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Wie die bessere Hälfte stirbt

Von P. Sainath - The Hindu / ZNet 10.08.2004

Teil 1 - 31. Juli

Als Pedda Narsamma sich gehängt hatte, war ihr aus acht Menschen bestehender Haushalt zerstört. Sie war 50, und seit Jahrzehnten war es Narsamma, welche sich um den Hof und die Familie im Dorf Pandi Parthi gekümmert hat. Zwei Jahre später hat die Regierung den Selbstmord zur Kenntnis genommen. Eine Untersuchung scheint im Gange zu sein. Aber ihre Familie ist nicht sicher, daß sie eine Unterstützung bekommen wird.

Pedda Narsamma war eine Dalit. Und eine Frau. Und Frauen können keine “Bauern” sein. Das heißt, daß dies vielleicht nicht zu den “Bauernselbstmorden” zählen wird.

“Unsere Mutter hat alles am Laufen gehalten”, sagt ihr Sohn, Narasimhalu. “Mein Vater ist geistig verwirrt und arbeitet schon seit langem nicht. Sie hat fast alle Arbeiten im Haus erledigt, die Kinder großgezogen und sich sogar um ihre Enkelkinder gekümmert. Sie teilte auch die Arbeit auf unseren zwei Hektar Land ein, und arbeitete auf diesen auch selbst viel. Sie arbeitete auch oft auf den Feldern anderer um über die Runden zu kommen.”

Im Jahr 2002 reichte es nicht mehr, um über die Runden zu kommen. Und Narsamma plante ihr eigenes Ende. “Es war zuviel für sie, dass die Ernte ausfiel”, sagt Narasimhalu.

Nur die Ehefrau eines Bauern

Es ist bekannt, daß in den letzten sieben Jahren tausende Bauern in Andhra Pradesh Selbstmord begangen haben. Viel weniger bekannt ist, daß auch Bäuerinnen in gar nicht kleiner Zahl sich das Leben genommen haben.

Erst in den letzten Monaten wurden ihre Selbstmorde - in einigen wenigen Fällen - überhaupt gezählt. “Sowohl in der sozialen, als auch in der offiziellen, Wahrnehmung”, sagt ein höherer Beamter, “ist der Bauer ein Mann der ein Stück Land und eine Patta 1 besitzt. Frauen passen in diese Kategorie nicht hinein. Sie haben in der Praxis keine Eigentumsrechte. Und Männer akzeptieren sie nicht als Bauern. Sie werden bestenfalls als Ehefrauen von Bauern betrachtet.”

Obwohl beinahe ein Fünftel aller ländlichen Haushalte in Indien von Frauen geführt wird, besitzen wenige Frauen Land. In Familien welche Land besitzen sind sie es, die die meiste Arbeit am Feld machen; als Bäuerinnen werden sie aber nicht betrachtet. Laut einer Schätzung ist es in 9 von 10 Fällen die Frau, welche das Feld umgräbt.

Sie ist es auch, welche in 3 von 4 Fällen die Saat aussäht, und auch 82 Prozent des Transports der Ernte vom Feld ins Haus erledigen Frauen. Ein Drittel der Arbeitskraft welche das Land bebaubar macht ist weiblich. Und 70 bis 90 Prozent der Melkenden sind ebenfalls Frauen.

In Regionen wie Anantapur und Mahbubnagar ist der Anteil der von Frauen geführten Haushalte sogar noch höher. Jedes Jahr emigrieren Hunderttausende aus diesen Gebieten um anderswo Arbeit zu finden. Die Männer gehen für gewöhnlich zuerst.

Seit einiger Zeit haben sich Bauern oft den landlosen FeldarbeiterInnen angeschlossen, welche sie einmal angestellt hatten, um in ihrer Not in großen Auswanderungswellen den Staat zu verlassen. So bleiben noch mehr Frauen zurück welche sich alleine umd ihre Höfe, Familien und Finanzen kümmern müssen, wobei alles gegen sie steht.

Die Aufgabe erwies sich auch für Kovurru Ramalamma au dem Dorf Digumari als nicht schaffbar. “Das einzige was ich sie jemals tun sah war arbeiten”, sagt Sudhamani, ihre Tochter. “Mein Vater tat nichts. Der Hektar Land den wir gepachtet haben hat sie für jeden Augenblick beschäftigt, den sie nicht brauchte um sich um das Haus zu kümmern. Sie war um meine Heirat und um die meiner Schwester besorgt.”

Im Jahr 2000 fiel die Ernte aus, und die Familie stand vor Schulden in der Höhe von 150.000 Rupien. Mehr als 30.000 davon hatten für medizinische Behandlungen ausgegeben werden müssen. Ramalamma war 46 Jahre alt, war gebrochen, und aß Pestizide, um sich das Leben zu nehmen. Nach ihrem Tod gab ihre Familie das gepachtete Land auf. Eigenes haben sie nicht. Das macht Ansprüche auf Kompensationsgelder schwierig. Wie beweisen sie, daß sie Bauern waren, als es passierte?

Im Dorf Khadarpetta konnte die 28jährige N. Bhagyalakshmi nicht mehr länger. “Sie fragte mich”, sagt ihr Ehemann, Jayram Reddy, “Wann werden wir all diese Schulden abzahlen?”. Sie waren mit 160.000 Rupien verschuldet. Diesen Juni, “als es klar wurde, daß es ein viertes schlechtes Jahr geben würde, nahm sie sich ihr Leben”.

Es gab auch Selbstmorde unter den Bäuerinnen deren Ehemänner emigriert waren. Swaroopa Rani, die Vizepräsidentin der All-India Democratic Women’s Association in diesem Staat erklärt, warum.

“Zunächst machen sie den Großteil der Arbeit. Jetzt müssen sie nochdazu mit den Banken und den Wucherern fertig werden. Sie müssen die Kinder erziehen und sie in die Schule schicken. Geld für die Notwendigkeiten ihres Haushalts aufzutreiben und auszugeben wird zu ihrem Job. Und darüber hinaus müssen sie den Hof führen. Manchmal wird der Druck zu groß.”

Und manchmal folgt ein Selbstmord schnell dem anderen. Wie im Dorf Choutapalli in der Region Krishna. “Madduri Anasuya tötete sich selbst drei Tage nachdem ihr Ehemann Mohan Rao sich sein Leben genommen hatte”, bemerkt Swaroopa Rani.

Wie viele Selbstmorde von Frauen hat es in diesen Jahren der ländlichen Not gegeben? “Wir werden das vielleicht nie wissen”, meint Dr. Rama Devi. Sie unterrichtete im Jahr 2001 beim staatlichen medizinischen Kollege in Anantapur als sie auf die Zahl der Selbstmorde von Frauen aufmerksam wurde. “Auch sie waren sicherlich Opfer der Agrarkrise”, sagt sie. Vom großen Leid dessen sie Zeuge geworden ist bewegt, brachte Dr. Rama Devi ein Buch über das Thema heraus, mit dem Titel “Cheyutha” (Helfende Hand). In diesem versuchte sie die Toten aufzuzählen.

“In einem einzigen Jahr, beginnend im August 2001”, sagt Dr. Rama, “haben allein in Anantapur 311 Frauen Selbstmord begangen. Und das waren nur die registrierten Fälle. Es muß viel mehr gegeben haben, von denen nicht berichtet worden ist. Fast 80 Prozent dieser 311 Frauen waren aus Dörfern. Und die meisten dieser Frauen hatten einen bäuerlichen Hintergrund.

“Der Zusammenhang mit dem Desaster auf dem Land war klar und deutlich. Zum Beispiel wurde das Problem die Mitgift zu finanzieren mit der Verschlimmerung der Agrarkrise immer größer. Das spielte bei ziemlich vielen Selbstmorden eine Rolle. Die Krise hat auch einen weiteren schlimmen Effekt gehabt. Viele Heiraten mußten aus Mangel an Geld verschoben werden. Und ich stieß auf Fälle in denen das Mädchen Selbstmord beging, weil sie sich als Belastung für ihre Familie fühlte.”

“Die Frauen wurden auch auf andere Arten schwer getroffen. Als die Ernten ausfielen kamen viele Familien in die Städte. Die Männer suchten Arbeit als Autofahrer oder Tagelöhner. Oft ohne Erfolg. In diesem Kampf gegen die Armut war die Belastung für ihre Frauen enorm. Betrunkenheit und Gewalt gegen Frauen nahmen zu. Auch einige dieser Frauen haben sich ihr Leben genommen. Wie auch immer man es betrachtet, der Kollaps des bäuerlichen Lebens in Anantapur war eng mit dem Selbstmord von hunderten Frauen in dieser Region verbunden”

Teil 2 - 1. August

Die Geldleiher kamen zur gleichen Zeit wie wir an. Sie gaben sich nicht als solche aus, aber sie schwirrten in Bhagawantammas Nähe herum. Sie versuchten sogar einige der Fragen zu beantworten die wir ihr stellten. Vielleicht waren wir ja Beamte von der Regierung und würden ihr etwas Geld geben. Wenn dem so gewesen wäre, hätten sie es ihr in dem Augenblick weggenommen, in dem wir gegangen wären. Ihr Mann, Tanki Balappa, beging erst vor wenigen Tagen Selbstmord. Zumindest einige der anwesenden Männer hatte ihm Geld geliehen. Sie sind auch einige der größeren Landbesitzer hier im Dorf Rakonda, in Mahbubnagar.

Balappas Ernte fiel aus - auf dem Hektar den er besitzt und auf den eineinhalb Hektar die er gepachtet hatte. Bhagawantamma weiß nicht genau wieviel Geld er geliehen hatte, da er dies nie mit ihr besprach. Es könnten 85.000 Rupien sein, vielleicht auch mehr als 100.000 Rupien. Jetzt muß sie sich um zwei Söhne und eine Tochter kümmern während sie den Hof am laufen hält. Und sie muß mit den Geldleihern fertigwerden. Auch mit einigen die vielleicht keinen Beweis dafür haben, daß ihr Mann ihnen etwas geschuldet hat.

Die Selbstmorde ihrer Männer lassen viele schutzlos in einer brutalen Welt zurück. Das Risiko ist groß, das Land der Familie zu verlieren, und extremem Druck, auch sexueller Belästigung, durch die Geldleiher ausgesetzt zu sein.

Die Geldleiher fliegen heran

Dem Selbstmord des Ehemannes folgten immer sofort Geldforderungen von Geldleihern, echten und falschen. Das war in allen sechs Distrikten offensichtlich, wo wir solche Haushalte befragten. In vielen Fällen hatten die Witwen keine oder nur wenig Ahnung davon, wie groß die Schulden ihrer Ehemänner gewesen waren. “Das geht nur Männer etwas an”, sagte mir ein Dorfbewohner streng und ernst.

Gerade jetzt geht es die Frau etwas an, ob sie das will oder nicht, wie Yadamma, aus dem Dorf Edavalli, im Nalgonda Distrikt, gerade herausfindet. Die Witwe Korvi Salaiahs hat gerade erst begonnen das Ausmaß der Verschuldung ihres Ehemannes herauszufinden. Jeder Tag bringt eine neue Forderung. “Er erzählte mir nie etwas darüber, was er tut”, sagt sie. Es gibt viele die ihr darüber berichten werden, bald, und brutal.

Dieses Gebiet ist auch für Betrug anfällig, da dies Gesellschaften sind in denen solche Angelegenheiten durch Vertrauen und das gesprochene Wort geregelt werden. Und noch mehr so, wenn sich viele Witwen auch noch für die Schulden ihrer Männer verantwortlich fühlen, auch wenn jene sie darüber nie informiert haben. Für Kamalamma, deren Ehemann Pamul Reddy sich dieses Jahr in Mushampalli, in Nalgonda, das Leben genommen hatte, “ist das keine rechtliche Angelegenheit. Es ist meine moralische Pflicht die Schuld meines Ehemannes zurückzuzahlen”.

Imambi in Rayalappodhodi, Anantapur, ist eine Frau welche die Forderungen eines Geldleihers zurückweist. Das hat diesen nicht daran gehindert ihr zwei Hektar ihres Landes wegzunehmen. Imambis Ehemann, Razaksaab beging im März 2003 Selbstmord. Örtliche Journalisten sagen, daß die Präsidentin der Kongresspartei, Sonia Gandhi sie auf einem Besuch in Anantapur traf und ihr half. Aber Imambis 15 Minuten andauernder Ruhm konnten ihr nicht helfen, ihr Land zurückzubekommen.

Es gibt auch viele weitere Gefahren. Eine ist es, daß Kinder ans Land gebundene Arbeiter werden. Alle drei Söhne von Lakshammamma im Dorf Munnanuru sind gebunden. “Was haben wir für eine Wahl? Schauen Sie sich unsere Lage an,” sagt sie. Ihr Ehemann, Pedda Bhimaiah, ein Bauer mit lediglich einem halben Hektar Land, nahm sich in seiner Verzweiflung vor acht Monaten das Leben.

Nach dem Selbstmord stehen die Chancen für bereits verschuldete Familien noch schlechter. Und manchmal, folgt gleich ein zweiter Selbstmord darauf. In Mirdhodhi, im Distrikt Medak, nahm sich Gunnala Narayana letzten August nach einer weiteren Fehlerne das Leben. Diesen Juni, weniger als ein Jahr später, tat sein Sohn Kumar das gleiche, da er mit den Geldleihern nicht fertig wurde. Kumars Ehefrau, seine Mutter und seine Schwester sind jetzt in einer sehr schwierigen Lage.

Innerhalb weniger Monate nach dem Selbstmord bleibt Witwen und Familien oft gar kein Besitz mehr. Und auch keine Aussicht, irgendwelchen zu erlangen. Unter jenen welche durch den Selbstmord von Dhomala Srivnivas in Suranpalli, im Distrikt Medak, zürückgelassen worden sind, sind seine kranke Mutter Lashmi, seine behindert Schwester Satyalakshmi und sein gelähmter Vater Narasaiah. Die Familie hatte ihr ganzes Vieh und einiges Land verkauft um sich am Leben halten zu können. Ihre Schulden und ihre Ausgaben für Medikamente klettern gemeinsam in die Höhe.

Dürre macht eine unerträgliche Situation unmöglich. Umsomehr wenn die männlichen Mitglieder enes Haushalts auf der Suche nach Arbeit emigrieren. Eine Frau die auf dem Land lebt könnte allein mit drei elementarsten Aufgaben acht Stunden verbringen: Wasser, Feuerholz und Futter sammeln. Das ist ein Drittel ihres Lebens. Dann bleiben noch kochen, waschen und die Versorgung der Kinder. Wenn Dürre eine Region überfällt, kann sie auf der Suche nach Wasser das Doppelte der “normalen” Entfernung gehen. Die Jagd nach Futter wird umso dringlicher, wenn der Zustand des Viehs sich verschlechtert. Dar Mangel an jeglicher Unterstützung, macht die Situation nicht leichter.

In Jambuladhine, in Anantapur, hat Lakshmi Devi sowohl ihren Mann, als auch ihren Verstand verloren. P. Nagireddy war ein Bauer und ein Heiratsvermittler, der in beiden Bereichen getroffen wurde. Fehlernten trafen viele wie ihn. Die Krise verzögerte auch viele Heiraten, und runierte somit ebenfalls seine Heiratsvermittlung. Die Verzögerung der Heirat seiner Tochter gaben Nagireddy den Rest, und er beging im April letzten Jahres Selbstmord. Krank vor Sorge um ihre Schulden und ihre Töchter, verlor Lakshmi Devi ihren Verstand.

Ein Opfer ist die Bildung

Die Krise im ländlichen Raum hat auch die Bildung vieler Mädchen verhindert. In Kurugunta, in Anantapur, mußte die intelligente jüngere Tochter von G. Hanumantha Reddy die Schule verlassen. Ihre Familie konnte es sich nicht länger leisten. In diesem Distrikt gab es einige junge Mädchen welche Selbstmord begingen, nachdem sie von der Schule genommen waren.

Die Welt der “Selbstmordwitwen” ist furchterregend. Den Hof zu betreiben, mit den Geldgebern fertigzuwerden, die Kinder zu erziehen und einen Verdienst zu bekommen ist nicht einfach. Und es ist auch nicht einfach Schulden abzuzahlen, für die sie nichts können. Trotzdem versuchen es manche. Wie Parvati, welche, nachdem sie bis zur 10. Klasse in der Schule war, die gebildetste junge Frau in Chinna Mushtiuru, in Anantapur, ist.

Parvati riet ihrem Ehemann, Duggala Mallapa, nicht zu verzweifeln. Sie machte ihn darauf aufmerksam, daß jeder im Dorf so verschuldet sei. Sie bat ihn, dem Druck der Geldgeber nicht nachzugeben. Er tat es. Und Parvati versucht heute den Hof alleine zu führen, während sie ihre drei jungen Töchter, von denen eine 6 und eine 4 Jahre alt ist, und eine erst 10 Monate, großzuziehen. Aber es liegt keine Spur von Selbstmitleid in ihren Worten. Nur eine ruhige Entschlossenheit sicherzugehen, daß ihre Mädchen etwas Bildung bekommen, wie sie. “Irgendwie”, sagt sie, “müssen wir weitermachen”.

Anmerkung:

1 Eine Patta ist eine offizielle Eigentumsbescheinigung für ein Stück Land; ohne diese hat der oder die das Land Bestellende keinen Anspruch auf Unterstützungen.

Quelle: ZNet Deutschland vom 13.08.2004. Übersetzt von: Matthias. Orginalartikel: How The Better Half Dies

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Veröffentlicht am

14. August 2004

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