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Indien: Die Dunkelheit weicht…

Von Arundhati Roy - ZNet 14.05.2004

Hoffen wir, dass die Dunkelheit weicht. Ein Zusammenprall der realen und der virtuellen Welten Indiens hat zur Demütigung der Macht geführt. Für viele von uns, die wir dem politischen Mainstream entfremdet sind, gibt es nur wenige, flüchtige Momente, in denen wir feiern können. Heute ist so ein Moment.

Mit dem Gang der Inder zur Wahlurne überwanden wir die gefährliche Gegenströmung - Neoliberalismus und Neofaschismus - den Angriff auf die Gemeinden der Minderheiten und der Armen. Kein Pundit und kein Wahlforscher hatte dieses Resultat vorhergesehen. Die rechtsgerichtete Koalition, geführt von der BJP, wurde aber nicht nur abgewählt, sie wurde gedemütigt. Man kommt nicht umhin, das Ganze als entschiedene Absage der Wähler an den Kommunalismus 1 und die neoliberalen Wirtschafts-“Reformen” zu sehen. Die Kongresspartei ist stärkste Partei. Die linken Parteien, die einzigen Parteien, die offen (wenn auch wirkungslos) Kritik an den Reformen übten, haben ein nie dagewesenes Wählermandat errungen.

Aber auch wenn wir feiern, uns ist bewusst, dass es zwischen Kongresspartei und BJP - abgesehen vom offenen Hindu-Nationalismus Letzterer - in allen wichtigen Themen (Atombomben, Großdämme, Privatisierung) keine großen ideologischen Unterschiede gibt. Wir wissen, es war das Vermächtnis der Kongresspartei, das uns den BJP-Horror bescherte. Dennoch feiern wir, denn wir wissen mit Sicherheit, die Dunkelheit weicht. Wirklich?

Vor kurzem unterhielt ich mich mit einem jungen Freund über Kaschmir - über den Sumpf an politischer Bestechung, die Brutalität der Sicherheitskräfte, über den ausgefransten Saum einer gewaltdurchtränkten Gesellschaft, in dem Militante, Polizisten, Geheimdienstoffiziere, Regierungsbedienstete, Geschäftsleute und selbst Journalisten sich bekämpfen bzw. langsam aber sicher die Rollen tauschen. Wir sprachen darüber, was es heißt, mit dem endlosen Töten leben zu müssen, mit der steigenden Zahl “Verschwundener”, dem Flüstern, der Angst, den Gerüchten und der irren Diskrepanz zwischen dem, was die Kaschmiris über die Geschehnisse in Kaschmir wissen und dem, was uns, dem Rest, gesagt wird. Er (der junge Mann) sagte: “Früher war Kaschmir ein Geschäft. Heute ist es ein Irrenhaus”. Stimmt, der Kaschmir-Konflikt sowie die Konflikte in den nordöstlichen Bundesstaaten sind wie zwei Gebäudeflügel, die die gefährlicheren Abteilungen der Anstalt beherbergen. Aber auch im Kernland bietet das Schisma zwischen Wissen und Information, zwischen Tatsache und Mutmaßung, zwischen der “realen” und der virtuellen Welt Raum für endlose Spekulation und Raum für potenzielle mentale Krankheit.

Jedesmal, wenn sich ein sogenannter Terroranschlag erreignete, war die BJP-Regierung emsig bemüht, jemandem die Schuld zuzuweisen - Ermittlungen fanden kaum bis gar nicht statt. Der Angriff auf das Parlamentsgebäude am 13. Dezember 2001 oder der verbrannte Sabarmati-Express in Godhra ein Jahr später sind gute Beispiele. In beiden Fällen hätten die auftauchenden Beweise zu irritierenden Fragen geführt. Also legte man sie auf Eis. Jeder glaubte das, was er glauben wollte. Aber die Vorfälle wurden auch benutzt, um die kommunalistische Bigotterie anzustacheln - im Nebel des angeheizten Hindu-Nationalismus.

Viele Regierungen (Regierungen von Bundesstaaten ebenso wie die zentrale), die Kongress-Partei, die BJP und Regionalparteien, alle nutzten das Klima des künstlich erzeugten Wahnsinns für einen Angriff auf die Menschenrechte - in einem Ausmaß, das berüchtigtere Despotenregime der Welt erblassen lässt. In den vergangenen Jahren belief sich die Zahl der Menschen, die durch Polizei und Sicherheitskräfte starben, auf mehrere zehntausend Personen. Der indische Bundesstaat Andhra Pradesh (Paradestück des Neoliberalismus) verzeichnet Jahr für Jahr durchschnittlich etwa 200 tote “Extremisten”, die bei “Gefechten” sterben. In Kaschmir wurden seit 1989 schätzungsweise 80 000 Menschen getötet. Tausende sind “verschwunden”. Laut ?Vereinigung der Eltern Verschwundener in Kaschmir’ 2 wurden 2003 mehr als 2500 Menschen getötet. In den vergangenen 18 Monaten gab es 54 Tote in Gewahrsam. Der Staat Indien hat einen Hang zu Schikane und Terror - institutionalisiert durch den drakonischen Pota-Act (‘Gesetz zur Terrorismus-Prävention’).

In Tamil Nadu beispielsweise wird das Gesetz eingesetzt, um Kritik an der Regierung des Bundesstaats zu ersticken. In Iharkhand wurden 3200 Menschen - das meiste arme Adivasis (einheimische Bevölkerung), die beschuldigt werden, Maoisten zu sein -, gemäß Pota-Gesetz angeklagt. In Ost-Uttar-Pradesh wird das Gesetz angewendet, um gegen jene vorzugehen, die gegen die Enteignung ihres Landes protestieren. In Gujarat und Mumbai findet das Gesetz ausschließlich gegen Muslime Anwendung. In Gujarat kam es 2002 zu einem Progrom, dem schätzungsweise 2000 Muslime zum Opfer fielen. Hier wurden 287 Menschen unter Pota angeklagt: 286 Muslime und 1 Sikh. Pota erlaubt es, Geständnisse, die in polizeilichem Gewahrsam erzwungen wurden, als Beweis anzuerkennen.

Unter dem Pota-Regime wird in unseren Polizeistationen Ermittlung zunehmend durch Folter ersetzt. Das reicht von erzwungenem Urintrinken, über ausziehen, erniedrigen, Elektroschocks, Verbrennungen per Zigarette, Eisenrohren, die man in den Anus schiebt, bis zu totprügeln. Unter Pota ist es nicht möglich, Kaution zu stellen, wenn man nicht beweisen kann, dass man unschuldig ist - an einem Verbrechen, dessen man nicht einmal formal beschuldigt wird.

Die Vorstellung, Pota würde “missbraucht”, ist naiv. Pota wird genau zu jenem Zweck eingesetzt, für den es erdacht wurde. Dieses Jahr votierten in der UN 181 Länder für einen besseren Schutz der Menschenrechte - selbst die USA stimmten dafür; Indien enthielt sich.

Währenddessen informieren uns Ökonomen - die uns von den Blättern der Konzern-Presse entgegenstrahlen -, unser Bruttosozialprodukt sei einfach phänomenal, die Wachstumsrate so gut wie nie. Die Läden sind vollgestopft mit Konsumgütern. Die Lagerhäuser der Regierung fließen über vor Getreide. Außerhalb dieses Lichtkegels jedoch hat sich in den vergangenen fünf Jahren das rabiateteste Stadt-Land-Einkommensgefälle seit der Unabhängigkeit entwickelt. Bis zum Hals verschuldet, begehen Bauern hundertfach Selbstmord; 40% der Landbevölkerung Indiens hat soviel Nahrungsgetreide zur (persönlichen) Verfügung, wie die Menschen in Sub-Sahara-Afrika. 47% aller indischen Kinder unter 3 Jahren sind unterernährt.

Im urbanen Indien stehen in Läden, Restaurants, Bahnhöfen, Flughäfen, Fitnesscentern und Krankenhäusern TV-Geräte herum, die ein leuchtendes Indien zeigen, ein Wohlfühl-Indien. Alles, was man tun muss, ist, sich die Ohren verstopfen, damit man das krankmachende Geräusch überhört, wenn ein Polizeistiefel jemandem die Rippen bricht, und man muss die Augen abwenden vom Dreck, von den Slums, den zerlumpten, kaputten Menschen auf den Straßen und Ausschau halten nach einem freundlichen TV-Monitor. Dann befindet man sich plötzlich in einer anderen, schönen Welt - in der singenden, tanzenden Welt des permanent hüftschwingenden Bollywood, mit permanent glücklichen, privilegierten Indern, die die Trikolore flattern lassen und sich einfach nur Gut Fühlen. Gesetze wie Pota funktionieren wie ein Fernsehknopf. Man drückt ihn, und schon verschwinden die Armen, die Unruhestifter, die Ungewollten.

Als Pota erlassen wurde, inszenierte die Kongresspartei im Parlament lautstarken Protest. Während ihrer (jetzigen) Wahlkampagne war von der Rücknahme des Gesetzes allerdings nie die Rede. Und noch vor Regierungsbildung kommt es offen zur Bekräftigung des “Reform”-Kurses durch die Kongresspartei. Was für Reformen werden das exakt sein? Wir können nur abwarten. Ein Glück, dass die Kongresspartei gehemmt ist durch die Tatsache, dass sie bei ihrer Regierungsbildung auf die Unterstützung linker Parteien angewiesen ist. Hoffen wir, dass die Dinge sich ändern - ein wenig. Die letzten sechs Jahre waren ziemlich höllisch.

Arundhati Roy ist Autorin von ‘Der Gott der kleinen Dinge’ und ‘The Ordinary Person’s Guide to Empire’ (2004 erschienen)

Anmerkung d. Übersetzerin

1 Unter “Kommunalismus” wird in Indien die unter religiösen Vorzeichen stattfindende Gemeinschaftsbildung von Hindus, Muslimen und anderen Gruppen verstanden, deren Struktur oft zu blutigen Zusammenstößen führt.

2 ‘Association of Parents of Disappeared People in Kashmir’

Quelle: ZNet Deutschland vom 16.05.2004. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: “Darkness Passed….”

Hinweise

  • Das deutschsprachige Südasien-Portal Südasien.Info informiert über Politik, Gesellschaft und Kultur in der Region.
  • Anliegen der GandhiServe Stiftung ist es, Menschen das Leben und Wirken von Mahatma Gandhi zeitgemäß näherzubringen.

Veröffentlicht am

16. Mai 2004

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