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Auf der Suche nach einer gewaltfreien Alternative zur Bundeswehr (II)

Erfahrungsbericht eines Friedensforschers

Von Theodor Ebert - Vortrag im Rahmen der Friedenswoche im Evang. Gemeindezentrum Eckstein in Nürnberg, 2.11.2005 - Teil II.

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>> Hier kann der Vortrag als PDF-Datei heruntergeladen werden.
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Der Streit um ein programmatisches Flugblatt

Ich hatte nach Gesprächen mit meinen neuen Freunden im VK ein programmatisches Flugblatt entworfen, das unser Image in den Augen junger Menschen ändern und vor Schulen verteilt werden sollte - zusammen mit einem kleineren Blatt, auf welchem der Verband der Kriegsdienstverweigerer zu einem Vortrag Martin Niemöllers über “Kirche und Kaserne (zur Vilshofener Rede von Minister Strauss)” am 12. Juli 1961 ins Gustav-Siegle-Haus einlud. Mein Entwurf war im Umfang von einer DIN A4-Seite Schreibmaschinentext für seinen Zweck viel zu lang. Ich habe mit Schülern später mehrfach über gewaltfreien Widerstand und seine Wirkung gesprochen, doch ich erinnere mich nicht, dass dieses Flugblatt, von dem wahrscheinlich nur tausend Stück aufgelegt worden sind, bei Schülern irgendwelche Reaktionen ausgelöst hätte. Seine Bedeutung lag fast ausschließlich in der programmatischen Klärung, zu der es im Stuttgarter Ortsverband des VK führte.

Die umstrittene Passage in dem Flugblatt lautete:

Marx und Lenin glaubten an den “letzten” gewaltsamen Kampf. Ihnen waren auch gewaltsame Mittel recht, die Welt zu verändern. Mit Gewalt kann kein Weltfrieden erkämpft werden. Keine Partei darf sich mit Gewalt das Recht anmaßen, der allein führende Teil der Gesellschaft zu sein, und den Rest für unmündig erklären. Freiheit ist immer Freiheit des Andersdenkenden.
Zu unseren Zielen gehört es, den 17 Millionen Deutschen in Mitteldeutschland ein freiheitlicheres, menschenwürdigeres Dasein zu erkämpfen - aber wir wissen, dass eine militärische Aufrüstung nur Freiheit und Wohlstand zerstört und dass militärische Bedrohung einer Diktatur diese nur stärkt.

Bei den Beratungen des Entwurfs mit dem Vorstand wurde deutlich, dass im siebenköpfigen Vorstand der Ortsgruppe des VK vier der verbotenen KPD zuzurechnen waren. Unter ihnen war ein erfahrener älterer Funktionär, der in Stuttgart die Fäden zog. Er bekannte sich nicht so direkt zu dem Regime in der DDR, aber die jüngeren und weniger redegewandten Mitglieder des Vorstands machten kein Hehl daraus, dass sie mit der DDR sympathisierten und - falls dies erforderlich sein sollte - für die proletarische Revolution auch mit der Waffe kämpfen würden. Ich war schockiert, als ich dies hörte. In einem Verband von Kriegsdienstverweigerern aus Gewissensgründen hatte ich solche Positionen nicht vermutet.

Ich hätte den VK sofort wieder verlassen können, aber ich sah in den anderen VK-Mitgliedern, die einen kirchlichen Hintergrund hatten, genau die Leute, die vorbildliche gewaltlose Aktionsgruppen, wie sie auch Konrad Tempel anvisierte, bilden konnten. Ich vermutete, dass diese Leute im VK eigentlich die Mehrheit bildeten und dass die Kommunisten in ihre Positionen nur gelangt waren, weil sie dieser Mehrheit mit allgemein gehaltenen Friedensparolen und ihrer Bereitschaft, organisatorische Arbeit zu übernehmen, entgegen kamen.

Günter Fritz, der als Schriftführer eine wichtige Position im örtlichen Vorstand des VK und auch einen guten Draht zum Bundesvorstand hatte, teilte mein Entsetzen und gestand mir, dass er - ahnungslos - die Kommunisten auch in den örtlichen Vorstand gewählt hatte. Diese Kader wollten das Flugblatt verhindern und ihre Mehrheit im Vorstand ausspielen. Wir waren aber hartnäckig und forderten die verbandsinterne Diskussion. An dieser waren sie nicht interessiert und darum dann doch kompromissbereit. Das ohnehin schon ziemlich umfangreiche Flugblatt wurde noch etwas verlängert. Schließlich hieß es: “Unser Ziel ist es, sowohl uns als auch den 17 Millionen Deutschen in Mitteldeutschland ein freiheitlicheres, menschenwürdigeres Dasein zu erkämpfen” und es wurde ein neuer Abschnitt hinzugefügt, der mir auch etwas zu gleichgewichtig war, aber der VK-Ideologie entsprach: “Wir bekämpfen den totalitären Kommunismus wie den dazugehörigen Antikommunismus, weil beide Ideologien in wirklichkeitsfremder Vereinfachung die Welt in eine gute und eine böse Hälfte teilen und den Atomscheiterhaufen ständig erhöhen.”

Mit diesen Formulierungen konnte ich leben. Doch es war allen Beteiligten klar, dass der Kompromiss nur zustande gekommen war, weil beide Parteien kein Interesse daran hatten, den innerverbandlichen Konflikt öffentlich zu machen. Bis zu den nächsten Vorstandswahlen im Frühjahr 1962 mussten wir miteinander auskommen. Als Schriftführer kannte Günter Fritz alle Anschriften der Stuttgarter VK-Mitglieder und wir nahmen uns vor, diese meist passiven Mitglieder einzeln aufzusuchen und auf die nächsten Wahlen vorzubereiten.

Der Offene Brief an Albert Schweitzer

Die größte Herausforderung für die Stuttgarter Kriegsdienstverweigerer war im Herbst 1961 die Bundestagswahl und dabei die Kandidatur der Deutschen Friedensunion mit ihrer Spitzenkandidatin Renate Riemeck. Diese Professorin für Pädagogik warb für die DFU auf einem riesigen Plakat, auf dem sie in das Konterfei des schnauzbärtigen Albert Schweitzer eingeblendet war. Der greise Friedensnobelpreisträger unterstützte von Lambarene aus ihre Kandidatur. Meinen Bruder Manfred ärgerte dies und er schrieb mit meiner Hilfe als Kriegsdienstverweigerer einen Offenen Brief an Albert Schweitzer, in dem er ihn ersuchte, sich von der DFU zu distanzieren.

Er begründete dies folgendermaßen: “Mein ganzer Arbeitstisch ist mit Stapeln von Informationsmaterial über die DFU bedeckt, das meine Freunde vom ”Verband der Kriegsdienstverweigerer” und ich seit der Gründung der DFU mit Sorgfalt gesammelt und kritisch gesichtet haben. Viele wahren Pazifisten sind Anhänger der DFU. Sie betrachten es als ihre Aufgabe, angesichts der furchtbaren Kriegsgefahr ihre Mitbürger wachzurütteln und im nächsten Bundestag durch Entspannungsreden der Kriegspsychose zu steuern. Dass aber diese Pazifisten es allein nicht schaffen können, die 5-Prozent-Hürde zu nehmen, hat der Versuch von Dr. G. Heinemann mit der GVP gelehrt. Die DFU hofft nun mit Hilfe der Stimmen der verbotenen KPD in den Bundestag zu gelangen, wobei manche bürgerlichen DFU-Politiker wohl annehmen, sie könnten die Kommunisten später schon wieder ausbooten. Dass sie inzwischen aber das Vertrauen der Bevölkerung restlos verspielt haben werden und dass die sorgfältig geschulten kommunistischen Funktionäre sich nicht so leicht ausbooten lassen, bedenken diese Politiker nicht genügend. Jedenfalls distanzieren sich die Sprecher der DFU aus Rücksicht auf ihre potentiellen Wähler entweder gar nicht oder doch höchstens gelegentlich und dann sehr zaghaft vom Kommunismus und dem SED-Regime in Mitteldeutschland. Wohl nicht direkt, aber über ein paar Seitenkanäle und Mittelsmänner wird die SED-Regierung ja wohl auch das Wahlplakat, auf dem Sie zusammen mit Frau Prof. Riemeck zu sehen sind, bezahlt haben. Mit solchen Freunden zusammen wäre es mir im Kampf um den Frieden nicht recht geheuer. Die Hinweise der Feinde der DFU auf das Ausmaß der kommunistischen Unterwanderung mögen übertrieben sein, aber dass vieles keine bloße Verleumdung ist, kann ich leider aus persönlichen bitteren Erfahrungen bestätigen. Sämtliche mir und meinen Freunden in Stuttgart bekannten Kommunisten - unter ihnen Pseudokriegsdienstverweigerer, die im Falle der Weltrevolution zum Schießprügei greifen würden - propagieren die DFU mehr oder weniger offen. -

Den zweiseitigen Offenen Brief verteilten wir bei Wahlkampfveranstaltungen der DFU in Stuttgart und auch an anderen Orten Württembergs. Ein halbes Dutzend Aktivisten konnten damit eine erhebliche Wirkung erzielen, weil der offene Brief Fragen ansprach, welche sich viele potenzielle Wähler der DFU selbst stellten. Es gab viel Zuspruch, aber natürlich auch Widerspruch verbitterter DFU-Mitglieder. Ganz vereinzelt kam es aber auch zu persönlichen Angriffen auf die Verteiler. Einer versuchte in Stuttgart meinen Bruder Manfred am Kragen zu packen und ihm die Flugblätter zu entreißen. Der Angreifer war dann erstaunt, dass er - ohne Widerstand zu spüren - die Krawatte in der Hand hatte, nicht aber die Offenen Briefe. Manfred war meiner Aufforderung gefolgt, seriös aufzutreten. Dazu gehörte nun mal die Krawatte. Da er aber keinen Knoten binden konnte, hatte er zu einer Patentkrawatte gegriffen, bei welcher der Knoten - ohne Halsbinde - mit einem kleinen Bügel am Kragen gefestigt wird und sich beim Zugriff sofort löst. Manfred wurde später nicht müde, diese Erfindung als Nahkampfausrüstung für Gewaltfreie zu empfehlen.

Wahlkampf als Manöver

Mit der Wahl zum deutschen Bundestag am 17. September 1961 endete die aktive Phase der Auseinandersetzung mit der DFU. Diese erhielt nicht einmal zwei Prozent der Stimmen. Das bedeutete aber dennoch 75.000 Stimmen in Baden-Württemberg. Es ist schwer einzuschätzen, ob es ohne den Offenen Brief an Albert Schweitzer einige tausend Stimmen mehr gewesen wären. Der Brief hatte zwar nur eine Gesamtauflage von 3.640 Stück erreicht, aber er war gezielt an Wahlkampfveranstaltungen der DFU in Göppingen, Tübingen, Esslingen, Stuttgart und Ludwigsburg verteilt und an 250 Multiplikatoren, 80 VK- und 20 IdK-Gruppen versandt worden. Mehrere Tages- und Wochenzeitungen, darunter “Stuttgarter Nachrichten”, “Vorwärts” und “Spiegel” hatten über den Inhalt berichtet. Unsere Gruppe, die sich an Sonntag-Vormittagen die Einsätze verabredet hatte, bestand während der 5 besonders aktiven Wochen aus 10 Personen. Wir hatten das ganze Unternehmen selbst finanziert. Ich berechnete die Gesamtkosten inklusive Porti, Telefon und Benzin im Rückblick auf DM 140.

Wir hatten uns mit dem Offenen Brief an Albert Schweitzer in den Kreisen, welche die DFU unterstützten, unbeliebt gemacht. Doch wir selbst hatten das Gefühl, bewiesen zu haben, dass die Kriegsdienstverweigerer nicht die nützlichen Idioten sind, die sich für Vorfeldorganisationen des SED-Regimes einspannen lassen. Diese Profilierung im Bundestagswahlkampf hat auch die Resonanz auf unsere weiteren Aktionen und Schriften in pazifistischen und kommunistischen Kreisen nachhaltig geprägt. Ich hatte von nun an das Image eines Antikommunisten, wenn nicht gar kalten Kriegers. Das entsprach nicht meinem Selbstverständnis. Ich hielt es grundsätzlich nicht für ausgeschlossen, dass eine sozialistische Gesellschaftsform sich auch auf demokratische Weise erreichen ließe, glaubte jedoch nicht an die Möglichkeit einer zentralen Planung. Aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen in der Firma meines Vaters, der Elektrogeschäfte in der Umgebung Stuttgarts mit Kleinbeleuchtungskörpern und Batterien belieferte, war mir klar, dass sich die optimale Versorgung der Bevölkerung mit Konsumartikeln nie und nimmer zentral und ohne Konkurrenz steuern ließe. Meine Sympathien gehörten jedoch Genossenschafts- und Mitbestimmungsmodellen und den jüdischen Kibuzzim. Aufgrund meiner historischen Studien und insbesondere der Lektüre Arthur Köstlers und George Orwells war ich ein entschiedener Gegner des diktatorischen Führungsanspruchs einer Partei bzw. deren Zentralkomitee. Ich erachtete den Stalinismus nicht für eine bloße Perversion des Leninismus, sondern für die Konsequenz der Revolutionsmethoden Lenins, des Unterbindens freier Wahlen und der Missachtung unveräußerlicher Menschenrechte.

Die Sonntagsrunden und die Programmschrift

Nach dem Ende des Wahlkampfs behielten wir die sonntäglichen Treffen zwischen 9 und 12 Uhr in der Wohnung meiner Eltern bei. Diese wohnten im dritten Stock über der Wohnung des Hausbesitzers, eines freundlichen Südfrüchtegroßhändlers, der selbst drei erwachsene Kinder und ein weites Herz hatte, uns jedenfalls nie Schwierigkeiten machte. Unsere Tante Maria Liebermann stellte uns ihr großes, durch einen Erker noch zusätzlich belichtetes Zimmer für unsere Beratungen zur Verfügung. Wir saßen um einen großen runden Tisch, der sich auch noch ausziehen ließ. Es gab Apfelsaftschorle und Salzstangen, gelegentlich auch mal Apfelkuchen, den unsere Mutter quadratmeterweise zu backen verstand. Es herrschte bei unseren Treffen das, was Schwaben als eine gemütliche Atmosphäre bezeichnen. Dazu passte auch der freundschaftliche, fröhliche Umgangston. Man zog sich auch selbst durch den Kakao und nahm sich wechselseitig auf die Schippe.

Das zu erwähnen ist wichtig, weil der bloße Blick in unsere Flugblätter und programmatischen Schriften, die wir in diesem Kreis erarbeiteten und auch die Protokolle, die wir seit dem 24. September 1961 von unseren Treffen ausführlich und sorgfältig anfertigten, den Leser möglicherweise auf ein anderes Erscheinungsbild schließen lassen. Unser Ziel war das Formieren von Einsatzgruppen der gewaltfreien Aktion, die Militär und Polizei an Einsatzbereitschaft und Disziplin in nichts nachstünden. Wir befleißigten uns auch eines entsprechenden Vokabulars und wir wurden darin kurioserweise auch durch die Schriften Gandhis bestärkt. Gandhi macht auch Anleihen beim militärischen Vokabular. Bei uns war es ähnlich, weil wir uns auch nicht darüber im Klaren waren, dass wir eigentlich autoritäre Denk- und Verhaltensweisen zugunsten basisdemokratischer überwinden sollten. Unser Umgangsstil war freundschaftlich, aber unsere (geschriebene) Sprache war noch traditionell autoritär. Auf diesem Sektor musste ich noch einiges lernen. In der Sprache war ich Produkt meiner Zeit und geprägt durch den Umstand, dass ich - trotz antifaschistischer Überzeugungen und einem entsprechenden Elternhaus - doch unbewusst einige Züge der Lingua Tertii Imperii, der Sprache des Dritten Reiches, inhaliert hatte. Selbst einem Studenten der Deutschen Sprache und der deutschen Geschichte unterlaufen dann unwillkürlich sprachliche Anleihen bei einer konservativen, sogar faschistischen Kultur, zu der man sich eigentlich in Opposition dünkt. Auf dieses Problem bin ich später in besonders kompetenter Form durch Victor Klemperer hingewiesen worden und darum lese ich heute auch einige meiner damaligen Aufzeichnungen nur noch mit Widerwillen und gelegentlich sogar Abscheu. Auf der anderen Seite war es aber auch notwendig, sich von einem pazifistischen Jargon, der Konflikte zu profilieren sich scheute, deutlich abzusetzen. Wir mussten eine neue Sprache suchen zwischen der militärischen Diktion und dem pazifistischen Friede, Freude, Eierkuchen.

Was uns bei den ersten programmatischen Beratungen noch fehlte, war eine Bezeichnung für unser Vorhaben. In den ersten Protokollen nannten wir uns noch Gruppe für gewaltlose, direkte Aktionen.

Wir meinten, dass wir dies durch eine programmatische Bezeichnung zum Ausdruck bringen sollten. Wir suchten nach einer Übersetzung für Gandhis Konzept der Shanti Sena und fanden sie in dem Wort “Gewaltfreie Zivilarmee”. Neu war auch das Wort “gewaltfrei”. Es gefiel uns besser als das schwächliche, nach Verzicht klingende “gewaltlos”, mit dem man gar zu leicht auch “machtlos” assoziierte. Wir wollten unterstreichen, dass wir uns von einem schädlichen Mittel frei gemacht hatten.

Am 1. März 1962 erschien im Eigenverlag unsere 42-seitige Broschüre “Die Gewaltfreie Zivilarmee. Stimme der jungen Generation”. Verantwortlich zeichnete Günter Fritz, da ich mich im Umfeld des Tübinger Historischen Seminars noch nicht outen wollte. Die erste Auflage umfasste 1.000 Exemplare. Sie kostete nur eine Mark, und bereits im Juli 1962 mussten wir sie mit 1.500 Exemplaren ein zweites Mal auflegen.

Das Mitteilungsblatt “konsequent”

Wir hatten zunächst gedacht, unser forsches Auftreten als Aufbau-Organisation der Gewaltfreien Zivilarmee würde Eindruck machen und uns weitere junge Menschen zuführen. Das war aber nur bei wenigen der Fall. Der Kern der Gruppe “Gewaltfreie Zivilarmee” bestand aus einem Dutzend Kriegsdienstverweigerer mit einem gewissen Umfeld, das zu bestimmten Anlässen aktiviert werden konnte. Es gab auch in anderen Großstädten vergleichbare Gruppen. Interessierte Gruppen und Einzelkämpfer - unter ihnen wieder Hans-Konrad Tempel und Dr. Andreas Buro - trafen sich im Frühjahr 1962 im Internationalen Freundschaftsheim in Bückeburg. Dort wurde auch das Projekt einer Internationalen Friedensbrigade vorgestellt. Das Projekt war imponierend. Der Schwachpunkt war: Es gab nur Häuptlinge; es fehlten die Indianer. Wir Stuttgarter meinten, dass ein Netzwerk nationaler Gruppen die Basis für internationale Einsätze bilden sollte. Die Stuttgarter Gruppe angelte sich den Auftrag, ein Kommunikationsorgan herauszugeben. Es nannte sich “Konsequent. Nachrichten der Aktionsgruppen für gewaltfreien Widerstand” und erschien in den Jahren 1962 bis 1964. Die Hefte umfassten 14 bis 24 Schreibmaschinenseiten. Die Texte wurden auf Alufolien getippt und dann auf einer Maschine, welche mein Bruder Manfred angeschafft hatte, gedruckt. Manfred hatte schon damals ein Faible für Technikgeschichte. Die Maschine war eigentlich schon museumsreif. Das Schriftbild war nicht berückend und der Druck klappte nur, weil zu unserer Gruppe auch ein Berufsdrucker gehörte, der diese Maschine noch zu handhaben wusste. Auch Manfred verfügte über technisches Geschick und kümmerte sich um die erforderliche Auflage von einigen hundert Exemplaren.

Direkte Aktion beim Staatsbesuch de Gaulles

Wir waren die einzige Gruppe, die sich “Gewaltfreie Zivilarmee” nannte, aber es gab vergleichbare gewaltfreie Aktionsgruppen aus Kriegsdienstverweigerern in Berlin, Hamburg, Frankfurt, Hannover und Bückeburg-Minden. Zu einer gemeinsamen Aktion kam es anlässlich des Staatsbesuches des französischen Präsidenten de Gaulle in Ludwigsburg am 9. September 1962. Wir wollten dafür demonstrieren, dass Frankreich ein Recht auf Kriegsdienstverweigerung erhält, das dem deutschen ähnlich wäre. Doch mit Hinweisen auf die Sicherheitslage wurde eine Demonstration an der Einfahrt zum Ludwigsburger Schloss verboten. Dort wartete aber vorsichtshalber eine halbe Hundertschaft der Polizei auf uns. Die Stuttgarter Aktionsgruppe, die durch Verstärkung aus Heidelberg, Karlsruhe und Frankfurt auf 40 Personen angewachsen war, hatte ihren Demonstrationsplan nicht aufgegeben, sondern nur nach einem anderen Ort gesucht. Wir bildeten an der Hauptzufahrtsstraße zum Schloss eine Art unauffälligen Block hinter der Polizeikette. Unsere Parolen zugunsten der französischen Kriegsdienstverweigerer hatten wir auf gelbe Bogen im Format DIN A 2 gepinselt, die Bögen an zwei dünne Holzstäbe geklebt, dann eingerollt und unter die Jacken oder in ein Hosenbein gesteckt.

Die Prominenz fuhr nicht im geschlossenen Zug an, sondern im Abstand von mehreren Minuten. Als um 17 Uhr Bundeskanzler Adenauer vorbeifuhr, gab ich noch nicht das Zeichen zum Entrollen der Plakate, weil ich befürchtete, dass die Polizei sofort Verstärkung rufen und uns die Plakate abnehmen würde. Erst als eine Viertelstunde später Staatspräsident de Gaulle und Bundespräsident Lübke im offenen Wagen sich langsam näherten und huldvoll grüßten, entrollten wir auf mein Signal die Parolen. Zumindest Außenminister Schröder las sie aufmerksam. Die Polizei griff nicht ein. Ihre Kette war in unserer Nähe auch besonders dünn, weil wir uns zuvor ruhig verhalten hatten. An anderen Stellen hatte die Menge als eine Art Volkssport und zum Zeitvertreib mit “Hau-Ruck”-Rufen gegen die Polizeikette gedrängt.

Für die Polizei waren wir im entscheidenden Moment kein Problem. Es gelang auch, unsere gelben Flugblätter an die Umstehenden zu verteilen und Hans-Peter Müller glückte sogar das Husarenstück, in den Pressebus durch das Fenster einen Stoß Flugblätter zu reichen, so dass die photographierenden Journalisten wussten, mit wem sie es zu tun hatten. So wurde über unsere Aktion am Rande des Staatsbesuchs in der Presse, nachweislich in der “Ludwigsburger Zeitung” und der “Frankfurter Rundschau”, auch berichtet.

Schlagzeilen hätten wir vielleicht machen können, wenn ich auf einen spontanen Vorschlag eingegangen wäre. Zu unserer Überraschung marschierte eine Bundeswehrkapelle mit klingendem Spiel dem Auto der Staatsoberhäupter hinterher. Das empfanden wir als Provokation, aber ich gab dann doch nicht das Signal, diesen Zug durch einen Sitzprotest auf der Straße zu stoppen. Wir hatten diese Möglichkeit nie bedacht und ich konnte die Folgen einer Besetzung der Straße in diesem Moment auch nicht annähernd abschätzen. Die Polizei neigt bei Staatsbesuchen zu einem überdimensionalen Schutz von Staatsgästen, und wenn dann eine unerschrockene Person wie General de Gaulle, dessen persönliche Tapferkeit ich immer respektiert habe, darauf keinen besonderen Wert legt, dann sollte man eine solche Gelegenheiten zur direkten Aktion auch nicht spontan nutzen.

Weil wir vorsichtig waren und nicht auf Teufel komm raus provozieren wollten, hat unsere Gruppe des Öfteren nur kleine Brötchen backen können. Wir haben geholfen, den Ostermarsch zu organisieren und ihn einigermaßen unabhängig vom Einfluss der DFU zu halten. Wir waren verlässliche Partner des Zentralen Ausschusses. Während des Ostermarsches konnten wir nicht als Gewaltfreie Zivilarmee in Erscheinung treten. Solche Gruppenkennzeichnungen waren generell nicht erlaubt. Es durften auch nur vom Zentralen Ausschuss genehmigte Parolen gezeigt werden. Das war eine Selbstschutzmaßnahme. Wir wussten genau: Wenn irgendein Plakat auftauchen würde, das eine Parole zeigte, welche die DDR begünstigte, würden die Photographen genau dieses Plakat herausgreifen und damit den ganzen Marsch in Misskredit bringen.

Engagement während der Spiegel-Affäre

Wir haben viele kleine Aktionen durchgeführt. Wir haben mit Gasmasken, die aus dem Zweiten Weltkrieg übrig geblieben waren, gegen die Wirkungslosigkeit des Luftschutzes im Atomkrieg demonstriert: “Der Tierschutz ist für alle Viecher, der Luftschutz für die Katz!” und wir haben uns mit einer Mahnwache vor dem italienischen Konsulat mit Danilo Dolcis Hungerstreik zugunsten eines Staudamms auf Sizilien solidarisiert. Der Konsul hat uns auch empfangen und uns versprochen, unser Demonstration nach Rom zu melden.

Die größte Herausforderung kam im Oktober 1962 auf unsere Gruppe zu. Das Wochenmagazin “Der Spiegel” hatte Mitte Oktober von dem NATO-Manöver “Fallex 62” in einer Titelgeschichte berichtet. Es war das erste Manöver, dem die Annahme zugrunde lag, dass der Dritte Weltkrieg mit einem Großangriff des Warschauer Paktes auf Europa beginnen würde. Die Sätze, welche eine Stuttgarter Gruppe von Mitgliedern des Verbandes der Kriegsdienstverweigerer in dem Report des “Spiegel” am meisten erregten, lauteten: ” Nach wenigen Tagen waren erhebliche Teile erhebliche Teile Englands und der Bundesrepublik zerstört. In beiden Ländern rechnete man mit 10 bis 15 Millionen Toten. Das Sanitätswesen brach als erstes zusammen. Es fehlte an Ärzten, an Hilfslazaretten und Medikamenten. Die Luftschutzmaßnahmen erwiesen sich als vollkommen unzureichend. Die Lenkung des Flüchtlingsstroms war undurchführbar.”

Dieser Bericht bestätigte quasi NATO-offiziell die schlimmsten Befürchtungen unserer Gruppe, die sich wie immer auch am Morgen des Sonntag des 28. Oktober 1962 wieder in der Wohnung meiner Eltern in der Johannesstraße 67 im Westen Stuttgarts traf. Ein brandaktuelles Thema verdrängte das vorgesehene Referat über den Widerstand der norwegischen Lehrer gegen das Quisling-Regime im Jahre 1942. Am Vortage war Rudolf Augstein, der Herausgeber des “Spiegel” festgenommen und die Redaktionsräume von der Staatsanwaltschaft versiegelt worden. Der Vorwurf lautete: Landesverrat!

“Das ist doch Schwachsinn! Der Spiegel hat dem Volk mitgeteilt, welchen Irrsinn die NATO-Strategen planen. Franz Josef Strauß kann die Wahrheit nicht ertragen und will nun seinen Intimfein, Rudolf Augstein, ins Gefängnis bringen”, sagte Günter Fritz, der Schriftführer des VK. Damit sprach er Allen aus dem Herzen. “Wir dürfen uns von dem Vorwurf des Landesverrats nicht einschüchtern lassen. Wir müssen sofort auf die Straße gehen. Noch heute!”

Die “Gewaltfreie Zivilarmee”, so winzig und unbekannt sie auch war, erklärte den Schlag gegen den “Spiegel” zum Verteidigungsfall der Demokratie und beriet die nächsten zwei Stunden über die geeigneten Widerstandsmaßnahmen.

“Die meisten Journalisten werden in der Verhaftung Augsteins einen Angriff auf die Pressefreiheit sehen. Wir müssen ihnen ganz schnell die Nachrichten zum Protest der Bevölkerung liefern, die sie brauchen. Wir demonstrieren spontan auf der Königstraße. Wir stellen uns vor das Verlagsgebäude der Stuttgarter Nachrichten. Mitten in der Stadt. Dort sind wir nicht zu übersehen.” Das war meine Empfehlung.

Sie leuchtete ein. “Wir brauchen einen Blickfang. Wenn wir da nur rumstehen und ?Freiheit für Augstein’ rufen, hilft dies nicht viel”, gab Artur Epp zu bedenken. Und dann machte Jutta Vorwerk, die vom Krakeelen überhaupt nichts hielt, einen überraschenden Vorschlag: “Wir bilden vor dem Verlagsgebäude eine lange Reihe. Jeder nimmt irgendeine Nummer des “Spiegel” in die Hand und liest darin. Und wir kleben uns den Mund zu - mit Heftpflaster.” - Artur stimmte sofort zu: “Das ist genial. Da kapiert jeder sofort, was gemeint ist.” Auch mir gefiel der Vorschlag: “Da können sich Passanten spontan anschließen und wir sind sicher, dass sie keinen Unsinn erzählen und dies dann als die Meinung der Demonstranten zitiert wird.”

“Nun redet nicht so viel. Vor Redaktionsschluss, sagen wir mal um fünf Uhr, müssen wir auf der Königsstraße stehen. Wir sollten jetzt die Arbeit aufteilen”, sagte Günter, ohnehin unser Spezialist fürs Organisieren. Ich durfte mich zurückziehen und die Presseerklärung tippen. “Aber ich muss mich vorher noch besser informieren. Ich nehme das Moped und fahre zum Bahnhof und kaufe die Sonntagszeitungen.” - “Mach es aber kurz und wenn Du fertig bist, gib den Text sofort an die Deutsche Presseagentur durch!”, ermahnte mich Günter. Artur wollte sich um das Klebeband kümmern und Günter wollte alte “Spiegel”-Hefte mitbringen. “Mein Stiefvater sammelt sie. Ich muss sie nur wieder zurückbringen.” Und Günter wollte auch mit Hilfe seiner Adressenliste noch weitere Demonstranten herbeitelefonieren. Alle anderen sollten nach Gusto Plakate malen. Parole: “Weiterhin Courage Herr Augstein - ihre Spiegelleser.” - “Und um vier Uhr treffen wir uns vor dem Verlagsgebäude.”

Die Fahrt zum Bahnhof hätte ich mir sparen können. Die Sonntagszeitungen berichteten nichts, was in meiner Presseerklärung oder in bei unserer Aktion hätte berücksichtigt werden müssen. Von Protesten war noch nicht die Rede. Ich überlegte, wie ich plausibel machen sollte, dass unsere Gruppe von Kriegsdienstverweigern als erste auf die Straße ging und sich mit den angeblichen Landesverrätern solidarisierte. Möglichst viele sollten sich mit unserem Protest identifizieren. War es da nicht besser, wenn wir uns heute nicht als Randgruppe der Gesellschaft zu erkennen gaben, also weder von Kriegsdienstverweigerung, noch von unserer Teilnahme an den Ostermärschen, noch gar von unserem Plan des Aufbaus einer Gewaltfreien Zivilarmee sprachen. “Wir tun so, als ob wir uns sonntagmorgens regelmäßig zu einer Art politischem Stammtisch treffen und uns nun spontan zu diesem Zeichen der Ermunterung für die inhaftierten Spiegel-Redakteure entschlossen haben.”

Das sagte ich Günter am Telefon. Auch mit Artur Epp verständigte ich mich noch. Sie waren einverstanden: “Ja, um der Sache willen, ist heute Zurückhaltung geboten. Flagge zeigen, könnten wir ein andermal.”

Ich telefonierte wie verabredet mit dpa und kündigte unsere Demonstration an. Sie hatten am Sonntagnachmittag keinen “rasenden Reporter” zur Verfügung, aber die Dienst Tuende ließ sich unsere Presseerklärung in den Stenogrammblock diktieren. Es war die Stimme einer jungen Frau. Sie sagte: “Das geht jetzt über den Ticker.”

Das war um 15 Uhr. Um 16 Uhr trafen wir uns vor dem Verlagsgebäude der “Stuttgarter Nachrichten. Wir hätten auch die etwas größere “Stuttgarter Zeitung” wählen können, doch deren Verlagsgebäude lag nicht an der Flanierstraße der Stuttgarter, sondern in an einem verkehrsreichen Eck, wo wir weniger gut unsere Reihe bilden konnten. Alles lief wie geplant. Günters Telefonkette hatte unsere Reihe um sechs weitere Mitglieder des Verbandes der Kriegsdienstverweigerer verstärkt. Wir waren nun - einschließlich meiner Mutter - 15 Personen. Bis auf mich, der ich mit der Presse und gegebenenfalls mit der Polizei Kontakt halten sollte, ließen sich alle den Mund kreuzweise mit Heftpflaster verschließen. Als die Reihe stand, brauchte ich gar nicht mehr ins Verlagsgebäude zu gehen. Ein Lokalreporter kam mit einer Sofortbildkamera, fragte wer wir seien und nahm meine Presseerklärung entgegen.

Die Polizei hatte uns auch bemerkt, beschränkte sich aber darauf, mit einem Streifenwagen die Königstraße auf und ab zu fahren. Es war sonniges Wetter, wenn auch bereits etwas frisch. Viele Spaziergänger waren nicht unterwegs, aber diejenigen, die vorbei kamen, schauten interessiert und freundlich. Manche stimmten uns auch zu: “Das hat sich der Strauß ausgedacht, um sich an Augstein zu rächen.” Zwei Bekannte von Günter Fritz, die zufällig vorbei kamen, schlossen sich uns an. Es kamen noch ein Dutzend weitere Stuttgarter hinzu. Alle nahmen eine Spiegel-Nummer in die Hand und ließen sich den Mund kreuzweise überkleben. Ich konnte nicht alles allein erklären. Günter riss das Klebeband ab und half mir. Als wir eine gute Stunde auf der Straße gestanden hatten und die Zahl der Passanten nachließ, sammelten wir die Spiegel-Hefte wieder ein und beendeten die Aktion.

“Ob wir etwas bewirkt haben?” Natürlich waren wir optimistisch. “Sollen wir uns noch zusammen ins Cafe setzen?”, fragte Artur. Ich wollte lieber schauen, was die Tagesschau über die Spiegel-Affäre berichten würde. Das war eine glückliche Entscheidung, denn es gab eine Überraschung. Der Reporter der Stuttgarter Nachrichten war fix gewesen. Unser Bild kam in der Tagesschau. Bürgerprotest zugunsten der Spiegel-Redakteure! Das erste Zeichen, dass der Mann auf der Straße sich von Adenauers Rede, dass hier “ein Abgrund von Landesverrat” klaffe, nicht einschüchtern ließ.

Auch der Ticker von dpa tat sein Werk. Wir hatten die Nachricht produziert, auf welche die Presse gewartet hatte. Die Stuttgarter Nachrichten - und sogar die Konkurrenz, die Stuttgarter Zeitung - berichteten am Montag über unsere Aktion, die eine mit Bild, die andere ohne. Mich freute, dass meine Presseerklärung vollständig zitiert wurde. Zur Einleitung hieß es: “Wie der Sprecher, ein Philosophiestudent, sagte, treffen sich die demonstrierenden “Spiegel”-Leser allwöchentlich in zwangsloser Form zu einem politischen Stammtisch, bei dem sie über politische Tagesfragen diskutieren.” Es wurde darauf hingewiesen, dass nach unserer Ansicht das Vorgehen der Bundesanwaltschaft “gegen Grundgesetz und Pressefreiheit” verstößt und dann wurde wie es hieß “im Wortlaut” unsere Presseerklärung veröffentlicht: “Auf die Nachricht über das Vorgehen der Bundesanwaltschaft gegen die Redaktion des Spiegel haben sich die hier anwesenden Stuttgarter Spiegel-Leser spontan zu dieser Demonstration zusammengefunden. Sie sind dem ?Spiegel’ für seinen couragierten Bericht über das Manöver Fallex 62 dankbar. Wie sollen wir als Wähler ohne Informationen über unser Schicksal entscheiden?

Wir halten die Beschuldigung des Landesverrates für lächerlich, da außer dem Bundesanwalt wohl niemand in der Bundesrepublik die russische Spionage für so unfähig hält, dass sie auf die Spiegel-Lektüre angewiesen wäre.

Sollte unter irgendwelchen Vorwänden die Pressefreiheit eingeschränkt werden, sind wir, um unser Grundrecht auf Informationsfreiheit zu sichern, zur direkten, gewaltfreien Aktion entschlossen.”

Aus dem letzten Satz konnte man schließen, dass wir vielleicht doch etwas mehr als ein politisierender Stammtisch waren. Am Samstag, den 3. November wurde auf der Königstraße die Demonstration wiederholt. Mit einem Photo berichtete die Stuttgarter Zeitung unter der Überschrift “Demonstration auf der Königsstraße” am 3. November: “Auf ?englische Art’ protestierten am Samstag in Stuttgart etwa 200 €Spiegel’-Leser gegen die ?Spiegel’-Aktion. Um 15 Uhr sickerten nach englischem Vorbild die Demonstranten aus den Seitenstraßen in die wegen des ?langen Samstags’ stark bevölkerte Königsstraße, mischten sich in kleinen Gruppen unter die Straßenpassanten und promenierten auf beiden Gehwegen in den Fußgängerströmen langsam die Königsstraße auf und ab. Etwa 25 von ihnen trugen Schilder mit Aufschriften wie “Rechtsstaat in Gefahr”, “Presse frei - Redakteure verhaftet”, “Weiterhin Courage Herr Augstein - Ihre Spiegelleser”, “Spiegel-Affäre: Rache von Strauß?”. Es kam nirgends zu Zwischenfällen. Gegen 16.45 Uhr verschwanden die Demonstranten wieder aus dem Stadtbild.”

Den Kern der Demonstration bildete zwar auch in diesem Falle wieder unsere gewaltfreie Aktionsgruppe, aber die Zahl der Teilnehmer hatte sich verzehnfacht. Der Tenor der an Dachlatten befestigten Plakate war jedoch derselbe geblieben. Diese größere Aktion kam aber nicht mehr in der Abendschau. Sie war nur noch eine lokale Nachricht, denn inzwischen war der Protest in der ganzen Bundesrepublik angeschwollen, aus dem Stuttgarter Nesenbach war ein nationaler Strom des Protests geworden. In Tübingen und Frankfurt protestierten Professoren und Studenten gemeinsam, nicht mit Resolutionen, sondern auch mit Umzügen und den ersten Sitzprotesten. Mit Verspätung hatte sich auch die Opposition im Deutschen Bundestag zu rühren begonnen und hatte den Rücktritt von Verteidigungsminister Strauß, der die Verhaftung ausgelöst hatte, gefordert.

Der Verlauf der Spiegel-Affäre kündigte ein neues demokratisches Verhaltensmuster an: Der Protest des Bürgers auf der Straße geht der parlamentarischen Aktion voran! Aus der Sicht der Gewaltfreien Zivilarmee hatte die APO und die Bürgerinitiativen ihre Geburtsstunde am 28. Oktober in Stuttgart - und meine Freunde und ich konnten sagen: Wir sind dabei gewesen, sogar ein wenig mehr als dies: Wir haben den Anstoß gegeben!

Vorläufer der APO

Unsere Stuttgarter Aktionsgruppe hat also einiges von dem vorweg genommen, was heute mit der Generation der 1968er verbunden wird. Die Gewaltfreie Zivilarmee bildete keine Kommune, aber wir verabredeten uns immer wieder zu gewaltfreien, direkten Aktionen und wir hofften ähnlich wie die 1968er, dass unsere Aktionen eine Bewegung auslösen würden.

Wir hatten als kleine Gruppe die Hoffnung, dass uns mit der zündenden Idee des gewaltfreien Widerstands als Mittel der Verteidigungspolitik früher oder später der Durchbruch zu einer Jugend-Massen-Bewegung gelingen würde. In der Broschüre “Gewaltfreie Zivilarmee” fand sich auch ein entsprechendes Schema der vier Phasen einer solchen Jugend-Massen-Bewegung. Kennzeichnend für diese Phasen war aber, dass wir mit anhaltender Skepsis in unserer Umwelt rechneten. Fortschritte erhoffte die Gewaltfreie Zivilarmee von nützlichen Leistungen für die Gesellschaft. Wir wollten geradezu vorbildliche Demokraten sein. Darum war auch der Einsatz für die Pressefreiheit immer wieder unser Anliegen. Wir demonstrierten im Mai 1963 vor dem Süddeutschen Rundfunk gegen die Entlassung des “Panorama”-Redakteurs Gerd von Paczensky. Wir erwogen nach einer Flutkatastrophe als Helfer nach Hamburg zu fahren.

Im Übrigen war unser äußeres Auftreten absichtlich angepasst. Wir wollten durch Kleidung und Haarschnitt nicht auffallen. Aus London hatte ich die Parole mit gebracht: “Why sabotage the peace movement for the price of a haircut?” Der Respekt vor der Person des anderen, verbot auch Libertinage im Umgang mit dem anderen Geschlecht. Wir suchten verlässliche Partnerinnen fürs Leben, keine flüchtigen Beziehungen. Es gibt also doch eine ganze Reihe von gravierenden Unterschieden zu den Berliner Experimenten der Kommune I und zu den späteren kommunistischen Mini-Parteien und Aufbau-Organisationen und zwar nicht nur in der Ideologie, sondern auch im Auftreten und im Verhalten. Und doch sehe ich auch in der Gewaltfreien Zivilarmee ein Experiment der Nachkriegsgeneration, zu einer neuen, demokratischen Identität zu finden.

Wir nutzten die öffentliche Erregung um die Spiegel-Affäre, um auf den Verlauf des NATO-Manövers “Fallex 62” hinzuweisen. Uns schien es plausibel, aus dem Verlauf des Manövers die Schlussfolgerung zu ziehen: Die militärische Abschreckung ist durch die Vorbereitung des gewaltfreien Widerstands zu ersetzen und dementsprechend ist eine gewaltfreie Zivilarmee aufzubauen. Wir versuchten diese Botschaft durch das Verteilen von Flugblättern, durch Mahnwachen am Stuttgarter Hauptbahnhof und durch Vorträge zu vermitteln. Die größeren Reden musste ich halten, aber wir ließen uns auch von evangelischen Religionslehrern in Schulen einladen.

Mitglieder der Gewaltfreien Zivilarmee haben des Öfteren in Gewerbeschulen gesprochen. Ich erinnere mich, dass ich mehrfach mit l6- oder 17-jährigen Mädchen - wahrscheinlich Friseurinnen oder Arzthelferinnen - über gewaltlosen Widerstand sprach. Sie waren fasziniert, aber sie waren noch zu jung, um zu irgendwelchen Versammlungen zu kommen oder um an Aktionen teilzunehmen. Die Religionslehrer hatten Vertrauen zu uns. Sonst hätten sie uns nicht wiederholt zum Unterricht eingeladen. Mein Eindruck war: Die Schüler und Schülerinnen fanden die Geschichten, die wir ihnen über die verschiedenen Widerstandsaktionen aus dem Dritten Reich, aus Indien, den USA und England erzählten, sehr spannend. Ich hatte nie Probleme mit der Aufmerksamkeit der Schüler.

Vom Agitator zum Friedensforscher

Trotzdem, unsere Bewegung ist nicht wesentlich gewachsen. Wir spürten aber bei unseren öffentlichen Auftritten und auch bei den internen Beratungen, dass wir zwar allmählich einiges über historische Fälle gewaltfreien Widerstands wussten, aber noch nicht in der Lage waren, in systematischer Form über die Strategie und Taktik des gewaltfreien Widerstands gegen eine Besatzungsmacht zu referieren. Ich war der Hauptredner der Gruppe und mir wurden meine konzeptionellen Defizite immer deutlicher. Ich fuhr nach London und sprach in der Redaktion der Wochenzeitung Peace News mit einigen soziologisch und historisch gebildeten jungen Redakteuren, vor allem mit April Carter und Adam Roberts. Beide sind heute angesehene Professoren an britischen Universitäten. Ich fuhr zu Gene Sharp nach Oxford und berichtete ihm, dem Verfasser der richtunggebenden Fallstudie über den Widerstand der norwegischen Lehrer gegen das Quisling-Regime, von unserem Stuttgarter Experiment. Er war sehr aufmerksam. Er riet mir, statt weiter bei zufälligen Gelegenheiten in Schulen oder in den rauchigen Versammlungssälen von Stuttgarter Brauereien zu agitieren, mich auf die Erforschung des gewaltfreien Widerstands zu konzentrieren. Aus Honoraren, die er aus Indien nicht transferieren konnte, ermöglichte er mir, eine kleine Bibliothek von Gandhis Schriften zu bestellen. Gene Sharp, der heutige Seniorleiter im Albert-Einstein-Forschungsinstitut für gewaltfreien Widertand in Boston, war damals eine große Hilfe für mich, den Rat suchenden Studenten, und er ist mir ein Leben lang ein guter Freund geblieben.

In Gesprächen mit ihm, mit Adam Roberts und April Carter reifte auch der Entschluss, im Oktober 1964 eine Konferenz zur Erforschung des gewaltfreien Widerstands nach Oxford einzuberufen, die Civilian Defence Study Conference. Aus dieser Konferenz ging ein Grund legendes Buch über die Strategie der Sozialen Verteidigung hervor, das Adam Roberts herausgab. 2 Die Engländer nannten das neue Verteidigungskonzept “Civilian Defence”. Ich habe diesen Begriff ins Deutsche mit “Soziale Verteidigung” übertragen, weil der Begriff “Zivilverteidigung” in Deutschland mit “Luftschutz” assoziiert wurde.

Diese Verlagerung der Gewichte von der Agitation und direkten Aktion auf die Forschung entsprach auch meiner neuen Lebenssituation. Ich hatte das Engagement in und für die Gewaltfreie Zivilarmee mit meinem Studium der Geschichte und Germanistik in Tübingen zu verbinden gesucht. Die erforderlichen Leistungen fielen mir nicht schwer, aber ich kam mit dem konservativen Wissenschaftsbetrieb der Historiker nicht mehr zurecht. Ich entschloss mich, die Universität und das Studienfach zu wechseln. Da ich bereits sechs Jahre studiert hatte und eigentlich vor dem Examen stand, war dies eine schwierige Entscheidung. An der Universität Erlangen wurde es mir von Waldemar Besson, der sich an der Universität Tübingen mit einer Arbeit über die Geschichte des Nationalsozialismus habilitiert hatte und der dann auf einen neuen Lehrstuhl für Politischen Wissenschaft an der Universität Erlangen berufen worden war, ermöglicht, ohne jedes Vorexamen und fast ohne entsprechendes Studium in Politischer Wissenschaft zu promovieren. Er akzeptierte zu meiner freudigen Überraschung den Vorschlag, das Modell einer gewaltfreien Kampagne aus verschiedenen historischen Fallstudien zu destillieren. Die Arbeit ist 1965 fertig geworden. Ich hatte das Buch “Gewaltfreier Aufstand - Alternative zum Bürgerkrieg” in 12 Monaten geschrieben. Es kamen mir dabei eine Reihe von Umständen entgegen: der wichtigste war, dass ich als Agitator der Gewaltfreien Zivilarmee ein Gespür dafür erworben hatte, welche Fragen die Menschen bewegen, wenn sie es mit gewaltfreien Widerstand zu tun bekommen.

Ich bin an den Wochenenden von Erlangen noch ziemlich regelmäßig nach Stuttgart gefahren, um den Kontakt zu meinen Freunden zu halten, aber ich hatte im Jahre 1964 nicht mehr die Kraft, mich neben der Forschung an eigenständigen Aktionen der Gruppe Gewaltfreie Zivilarmee zu beteiligen. Ohne mein Zutun ist die Gruppe dann auch wieder in den Schoß des Verbandes der Kriegsdienstverweigerer und des Ostermarsches der Atomwaffengegner zurückgekehrt. Doch für den deutschen Pazifismus blieb unser Experiment folgenreich. Der gewaltfreie Widerstand als Mittel der Verteidigungspolitik setzte sich zunächst im Verband der Kriegsdienstverweigerer als Konzept durch, etwas später dann auch bei anderen pazifistischen Organisationen. Diese konzeptionelle Innovation zeigte sich auch daran, dass ich in den Bundesvorstand des VK gewählt wurde und die Verbandszeitschrift “Zivil” bis in das Jahr 1968 mitgestalten konnte. Als im August dieses Jahres die Tschechen und Slowaken auf die sowjetische Invasion mit unbewaffnetem Widerstand reagierten, deutete der Verband des Kriegsdienstverweigerer dies als Zeichen dafür, dass eine neue Epoche gewaltfreier Sicherheitspolitik begonnen habe und dass das Instrument der gewaltfreien Aktion unbedingt weiterentwickelt werden sollte.

Der Verband der Kriegsdienstverweigerer geriet 1969 in eine schwere Krise. Frankfurter SDS-Mitglieder, die mit ihrer Agitation vor Kasernen zeitweilig dem VK-Nachwuchs imponierten, aber zu unserem Entsetzen für den revolutionären Befreiungskrieg agitierten und den Gewaltlosigkeitsparagraphen aus der Satzung strichen, übernahmen vorübergehend die Leitung des Verbandes, scheiterten aber am Boykott vieler Ortsgruppen und einer einstweiligen Verfügung, welche die Änderung der Satzung in ihrem gewaltlosen Kern untersagte. Ich war in der dummen Lage, dass ich dieser Krise von Berlin aus, wo es keine VK-Gruppe gab, nicht steuern konnte. Es fehlte mir jede Hausmacht. 1966 hatte Ossip Flechtheim mich als seinen Assistenten ans Otto-Suhr-Institut geholt und ich war dann in den Jahren 1967/68 vor allem damit befasst, mit den Studenten den gewaltfreien Protest einzuüben.

1969 ermöglichte mir der Versöhnungsbund, dessen Vorstand ich von da an fast zwei Jahrzehnte angehörte, die neue Zeitschrift “Gewaltfreie Aktion. Vierteljahreshefte für Frieden und Gerechtigkeit” herauszugeben. Diese Zeitschrift ist eine wichtige historische Quelle für die weitere Entwicklung der gewaltfreien Aktionsgruppen in Deutschland. Darum kann ich hier meinen Bericht über das Experiment der “Gewaltfreien Zivilarmee” beenden.

Was sich hier anschließen müsste, wäre jetzt ein weiterer Vortrag über die Entwicklung einer Strategie der “Sozialen Verteidigung”. Das strategische Konzept wurde vor allem in der Studiengruppe “Soziale Verteidigung” der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler entwickelt - vor allem unter Berücksichtigung der Erfahrungen, die in den von den Deutschen besetzten Gebieten im Zweiten Weltkrieg und 1968 in der CSSR gemacht worden waren. Dass diese Forschungsarbeit, von der das Konzept heute noch zehrt, möglich wurde, ist vor allem der Weitsicht der Professoren Gustav Heckmann, Ossip Flechtheim und Carl Friedrich von Weizsäcker zu verdanken. Rückblickend halte ich diese Verbindung von Praxis und Forschung für ausschlaggebend. Mein Freund Johan Galtung hat mal den deutschen Friedensbewegten als einen Typen geschildert, der einen demonstrationstauglichen, also wasserdichten Parka trägt mit vielen Taschen. Diese Taschen wären voll gestopft mit Büchern und Papieren. Das ist eine goldrichtige Beobachtung: Die gewaltfreie Aktion ist eine Verbindung von körperlichem Einsatz und Kopfarbeit. Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, dies mit meinem Erzählen vom Experiment “Gewaltfreie Zivilarmee” deutlich zu machen.

Anmerkung:

2 Adam Roberts (Hg.): Gewaltloser Widerstand gegen Aggressoren. Probleme, Beispiel, Strategien, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1971

>> Teil I

Veröffentlicht am

16. November 2005

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