg bis zu meinem Haus.

Niemand war zu Hause. Aber meine Nachbarn benützen eine zerbrochene Tür als Bahre und trugen mich zurück zur Oko Nationalen Volksschule, wo es bereits eine erste Hilfsstation gab. Hier wurde ich behandelt.

"Ich war von meinem Spiegelbild so entsetzt, dass ich keinen Ton von mir geben konnte!"

Ich weiß nicht mehr, nach wie vielen Tagen das Fieber plötzlich auf fast 40 Grad hinaufschnellte. Mein Stuhl war voll Blut, mein Gaumen blutete und meine Haare begannen auszufallen, bis ich eine halbe Glatze hatte. Das ging zehn Tage so, und an einem Punkt war ich dem Tod so nahe, dass ich in eine Bewusstlosigkeit hinüber glitt. Als ich wieder zu mir kam, sah ich mich umgeben von meinen Nachbarn, die besorgt auf mich herabschauten. Von neuem fühlte ich, welches Glück ich hatte, dass ich leben durfte. Ich war dem Tod ganz nahe gewesen, aber nach acht Monaten war ich wieder gesund.

Meine Hauptsorge galt meinem verbrannten Gesicht. Ich bat meine Mutter immer wieder: "Gib mir einen Spiegel!", aber sie tat es nie. Eines Tages, als ich wieder gehen konnte, blickte ich verstohlen in einen Spiegel. Ich war von meinem Spiegelbild so entsetzt, dass ich keinen Ton von mir geben konnte. Mein Gesicht war abscheulich verschwollen und vollkommen verformt im Vergleich zu dem Gesicht, das ich bei meiner Geburt von meiner Mutter bekommen hatte. Ich sah wie ein roter Dämon aus; der Bereich um meine Augen war runzelig wie eine verdorbene Tomate. Ich hatte keine Augenbrauen. Als mir klar wurde, dass dies wirklich mein Spiegelbild war, brach ich in Verzweiflung aus und konnte nicht mehr aufhören zu weinen. Immer wenn ich alleine war, weinte ich ohne Ende und dachte: "Wenn mich meine Mutter nur besser gepflegt hätte…" oder " Wenn doch nur kein Krieg gewesen wäre, dann würde ich nicht so entstellt sein."

Auch meine Mutter wehklagte: "Wenn nur die Bombe mich an deiner Stelle erwischt hätte. Ich bin älter und habe nicht mehr so viel vor mir. Ich hasse den Krieg." Und wenn ich mich in Schmerz und Pein krümmte, saß sie weinend bei mir und murmelte: "Es wäre wohl besser gewesen, wenn du dort umgekommen wärst." Für einige Zeit schwebte ich zwischen Leben und Tod. Meine Mutter tauschte ihre schönsten Kimonos für Lebensmittel ein und diese wieder beim Arzt für Injektionen. Mit der Zeit wurde mir bewusst, wie schwer es meine Mutter hatte, und langsam kam ich zu dem Entschluss, dass ich ihr nicht noch mehr Sorgen zumuten konnte, als sie ohnedies schon aushalten musste. Ich raffte meine Willenskraft zusammen und schwor mir, niemals mehr zu weinen, wenn sie dabei war.

Als ich nach etwa acht Monaten Rekonvaleszenz wieder in die Schule kam, waren von den 270 Schülern nur mehr etwa 50 übrig. Obwohl ich den Atombombenabwurf erlebt hatte, wollte ich vor den anderen Menschen nicht als dumm dastehen und stürzte mich aufs Lernen. Die schrecklichen Narben in meinem Gesicht verhinderten, dass ich nach der Matura (dem Abitur) eine Stelle fand. Und die Männer wollten auch keine Atombomben-Frauen heiraten.

Mit der Zeit hatte ich den Gedanken aufgegeben, dass es für mich noch wesentliche medizinische Hilfe geben würde, aber acht Jahre nach dem Bombenabwurf, im Alter von 20 Jahren, kam ich nach Osaka, wo ich mich in einem Zeitraum von sieben Monaten mehr als zehn Operationen unterzog. Diese Operationen waren ziemlich erfolgreich, und so war ich schließlich fähig, das funktionsgestörte linke Augenlid wieder zu schließen und meine verkrüppelten Finger auszustrecken. Das erfüllte mich mit Hochstimmung und Dankbarkeit für die Menschen, die ihre warmen, liebenden Hände ausgestreckt hatten und sanft das Augenlid gestreichelt hatten, das sich nicht hatte schließen wollen.

Arbeit für den Frieden

Ich kehrte nach Hiroshima zurück mit dem Wunsch, meine Dankbarkeit irgendwie auszudrücken.

Gerade zu diesem Zeitpunkt gründete Pfarrer Kiyoshi Tanimoto von der (christlichen) Nagarekawa Kirche, der mir die Möglichkeit für die Operationen vermittelt hatte, ein Heim für blinde Kinder. Das Heim nahm 30 Kinder auf, die kaum mehr Verwandte hatten und wenig Freude im Leben erlebt hatten. Acht Jahre lang arbeitete ich dort in der Betreuung mit. Diese Erfahrung im Gemeinschaftsdienst half mir, wieder einen Sinn im Leben zu finden. Von da an begann ich ernsthaft über die Atombombe nachzudenken. Mir wurde klar, dass es Menschen sind, die Kriege führen und Atombomben bauen. Das heißt, wenn die Menschen nicht lernen den Krieg und die Nuklearwaffen zu hassen, wenn sie nicht lernen gegen das Böse zu protestieren und ihre Stimme zu erheben für die Abschaffung nuklearer Waffen, dann wird sich das Böse immer wieder wiederholen. Ich beschloss, mein Leben dem Kampf für die Abschaffung der Nuklearwaffen zu widmen.

Danach arbeitete ich 27 Jahre lang bei der Hiroshima-Stiftung für eine Kultur des Friedens. Seitdem ich nun pensioniert bin, reise ich jedes Jahr zweimal ins Ausland, um mit den Zuhörern aus anderen Ländern meine Erfahrungen mit der Atombombe zu teilen. Seit neuestem kommuniziere ich mit Übersee auch übers Internet.

Ich erzähle von meinen Erfahrungen mit der Atombombe auch jungen Menschen, die nach Hiroshima kommen. Wenn ich das tue, entschuldige ich mich auch immer für Japans kriegerisches Vorgehen in Asien, aber ich spreche über den Atombombenabwurf niemals als ein normales Ereignis, wie es im Krieg eben geschieht. Mit der Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki öffnete die Menschheit das Tor zum nuklearen Zeitalter, dem Zeitalter der möglichen Selbstauslöschung. Weltweit haben wir genug nukleare Waffen, um jede Kreatur auf Erden mehrfach zu vernichten. Wenn Nuklearwaffen nochmals verwendet werden, wird sich die Menschheit auslöschen. Es wird keine Gewinner und Verlierer geben, keine Täter und Opfer, sondern nur massive Zerstörung. Die Lehre, die die Menschen aus dem Geschehen in Hiroshima und Nagasaki ziehen müssen, gilt unserem Überleben auf der Welt.

Nun haben auch Indien und Pakistan die Bombe. Während wir beginnen, den wahnsinnigen Pfad der Verbreitung von Nuklearwaffen hinunter zu gleiten, bleibt der einzige Hoffnungsschimmer eine Politik der nuklearen Abrüstung, wie sie kürzlich von Großbritannien verkündet worden ist. Jedoch nicht einmal England hat die Absicht, ihre nukleare Bewaffnung zu beseitigen.

Wir stehen an einer Kreuzung. Werden wir die Zahl der Atommächte ausweiten? Oder werden die fünf offiziellen Nuklearmächte ernsthafte Anstrengungen unternehmen für eine nukleare Abrüstung und die Abschaffung von Atomwaffen? Wir müssen einen Weg finden. Nukleare Waffen und die menschliche Rasse können nicht zeitlich unbegrenzt neben einander existieren. So lange ich lebe, werde ich mit meinen Appellen fortfahren, bis der letzte Atomsprengkopf zerlegt worden ist. Ich tue es im Namen derer, die gestorben sind. Dieses Jahr starben mehr als im Vorjahr, nächstes Jahr werden mehr sterben als dieses Jahr. Ich spreche als Atombombenüberlebende, damit die Welt Schritte nach vorwärts macht, einen nach dem anderen, in Richtung Abschaffung der nuklearen Waffen.

Quelle: Spinnrad   Nr. 2/Juli 2007. Übersetzung aus dem Englischen: Marion Schreiber


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Veröffentlicht am

25. Juli 2007

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