Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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Auf der Suche nach einer gewaltfreien Alternative zur Bundeswehr (I)

Erfahrungsbericht eines Friedensforschers

Von Theodor Ebert - Vortrag im Rahmen der Friedenswoche im Evang. Gemeindezentrum Eckstein in Nürnberg, 2.11.2005 - Teil I

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>> Hier kann der Vortrag als PDF-Datei heruntergeladen werden.
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Zur aktuellen Flaute der Friedensbewegung

Die Veranstalter haben meinen Vortrag angekündigt mit dem Hinweis, dass es heute Abend um eine Stück erlebte und mitgestaltete Geschichte der Friedensbewegung im Nachkriegsdeutschland gehen wird. Mein Vortrag ist auch zu verstehen als eine Ergänzung der kürzlichen Lesung Wolfgang Sternsteins aus seiner Autobiographie “Mein Weg zwischen Gewalt und Gewaltfreiheit”. Wir beide haben uns 1963 im Verband der Kriegsdienstverweigerer in Stuttgart kennen gelernt und seitdem weist unser beider Lebensweg in der Friedens- und Ökologiebewegung viele Parallelen auf.

Ich habe mir überlegt, ob ich wirklich den Versuch machen soll, hier innerhalb einer Stunde zu erzählen, wie die Bemühungen um die Entwicklung um eine gewaltfreie Alternative zur Bundeswehr seit Anfang der 60er Jahre verlaufen sind. Ich habe dies bereits des Öfteren in Vorträgen und Aufsätzen versucht. Das war immer ein langer Marsch. Markante Stationen waren die Bildung der Gewaltfreien Zivilarmee in Stuttgart im Jahre 1961, die Studiengruppe Soziale Verteidigung der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler, die Erfahrungen in Aktionsforschung mit der Ökologiebewegung und der Bewegung gegen die Raketenstationierung, dazu gehörten Einblicke in die Theorie und Praxis des Zivilen Ungehorsams von Wyhl bis Mutlangen, schließlich die intensiven Bemühungen, mit den Grünen gewaltfreie Politik auch auf der parlamentarischen Ebene zu machen. Dazu gehörten Hearings in Bonn und 1989 die Gründung des Bundes für Soziale Verteidigung und in den 90er Jahren dann die Bemühungen um die Schaffung eines Zivilen Friedensdienstes - wohlgemerkt als “Alternative zur Bundeswehr”. Dazu gehörten auch Trainingskurse in gewaltfreier Konfliktaustragung, die ich in die Ausbildung der Berliner Politologiestudenten einbauen konnte. Und parallel zu diesen Bemühungen in Deutschland liefen dann immer noch die internationalen Kontakte. Das begann mit der Civilian Defence Study Conference in Oxford im September 1964 und diese Kontakte breiteten sich über Jahrzehnte über den ganzen Globus aus. Kürzlich hat Barbara Müller auf einer Studienkonferenz des Bundes für Soziale Verteidigung zusammengetragen, wo diese Idee Gandhis, das Militär durch ein Netzwerk von gewaltfreien Aktionsgruppen zu ersetzen, inzwischen wirksam geworden ist.

Wenn ich Ihnen diesen Gesamtüberblick vermitteln wollte, dann wäre das Ergebnis eine Skizze, in der viele Namen, Orte und Ereignisse fallen würden und nur die im Voraus bereits Informierten könnten damit auf Anhieb etwas anfangen. Ist es da nicht besser, wenn ich mich zunächst auf einen Abschnitt dieses langen Marsches beschränke, dort aber ins anschauliche Detail gehe? Wer dann mehr wissen will, kann sich an die Lektüre der einschlägigen Aufsätze und Bücher machen.

Ich will mich heute Abend auf die Jahre 1961 bis 1964 beschränken, also darstellen, wie Gandhis Idee einer Shanti Sena, also eines Netzwerks von Friedensbrigaden, in Deutschland rezipiert und erprobt wurde, bis dann klar war: Man kann nicht in die Praxis springen, ohne eine klare und deutliche Vorstellung von dem zu haben, was man anstrebt und ohne die Erfahrungen, die mit gewaltlosen Methoden bereits gemacht wurden, erforscht zu haben.

Ich will also über einen weit zurückliegenden Abschnitt meines Lebens sprechen. 1961 war ich 24 Jahre alt. Als ich meinen Vortrag vorbereitete, wusste ich nicht, ob heute Abend auch junge Menschen dieses Alters meinen Vortrag hören würden. Ich war da wenig optimistisch. Und doch dachte ich mir: Du musst es versuchen, denn es kommt darauf an, diese junge Generation zu ermutigen, sich ihrerseits an die Arbeit zu machen und die Friedensarbeit mit neuen Impulsen zu beleben.

Die Friedensarbeit ist im Moment kein Feld, auf dem es viele zum Engagement drängt. Zum 50jährigen Jubiläum der Bundeswehr hat es in Berlin zwar ein paar Proteste gegeben, aber es war nicht zu erkennen, dass es junge Leute gibt, die daran arbeiten, die Bundeswehr als Instrument der Politik überflüssig zu machen und durch andere Formen der Konfliktbearbeitung zu ersetzen. Keine Partei, kein Verein, keine Kirche hat zu einer entsprechenden Konferenz eingeladen. Vielmehr ist für die aktuelle Lage bezeichnend, dass bei den laufenden Verhandlungen über das Programm einer Großen Koalition diejenige Arbeitsgruppe, welche die Verteidigungs- und Sicherheitspolitik zum Thema hatte, mit ihren Beratungen als erste fertig war. Man war sich von vornherein einig. Der Etat wird fortgeschrieben und die Allgemeine Wehrpflicht wird auch beibehalten. Selbst solch offensichtlich fragwürdige Rüstungsprogramme wie der Bau von Unterseebooten ist kein Thema kritischer Nachfragen. Als vor zwei Wochen zwei neue U-Boote in Dienst gestellt wurden, genügte für diese Aufwendung der wenig plausible Hinweis auf die Gefahren des Terrorismus und die Exportchancen und die mit dem U-Bootbau verbundenen Arbeitsplätze, um ein solches Milliardenprogramm zu verlängern.

Auch der Umstand, dass auf deutschem Boden amerikanische Atomwaffen gelagert werden und deutsche Soldaten ihren Einsatz üben, löst keine Protestbewegung aus, obwohl interessanterweise auf der diesjährigen UNO-Abrüstungsversammlung von deutscher Seite - völlig folgenlos - der Abzug dieser Waffen nicht direkt gefordert, aber doch empfohlen wurde.

Mein Eindruck ist, dass die Sicherheitspolitik und besonders die Abrüstung in Deutschland im Moment kein brisantes Thema ist, für das sich junge Leute interessieren. Das kann sich aber auch wieder ändern. Und weil ich das annehme, ist es mir wichtig mitzuteilen, wie die Generation der Pazifisten, die im Dritten Reich geboren wurden und den Zweiten Weltkrieg noch vor Augen hatten, sich angesichts der deutschen Wiederbewaffnung in den 60er Jahren verhalten hat. Die Zahl der aktiven Pazifisten - gerade auch der Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen - war sehr gering, doch unsere politischen Konzepte waren anspruchsvoll und wir hatten das Gefühl, dass es auf unser Engagement ankommt und dass wir etwas zu bewegen vermögen. Solche jungen Leute gibt es heute sicher auch. Man findet sie bei Attac oder in irgendwelchen Nichtregierungsorganisationen, die Auslandseinsätze in Krisengebieten organisieren. Doch was mich irritiert, ist der Umstand, dass das Militär als Instrument der Politik nicht offensiver in Frage gestellt wird, zumal die Lage viel brisanter ist, als man dies in Deutschland im Moment wahr nimmt, da uns kluge Politik und eine vorauszusehende Protestbewegung aus dem Irakkrieg herausgehalten haben. Man stelle sich mal vor: Wir Deutschen hätten im Irak-Krieg mitgemacht. Die Bundestagswahl wäre für die SPD und die Grünen zur Katastrophe geworden!

Ich will heute Abend keine Analyse der aktuellen Weltlage vorlegen. Die traue ich den hier Anwesenden selbst zu. Im Übrigen lese ich auch nur Zeitung, höre Deutschlandfunk und gucke Phoenix im Fernsehen. Ich weiß da auch nicht viel mehr als Sie alle. Doch meines Erachtens ist es für junge Leute wichtig zu wissen, wie es einem ergeht, wenn man sich friedenspolitisch engagiert und große Ideen in die Tat umsetzen will. Darüber gibt es wenig zu lesen, es sei denn, man greift zum Beispiel nach der Autobiographie Wolfgang Sternsteins.

Der deutsche Pazifismus zu Beginn der 60er Jahre und meine Motivation zum autobiographischen Bericht

Im ersten Quartal des Jahres 2005 hat Wolfgang Sternstein in der Zeitschrift “Forum Pazifismus” die Frage aufgeworfen: “Hat der europäische Pazifismus versagt?” Sternstein beklagt, dass die vielen hunderttausend deutschen Kriegsdienstverweigerer sich nicht ausreichend für die Entwicklung und den Aufbau einer konstruktiven Alternative zur militärischen Konfliktaustragung eingesetzt hätten. Er sieht diese vernachlässigte Alternative in der Einübung der gewaltfreien Aktion und empfiehlt den Aufbau eines flächendeckenden Netzwerks gewaltfreier Aktionsgruppen. “In jedem Dorf, in jeder Stadt könnte und sollte es eine gewaltfreie Basisgruppe geben (Gandhi nannte sie Shanti Sena, was soviel wie Friedensbrigade heißt), die aus nebenberuflichen und einem, höchstens zwei hauptberuflichen Aktivisten besteht.”

Es ist zu erwarten, dass Sternstein seinen Vorschlag, der Parallelen zu den verschiedenen Konzepten eines “Zivilen Friedensdienstes” aufweist, weiter präzisiert. Selbstverständlich könnte dies jeder andere Pazifist, der sich angesprochen fühlt, auch tun. Ausschlaggebend für den Erfolg ist meines Erachtens, dass auch junge Menschen sich dieses Projektes annehmen und es mit Ideen und Wagemut füllen. Bevor nun aber jüngere oder ältere Pazifisten anfangen, konstruktiv zu phantasieren und zu experimentieren, ist es sinnvoll, sich mit den vorliegenden Erfahrungen der ersten gewaltfreien Aktionsgruppen in Deutschland und hier speziell mit der Stuttgarter Gruppe “Gewaltfreie Zivilarmee” zu befassen. Sie war die wichtigste Pioniergruppe auf diesem Felde und mit ihren Aktionen hat sie einiges vorweggenommen, was mit der außerparlamentarischen Opposition der Studenten in der zweiten Hälfte der 60er Jahre massenwirksam wurde und seine Fortsetzung in der Ökologie- und Friedensbewegung fand. Die Stuttgarter Gruppe von Kriegsdienstverweigerern, die keine Kommune, aber doch eine affinity group, wie die Amerikaner dies später nannten, bildete, wagte ihr Experiment des Aufbaus einer Shanti Sena in den Jahren 1961 bis 1964.

Es gab in der Bundesrepublik in der Nachkriegszeit kaum Anregungen, den gewaltfreien Widerstand und die sozialen Experimente zu studieren. Es gab die eine oder andere Gandhi-Biographie und auch die Autobiographie Gandhis “Meine Experimente mit der Wahrheit” war greifbar, aber es gab in deutscher Sprache keine systematischen Abhandlungen über gewaltlosen Widerstand und es gab auch keine entsprechende Sammlung von Fallstudien. Nur ganz wenige der ohnehin geringen Zahl von Kriegsdienstverweigerern dachten darüber nach, ob sie im Falle eines militärischen Angriffs an Stelle bewaffneter Gegenwehr auch gewaltfreien Widerstand ausüben könnten und ob sich diese, ihre persönliche Option auch auf die Gesellschaft als Ganze übertragen ließe.

Wenn die Befürworter der NATO ihren Kritikern, den Atomwaffengegnern und den Kriegsdienstverweigerern, unterstellten, diese handelten nach der Parole “Lieber rot als tot”, dann war dies nicht ganz verkehrt. Die Pazifisten vermuteten zwar beim Warschauer Pakt keine Angriffsabsicht und forderten eine ernsthafte Prüfung der östlichen Verhandlungsangebote, aber sie konnten nicht ausschließen, dass im Falle einer Schwächung des westlichen Lagers die neue Lage von der Sowjetunion und ihren Verbündeten zur Westexpansion, mindestens aber zum Verschlucken West-Berlins genutzt würde. Und die Pazifisten wussten definitiv nicht, wie bei einem Verzicht auf militärische Abschreckung eventuellen sowjetischen Pressionen zu widerstehen wäre. Diesem Szenario einer kommunistischen Westexpansion stellten sich die meisten Atomwaffengegner und Kriegsdienstverweigerer in ihrer Phantasie überhaupt nicht. Sie übernahmen auch in Gedanken keine politische Verantwortung. Sie waren eine winzige Randgruppe. Anfang der 60er Jahre wurden jährlich nur 2.000 - 3.000 als Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen anerkannt.

Wer den Militärdienst verweigerte, hielt die Sowjetunion entweder von vornherein für eine Friedensmacht oder er sagte - ohne Verweis auf ein alternatives sicherheitspolitisches Programm -, dass für ihn persönlich die bewaffnete Gewaltanwendung nicht in Frage käme. Mit der unpolitischen Berufung auf das Gewissen und mit der Apostrophierung der Bergpredigt hatte man Aussicht, von den staatlichen Prüfungsausschüssen als Kriegsdienstverweigerer anerkannt zu werden, entsprach mit dieser Argumentation aber auch ziemlich genau dem Typus, den Max Weber als Gesinnungsethiker bezeichnet hatte.

Diese Situation wurde Anfang der 60er Jahre in pazifistischen Kreisen - und deren Zentrum bildete die Internationale der Kriegsdienstgegner (IdK) und der Verband der Kriegsdienstverweigerer (VK) - als unbefriedigend empfunden. Man benötigte ein politisches Programm, das die Kriegsdienstverweigerer im Sinne Max Webers auch als Verantwortungsethiker auswies. Auf der Suche nach einem friedenspolitischen Konzept setzte man in der IdK auf entspannungspolitische Initiativen und auf die wechselseitige, kontrollierte Abrüstung. Dieses Konzept hatte aber den Nachteil, dass seine Vertreter, wenn sie unter Argumentationsdruck gerieten, dazu neigten, dann doch für die politischen Vorstellungen der Warschauer Pakt Staaten Partei zu ergreifen. Bezeichnend für diesen Kurs war, dass Professor Renate Riemeck zugleich Vorsitzende der IdK und Parteivorsitzende der neu gegründeten Deutschen Friedens Union (DFU) war. Im Verband der Kriegsdienstverweigerer gab es auch Sympathisanten dieses Kurses, aber dort war die Mehrheit nicht blind für den Einfluss der verbotenen und im Untergrund weiter agierenden KPD auf die DFU und die IdK. Einiges schien für eine Finanzierung der DFU aus Mitteln der DDR zu sprechen.

In dieser Situation kam ich im Frühjahr 1961 in Kontakt mit der Stuttgarter Ortsgruppe des Verbandes der Kriegsdienstverweigerer, stand aber selbst nicht vor dem Problem, mich demnächst vor einem Prüfungsausschuss als Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen bewähren zu müssen. Am 6.5.1937 geboren gehörte ich noch zu den so genannten weißen Jahrgängen, die nicht zur Ableistung der Wehrpflicht einberufen wurden. Doch mein zwei Jahre jüngerer Bruder Manfred, ein Medizinstudent, wurde gemustert.

Mit der Unterstützung des Elternhauses stellte er unter Berufung auf Artikel 4, Absatz 3 des Grundgesetzes den Antrag auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen. Beraten ließ er sich von der Quäkerin Ruth Öchslin. Die christliche Erziehung und die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben bildeten seine Grundlagen. Manfreds großes Vorbild war Albert Schweitzer, Leben-Jesu-Forscher, Orgelvirtuose, Urwaldarzt und Friedensnobelpreisträger. Manfred irritierte, dass die DFU mit dem Konterfei des Friedensnobelpreisträgers für ihre Politik warb. Ich bestärkte Manfred in seiner Skepsis gegenüber der DFU. Als Schüler hatte ich mit der Gesamtdeutschen Volkspartei (GVP) Gustav Heinemanns sympathisiert und war sehr enttäuscht gewesen, als sie den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde bei der Bundestagswahl bei weitem verfehlte.

Kriegsdienstverweigerer durften in die Prüfungsverhandlung einen Berater mitbringen. Als Manfreds Verhandlung im Januar 1961 anstand, begleitete ich ihn, hatte ich ihn doch auch mit Gandhis Methode des gewaltlosen Widerstands bekannt gemacht. Wir hatten uns vorgenommen, in der Verhandlung auf diese Methode als Alternative zur militärischen Verteidigung hinzuweisen. Der Vorsitzende war ein Jurist in mittleren Jahren, seine ehrenamtlichen Beisitzer waren etwas älter, wahrscheinlich Angehörige des öffentlichen Dienstes, die für solche Aufgaben problemlos frei gestellt werden konnten. Diese gut situierten Bürger empfanden es als Provokation, dass zwei Studenten im Alter von 24 und 22 Jahren behaupteten, Demokratien ließen sich auch mittels gewaltlosen Widerstands gegen Aggressoren verteidigen. Unsere Gewissensprüfer waren im Dritten Reich sicher keine Widerstandskämpfer gewesen, sondern wahrscheinlich Soldaten, die mehr oder weniger überzeugt für Hitlers Endsieg gekämpft hatten. Jedenfalls widersprachen sie uns vehement, verharmlosten die englische Kolonialherrschaft in Indien, als wir uns auf Gandhi beriefen, und beschworen die Gefahren des Totalitarismus, als ob wir Orwells “1984” und Arthur Köstlers “Sonnenfinsternis” nicht auch gelesen hätten. Die Verhandlung wurde immer mehr zu einer politischen Auseinandersetzung. Da ging es nicht mehr um das Gewissen eines Medizinstudenten, sondern um die Wirkung gewaltlosen Widerstands und Gandhis Bedeutung für das Atomzeitalter. Auf diesem Gebiet fühlten wir uns einigermaßen kompetent und behaupteten, dass bei einer großen Zahl von Beteiligten und nach intensiver Vorbereitung der gewaltlose Widerstand auch Diktatoren gewachsen sei. Der gewaltlose Widerstand sei ein neues Machtinstrument, mit dem man politischen Druck ausüben und sich in einer feindlichen Umwelt behaupten könne, wohingegen bei dem Einsatz von Atomwaffen die Menschheit als Spezies gefährdet sei.

Die Prüfer nahmen unsere Aussagen sehr persönlich und widersprachen immer heftiger. Sie verwiesen auf grausame Unterdrückungsmethoden und die vielen nutzlosen Opfer, welche der gewaltlose Widerstand wahrscheinlich fordern würde. Es war, als ob sie sich rechtfertigen wollten für ihr eigenes Verhalten im Dritten Reich. Wir sagten ihnen dies nicht auf den Kopf zu, obwohl wir diesen Hintergrund deutlich spürten. Wir beharrten nur auf unserer Sicht der historischen Erfahrungen. Und doch war mir im Anschluss an diese Verhandlung, welche dann doch in fairer Weise mit der Anerkennung meines Bruders endete, klar, dass meine Vorstellungen vom gewaltlosen Widerstand als Alternative zur militärischen Verteidigung präziser sein sollten. Ich konnte über den gewaltlosen Widerstand nicht sprechen wie ein General über einen militärischen Feldzug. Dies schien mir jedoch geboten. Ich hatte mir während der mehrstündigen Verhandlung, die wegen allgemeiner Erregung für eine Viertelstunde unterbrochen werden musste, geschworen: Du darfst die Wirksamkeit des gewaltlosen Widerstands nicht nur behaupten; du musst sie künftig mit historischen Fallstudien und mit daraus abgeleiteten Strategien auch beweisen. Ich spürte: So weit bist du noch nicht. Sonst hättest du das Gespräch viel gelassener angehen können.

Zweierlei schien mir geboten: Zum einen musste ich meine Studien zum gewaltlosen Widerstand intensivieren und zum anderen musste ich Kontakte zu Gleichgesinnten knüpfen, denn es gibt keine Strategie ohne Menschen, die sie beherzigen. Doch diese beiden Schlussfolgerungen aus der Prüfungsverhandlung passten nicht zu meinem Studiengang. Nach zehn Semestern des Studiums der Geschichte, Germanistik und Anglistik in Tübingen, München, London und Paris sollte ich demnächst mein Staatsexamen ablegen, um Studienrat zu werden. Mein Spezialgebiet war auch nicht der Widerstand gegen totalitäre Regime, sondern die Geschichte der Reformation und Gegenreformation.

Ein merkwürdiger Zungenschlag

Nach Manfreds Prüfungsverhandlung und Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer bot sich die erste Gelegenheit, zu Gleichgesinnten Kontakt aufzunehmen, bei einer Tagung der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft zur Betreuung der Kriegsdienstverweigerer (EAK) am Sonntag, den 12. Februar 1961. Ich war von der großen Teilnehmerzahl überrascht. Sie passte nicht zu der angeblich so geringen Zahl der Kriegsdienstverweigerer. Etwa 300, sonntäglich gekleidete junge Männer waren im Stuttgarter Haus des Christlichen Vereins Junger Männer (CVJM) in der Büchsenstraße 37 für einen vollen Tag zusammengekommen. Es hatte um 8.30 Uhr mit einem Jugendgottesdienst in der Leonhardskirche begonnen. Anschließend drängte man sich in dem nahe gelegenen, modernen und gepflegten CVJM-Heim um die Büchertische, wo Informationen und Argumentationshilfen für Kriegsdienstverweigerer angeboten wurden. Pfarrer Eugen Stöffler aus Stuttgart-Zuffenhausen informierte zunächst in ganz ruhigem Ton über den Ablauf einer Verhandlung vor dem Prüfungsausschuss und über die Ersatzdienstfrage. Er wollte Mut machen und riet dazu, die aus evangelischer Sicht eigentlich unmögliche Gewissensprüfung freundlich durchzustehen und die manchmal kuriosen Fragen mit Humor zu ertragen.

Pfarrer Walter Schlenker aus Nagold, Stöfflers Freund aus der Kirchlichen Bruderschaft, analysierte die politische Lage aus der Sicht des Evangeliums. Es gäbe keine geographische Demarkationslinie zwischen den Guten und den Bösen, zwischen den Verbrechern und den Freiheitskämpfern. “Die Welt ist rund”, rief er in den Saal. Schlenker redete lebhaft und neigte zu dynamischen Gesten und aggressiven Bemerkungen. Stöffler versuchte ihn immer wieder zu dämpfen, wenn seine Rede mit Beifall und Getrappel auf dem gebohnerten Fußboden bedacht wurde. Schlenker gefiel mir. Ich erinnerte mich, dass er in meiner Schulzeit im Schwarzwald für die Gesamtdeutsche Volkspartei geworben hatte. Diese hatte es dann auch in seinem Umfeld auf einen Stimmenanteil von mehr als zehn Prozent gebracht.

Zum Schluss gab es eine Aussprache. Es wurde viele Detailfragen zu den Prüfungsverhandlungen und zum Ersatzdienst gestellt. Der Ton war mir zu ängstlich. Es wurde immer kleinkarierter und dann empfahl einer auch noch ganz pietistisch: “Das Wichtigste ist es, für den Frieden zu beten.” Ich meldete mich und bemerkte vielleicht allzu sarkastisch: “Für den Frieden ist ja schon viel gebetet worden. Das reicht erfahrungsgemäß nicht. Wir müssen etwas tun und als Kriegsdienstverweigerer öffentlich in Erscheinung treten. Wir sollten für unsere Vorstellungen einer gewaltlosen Alternative zur militärischen Verteidigung werben!” Walter Schlenker meinte, das sei nun doch ein etwas merkwürdiger Zungenschlag in den Räumen des CVJM. Das Gebet sei sehr wichtig, aber er gebe mir darin Recht, dass die Kriegsdienstverweigerer Alternativkonzepte entwickeln und unters Volk bringen müssten.

Nach der Veranstaltung kamen einige junge Leute vom Verband der Kriegsdienstverweigerer auf Manfred und mich zu und luden uns ein, mit ihnen noch ins Café Binder zu kommen. Dort könnten wir beraten, was zu tun sei. Diese vier jungen Männer vom VK, die zwei bis drei Jahre jünger waren als ich, hießen Günter Fritz, Artur Epp, Hans-Peter Müller und Hartwig Schnabel. Günter und Artur waren kaufmännische Angestellte, Hans-Peter war Schlosser und Hartwig studierte Maschinenbau. Sie berichteten mir, der ich, da zur Sparsamkeit erzogen, zum ersten Mal in einem Café saß und mir etwas unsicher eine Tasse Kakao bestellt hatte, von der Beratungstätigkeit des VK und von ihrer Teilnahme am Ostermarsch der Atomwaffengegner. Ich erzählte von Gandhis Experimenten mit gewaltfreien, direkten Aktionen auf Massenbasis. “Ankündigung solchen Widerstands kann einen potentiellen Angreifer abhalten und auf diese Weise Ähnliches leisten wie die atomare Abschreckung, doch bei tragbarem Risiko.”

Training für gewaltfreie Aktion beim Pfingsttreffen der Quäker in Berlin

Für meinen Bruder Manfred und mich war der nächste Schritt, dass wir - nun begleitet von den guten Wünschen der neuen Freunde aus dem Verband der Kriegsdienstverweigerer - an Pfingsten 1961 nach Berlin reisten. Dort bot Hans-Konrad Tempel, der Hamburger Initiator der Ostermarschbewegung, ein Seminar mit praktischen Übungen zur gewaltlosen Konfliktaustragung an. Tempel war von Beruf Lehrer und er gehörte zur Gesellschaft der Freunde, den so genannten Quäkern, die in England und den USA zahlreich waren, aber in Deutschland nur wenige hundert Mitglieder zählten. Diese wenigen zeichneten sich aber durch ein starkes pazifistisches Engagement und ungewöhnliche Wirksamkeit aus.

Das Seminar fand im westlichen Teil Berlins in dem Quäkerzentrum Mittelhof statt. Das war eine Tagungsstätte im Jugendherbergsstil. Dort trafen sich 33 junge Menschen, meist Männer; aber auch einige Studentinnen. Fast alle waren zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Jahren alt. Konrad Tempel war mit knapp 30 Jahren der älteste. Für Manfred und mich war das Besondere an diesem Quäker-Treffen, dass etwa ein Viertel der Teilnehmer aus Ost-Berlin und der DDR kamen. Sie lehnten das Ulbricht-Regime ab, fühlten sich aber der Idee des Sozialismus verbunden.

Den Höhepunkt der Tagung bildete ein Vortrag Konrad Tempels über die Strategie der gewaltlosen Aktion. Das war die beste Vorlesung, die ich während meines fünfjährigen Studiums gehört hatte. Tempel stellte zunächst Gandhis Salzmarsch im Jahre 1930, dann den Busboykott in Montgomery im Jahre 1956 und schließlich aufgrund eigener Beobachtungen die jüngsten Aktionen Zivilen Ungehorsams der englischen Atomwaffengegner dar.

Konrad Tempel knüpfte an diese Fallstudien eine Reihe von strategischen Überlegungen. Mir leuchteten sie allesamt ein. Ich habe mir diese Richtlinien so intensiv, so total angeeignet, dass ich mir später keine Rechenschaft mehr darüber ablegte, wo ich sie zum ersten Mal gehört habe. Tempel adaptierte Gedanken Gandhis, aber hier war alles in deutscher Sprache klar und deutlich formuliert. Er nannte als Bedingungen für den Erfolg gewaltfreier Aktionen:

  1. Das Problem muss völlig einsehbar sein und der Öffentlichkeit leicht klargemacht werden können.
  2. Die eigene Situation und Einstellung muss moralisch unantastbar sein.
  3. Die methodischen Möglichkeiten müssen ganz übersehen werden,
  4. Die Methode muss unkompliziert sein.
  5. Ein überschaubares und auch zu bewältigendes Teilproblem muss aufgegriffen werden.
  6. Möglichst gute Vorbereitung ist nötig.
  7. Gute Koordination und Information aller Beteiligten ist wichtig.
  8. Alle unqualifizierten oder komischen Leute sollen fernbleiben.

Was mir an Konrad Tempel gefiel, war, dass er zwar persönlich durchaus bescheiden, aber in der Sache sehr anspruchsvoll war. Es ging ihm darum, Vorbildliches zu leisten. Er wollte durch Ausbildung und Disziplin eine Elitetruppe der gewaltlosen Aktion schaffen. Das waren Fanfarenstöße, die man sonst unter Pazifisten nicht zu hören bekam.

Tempels Vortrag im Mittelhof fiel bei mir auf fruchtbaren Boden, weil ich mich mit Gandhis Kampagnen bereits befasst und mir Gedanken darüber gemacht hatte, wie Gandhis Erfahrungen in Südafrika und Indien in Deutschland genutzt werden könnten. Neben Gandhi hatte Tempel weitere Anregungen dem Philosophen Professor Nikolaus Koch und dem Arzt Dr. Bodo Manstein zu verdanken. Diese hatten im Internationalen Freundschaftsheim in Bückeburg ihre Ideen vom Einsatz gewaltloser Aktionsgruppen vorgestellt und gemeinsam die Broschüre “Die Freiwilligen” veröffentlicht. Die Verbindung zum modernen angelsächsischen Denken auf dem Felde des Pazifismus und der gewaltlosen Aktion hatten die Forschungen des amerikanischen Soziologen Gene Sharp geschaffen. Tempel hatte ihn bei der Londoner Wochenzeitung “Peace News” kennen gelernt und nach Hamburg zu einem Vortrag in die von ihm und Helga Stolle gegründete Aktionsgruppe für Gewaltlosigkeit eingeladen.

In den Pfingsttagen des Jahres 1961 kannte ich diese deutschen, englischen und amerikanischen Pioniere des gewaltlosen Widerstands noch nicht. Ich erinnere mich, dass Konrad Tempel eine Nummer des Time-Magazins mitgebracht und ich das Heft neugierig in die Hand genommen hatte, weil mich interessierte, wer denn der Schwarze sei, der darauf abgebildet war. Es war Martin Luther King, Jr. Ich hatte von ihm noch nie gehört. Dieser Mann sollte für mich in den nächsten Jahren eine Bezugsperson von kaum geringerer Bedeutung als Gandhi werden. Kings Bericht über den Busboykott in Montgomery “Stride toward Freedom” war meine Fibel des gewaltfreien Widerstands. Ich habe dieses Buch auch später als Hochschullehrer am Otto-Suhr-Institut meinen Seminaren immer wieder mal zu Grunde gelegt.

Es gab während des dreitägigen Seminars auch praktische Übungen. Man sprach von Training - wie die amerikanischen Bürgerrechtler. Eine Übung bestand darin, sich während einer Zugfahrt mit einem Andersdenkenden zu streiten, ohne ihn als Feind anzugreifen. Ich musste die undankbare Aufgabe übernehmen, einen Neonazi und Antisemiten zu spielen. Konrad Tempel kam die Rolle des Nachwuchsgandhis zu. Nun hatte ich während des Studiums an der Universität Tübingen Hitlers “Mein Kampf” und von Joseph Goebbels “Der Kampf um Berlin” gelesen und war mit dem NS-Originalton einigermaßen vertraut. Mein rechtsextremes, hinterfurziges Geschwafel nervte Konrad dermaßen, dass er programmwidrig ausflippte und mich anschrie, was natürlich von den Zuhörern mit Gelächter quittiert wurde.

Wir alle empfanden das Seminar als wohl gelungen und es tat uns weh, dass wir uns nach dieser intensiven Verständigung wieder in alle Richtungen zerstreuen sollten, ohne weiter zusammenwirken zu können. Wir hatten ohnehin das Gefühl, dass die Ost-West-Kontakte bald schwieriger werden würden. Aus der DDR flüchteten so viele Menschen, dass die Diktatur Ulbrichts diesen ständigen brain drain - dieses Abfließen der besonders Qualifizierten und Intelligenten - kaum überleben konnte. Und dabei hatten wir nicht den Eindruck, dass das Ulbricht-Regime resignieren würde. Diese Kommunisten glaubten noch an ihre historische Sendung, allen Witzen, welche Dieter Nöbel aus Leipzig bis spät in die Nacht erzählte, zum Trotz.

Die Unterschiede in den Lebensverhältnissen zwischen den Ost- und den Westsektoren Berlins waren eklatant und die Fluchtbewegung war schon allein aus wirtschaftlichen Gründen nur zu verständlich. Dazu kamen die Beschränkungen in der Lebensplanung. Mit Dieter Nöbel schaute ich mich in einer großen Buchhandlung im Ostteil Berlins um. Das belletristische Angebot war deprimierend gering, doch mein Interesse galt - und damit war ich eine Ausnahme - den sozialistischen Klassikern Marx, Engels und Lenin. Ich erwarb sie zu einer günstigen Umtauschrate in soliden blauen und braunen Auswahlbänden. Auch Clausewitz “Vom Kriege” gab es dank Lenins Interesse an dieser Schrift aus der Zeit der deutschen Befreiungskriege. Ich habe diese Bücher später in Tübingen auch studiert.

Aktion Samstag 24

Doch zurück zum Abschiedsabend im Mittelhof. Ich war sehr erregt und nie müde. Das lag sicher auch daran, dass ich koffeinhaltigen Kaffee aus dem Elternhaus nicht kannte und hier wiederholt und ohne die Wirkung zu bedenken mehrere Tassen getrunken hatte. Ich habe während dieser Pfingsttage in Berlin kaum geschlafen. Wir alle ahnten den Bau der Mauer quer durch Berlin noch nicht, aber wir wussten, dass wir etwas für unseren Zusammenhalt tun sollten. Welche konstruktive Aktion kam dafür in Frage? Konrad Tempel hatte berichtet, dass Ralph Keithan, ein englischer Quäker, in Kannavaipatty im Süden Indiens in einem Gandhi-Ashram lebe und sich dort um die Dorfentwicklung verdient mache. Er, Konrad, stünde mit diesem edlen Mann in Verbindung und es wäre sicher sinnvoll, wenn die Jungfreunde sich mit regelmäßigen Spenden an diesen Bemühungen beteiligen könnten. Mit geringen Summen könne man in Indien bereits viel bewirken. Insbesondere der Toilettenbau sei für die Hygiene wichtig.

Nun war unser aller Einkommensverhältnisse denkbar bescheiden. Was wir kollektieren könnten, passte am ehesten in die neutestamentarische Kategorie der Scherflein armer Witwen. Wir suchten für den Ost-West-Zusammenhalt eine Aktion, die unsere Solidarität mit den Nachfolgern Gandhis in Indien zum Ausdruck bringen konnte. Ich weiß nicht mehr, wer es vorschlug, aber ich weiß noch wie heute, dass ich von dem Vorschlag - vielleicht wegen der vielen Tassen Kaffee - hell begeistert war und ihn rasch zur Abstimmung stellen wollte. Der Vorschlag lautete: Wir alle fasten an allen Samstagen für volle 24 Stunden und spenden das Ersparte und was wir sonst noch sammeln können für das Dorfentwicklungsprogramm in Kannavaipatty.

Mit meiner Anregung, hier schleunigst abzustimmen, stieß ich auf einhellige Ablehnung. Ich hatte gegen ein Quäkerprinzip verstoßen! Quäker stimmen nicht ab. Sie diskutieren bis zum Konsens.

Dieser wurde erzielt. Wir nannten unser samstägliches Fasten “Aktion Samstag 24”. Unser Berliner Mitbringsel für die Stuttgarter Kriegsdienstverweigerer war jedenfalls die Einladung, sich an dieser Aktion zu beteiligen. Die meisten unserer Stuttgarter Freunde haben dies auch getan. Mein Bruder Manfred hat den Solidaritätsfond noch zusätzlich gefüllt durch den Verkauf von Manuskripten medizinischer Vorlesungen, die er auf Tonband aufgenommen und abgeschrieben hat. Wir gewannen mit unserem Solidaritätsfasten auch die Anerkennung des Südwestfunks, der über uns berichtete und ein scherfleinmäßiges Honorar von DM 80 bezahlte, das dann in Kannavaipatty wuchern durfte. Auch diese Sendung haben wir vom Tonband abgeschrieben und als Flugblatt verbreitet. Das sorgte für ein wenig Publizität, aber leider nur für wenige weitere Teilnehmer. Nach zwei Jahren gaben wir auf. Der Hauptgrund war, dass wir während der ganzen Zeit nur einen einzigen Brief Ralph Keithans erhalten hatten. Nix E-Mail. Ein Brief in zwei Jahren, das war zu wenig geistige Nahrung für unsere 56 Mal im Jahr solidarisch knurrenden Mägen. Und doch war diese Aktion für den Zusammenhalt des Stuttgarter Freundeskreises von Kriegsdienstverweigerern wichtig und sie imponierte auch denjenigen, welche unsere Vorstellungen vom gewaltlosen Widerstand als Mittel der Verteidigungspolitik nicht überzeugten.

Ein Gruppe für gewaltlose Aktionen bildet sich

Nach der Berlin-Reise an Pfingsten 1961 trafen die neuen Freunde aus dem Verband der Kriegsdienstverweigerer, mein Bruder Manfred und ich uns regelmäßig. Meist sonntags. Wir besuchten Gottesdienste von Pfarrern, die den Ostermarsch unterstützten. Wir fuhren nach Zuffenhausen und Kornwestheim zu den Pfarrern Stöffler und Werner. Danach tranken wir noch zusammen ein Bier oder ein Apfelschorle und besprachen die Lage. Der Kerngedanke war: Wir müssen der Öffentlichkeit durch die Existenz einer aktiven Gruppe von Kriegsdienstverweigerern vor Augen führen, dass wir die neue deutsche Demokratie bejahen und bereit sind, sie mittels gewaltlosen Widerstands gegen totalitäre Bedrohungen zu verteidigen. Programmatische Flugblätter genügten nicht. Es bedurfte einer eigenen Programmschrift. Alle dachten wohl, dass ich am ehesten in der Lage sein würde, eine Programmschrift zu verfassen, welche unsere Weltanschauung, unsere Zielsetzung und auch die organisatorische Struktur einer solchen zivilen, gewaltlosen Alternative zur Armee aufzeigen würde.

Im Laufe des Jahres 1961 legte ich der Freundesgruppe immer wieder in vervielfältigter Form einzelne Abschnitte der angestrebten Programmschrift vor. Man hätte darüber viel und lange diskutieren können. Doch ich erinnere mich an keine internen Auseinandersetzungen. Ich war bemüht, in der Schrift das festzuhalten, was wir zuvor besprochen hatten. So stand in der Schrift für die Gruppenmitglieder nichts Überraschendes, aber es waren durchweg meine Formulierungen, so dass ich auch als Autor hätte firmieren können. Wir wollten jedoch als Kollektiv, als “Stimme der jungen Generation”, in Erscheinung treten. Noch wichtiger als eine Programmschrift war uns aber die “Propaganda der Tat”. Wenn sich Berufstätige und Studenten über einen längeren Zeitraum Woche für Woche treffen, dann kann der Anreiz nicht vornehmlich darin bestehen, Seminargespräche über eine Programmschrift zu führen. Was die Gruppe zusammenhielt, waren momentan spürbare Erfolge der eigenen Öffentlichkeitsarbeit.

Flugblätter an Kinoausgängen

Der Verband der Kriegsdienstverweigerer war bis dahin im Stuttgarter Stadtbild nicht in Erscheinung getreten. Wenn Antikriegsfilme in den hiesigen Kinos gezeigt wurden wie zum Beispiel “Die Brücke” oder der japanische Film “Barfuß durch die Hölle”, standen zwei oder drei Mitglieder des VK vor den Kinoausgängen und verteilten winzige Flugblättchen - kleiner als ein Handteller - auf denen mit einer Karikatur von Halbritter und dem Slogan “Kopfarbeit steigern - Kriegsdienst verweigern!” auf den Artikel 4, Absatz 3 des Grundgesetzes und die nächste Beratungsstelle des VK hingewiesen wurde. Die Karikatur zeigte ein Musterungsbüro, in welchem den Rekruten jeweils ein Brett vor den Kopf genagelt wird. Und da die Kriegsdienstverweigerer im Kalten Krieg nicht als die nützlichen Idioten der anderen Seite dastehen wollten, fand sich neben der Adresse des VK auch noch gleich der Spruch: “Weder Ulbrichtheer noch Bundeswehr!”

Dieses Flugblattverteilen war die Basisübung für die Anfänger im pazifistischen Engagement. Ich habe mich daran auch beteiligt und festgestellt, dass es Überwindung kostet, sich öffentlich für eine Minderheitenposition zu exponieren. Ich hatte beim ersten Mal das Gefühl, als Nackter unter Bekleideten zu stehen. Für meine neuen Freunde aus dem VK war dies längst Routine. Günter Fritz schwor auf die kleinen Zettelchen mit den Karikaturen. Diese würden gerne genommen und selten weggeworfen.

Die Gretchenfrage an die Kriegsdienstverweigerer

Ich war von diesen Mini-Zettelchen nicht sehr beeindruckt und meinte, da müsse schon mehr Butter bei die Fische bzw. mehr Argumente auf den Tisch. Andererseits war auch mir klar, dass Menschen über kritische Informationen und Argumente nur dann nachdenken, wenn sie ihm nicht als Flugblatt in die Hand gedrückt, sondern an geeigneter Stelle in einem normalen Printmedium serviert werden. Die einzige Chance, die wir hatten, in die Zeitung zu kommen, waren Leserbriefe. Stand also über die Kriegsdienstverweigerer etwas Abfälliges in der Zeitung, meldeten wir uns zu Wort. Wir berieten diese Briefe zusammen und übten auch stilistische Kritik. Und wir hatten Erfolg. Unsere Leserbriefe kamen regelmäßig. Wir wechselten uns ab im Unterzeichnen. Da mit dem Abdruck von ein oder zwei Leserbriefen ein Thema meist abgehakt ist, sannen wir auf einen Weg, die Diskussion anzuheizen und auf uns wichtige Themen zu lenken. Manfred und ich überredeten unsere Tante Maria Liebermann, die in der Telefonzentrale der Polizei arbeitete, mit einem Leserbrief diesen Kriegsdienstverweigerern auf den Zahn zu fühlen. Dieses Manöver funktionierte nicht nur bei den “Stuttgarter Nachrichten”, sondern anschließend auch noch bei der SPD-Parteizeitung “Vorwärts”. Unter der Überschrift “Gretchenfrage an die Kriegsdienstverweigerer” insistierte sie:

Wie haltet ihr es mit dem Kommunismus und der sogenannten DDR? In Kriegsdienstverweigerern, die sich zu ihren freiheitlichen Grundrechten bekennen, könnte ich, wenn sie erst fest organisiert wären, gefährlichere Gegner des Kommunismus und aller totalitärer Systeme sehen als selbst in ausgebildeten Bundeswehrsoldaten.

Diese Leserbriefdebatte wurde munter geführt. Auf die Herausforderung durch Volkes Stimme konnte reagiert werden. Und das Erfreuliche sowohl im Falle der “Stuttgarter Nachrichten” wie auch des “Vorwärts” war, dass sich uns Unbekannte einschalteten und mitdiskutieren. Es ging immer mehr um die Wirksamkeit des gewaltlosen Widerstands. Unter den Debattierern waren auch Leute, die später wie im Falle des stud. jur. Klaus Riebschläger aus Berlin-Lankwitz in der SPD noch Karriere machen sollten. 1 Riebschläger sah nur das Machtvakuum, das bei einer allgemeinen Umstellung auf das “Gewaltlosentraining” entstehen würde. Einen Beweis für diese Einschätzung sah er in dem Lob, das die westdeutschen Kriegsdienstverweigerer bei der Führung der DDR einheimsten und er zitierte im “Vorwärts” vom 27. September 1961 den Genossen August Bebel: “Wenn Dich Dein Gegner schmäht, so hast Du richtig gehandelt. Lobt er Dich, so solltest Du bedenken, dass Du einen Fehler gemacht haben musst.”

Es war uns ein Rätsel, wie bei dieser Grundeinstellung, die nur Null-Summen-Spiele kennt, Fortschritte bei der von Riebschläger empfohlenen “gleichmäßig durchgeführten, kontrollierten Abrüstung” zustande kommen sollten. Doch um die Schmähung unserer Vorschläge, die Kriegsdienstverweigerung durch “Gewaltlosentraining” konstruktiv zu ergänzen, brauchten wir uns keine Sorgen zu machen. In der Ortsgruppe des Verbandes der Kriegsdienstverweigerer reagierten diejenigen, welche wir der Untergrund-DKP zuzurechnen lernten, auf unsere DDR-Kritik und unser Interesse an dem weitgehend gewaltlosen Volksaufstand des 16./17 Juni 1953 und unsere Sympathie für den Aufstand in Ungarn im Jahre 1956 geradezu allergisch.

Anmerkung:

1 SPD-Senkrechtstarter Klaus Riebschläger war von 1972-1975 BauseNATOr und von 1975-1981 FinanzseNATOr und galt danach als Teil des sich bereichernden rot-schwarzen Berliner Filzes.

>> weiter Teil II

Veröffentlicht am

16. November 2005

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