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Indiens Agrarkrise - kein Ende der Bauernselbstmorde

Von Devinder Sharma - ZNet 28.06.2004

Der Ministerpräsident von Andhra Pradesh, Y.S. Rajasekhar Reddy, ist in der Zwickmühle. Seit er sein Amt antrat, am 14. Mai, vor etwas mehr als einem Monat also, haben wieder über 300 Bauern Selbstmord verübt - laut offizieller Todesstatistik des Selbstmordregisters, Stichtag 25. Juni. Inoffiziell wird die Zahl weit höher geschätzt. Die Welle der Bauernsuizide kümmert den Bundesstaat leider wenig - auch nicht die Koalition im Zentrum, unter Führung der Kongresspartei.

Die Selbstmordwelle ist Resultat der Apathie und völligen Vernachlässigung des Themas durch die Vorgängerregierung Andhra Pradeshs unter Chandrababu Naidu, die jetzt nach neun Jahren von der Macht abgewählt wurde. Auch in einigen anderen Bundesstaaten (Indiens) - inklusive der agrikulturellen Frontstaaten Punjab und Haryana - und selbst in den linksregierten Staaten Westbengalen und Kerala ist die Situation nicht besser. Tausende Bauern setzten in den vergangenen Jahren ihrem Leben ein Ende.

Was die neue Regierung (Andhra Pradeshs) mittlerweile allerdings verwirrt, ist die Tatsache, dass sich kein Ende der Selbstmordwelle abzeichnet, selbst nicht, nachdem sie eine Reihe von Routine-Gesetzespaketen ankündigte - freie Stromversorgung, weitere Kredite - mit dem Ziel, das Elend der Bauern zu lindern. Mit im Paket ist eine Ex-Gratia-Gabe 1 von 1 Lakh Rupien an die nächsten Angehörigen eines Verstorbenen (Selbstmörders) sowie 50.000 Rupien zur Gesamtabtragung der Kreditschuld eines verschuldeten Bauern. Schon die Vorgängerregierung hatte damit begonnen, ‘ex gratia’ in Höhe von 1 Lakh Rupien an betroffene Familien zu zahlen, nachdem es zwischen 1997 und 1998 erste Berichte über Selbstmorde gab. Aber als rund 250 Familien die Hilfen erhalten hatten, stoppte man sie wieder; man behauptete, die ‘ex gratia’ würde noch mehr Bauern dazu bringen, sich umzubringen. Die Kongresspartei, damals noch in der Opposition, sprang ein und sammelte Spenden, um die trauernden Familien zu unterstützen.

Die neugewählte Regierung Andhra Pradeshs hat zwar schnell gehandelt (kurz darauf auch die Regierung Tamil Nadus), indem sie freie Stromversorgung für die Bauern ankündigte. Deprimierend allerdings, dass die Regierung vollkommen ratlos ist, warum die Bauern sich zum Selbstmord gezwungen sehen. Aber auch sogenannte distinguierte Wissenschaftler aus dem agrikulturellen Sektor, Ökonomen und Sozialwissenschaftler, halten sich mit Vorschlägen zurück, wie diesem Schandfleck, der auf dem Image des Landes lastet, zu begegnen sei.

Der Grund ist offensichtlich. Niemand traut sich, mit dem politischen Finger auf den wahren Schurken zu zeigen: das Modell einer industriellen Landwirtschaft. Dieses hat den Schwerpunkt (in der Landwirtschaft) hin zu Cash-Crops (für den Handel produzierte Agrarprodukte - Anmerkung d. Übersetzerin) verschoben und ruiniert so Subsistenz-Existenzen. Mr. N. Chandradabu Naidu von Andhra Pradesh wurde durch eine Welle des Bauernzorns aus seinem Amt gespült. Die Kleinbauern und an den Rand gedrängten Bauern - gemeinsam mit landlosen Arbeitern - (sie machen fast 80% der 80 Millionen Menschen des Bundesstaats Andhra Pradesh aus) haben ihr Urteil gefällt: die von der Industrie gesponserten Wirtschaftsreformen sind gegen die Armen gerichtet.

Auch im Bundesstaat Karnataka - dort ist die Bauern-Selbstmordrate vergleichbar hoch -, hat die Überbetonung der Technologie eine große Zahl der in der Landwirtschaft tätigen Menschen vom Wirtschaftswachstum, von der Entwicklung abgekoppelt. Beide Bundesstaaten hatten sich massiv auf die britische Beraterfirma McKinsey India Ltd. verlassen; McKinsey sollte den Entwurf für Wirtschaftsreformen liefern. Auch Westbengalen bedient sich der Dienste McKinseys - für den Neuentwurf eines Wirtschaftswachstums-Modells. Blindlings äfften Karnataka und Andhra Pradesh das Landwirtschaftsmodell der Weltbank nach (wie von McKinsey India Ltd. vorgeschlagen). Beide Bundesstaaten pumpten große Finanzmengen ins Land, um eine von der Industrie angetriebene Landwirtschaft zu pushen; diese hat aber nicht nur zur Verschlimmerung jener Krise geführt, die in eine Umweltkatastrophe münden wird, sondern auch zur Zerstörung von Millionen ruraler Existenzen.

Die größte Tragödie ist, dass beide Bundesstaaten sich zu nationalen Zentren der Schande - in puncto Bauernelend -, entwickelt haben; das verdeutlichen auch die steigenden Selbstmordraten in ruralen Gebieten. Billige Kredite für die an den Rand gedrängten Bauerngemeinden, wie vom Finanzminister angekündigt, werden nicht viel Abhilfe schaffen. Was diese Armen und an den Rand Gedrängten brauchen, sind sofortige Einkommensbeihilfen.

In Wirklichkeit haben Andhra Pradesh und Karnataka es der Industrie leicht gemacht, in den ländlichen Regionen Einzug zu halten. Andhra Pradeshs ‘Vision 2020’ ist ein Dokument, in dem von einer Reduzierung der Bauern auf 40% der Gesamtbevölkerung des Bundesstaats die Rede ist. Andererseits enthält das Dokument aber kein signifikantes Programm, wie die übrigen 30% bäuerliche Bevölkerung adäquat zu rehabilitieren seien.

Ziel war es, die kommerziellen Interessen von Agrobusiness-Unternehmen (lesen Sie nach, was ausländische Finanzinstitute bzw. internationale Banker dazu sagen) sowie die Hardwareunits der IT-Branche zu fördern. Alle Leistungen sollten - im Namen der Bauern natürlich - den Unternehmen dieser Branchen zufließen. Und in der Tat wurden beide Bereiche - neben der Biotechnologie - massiv subventioniert, im Namen von Effizienz und Infrastruktur. Die armen Bauern hingegen beraubte man ihrer einzigen Einkommensquelle - ihrer mageren kleinen Höfe.

In Wirklichkeit hat sich Andhra Pradesh rasant zu einen BIMARU entwickelt (euphemistisch für einen Staat im Rückwärtsgang). In jeder Saison migrierten tausende Bauern in die urbanen Zentren, auf der Suche nach Knechtsarbeit. Die Mofusill-Zeitungen im Herzen des ‘Cyberstates’ (diese Bezeichnung für Andhra Pradesh liebte Mr. Naidu) - waren voll mit Anzeigen, in denen die Menschen animiert wurden, ihren Gold- und Silberbesitz zu verpfänden. Das Viehsterben, das Elend der Dalits und anderer Landloser und an den Rand Gedrängter, war nicht länger in den Schlagzeilen. Den Bauern riet man, keinen Reis mehr anzubauen (eine Lagerfrucht), der Bundesstaat habe keinen Platz mehr für die Lagerung. Die Bauernselbstmorde wurden so alltäglich, dass Mr. Naidu doch tatsächlich ein Psychiater-Team losschickte, das die Bauern überzeugen sollte, sich nicht das Leben zu nehmen.

Glauben Sie’s oder nicht, aber in Andhra Pradesh kann man heute Tagelöhner zu einem Preis anheuern, über den ihre Kollegen in Bihar lachen würden. Die ignoranten Medien allerdings sprachen mit Verachtung von Bihars politischem Führer; durch den Einzelgänger Laloo Prashad Yadav würde der Bundesstaat - Bihar - wirtschaftlich zurückgeworfen. Auf Mr. Naidu (Premierminister von Andhra Pradesh) andererseits ergossen sich Lobpreisungen aller Art. Dabei hatte die Armut in Andhra Pradesh solche Ausmaße und Dimensionen erreicht, dass der Bundesstaat die landesweit höchste Rate an Neuprostitution und Menschenhandel hatte. Aber Mr. Naidu ignorierte die Zeichen an der Wand und führte lieber Webkonferenzen mit seinem Bürokratenapparat - zum Leidwesen der nationalen Medien, die ihn als Musterknaben der Wirtschaftsreformen portraitiert hatten.

Das Naidu-Modell ist gescheitert. Dieses Scheitern ist gleichzeitig ein Scheitern des McKinsey-Modells für wirtschaftliche Entwicklung. Und wer, wie einige Ökonomen, von “Naidu Plus” spricht, verdeutlicht nur die Arroganz jener Ökonomenschule, die sich nach wie vor weigert, etwas anderes als die Industrie zu sehen. Da wundert es nicht, dass die Zeitungen den Generalsekretär der ‘Föderation Indischer Industrie- und Handelskammern’ (FICCI), Mr. Amit Mitra, bereits mit den Worten zitieren: “Wirtschaftinitiativen in den Bereichen IT und Dienstleistungen sollten auf die ländlichen Regionen ausgedehnt werden und auf Industrien wie Nahrungsmittelproduktion und rurale Industrie”. Leider weigert sich die Industrie zur Kenntnis zu nehmen, dass Mr. Naidu den (harten) Preis für ihre Maßlosigkeit zahlte. Auch die ‘Confederation of Indian Industry’ CII (größter Arbeitgeberverband Indiens - Anmerkung d. Übersetzerin) und die neue Biotech-Industrie kamen in den Genuss der Großzügigkeit des Bundesstaats - im Namen der Verbesserung landwirtschaftlicher Produktion und der Steigerung der Einkommensverhältnisse auf dem Land.

Die neue Regierung setzt zwar einen ihrer Schwerpunkte auf die Landwirtschaft, andererseits weigert sie sich, die wahren Gründe für das Elend der Bauern zu ergründen. Ihre Anstrengungen konzentrieren sich darauf, den Markt davon zu überzeugen, man werde nicht zulassen, dass der Sensex weiter fällt. Die Tragödie: Die Bauern haben entschieden, aber die Ökonomen und Politiker weigern sich, diese Entscheidung anzuerkennen. Die Nation ist nicht nur ratlos, es ist ihr schlicht egal, wie man die Landwirtschaft und den Anbau zu neuem Leben erweckt.

An jenem Punkt, an dem die Gleichsetzung von Ökonomie und Politik scheiterte, hat die Demokratie Indiens einen - oberflächlichen - Höhenflug erlebt. Und schon stellen CII und FICCI sicher, dass ihre Sippschaft aus Wirtschaftsköpfen und Lobbyisten in jeder der politischen Parteien vertreten ist. Folglich besteht die Tragödie darin, dass die politische Linie der herrschenden Partei und der Opposition ineinander verschwimmen. Alle folgen denselben Wirtschaftsrezepten - Rezepten, die nichts mit den Realitäten vor Ort zu tun haben. Auch die von der Kongresspartei geführte Koalition (in Andhra Pradesh) dürfte bald in diese Falle tappen und auf weitere Wirtschaftsreformen drängen bzw. im landwirtschaftlichen Bereich dieselbe Richtung vorgeben, auf die sich schon Mr. Naidu fälschlicherweise verließ.

Die Wirklichkeit vor Ort hat sehr wenig mit Rhetorik und Statistiken zu tun - Rhetorik und Statistiken, die zu Mitleidsimmunität führten. Wir alle sind Teil eines globalen Nahrungssystems, das Armut und Elend perpetuiert. Die Nahrungsmittelindustrie behauptet vollmundig, die von ihr ausgestoßenen Lebensmittel seien nahrhaft - dabei sterben Millionen Menschen an Übergewicht und den damit verbundenen Problemen. Wir versprechen vollmundig bessere Technologien für die Landwirtschaft und verbergen gleichzeitig die harsche Realität vor den Blicken der Öffentlichtkeit - wachsende Verschuldung und Armut, die zu Hunger und menschlichem Elend führen. Aus diesem Grunde sind in Wirklichkeit wir die Ursache von Hunger und Bauernselbstmorden, die aus Hunger resultieren. Mit dieser Vogel-Strauß-Politik werden wir Hunger und Tod sicher nicht vom politisch-ökonomischen Radar verbannen.

Agrarwissenschaftler, Akademiker, der Gesetzgeber, ja selbst die Gruppen der Zivilgesellschaft, müssen als Erstes akzeptieren, welche grundlegenden Fehler den Bauern zum Verhängnis wurden. Danach braucht es Entschlossenheit - in politischer wie wissenschaftlicher Hinsicht. Warum sollte die Geißel ‘bäuerliche Not’ nicht der Vergangenheit angehören? Es gibt keinen Grund, weshalb das nicht machbar ist. Andernfalls werden Wirtschaftstricks - wie die Ankündigung von kostenlosem Strom oder die Förderung von Bankkrediten - weitere Bauern dazu zwingen, den tödlichen Ausweg zu wählen und Unkrautvernichter zu trinken.

Devinder Sharma aus Neu Delhi ist politischer Analyst im Bereich Nahrungsmittel- und Handelspolitik. Eines seiner neuen Bücher heißt: ‘In the Famine Trap’. (E-mail an: dsharma@ndf.vsnl.net.in)

Anmerkung der Übersetzerin

1 ex gratia = Gabe oder Ablöse ohne Anerkennung einer Rechtspflicht

Quelle: ZNet Deutschland vom 01.07.2004. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: “India’s Agrarian Crisis” .

Veröffentlicht am

04. Juli 2004

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