Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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Bericht von der Lebenshaus-Tagung “We shall overcome” 2021

aus: Lebenshaus Schwäbische Alb, Rundbrief Nr. 111, Dezember 2021 Der gesamte Rundbrief Nr. 107 kann hier heruntergeladen werden: PDF-Datei , 664 KB. Den gedruckten Rundbrief schicken wir Ihnen/Dir gerne kostenlos zu. Bitte einfach per Mail abonnieren

Der Verein "Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie" hatte auch in diesem Jahr für den 16. Oktober 2021 zu seiner bereits 9. Tagung "’We shall overcome!’ Gewaltfrei für die Vision einer Welt ohne Gewalt und Unrecht" ins evangelische Gemeindehaus nach Gammertingen eingeladen.

Allerdings waren Katrin Warnatzsch und ich ein paar Wochen vor der Tagung sehr nahe dran, diese aufs kommende Jahr zu verschieben. Denn ein Anliegen mit unseren Veranstaltungen ist ja, mit anderen Menschen zusammenzukommen, von der Lebensgeschichte anderer zu erfahren, Gemeinsamkeiten zu erkennen, Menschen miteinander zu verbinden, ein Stück weit Gemeinschaft zu erfahren. Und da sollen sich alle beteiligen dürfen. Doch nachdem die baden-württembergische Landesregierung ihre Corona-Verordnung erneut verschärft hatte, sah es so aus, als ob wir höchstwahrscheinlich Menschen ausschließen müssen, nicht etwa weil sie mit Corona infiziert sind, sondern nur weil sie keinen amtlich anerkannten, aktuellen Nachweis als Geimpfte oder Genesene vorweisen können. Da sich aber nach zwei bangen Wochen abzeichnete, dass es soweit bis Mitte Oktober wohl nicht kommen würde, beschlossen wir, die Tagung durchzuführen.

Und wir waren hoch erfreut, dass 55 Menschen an der Tagung teilnahmen. Viele meldeten zurück, dass sie die Veranstaltung als sehr anregend, bewegend und ermutigend empfunden hätten. Abends gab es die tiefsinnige Szenische Lesung "Run Soldier Run" mit Talib Richard Vogl und Rudi Friedrich. Am Sonntag waren bei herrlichem Herbstwetter 13 Menschen bei einer kleinen Wanderung rund um Meidelstetten auf der Schwäbischen Alb dabei.

Veranschaulicht durch zahlreiche Bilder, gaben Katrin und ich einen Überblick über die verschiedenen Arbeitsfelder und Erfahrungen des Vereins "Lebenshaus Schwäbische Alb". Die Vorträge von Klaus Pfisterer, Thomas Gebauer und Karen Hinrichs, in denen sie über ihr jahrzehntelanges Engagement erzählten, bildeten den Hauptteil. Julia Kramer führte mit einfühlsamer Moderation die Zuhörenden durch den Tag. Philipp Rosenhagen sorgte mit seiner Kamera für eine umfangreiche Dokumentation mit Fotos.

(Michael Schmid)

Schriftliche Zusammenfassungen der Vorträge von Axel Pfaff-Schneider

Von Axel Pfaff-Schneider

Klaus Pfisterer: "Friedensarbeit ist ein langer Weg - Abkürzungen fördern die Motivation"

"Wie packe ich 50 Jahre Friedensarbeit in eine Stunde?" Mit dieser Frage stellte sich Klaus Pfisterer vor. Er hatte sich für die drei Schwerpunkte seiner vielfältigen Arbeit entschieden, die ihm persönlich am meisten am Herzen liegen: Die Beratung und Begleitung von Kriegsdienstverweigerern, die Abschaffung von Atomraketen und die Friedensbildung.

Geboren und aufgewachsen ist Klaus in Mannheim. Seine Eltern hatten eine Bäckerei, in der er früh eingebunden und zur Mitarbeit verpflichtet war, oft auch nachts, wohlgemerkt. Wie er später auf Nachfrage erklärte, hatte er eine gute Beziehung zu seinen Eltern. Sein Vater berichtete von seinem Erleben im Krieg und die Eltern unterstützten ihn nicht nur bei seiner Kriegsdienstverweigerung (KDV), sondern auch auf seinem beruflichen Weg. Geben und Nehmen erlebte er so als selbstverständlich. Nach der Mittleren Reife machte er eine Ausbildung zum Bankkaufmann, während der er auch begann, sich gewerkschaftlich zu organisieren und als Jugendvertreter tätig wurde. Bald merkte er jedoch, dass das Bankwesen nicht so seine Welt ist. Er wechselte auf das Wirtschaftsgymnasium, machte dort 1977 Abitur, und studierte anschließend Sonderpädagogik und Sport. Um seinen Zivildienst 1982/83 kam er nicht herum, konnte jedoch die 16 Monate gut für sein Friedensengagement nutzen. Als Sonderschullehrer war er dann 33 Jahre lang berufstätig bis zu seiner Pensionierung 2018. Seit über 40 Jahren ist er aktiv in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Für Klaus war es selbstverständlich, dass seine Friedensarbeit stets ehrenamtlich parallel zum Beruf stattfand. Dass ihm das so viele Jahre kontinuierlich gelungen ist, führt er auf eine gelungene Balance zwischen Beruf, Engagement und Privatleben zurück.

Kriegsdienstverweigerung

Angefangen hatte alles 1972 mit der Erfassung. Da es damals in Mannheim keine Beratung gab, landete er in Karlsruhe bei der Deutschen Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) und lernte dort Ulli Thiel kennen. Dieser wurde sein Vorbild und Mentor. Ulli Thiel ermunterte ihn dazu, die DFG-VK Gruppe in Mannheim zu reaktivieren und dann seit 1976 im Landesvorstand der DFG-VK, in verschiedenen Funktionen bis heute tätig zu sein.

Seinen formlosen Antrag auf KDV stellte Klaus 1973 bei der Musterung. Die Verhandlung war dann jedoch erst 1981! In Mannheim wurde mit regelmäßiger KDV-Beratung begonnen und dabei auch auf die erniedrigenden und inquisitorischen Fragen aufmerksam gemacht sowie die Forderung vertreten, das schikanöse Verfahren abzuschaffen. Klaus konnte seine KDV-Verhandlung immer wieder aufschieben, zunächst wegen der Schule und später wegen des Studiums. 1980 bekam Klaus vom Amtsgericht die Zulassung als Rechtsbeistand für Kriegsdienstverweigerer. Als er schließlich 1981 sein eigenes Verfahren hatte, war er dem Prüfungsvorsitzenden bereits bekannt und wurde mit den Worten "Aha, der Chef persönlich" begrüßt. Das Verfahren verlief dann, so Klaus, ganz "normal" und korrekt, und er wurde bereits im ersten Anlauf anerkannt.

Über die Jahre hinweg hat Klaus wohl einige hundert Kriegsdienstverweigerer beraten und im Verfahren erfolgreich begleitet. Er berichtete, dass alle Verweigerer letztlich ihre Anerkennung erhielten. Zuletzt waren das, vor allem während des Jugoslawienkrieges ab 1991 und später im Golf-Krieg, aktive Soldaten und Reservisten.

Während all dieser Jahre setzte sich Klaus mit der DFG-VK für die Abschaffung der Wehrpflicht und der Gewissensprüfungen für Kriegsdienstverweigerer ein. Parallel dazu ging es um Verbesserungen im Zivildienst, der stets länger dauerte als der Wehrdienst. So kam es, dass Klaus während seines Zivildienstes beim Stadtjugendring Mannheim am bundesweiten Streiktag der Zivildienstleistenden mitmachte und später diesen einen Tag nacharbeiten musste - am 1. November, einem Feiertag! Zudem musste er ein Bußgeld von 40 DM bezahlen.

In Folge der Aussetzung der Wehrpflicht 2011 wurde Klaus und seinen Mitstreitern die Zulassung als Rechtsbeistand entzogen, da sie nicht mehr benötigt wurden. Damit endeten für ihn fast 40 Jahre KDV-Beratung erfolgreich.

Atomwaffen abschaffen

Der Kampf gegen Atomwaffen war das zweite großes Arbeitsfeld von Klaus, vor allem seit dem NATO-Doppelbeschluss vom 12.12.1979 zur Stationierung von Pershing II und Cruise-Missiles in Deutschland. Dazu gehörten für ihn Unterschriften zu sammeln unter den Krefelder Appell und das Mitorganisieren bei Demonstrationen, z.B. 1981 im Bonner Hofgarten und 1982 auf den Bonner Rheinterrassen. Die bekannteste Aktion, an der er mitwirkte, war dann die Menschenkette von Stuttgart nach Neu-Ulm. Klaus berichtete ausführlich, wie es zum Beschluss dieser speziellen Aktionsform gekommen war. Die Idee stammte von Ulli Thiel, entstanden bei einer Sitzung des Landesvorstands der DFG-VK im Wohnzimmer der Familie Thiel. Anstelle der üblichen "Latsch Demo" sollte etwas Besonderes stattfinden, nämlich eine Menschenkette von Stuttgart nach Neu-Ulm. Der Vorschlag wurde bei der Ulmer Aktionskonferenz im Juni 1983 eingebracht und war zunächst umstritten, weil er mit den Vorschlägen für Blockadeaktionen und einer Großdemo in Stuttgart konkurrierte. Schließlich einigte man sich in einer turbulenten Versammlung mit 1.000 Teilnehmenden auf eine Kombination von zwei Blockade-Aktionen vor dem EUCOM in Stuttgart und den Wiley Barracks in Neu-Ulm, die durch die Menschenkette verbunden werden sollten. Zum Abschluss sollten die beiden Großdemonstrationen in Stuttgart und Ulm stattfinden.

Bei der Organisation und Durchführung der Menschenkette war Klaus dann einer der Mitarbeitenden der DFG-VK im Stuttgarter Aktionsbüro, in das verschiedene Organisationen ihre Vertreter geschickt hatten. Klaus erzählte mit jetzt noch spürbarer Begeisterung von der Dynamik, die sich nach anfänglichen Bedenken im Aktionsbüro entfaltete. Er berichtete anschaulich, in der Rückschau fast erstaunt, wie man damals eine solch riesige Aktion und Logistik ohne Handy und Computer planen und organisieren konnte. In Verhandlungen mit der Bundesbahn wurden über 42 Sonderzüge auf den Weg gebracht und so konnten am Ende rund 400.000 Menschen bei herrlichstem Oktoberwetter die Menschenkette schließen. Die Freude über die Aktion war riesig, und es wurde weltweit darüber berichtet. Für Klaus war dieser 22. Oktober 1983 der emotionale Höhepunkt seiner Friedensarbeit.

Ein kleines, nicht unwichtiges Detail verriet uns Klaus mit einem Schmunzeln: er konnte seine Aktivität im Aktionsbüro im Rahmen seines von seinem Arbeitgeber großzügig interpretierten Zivildienstes tun.

Natürlich hatten damals alle die Hoffnung, den Bundestag noch umstimmen zu können, doch der Beschluss wurde durchgezogen, und nach und nach wurden die Pershing II in Mutlangen, Heilbronn, und Neu-Ulm stationiert. In der Friedensbewegung breitete sich große Enttäuschung aus - man hatte das Ziel nicht erreicht. Viele gaben auf und zogen sich frustriert zurück. Auch Klaus war enttäuscht, aber aufgeben kam für ihn zu keinem Zeitpunkt infrage. Aus seiner Sicht war es auch sehr wichtig, dass die Strukturen der Friedensbewegung erhalten blieben. Der Abzug der Pershing II stand nämlich weiter auf der Tagesordnung und dank Gorbatschow öffnete sich die Tür dafür. Bis Mai 1991 waren alle Pershing II aus Deutschland abgezogen - welch ein nachträglicher Triumph!

Und damit verwies Klaus auf den Titel seines Beitrags. Erfolge, wie hier die gelungene Menschenkette, die sind es, die er als Abkürzung bezeichnet. Denn trotz der enttäuschenden Entscheidung des Bundestags nicht aufzugeben, sondern sich weiter durch erfolgreiche Aktionen wie die Menschenkette zu motivieren und weiterzumachen, dranzubleiben, erst das kann am Ende zum Erfolg führen.

Friedensbildung

Der dritte große Arbeitsbereich von Klaus war und ist die Friedensbildung. Schon als Schüler hatte es ihn gestört, dass Jugendoffiziere im Unterricht auftreten durften. Also organisierte Klaus 1978 während seiner Schulzeit am Wirtschaftsgymnasium eine Veranstaltung mit einem Vertreter der DFG-VK. Er qualifizierte sich dann selbst weiter, um an Diskussionen teilnehmen zu können. Ein wichtiges Thema war die Frage nach Alternativen zur militärischen Verteidigung, vor allem in Form der Sozialen Verteidigung. Heute sieht Klaus solche Podiumsdiskussionen in der Schule kritisch und betrachtet sie eher als Schauveranstaltungen, die letztlich nicht geeignet seien, um den Schüler:innen eine qualifizierte Information und Auseinandersetzung mit den Ideen der Friedensbewegung zu ermöglichen. Dazu brauche es die Möglichkeit, die eigenen Ideen zusammenhängend in einer gesonderten Veranstaltung vorstellen und erklären zu können.

Klaus berichtete, wie in den 80er Jahren die KDV-Zahlen stetig anstiegen und die Auftritte von Jugendoffizieren in Schulen zusehends in die Kritik gerieten. Da sich die Kultusminister nicht einigen konnten, kam es zu unterschiedlichen Regelungen in den SPD- bzw. CDU-geführten Landesregierungen. Der damalige baden-württembergische Kultusminister Mayer-Vorfelder (CDU) setzte auf dem Höhepunkt der Diskussion um die "Nachrüstung" am 22. Juli 1983 die Verwaltungsvorschrift "Friedenssicherung und Bundeswehr im Unterricht" in Kraft. Mit einem Zusatzerlass schloss er Kriegsdienstverweigerer bzw. deren organisierte Vertreter vom Unterricht aus. Das sollte vor allem die DFG-VK treffen, denn die kirchlichen KDV-Berater duften weiter im Unterricht informieren. Klaus erlebte das als harten Schlag gegen die Friedensaktivist:innen und trotz zahlreicher Unterstützung von SPD und Grünen im Landtag blieb das Verbot 21 Jahre lang bestehen.

Erst 2004 gelang mit Hilfe der Gewerkschaft GEW die Aufhebung des Verbots. Nach Mayer-Vorfelder war es dann aber Kultusminister Rau, CDU, der 2009 mit der Bundeswehr eine Kooperationsvereinbarung abschloss, die den Jugendoffizieren erneut einen privilegierten Zugang zu den Schulen ermöglichte. Also waren die Friedensaktivist:innen wieder gefordert.

Im Juni 2010 war Klaus Mitinitiator der Kampagne "Schulfrei für die Bundeswehr - Lernen für den Frieden". Die Kampagne hat u.a. das Ziel, dass die Kooperationsvereinbarung gekündigt wird. Bis heute jedoch scheitert das am Widerstand des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Kretschmann (Grüne), entgegen eines 2012 von einem Grünen-Parteitag gefassten Beschlusses.

Einen Paradigmenwechsel in Baden-Württemberg sah Klaus dann aber mit Kultusminister Stoch, SPD, dem es immerhin gelang, die Kooperationsvereinbarung zu ändern, indem den Jugendoffizieren Grenzen gesetzt wurden. Klaus erlebte es als äußerst positiv, wie sich der Minister in einen ernsthaften Dialog mit den Friedensorganisationen begab. Dieser mündete 2014 in einer gemeinsamen "Erklärung zur Stärkung der Friedensbildung an baden-württembergischen Schulen". Darauf aufbauend konnte dann 2015 die Servicestelle Friedensbildung gegründet werden. Diese Servicestelle hat die Aufgabe, Schulen mit einschlägigen Materialien und Informationen zu unterstützen und gilt als "Leuchtturmprojekt", das weit über Baden-Württemberg hinausstrahlt. Erst vor kurzem wurde im Kultusministerium Niedersachen eine vergleichbare Servicestelle Friedensbildung etabliert.

Weitere Aktivitäten des Ministers erlaubten es, dass sich die Unterzeichnerorganisationen der Erklärung in die Gestaltung neuer Bildungsplänen einbringen und tatsächlich einige inhaltliche Ideen darin verankern konnten. Klaus zeigte sich beeindruckt von diesem Kultusminister, der nach seiner Wahrnehmung der erste und einzige Kultusminister war, der auf Augenhöhe mit den Friedensorganisationen gesprochen hat und Wort hielt. Damit kam Bewegung in die Friedensbildung in Baden-Württemberg. In der evangelischen und katholischen Kirche wurden neue Stellen eingerichtet und auch die Gründung des Friedensinstituts Freiburg der Evangelischen Hochschule (siehe den Vortrag von Karen Hinrichs) sieht Klaus als eine Konsequenz.

Im Zusammenhang mit diesem schulpolitischen Engagement steht auch der erst 2020 gestiftete Ulli-Thiel-Friedenspreis für Schulen in Baden-Württemberg, der von der DFG-VK, der Evangelischen Landeskirche in Baden und dem Verein PAX-AN und ab 2022 auch von pax christi in Baden-Württemberg getragen wird. Unter dem von Ulli Thiel geschaffenen Motto "Frieden schaffen ohne Waffen" werden im Rahmen des Preises Schülerinnen und Schüler, aber auch Lehrerinnen und Lehrer für ihr Friedensengagement an ihren Schulen ausgezeichnet.

Unterm Strich sieht Klaus in seiner Friedensarbeit immer wieder Erfolge, die er als Abkürzungen bezeichnet. Sie stärken sein Engagement und die Gewissheit, dass eine andere Welt - eine Welt ohne Waffen - möglich ist. Mit den Worten "Kleine Erfolge kann man größer machen!" äußerte sich Klaus zum Abschluss optimistisch, dass unser Weg letztlich erfolgreich sein wird.

Thomas Gebauer: "Weltgesellschaft im Kommen"

Thomas Gebauer begann mit dem Gedanken, dass er seine Erfahrungen nicht im regionalen Bezug, sondern im globalen Rahmen durch seine Aktivitäten bei medico international machen konnte. Diese Organisation, für die er jahrzehntelang beruflich tätig war, engagiert sich für die globale Verwirklichung des Menschenrechts auf Gesundheit.

Thomas wurde ab Ende der 1960er Jahre während der Schulzeit politisiert. Er erinnerte an den Vietnamkrieg und an Entkolonialisierungskämpfe in Afrika, die damals die Öffentlichkeit sehr beschäftigten. Sie wurden auch in dem evangelischen Jugendclub viel diskutiert, in dem er häufig verkehrte, immer verbunden mit der Frage, wie man seine eigene, konsumorientierte Lebensweise angesichts der sozialen Realitäten in der Welt rechtfertigen und zum Besseren verändern könnte. Dabei wurde für ihn schnell der gesellschaftliche Kontext interessant, in dem Hunger, Krieg und Ungerechtigkeit überhaupt entstehen können, woraufhin er sich zum Studium der Psychologie entschloss. Dieses war an der Uni Frankfurt geprägt von der "kritischen Theorie", die u.a. die Zusammenhänge zwischen politisch-wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und dem subjektiven Befinden untersucht. Vor diesem Hintergrund beschäftigte er sich u.a. mit Fragen danach, wieso Menschen krank werden, wie man das verhindern und welchen Beitrag das Individuum dabei leisten könnte. Letztendlich fand er zu der Erkenntnis, dass es darauf ankommt, Gesellschaft so zu gestalten, dass Menschen gesundbleiben können.

Durch seinen Zivildienst fand er zu medico international. Die Organisation beschäftigte damals drei Hauptamtliche, unterstützt von sechs Zivildienstleistenden, die - alleine das Zahlenverhältnis legt das schon nahe - "den Laden schmissen", sprich: die einen großen Verantwortungs- und Gestaltungsspielraum hatten, den er zu nutzen wusste und von dem er sehr profitierte. Thomas ließ uns teilhaben an der damals herrschenden Aufbruchsstimmung (z.B. Gründung der taz, Gründung der Grünen, Revolution in Nicaragua usw.). Und auch die Weltgesundheitsorganisation WHO entwickelte eine neue Konzeption, die ein umfassenderes, ganzheitliches Verständnis von Gesundheit formulierte. Danach entstehen Gesundheit und Krankheit aus der Interaktion von biologischen, sozialen, psychologischen und ökonomischen Einflussfaktoren zwischen Individuum und Umwelt. Damit wurde der Blick über das Gesundheitssystem im engeren Sinn hinaus gelenkt und prägte damit auch das Verständnis und Handeln von medico international.

Thomas berichtete uns von seiner ersten Dienstreise in die Westsahara, wo über 100.000 Menschen in Flüchtlingslagern lebten und heute noch leben. Diese Erfahrung und die Auseinandersetzung mit engagierten Menschen dort ließen ihn erkennen, wie wichtig die Hilfe für Flüchtlinge einerseits ist. Aber andererseits ist die Hilfe auch nur dann nachhaltig, wenn sich die politischen Verhältnisse so verändern, dass Hilfe am Ende überflüssig wird. Daraus entwickelte er ein kritisches Verständnis von Hilfe, das für ihn heute die Grundlage seines schwerpunktmäßigen Handels bildet: Hilfe gewähren und verteidigen, kritisieren und (den Hilfebedarf) überwinden. Ausführlich lassen sich diese Erkenntnisse in dem Buch "HILFE? HILFE! Wege aus der globalen Krise" nachlesen, das Thomas Gebauer gemeinsam mit Ilija Trojanow geschrieben hat (Fischer Verlag, 2018).

Was das in der Praxis bedeutet, erläuterte Thomas an Beispielen aus Mittelamerika. In Nicaragua und El Salvador kämpften Menschen in den 70er und 80er Jahren in politischen Bewegungen für einen gerechten Staat. Dass dies nicht nur gewaltfrei, sondern auch bewaffnet geschah, wurde breit und offen diskutiert. Medico respektierte diese Entscheidung der Menschen dort und lieferte Medikamente. Egal wie man selbst zum bewaffneten Kampf steht, wollten sie den Menschen dort ihre Solidarität nicht verweigern (= Hilfe gewähren und verteidigen).

In diesem Zusammenhang hatte Thomas vor Ort in El Salvador Kontakte zu Veteranen des Vietnamkriegs aus den USA, die z.B. als Ärzte Hilfe leisteten. Gemeinsam erlebten sie, obwohl die Kriegsphase schon vorbei war, wie viele Menschen als Kriegsversehrte und Angehörige immer noch leiden mussten. Wie in vielen anderen Ländern auch, versuchten die Hilfsorganisationen dieses Leid zu lindern. So organisierten sie die Produktion von Prothesen für die zahlreichen Kriegsversehrten, mit dem Ziel, den Menschen zurück in den Alltag zu helfen. Bei Thomas aber kamen Zweifel auf angesichts dieses, wie er es nannte, "Reparaturbetriebs". Zusammen mit einem Kriegsveteranen, der durch eine Mine beide Beine verloren hatte, problematisierte medico den Einsatz von Minen (= kritisieren), und wollte dann auch dafür sorgen, dass solche Situationen erst gar nicht wieder entstehen. Sie gründeten die Internationale Kampagne für ein Verbot von Landminen (= überwinden). Die Kampagne wuchs schnell, über tausend Organisationen und zahlreiche, auch Prominente unterschiedlichster Richtungen (u.a. Schauspieler*innen, Nonnen und sogar Prinzessinnen) unterstützten die Kampagne. Nach sechs Jahren intensiver Kampagnenarbeit konnte im September 1979 der Verbotsvertrag im Rahmen der Vereinten Nationen verabschiedet werden, und schon im Oktober desselben Jahres wurde der Kampagne der Friedensnobelpreis verliehen. Thomas konnte damals als Mitglied der Kampagnen-Delegation an der Preisverleihung in Oslo teilnehmen. Aus seiner Sicht war dieser Erfolg nur möglich geworden, weil es durch den Druck einer transnationalen Öffentlichkeit (also nicht zwischen Nationen, sondern zwischen nichtstaatlichen Akteuren) gelungen ist, ein militärisches Thema zu einem zivilen Projekt zu machen.

Für Thomas ist dieser Erfolg schon etwas, auf das er stolz ist, und tatsächlich werden heute viel weniger Landminen hergestellt. Im Rahmen von Hilfsprojekten werden auch enorme Anstrengungen unternommen, um Minen zu räumen. Aber unterm Strich ist für ihn klar, dass sich die Welt durch das Verbot einer Waffe nicht ändern wird. Im Gegenteil: Die soziale Ungerechtigkeit ist weltweit gewachsen und Hilfe ist mehr und mehr zum Instrument geworden, bestehendes Elend abzufedern und damit letztendlich den Status Quo zu stabilisieren. Dies ist für ihn und nach Einschätzung von medico international eine Falle, in die zahlreiche Hilfsorganisationen gelaufen sind. Natürlich entwickelten die Militärs damals schon "Alternativen" zu den verbotenen Minen, und - wir Zuhörenden konnten es kaum glauben - hatten sogar die Kampagne offiziell angefragt, dabei mitzuwirken. Sie sollten helfen, Systeme zu entwickeln, die zwar die Funktion einer Mine erfüllen können (Flucht und Bewegung beschränken), dabei aber nicht tödlich sein sollten. Das könnten z.B. Akustikwaffen oder Schaum sein. Dabei ist doch klar, so Thomas, dass auch diese Waffen, wie die Praxis zeigt, massive körperliche Schäden, bis hin zum Tod, bewirken können. Deshalb erklärte Thomas nochmal ganz deutlich, dass über das Verbot von Waffen hinaus soziale und politische Veränderungen notwendig sind, mit denen erst Gerechtigkeit geschaffen und damit Frieden ermöglicht werden kann.

In den 80er Jahren hatte Thomas mit dem Fall der Mauer davon geträumt, dass sich die Welt zum Besseren wenden würde. Was er dann aber erlebte, war das Voranschreiten des Neoliberalismus, der mit seinen Privatisierungen vieles schlimmer machte und zerstörte.

Im Zusammenhang mit diesem Prozess wurden Hilfsorganisationen immer mehr in eine neue Rolle gedrängt, dass sie Not und Elend abfedern, sich aber nicht politisch äußern dürften und sich "neutral" verhalten sollten. Teilweise war es sogar so, dass Hilfe ganz gezielt in Kooperation mit dem Militär geleistet werden sollte. Etwa so, wie es der frühere Außenminister Fischer einmal formulierte, indem NGOs und Bundeswehr gemeinsam die Welt besser machen. Also: Brunnen bauen, Gutes tun, um damit den militärischen Auftrag besser ausführen zu können. Diese Idee, dass Hilfe und militärische Kriegführung parallel funktionieren, erscheint nach Erfahrung von Thomas vielen plausibel und wird von den meisten Medien und (leider) auch von Hilfsorganisationen geteilt.

Am Beispiel Afghanistan erklärte uns Thomas diese Gratwanderung des Helfens zwischen eigenständigem Engagement und der Gefahr, sich dabei vom militärischen Auftrag funktionalisieren zu lassen. Seiner Erfahrung nach kann das dazu führen, dass kritische Positionen einer Hilfsorganisation nicht verstanden werden, ja sogar unerwünscht sind und Gelder gestrichen werden. Im Falle Afghanistan wollte sich medico international jedenfalls nicht in ein solches Konzept einbinden lassen. Erst jetzt, nach dem gescheiterten Einsatz dort, sei man bereit, darüber neu nachzudenken.

Bezogen auf die Leitfragen unserer Tagung, wie man Höhen und Tiefen verarbeiten konnte, wie er Kriegserlebnisse und sogar eine Entführung und Erdbeben persönlich bewältigen konnte, verwies Thomas auf seine Erfahrungen mit Menschen, denen es viel schlechter ergehe als ihm, und die doch durchgehalten haben und dabei menschlich geblieben sind. Er habe die Gewissheit, nicht das bessere Konzept als andere zu haben, aber immer das zu tun was nötig sei, um die Verhältnisse tatsächlich zu verbessern. Aus seiner Sicht komme es dabei in erster Linie auf eine klare Haltung an, in der das Handeln begründet ist, und weniger auf Wissen oder Theorie.

Aus dieser Haltung heraus könne es nicht darum gehen, das Elend zu verbessern, wie es beispielsweise die Produkte einer speziellen Technikmesse für Hilfsorganisationen nahelegen. Mit einem Ballon voller Solarflächen ein Flüchtlingslager quasi aus der Luft mit Energie zu versorgen, ist sicher eine gute Idee. Aber wenn diese Lager Jahrzehnte ohne Perspektive für die Menschen dort bestehen und sich nichts daran ändert, dann sehe er darin nicht mehr als die Verwaltung von Elend. Und diese Rolle möchte Thomas weder für sich persönlich noch für seine Organisation übernehmen. Deshalb sei es für ihn immer wieder notwendig, Gesellschaftskritik zu üben. Dabei misst er der wachsenden Weltöffentlichkeit eine zunehmend wichtige Rolle zu. So erlebe er beispielsweise die Klimabewegung und die Bewegungen gegen Rassismus als laut und stark, und das macht ihm Hoffnung. Was aus seiner Sicht aber noch fehlt, ist, dass diese Teilbewegungen zusammenfinden zu einer gemeinsamen Strategie für globale, soziale Gerechtigkeit. Dazu brauche es aus der Weltöffentlichkeit heraus mehr Druck für konkrete Ideen wie z.B. eine globale Bürgerversicherung, einen Länderfinanzausgleich oder ein globales Grundeinkommen für die Ärmsten. Technisch seien diese Dinge machbar, aber es fehle dazu (noch) der politische Willen.

Zum Abschluss erzählte uns Thomas, was er selbst zu dieser globalen Öffentlichkeit beitragen möchte. Sein Blick richtete sich dabei auf das bevorstehende 175-jährige Jubiläum der Nationalversammlung in der Paulskirche in Frankfurt. Natürlich gibt es von Seiten der Politik hierfür bereits Vorstellungen. Seine Idee sei jedoch, dieses Jubiläum anders zu gestalten und zwar mit dem Fokus "globale Demokratie". 1848 ging es darum, die Kleinstaaterei in Deutschland zu überwinden und heute solle es darum gehen, die Nationalstaaten zu überwinden. Mit dieser Idee arbeitet er als treibende Kraft in einer Gruppe mit, die für dieses Jubiläumsjahr 2023 eine globale Versammlung in der Paulskirche plane. "Was daraus entsteht …. wird man sehen!"

Karen Hinrichs: "Gewaltfrei leben lernen"

Karen Hinrichs meinte zwar zu Beginn ihres Beitrags, es sei schwierig für sie, über ihre eigene Biografie zu sprechen, fast so als sollte sie ihren eigenen Nachruf schreiben. Doch dann holte sie uns einfach hinein in ihre Familiengeschichte und ließ uns teilhaben an ihrer Entwicklung.

Geboren wurde sie 1959 in Heidelberg und gehört damit zur Generation der Kriegsenkel. Ihre Großeltern waren Jugendliche im 1. Weltkrieg und ihre Eltern im 2. Weltkrieg. Sie hat lange gebraucht, um zu verstehen, welche lebenslang wirkenden Traumata sich daraus ergeben hatten. Ihre Mutter berichtete ihr, wie sie drei Brüder im Krieg verloren hatte. Auch der Vater, dessen Familie in Hamburg in der SPD und in der Gewerkschaftsbewegung engagiert war, erzählte ihr von seinem Einsatz 1943 als Jugendlicher bei der Flak (Fliegerabwehr), bei dem er wegen seiner Haltung vielfach beschimpft worden war, das aber fast als Ehre empfand. Karen wurde also mit einer deutlich antimilitaristischen Haltung ihrer Eltern erzogen. Als Kind hatte sie auch erfahren, dass ihr Urgroßvater, ehemaliger Gewerkschaftsfunktionär und bereits im Ruhestand, nach dem Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 inhaftiert und im KZ ermordet worden war. Es war für die gesamte Familie sehr bewegend, als ihr Vater als Zeitzeuge bei der Verlegung eines "Stolpersteins" für seinen Großvater eingeladen war.

Ihren eigenen Bezug zur Kirche konnte sich Karen nicht so recht erklären und ihre Eltern wunderten sich über ihr religiöses Interesse. Angefangen hatte es wohl mit dem Kindergottesdienst, den sie mit der Einschulung gerne besuchte. Später brachte sie sich in einen Hauskreis ein. Im Gymnasium habe sie von der damals unruhigen Jugend nicht viel mitbekommen - Stichwort: lange Haare und Hasch. In ihrer Klasse wurde jedoch, vor allem von den Jungs, lebhaft darüber diskutiert, ob man zum Bund geht oder Zivildienst macht. In ihrer lebhaften Art erinnerte sich Karen, dass sie seit 1977 auf ihrem Schulranzen einen Aufkleber der damals neu entstandenen Bewegung Ohne Rüstung Leben (ORL) trug. Noch heute ist ihr das ein fast nostalgisches Accessoire. Die Selbstverpflichtungserklärung von ORL hat sie mit 18 Jahren sehr bewusst unterschrieben und zwar beide Teile: Die militärkritische Erklärung "ohne den Schutz militärischer Rüstung zu leben" und "Frieden ohne Waffen politisch zu entwickeln". Heute denkt sie, dass dies aus ihrer religiösen Überzeugung als Christin mit Jesus als Vorbild, und aus der antimilitaristischen Tradition ihrer Familie, erwachsen sei.

Ihren beruflichen Werdegang schilderte Karen uns als "etwas verwinkelt". Beide Eltern waren Physiker. Auf diesem Hintergrund entstanden ihre ersten beruflichen Ideen, Astronautin werden zu wollen, schließlich Kinderkrankenschwester oder Ärztin zu werden. Doch im Krankenhaus belasteten sie Erlebnisse mit schwer kranken Kindern. Leichter fiel es ihr, sich in der Nachhilfe im Krankenhaus zu engagieren und so entdeckte sie den Spaß am Unterrichten. Sie begann ein Studium der Pädagogik in Freiburg und wechselte dann später nach Heidelberg, wo sie das Studium abschloss.

Während der Studentinnenzeit schloss sie sich der Evangelischen Studierendengemeinde an, wo der Dreiklang von Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung diskutiert wurde. Anhand eines ersten Original-Faltblatts der von ihr mitgegründeten ORL-Gruppe Heidelberg ließ sie diese Zeit lebendig werden. Sie entdeckte damals für sich den Zusammenhang von Spiritualität und Protest. Insbesondere Dorothee Sölle spielte für sie eine große Rolle. Karen beteiligte sich an Aktionen gegen die Aufrüstung, nahm an den großen Friedensdemonstrationen teil und war auch in Großengstingen und später in Mutlangen bei Blockadeaktionen vor Atomwaffendepots mit dabei. Als Trainerin für gewaltfreie Aktion unterstützte sie andere Gruppen bei deren Vorbereitungen auf Protestaktionen. Karen berichtete, dass sie in der Friedensbewegung viele wunderbare Menschen kennen gelernt hat, unter anderem auch ihren Ehemann. Geheiratet haben sie 1985. Gemeinsam mit anderen waren sie an der Gründung der "Werkstatt für Gewaltfreie Aktion, Baden" beteiligt, weil ihnen klar wurde, dass man "gewaltfrei leben" nicht von Natur aus könne, sondern dass man das lebenslang lernen und weiterentwickeln müsse.

Das gelte gerade auch für schwierige Phasen im Engagement. Karen berichtete offen, was ihr dabei geholfen habe, nämlich "die drei G": Gebet, Gespräch und Gehen in der Natur. Wobei ihr in der Rückschau bewusst geworden sei, wie sich ihre Art zu beten, zur Stille zu finden, im Laufe der Jahre immer wieder verändert hat, abhängig auch von ihrer jeweiligen familiären und beruflichen Situation.

Nach Abschluss ihres Studiums der Pädagogik überlegte sie, Theologie zu studieren. Dabei war es für sie zunächst eine eher befremdliche Vorstellung, als Pfarrerin tätig zu werden. Das klärte sich aber schnell mit einem Praktikum in einer Kirchengemeinde und sie begann ein zweites Studium. Kurz nach der letzten Abschlussklausur kam das erste Kind zur Welt. An Pfingsten 1991 wurde sie ordiniert und übernahm ihre erste Pfarrstelle, während ihr Mann, ebenfalls Pfarrer, Erziehungsurlaub nahm. Sobald es möglich war, bewarben sich beide auf die erste gemeinsame Pfarrstelle in Lahr, wo bald das zweite Kind geboren wurde. Mit ihrem Mann teilte sich Karen dann viele Jahre eine Pfarrstelle und die Aufgaben in der Familie.

In Lahr war sie die erste Pfarrerin auf der Kanzel, was für manche Gemeindemitglieder wohl schwer auszuhalten war. Karen äußerte sich erleichtert darüber, dass sich seitdem einiges bewegt habe und Frauen als Pfarrerinnen heute selbstverständlich seien.

Während der gemeinsamen Zeit als Pfarrerin und Pfarrer waren Karen und ihr Mann in der Friedensbewegung mal mehr, mal weniger aktiv, hatten jedoch in ihren Gemeinden etliche Möglichkeiten, Friedensarbeit zu leisten. So berichtete Karen davon, welche Herausforderung es für sie darstellte, 1.300 Menschen aus der früheren Sowjetunion, die in den ehemaligen Kasernengebäuden der kanadischen Luftwaffe untergebracht waren, in ihre Gemeinde zu integrieren. Dabei wurde für sie der Begriff "versöhnte Verschiedenheit" als Leitgedanke besonders wichtig.

Im Jahr 2004 wurde Karen in das Amt einer Oberkirchenrätin gewählt. Sie war damit die erste theologische Oberkirchenrätin der Evangelischen Landeskirche in Baden. In der Erfüllung dieser Aufgabe war ihr der Dreiklang von Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung besonders wichtig. In der Rückschau, so vermittelte Karen uns, hat sie wohl doch einige positive Veränderungen mit anstoßen und unterstützen können. Ausführlich schilderte sie den "friedensethischen Konsultationsprozess" in der Landeskirche. Auf Anregung einer kirchlichen Basisgruppe hatten sich alle Bezirkssynoden der Landeskirche mit dem Thema Friedensethik und den Auslandseinsätzen der Bundeswehr befasst. Als Ergebnis des Prozesses entstand ein Papier mit unerwartet deutlich pazifistischen Positionen und dem wegweisenden Beschluss, von den Friedenskirchen lernen zu wollen. Man wollte sich auf den Weg zu einer Kirche des gerechten Friedens machen. Aus Sicht von manchen Aktiven bei ORL kam dies einem "Wunder" gleich. Denn mit dem Papier wurden auch konkrete Umsetzungsschritte beschlossen, u.a. die Einrichtung eines Friedenspädagogischen Instituts "in Süddeutschland". Große Wirkung hatte auch der Beschluss, ein Szenario zur Sicherheitspolitik zu entwickeln, wie denn bei einem Ausstieg Deutschlands aus der militärischen Verteidigungslogik Sicherheit geschaffen werden könnte. Als Antwort darauf legte einige Zeit später eine Arbeitsgruppe ein umfassendes Papier vor mit dem Titel "Sicherheit neu denken: Von der militärischen zur zivilen Sicherheitspolitik". Karen bezeichnete dieses Papier als einen wichtigen Ansatz, um den friedenspolitischen Diskussionsprozess nicht nur innerhalb der Kirchen weiterzuentwickeln.

Mit erkennbarer Zufriedenheit konnte Karen dann berichten, dass aufgrund des o.g. Beschlusses tatsächlich Anfang 2020 an der Evangelischen Hochschule in Freiburg das "Friedensinstitut Freiburg" gegründet wurde. Sie selbst wurde zu dessen geschäftsführender Direktorin ernannt. Das Friedensinstitut soll interdisziplinär und praxisnah Forschung, Lehre und Weiterbildung in den Bereichen Friedenspädagogik und Friedensarbeit fördern. Karen selbst unterrichtet in verschiedenen Studiengängen. Auf Nachfrage erklärte sie, dass neben ihrer Stelle, für die eine Oberkirchenratsstelle umgewidmet wurde, noch eine halbe Stelle für einen wissenschaftlichen Mitarbeiter auf 10 Jahre sicher finanziert sei. Zu ihrem Leidwesen konnten wegen Corona die Vorlesungen und Seminare bislang nur online stattfinden. Insofern freut sich Karen sehr darauf, dass nun im Wintersemester endlich wieder der Präsenzbetrieb an der Hochschule starten kann. Karen konnte auch mitteilen, dass zum Sommersemester 2022 der erste Masterstudiengang "Friedenspädagogik/Peace Education" starten könne, bundesweit bisher der erste friedenspädagogische Master-Studiengang.

Für Karen fühlt es sich damit an, als habe sich ein Kreis geschlossen. Am Anfang stand ihre Idee, Lehrerin zu werden, dann das Studium der Pädagogik in Freiburg, und dann all das, was sie in vielen Berufsjahren und im ehrenamtlichen Engagement in der Friedensarbeit erfahren und gelernt hat. Und das dürfe sie jetzt an die Studierenden der Sozialen Arbeit und an künftige Pädagog:innen und Gemeindediakon:innen weitergeben. Sie schätze sich glücklich, dass sie heute die Friedenspädagogik für das 21. Jahrhundert mit entwickeln könne und hoffe, auf wichtige Fragen Antworten zu finden, zum Beispiel, wie die Kirchen dazu beitragen könnten, eine Kultur der Gewaltfreiheit zu fördern.

Zum Abschluss war ihr noch wichtig, eine wesentliche Erfahrung zu teilen: "Manches muss man einfach tun und nicht warten, bis alle mitmachen!"

Weblinks:

Referierende der einzelnen Tagungen auf einen Blick

2021   Klaus Pfisterer   Thomas Gebauer   Karen Hinrichs
2020   Thomas Felder   Renate Wanie   Hans-Hartwig Lützow
  2019   Eva-Maria Willkomm   Andreas Linder   Nirit Sommerfeld
  2018   Katja Tempel   Peter Bürger   Andreas Zumach
  2017   Julia Kramer   Paul Schobel   Clemens Ronnefeldt
  2016   Sonnhild Thiel   Werner Gebert   Ursula Sladek
  2015   Heinz Rothenpieler   Dr. Ute Finckh-Krämer   Jochen Stay
  2014   Dr. Martin Arnold   Jutta Sundermann   Roland Blach
  2013   Dr. Wolfgang Sternstein   Wiltrud Rösch-Metzler   Ullrich Hahn

In eigener Sache

Lebenshaus Schwäbische Alb bittet um Spende zum Jahresende

Wir möchten unsere Arbeit 2022 so engagiert wie bisher fortsetzen können, auch wenn wir durch die "Corona-Maßnahmen" zusätzlich vor besondere Herausforderungen gestellt sind. Trotzdem blicken wir mit Zuversicht in ein aktives neues Jahr.

Für unser von Politik, Parteien und Wirtschaft unabhängiges Engagement sind wir auf Ihre und Eure Unterstützung und Solidarität angewiesen. Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit, Aktionen und Veranstaltungen wie z.B. unsere jährlichen Tagungen im Herbst, die Unterstützung von Menschen in schwierigen Lebenssituationen, die Personalkosten für eine 30-Prozent-Teilzeitstelle und zwei Minijobs sowie möglichst Abbau von Verbindlichkeiten für das Gebäude erfordern erhebliche Finanzmittel.

Wir freuen uns über jede Unterstützung, gerne mit einer Einzelspende oder gar einer regelmäßigen Spende oder einer Fördermitgliedschaft.

Mit einem Vermächtnis oder einer Erbeinsetzung kann gezielt eine gemeinnützige Organisation wie Lebenshaus Schwäbische Alb unterstützt werden. In diesem Fall entfällt die Erbschaftssteuer und das Erbe kommt in vollem Umfang der Arbeit für Gerechtigkeit, Frieden und Erhalt der Umwelt zugute.

Herzlich bedanken wollen wir uns bei allen, die unsere Arbeit unterstützen!

Siehe ebenfalls:

Ihre/Deine finanzielle Unterstützung ermöglicht unser Engagement!

Möglichkeiten der Unterstützung .

Solidarfonds "Grundeinkommen Friedensarbeit"

"Brief vom Herbst 2020"

Bei “Transparenz TV” aus Berlin: Das Lebenshaus Schwäbische Alb - Video aus der Sendereihe "Friedensfragen mit Clemens Ronnefeldt",

"Kriegsdienstverweigerer. Unsere Geschichten"

Spendenkonto

Lebenshaus Schwäbische Alb e.V.
Bank:       GLS Bank eG
IBAN:       DE36 4306 0967 8023 3348 00
BIC:         GENODEM1GLS

Der Verein Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V. ist durch das Finanzamt Sigmaringen als gemeinnützig und mildtätig anerkannt (aktueller Bescheid vom 22.07.2021). Spenden und Mitgliedsbeiträge sind daher steuerabzugsfähig. Ab 25 € werden automatisch Spendenbescheinigungen zugestellt, für niedrigere Beträge auf Anforderung (bitte bei Erstspenden Anschrift wegen Spendenbescheinigung angeben).

Fußnoten

Veröffentlicht am

17. Dezember 2021

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