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Kann man sich einen “streitbaren Pazifisten” als glücklichen Menschen vorstellen?

Laudatio auf Andreas Buro bei der Verleihung des Göttinger Friedenspreises

Von Hanne-Margret Birckenbach

Andreas Buro schreibt in seiner Lebenserinnerung "Gewaltlos gegen Krieg" auf Seite 274, manchmal denke er bei seiner politischen Arbeit an Sisyphos.

Zur Erinnerung: Der listige, kluge, aufmüpfige und lebenshungrige Sisyphos wurde von weniger intelligenten Göttern auf Ewigkeit dazu verdammt, einen schweren Stein aus Marmor einen Berg hinaufzubringen, von wo er wieder nach unten rollt. 1942 hat Albert Camus in seinem Essay "Der Mythos von Sisyphos - Der ewige Rebell" vorgeschlagen, auf die "verborgene Freude des Sisyphos" zu achten. "Sein Schicksal" - so schreibt Camus - "gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache … Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen."

Was heißt hier Glück und was sind seine Quellen? Wie kann man sich heute einen Pazifisten als glücklichen Menschen vorstellen? Das scheint mir eine Frage von Sein oder Nichtsein für die Zukunft der Friedensbewegung. Was also können wir von Andreas Buro in dieser Hinsicht lernen? Ich habe fünf Antworten in seinem Lebenswerk gefunden.

1. Er lebt, und er gestaltet seinen Stein

Die Friedensarbeit von Andreas Buro beginnt mit einem wachen Überleben und fängt immer erneut mit Weiterleben an. Er übersteht Bomben, Ritterakademie, den Einsatz bei der Flak und den Zeiten Weltkrieg insgesamt gut und wohlgemut. Er erfährt in frühen und in späten Jahren viel Leid, widersteht aber der Versuchung, ihm einen Sinn zu geben. Als Kriegsjugendlicher nimmt er die Beschämung der jüdischen Freunde in der Nazizeit wahr. Wenig später beobachtet er, wie die Tochter eines Juden, die das Naziregime im Versteck überlebt hatte, sich nicht mehr versteckte und daher von Angehörigen der sowjetischen Truppen, von denen sie doch hätte Rettung erwarteten müssen, entdeckt und "mitgenommen" wurde. Beide Beobachtungen führen zu einer Erkenntnis. Er meißelt sie auf den Stein, den er bergauf rollen wird. Dort heißt es "Es gibt einen Widerspruch zwischen Menschenwürde und Herrschaft, Demokratie und Gewalt, Frieden und Krieg". Jetzt ist es sein Stein. Später wird er ihn mit weiteren Inschriften anreichern: "Gib dem Kampf einen positiven Inhalt" - "Gegen Atomwaffen in West und Ost" - "Für das Wagnis notfalls auch einseitig abzurüsten" - "Für zivile Konfliktbearbeitung".

2. Er wählt seinen Anstieg und schätzt das Leben.

Die Götter haben Sisyphos nicht angewiesen, den kürzesten Weg zu nehmen. Er ist schlau, der Stein lässt sich auf Umwegen leichter rollen, es geht langsamer, er muss nicht so oft wieder hinunter und so kann er auch die Schönheit der Bergwelt genießen.

Auch Andreas Buro bestimmt sein Tempo selbst, hält an, wenn es durchzuatmen gilt. Keinesfalls stürmt er schnurstracks nach oben dem Gipfel entgegen. Er nimmt Serpentinen, geht verschlungene Pfade im Wald, sucht Licht und Schatten, besucht Theater und Konzerte, staunt als Student der Forstwirtschaft über die Weite der spezialisierten Wissenschaften und unternimmt allerlei Aktivitäten jenseits von verordneten Aufgaben. Später bestellt er einen Garten, gießt die Tomaten, kocht Marmelade und schreibt Gedichte - auch Liebesgedichte. Weil er sich Zeit nimmt, kennt er seinen Berg bald im Westen, Osten und Süden.

Politik ist zunächst nicht seine Sache. Als Mitglied des sozialistischen Jugendverbandes "Die Falken" interessiert ihn eigentlich nur Eva oder "die kluge weibliche Welt". Diese Welt wird unterschiedliche Namen tragen, er verliert Eva, später Rotraut, aber die weibliche Welt wird ihn immer begleiten - jede auf ihre Weise. Heute heißt sie Ursula. Er wird Waldarbeiter und dann ein querköpfiger Studentenvertreter an der Humboldt-Universität. Man verbietet ihm die Ausübung seines Berufs, er versteht die Warnungen und geht mittellos in den Westen. Hier in Göttingen reicht er 1954 seine Dissertation über Holzschutzmittel ein und trampt erst einmal in den Tessin. Zwar hatte er von den Plänen zur Wiederbewaffnung, von der Göttinger Erklärung und vom Kampf gegen den Atomtod gehört, aber das alles ist lange kein Thema für ihn. Er muss und will auch Geld verdienen. So wird er 1960 Oberingenieur und dann stellvertretender Direktor am Institut für Holzforschung in Braunschweig, dann Geschäftsführer in einer Münchner Firma, die Fertigungsanlagen zur Holzverarbeitung baut.

3. Er begibt sich in Gesellschaft und begreift Enttäuschung als Herausforderung

Wie Sisyphos hat Andreas Buro einen inneren Antrieb, sich immer erneut auf den Weg zu machen. Und kein Gott schreibt ihnen vor, den Weg alleine zu gehen.

Mit 32 Jahren entdeckt er auf einer Plakatwand eine Einladung zu einem Treffen der Internationale der Kriegsdienstgegner (IdK). Er geht hin, hört zu und macht mit. Nun wird er ein "homo sociologicus" de pace. Er findet Mitstreiter und Mitstreiterinnen, die immer wieder seine Wege kreuzen und ihn teilweise bis heute begleiten. Auch sie rollen Steine mit Inschriften.

Die kleine Gruppe der Braunschweiger IdK kann dem promovierten Holzforscher etwas bieten, nämlich die Regeln Gandhis für eine respektvolle und vertrauensbildende Haltung gegenüber anderen. Er testet die Regeln erfolgreich im Berufsleben und gewinnt damit das Vertrauen der Kolleginnen und Kollegen. Und er selbst gewinnt Vertrauen in gewaltfreie Kommunikation. Angereichert durch eigene Praxis auch bei der Streitschlichtung in Familienangelegenheiten hält er diese Regeln und das Wissen um ihre Wirksamkeit später an der Universität und in der Friedensbewegung lebendig und weiß sie auch als Bürgerdiplomat in aller Welt zu nutzen. Bei der 10. Strategiekonferenz der Kooperation für den Frieden am 23. Februar 2013 in Stuttgart konnten Anwesende beobachten, wie er nicht nur als Moderator im World Café mit dieser ausstrahlenden Lebensart wirksam ist, sondern auch dann, wenn er bescheiden am Rand sitzt.

Zurück nach Braunschweig in die 1960er Jahre. Als Mann mit Berufserfahrung hat Andreas Buro zwar schon einiges Geschick, aber Friedensarbeit zu organisieren, verlangt dann doch noch etwas anderes. Man muss herausfinden, was man selbst will, was andere wollen, wie sich verschiedene Auffassungen verbinden lassen. Andreas Buro arbeitet sich in Varianten pazifistischer Denkweisen ein, übt sich in der Kunst, Friedensgedanken verständlich zu formulieren und begibt sich mit ihnen mutig in den öffentlichen Raum.

Dort gelten diese Gedanken allerdings bestenfalls als weltfremd. Als er 1960 den ersten Ostermarsch der Atomwaffengegner mitorganisiert, beginnt der viertägige Sternmarsch zum britischen Schießübungsplatz bei Bergen-Hohne für Andreas Buro und seine zwanzig Kumpanen kalt und regnerisch mit einem Spießrutenlauf durch Celle. Doch am Ende sind sie vom Erfolg überwältigt. Mehrere Hundert Teilnehmer sind gekommen. Acht Jahre später sind es 300.000. Viele von ihnen begleiten Andreas Buro von nun an. Es entwickelt sich ein Dialog unter Friedensleuten - sie teilen ihr Wissen, sie schreiben die Geschichte der unabhängigen Friedensbewegung und erzählen später in Buchform Geschichten aus der Friedensbewegung.

Mit den Teilnehmerzahlen wachsen auch die Differenzen um Inhalte. Um weiterhin eine gemeinsame Positionen formulieren zu können, braucht man eine Struktur. Daher gründen die Ostermarschierer den Zentralen Ausschuss, der Slogans und Aussagen der neuen Bewegung festlegt. Andreas Buro besitzt eine Reiseschreibmaschine und wohl schon damals auch Manieren. So liegt es nahe, ihn zum Geschäftsführer und schließlich Sprecher der Kampagne für Demokratie und Abrüstung zu wählen. Ehrenamtlich und nebenberuflich kann er diese Aufgaben nur mit Hilfe seiner Gefährtin Rotraud schaffen, die ihm viele organisatorische Tätigkeiten abnimmt und ihm zugleich hilft, immer die Bodenhaftung als Vater von vier Kindern zu behalten.

Auch für die internationale Friedensarbeit der Ostermarschierer ist Andreas Buro mit seiner Einkommen generierenden bürgerlichen Existenz ein Geschenk. Zusammen mit Helga Stolle-Tempel organisiert er während des Mauerbaus in Berlin die deutsche Strecke des Friedensmarsches von San Francisco nach Moskau. Andreas Buro ist beeindruckt von der konsequenten Haltung der Teilnehmer. Er lernt Abraham Johannes Muste kennen, der unermüdlich mit Kerzen in der Hand gegen den Vietnamkrieg protestiert. Andreas Buro meldet nun Demonstrationen an, kennt die Gesetze bald besser als die Beamten, lernt die zentralen Aussagen der Kampagne zu begründen und gestaltet Kundgebungen. Und nach und nach freundete auch er sich mit den in Deutschland zunächst befremdlichen, spektakulären Aktionen der angelsächsischen Friedensfreunde an, die selbstbewusst auf eine demokratische Kultur zurückblicken und daher schon damals auf der Straße auch tanzen konnten. Als er 1966 die pazifistische Bürgerrechtlerin Joan Baez mit ihrer klaren Stimme gegen den Vietnamkrieg für den Ostermarsch in Frankfurt gewinnt, ist eine Kulturrevolution gewaltfrei vollzogen.

Was treibt Andreas Buro an? Er schreibt, es sei die Empörung darüber gewesen, dass mit der Stationierung von Atomwaffen in Westdeutschland zentrale Prinzipien der Menschlichkeit und der demokratischen Gesellschaft verletzt wurden. Als Demokrat sieht er sich aufgefordert, die Regierenden dazu zu bringen, ihre sicherheitspolitischen Fehlentscheidungen einzusehen und zu korrigieren.

Eben das tun sie nicht. Die Regierung diffamiert vielmehr ihre Kritiker. Andreas Buro ist enttäuscht zu sehen, welche Infamie in einem demokratischen System gegen seine besten Protagonisten möglich ist. Der Demokrat beginnt zu zweifeln, nicht an der Demokratie, sondern am Demokratiewillen von Parteien, Behörden und Polizei und an der Geltungskraft des Prinzips der Gleichheit vor dem Gesetz. Der Krieg, den die USA in Vietnam führen und die unterstützende Haltung der deutschen Regierung erfüllen ihn viele Jahre mit Zorn. Er fundiert die Kritik später wissenschaftlich in seiner Habilitationsschrift und in einer gemeinsamen Publikation mit Karl Grobe. Sie erscheint 1984 in der edition suhrkamp unter dem Titel: "Vietnam! Vietnam? Die Entwicklung der Sozialistischen Republik Vietnam nach dem Fall Saigons".

Enttäuschungen über die Gewaltbereitschaft demokratischer Staaten wird er noch öfter erleben, 1976 zum Beispiel in Brokdorf. Das sind keine glücklichen, sondern beschämende Momente. Aber Andreas Buro erlebt sie nicht allein, sondern mit Friedensfreunden im In- und Ausland. Mit ihnen ist er Bindungen eingegangen. Sie haben Erwartungen an ihn. Sie brauchen ihn. Er will sie nicht enttäuschen. Und er hat Vertrauen in die eigene Entwicklungsfähigkeit. Die Schwierigkeiten der Friedensarbeit entmutigen ihn nicht. Sie fordern ihn.

4. Er interpretiert seinen Auftrag und lernt

Sisyphos muss einen absurden Auftrag erfüllen, aber er ist frei in der Art und Weise, wie er dies tut. Nur die Schwierigkeiten des Geländes und eigene Schwächen setzen dem Grenzen.

Jeder Friedensarbeiter sieht sich mit dem Spott wie mit eigenen Zweifeln konfrontiert, die Ziele nicht erreichen zu können. Auch Andreas Buro wird mit dem Einwand konfrontiert, die Friedensbewegung habe die Atomwaffen nicht abgeschafft, die Notstandsgesetze, Militärinterventionen und Krieg nicht verhindert, Türken und Kurden, Israelis und Palästinenser nicht versöhnt, sie sei also gescheitert.

Andreas Buro nimmt sich die Freiheit, den Auftrag zu interpretieren und antwortet den Zweiflern, die gesellschaftliche Aufgabe der Friedensbewegung sei es, einen Bewusstseinswandel in der Bevölkerung und Veränderungen der politischen Kultur zu bewirken, und diese Ziele seien nicht schnell zu verwirklichen. Er setzt nun alle Hoffnung auf die Entfaltung einer Zivilgesellschaft, die durch und in der Friedensbewegung lernt, im Atomzeitalter und unter Bedingungen der Globalisierung ihre Zuschauerrolle aufzugeben, moralisch verantwortungsbewusst zu denken und dies auch den Regierenden abzuverlangen.

Aber die zivile Gesellschaft lernt doch langsamer als erhofft. Die Einsicht, wenn andere nicht lernen, muss ich selber lernen, wird ihm zum neuen Ansporn. Der angesehene Mitarbeiter in der Holzindustrie spürt Mitte der 1960er Jahre einen Mangel an Grundkenntnissen. Er bemerkt, dass er vielen Einwänden argumentativ nicht gewachsen ist. Er liest nun Fachbücher - zunächst über Diplomatie und den Kalten Krieg, und er liest bis heute Werke zur Weltgeschichte und auch Zeitungen zuhauf.

Lesen allein jedoch reicht nicht, um ein Fachmann zu werden. Mit 38 Jahren beschließt Andreas Buro daher, Politikwissenschaft zunächst in München, dann in Frankfurt zu studieren. Einen Studiengang Friedens- und Konfliktforschung gibt es noch nicht, aber Frankfurt wird bald zum Zentrum der ersten Generation der gesellschaftskritischen Friedensforschung. Nach wenigen Jahren wird er Assistent, 1979 habilitiert er über die Rolle von Demokratisierungsprozessen bei der Überwindung von Unterentwicklung und wird bald darauf selbst Professor für das Fach Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen. Nun wirkt er als friedensbewegter, pazifistischer Fachmann, pendelt als Familienvater zwischen Frankfurt und Hundstadt und baut ein rotes, gastfreundliches Haus am Hang.

In Frankfurt befindet sich Andreas Buro nun in der Szene der 1970er und 1980er Jahre - in einem vollkommen veränderten gesellschaftspolitischen Klima. Sein Weg wird ihn in weitere Klimazonen führen und ihn damit ständig vor neue Anforderungen stellen. Mal weht ein heißer Wind, mal fröstelt es ihn. Er trifft neue Mitstreiter und Mitstreiterinnen, trifft auf neue Widersacher, trifft auf neue Fragen. Ohne Wenn und Aber stimmen seine Antworten mit den Inschriften auf seinem Stein überein. Sie alle bestärken und werben für das Prinzip der Gewaltfreiheit im Interesse von praktischer Menschlichkeit.

Das gilt gegenüber den Studierenden und Intellektuellen, die nach der Legitimität eines gewaltsamen Konfliktaustrags fragen, sei es zur Befreiung vom herrschenden System im eigenen Land, sei es zur Befreiung von Diktatur und Gewaltherrschaft anderswo.

Es gilt auch gegenüber denjenigen, die sich der Verbrechen des realen Sozialismus bewusst sind, aber zugleich frustriert auf die Repressionen der nun regierenden sozial-liberalen Koalition reagieren, und fragen, was denn noch berechtigterweise unter sozialistischer Politik verstanden werden kann.

Und es gilt auch später in den Konflikten im ehemaligen Jugoslawien, im Kosovo und in der Türkei. Immer erinnert er an die entsetzlichen Leiden, die ein bewaffneter Kampf verursacht, wie berechtigt die Anliegen auch sein mögen, und daran, welche Veränderungschancen mit der Sympathie für revolutionäre Gewalt verspielt werden.

Als akademischer Pazifist steht er nun auch inmitten von gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen, die er in den ersten Jahren der unabhängigen Friedensbewegung im Interesse der Integrationsfähigkeit vermieden hatte. 1969 gründete er zusammen mit Freunden das Sozialistischen Büro und die Zeitschrift "links". Hier denkt man über das Wesen einer undogmatischen sozialistischen Politik nach und entwickelt neue und mutige Formen der Solidarität mit den Betroffenen von Repression, und zwar unabhängig davon, ob man ihre Ansichten teilt. Diese Solidarität in Form eines öffentlichen Kongresses erfuhr die kommunistische Bürgerrechtlerin und Sozialwissenschaftlerin Angela Davis, die in den USA 1972 unter dem Verdacht der Unterstützung von Terrorismus im Gefängnis saß. Solidarität in Form eines persönlichen Besuches erfuhr die Lehrbeauftragte und Kollegin Brigitte Heinrich, die ebenfalls als Terroristin verdächtigt, aber verurteilt wurde. Solidarität erfuhren die Flüchtlinge aus Chile, aber auch alle Postboten und Lehrer, die in Deutschland wegen einer vermeintlichen kommunistischen Gesinnung von Berufsverboten bedroht waren. Andreas Buro fehlt in keiner der großen Aktionen in dieser Zeit. Ich erinnere mich, wie er 1976 den Pfingstkongress des Sozialistischen Büros unter dem Motto eröffnete "Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt".

Im kämpferischen studentischen Milieu dieser Jahre galten die Friedensfreunde immer ein wenig altbacken und nicht ganz auf der intellektuellen Höhe von Klassenkampf und französisch inspirierter Spontaneität. Dank der entstehenden gesellschaftskritischen Friedensforschung sowie der Lernfähigkeit der erfahrenen und zähen Ostermarschierer konnten sich die Friedensfreunde gesellschaftspolitisch modernisieren und auch im unabhängigen sozialistischen Milieu einen herausfordernden Wirkungsort finden. 1980 verfasst Andreas Buro "Thesen über Sozialistische Politik und Friedenssicherung". Darin erneuert er das Nein zu allen Versuchen, Rüstung und Militär in Ost und West unterschiedlich zu bewerten. Gleichzeitig begründet er Demokratisierung und Bewusstseinsbildung als langfristige dringliche Leitbegriffe der Friedensentwicklung, greift die sicherheitspolitischen Alternativmodelle auf, die in der Friedensforschung inzwischen erörtert werden, und stellt insbesondere die Umstellung auf ein striktes Defensivsystem zur Diskussion.

Er weiß inzwischen: Demokratie und Frieden, Menschen- und Bürgerrechte hat man nicht. Sie müssen in der Zivilgesellschaft immer neu erarbeitet werden. Er weiß auch, dass Gewaltfreiheit und Systemveränderung keine Gegensätze sind, sondern zusammen genannt werden müssen. Und er ist hellhörig geworden gegenüber den Zwängen der Macht. Vor diesen Zwängen warnt er die grüne Bewegung bereits 1980, bevor sie als Wahlpartei die 5-Prozent-Hürde genommen hatte.

Als in dieser Zeit die Friedensbewegung neu und in bunten Farben aufblüht, ist Andreas Buro organisatorisch, gedanklich und zuverlässig dabei, wenn es darum geht, ein lokales Friedensnetzwerk im Hintertaunus zu gründen, wenn es gilt, eine Prominentenblockade gegen die Raketenstationierung in Mutlangen zu organisieren, vor Gericht zu erscheinen oder die internationalen nun erheblich ausgeweiteten Kontakte zu pflegen und Dialogchancen wahrzunehmen. In einer neuen Rolle als Bürgerdiplomat reist er zu Gesprächen und Auftritten nach Moskau, Tiflis und Peking. Immer geht es darum, mutig und gelegentlich mit spitzbübischer Raffinesse, die grundsätzliche Kritik an einer Rüstungs- und Militärpolitik auch gegenüber den Gastgebern durchzuhalten und bei aller Höflichkeit kein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Als er 1984 in friedenspolitischer Mission nach Moskau reist, um dort die Alternativpositionen der westdeutschen unabhängigen Friedensbewegung zu erläutern, trifft er auch hochrangige Vertreter der KPdSU, der Streitkräfte und des Regierungsapparates. Wie wir heute aus der Untersuchung der kanadischen Friedensforscherin Metta Spencer wissen, interessierte man sich in Moskau aus Mangel an einer eigenen kritischen Diskussion damals tatschlich für die frischen Ideen der unabhängige Friedensbewegung. Im Apparat bemühten sich eine Reihe von Personen in diesen Jahren intensiv darum, Überlegungen, die in der westeuropäischen Friedensforschung und Friedensbewegung ventiliert wurden, abzugreifen. Man schrieb sie auf - niemand wusste, wozu, ob und wann sie nützlich werden könnten. Hatte man in Friedensbewegung und Friedensforschung eigentlich ein offenes Ohr seitens der westlichen Politik erwartet, wurden viele dieser Ideen zur Überraschung der ganzen Welt ausgerechnet im Moskau unter Gorbatschow wirkungsmächtig.

Als Andreas Buro 1988 aus der Frankfurter Universität ausscheidet, entschließt er sich, seine Kraft von nun an erstmals ungeteilt der Friedensbewegung zu widmen. Wieder gerät er unter gänzlich veränderte Bedingungen. Der Ost-West-Konflikt und die deutsche Teilung gehen zu Ende. In der Helsinki Citizen Assembly ringt er darum, den Dissens zwischen den Bewegungen in Ost- und Westeuropa mit konstruktiven Vorschlägen zur zivilen Konfliktbearbeitung und zum europaweiten Aufbau von Zivilen Friedensdiensten zu überbrücken. 1991 gehört Andreas Buro zu den Initiatoren der Friedenskarawane in Jugoslawien, organisiert eine internationale Konferenz in Sarajewo, damals noch in der Hoffnung, den drohenden Krieg verhindern zu können. Er führt Gespräche über Demokratie, soziale Bewegungen, Opposition, Minderheiten und Bildung in Georgien, Belarus und der Ukraine, unternimmt friedenspolitische Reisen nach Kasachstan und Japan und folgt schließlich 2003 einer Einladung an die Universität von Ramallah. Bis heute ist er in Friedenssachen ständig unterwegs.

5. Er verändert den Berg und legt Spuren.

Während der Streifzüge des Sisyphos hat sich auf den Hängen viel Leben entwickelt. Er hat Rastplätze gebaut, Wege und Treffpunkte markiert. Vielleicht ist der Berg durch Erosion und Rollen des Steins sowie durch die wiederkehrenden kräftigen Fußstapfen des nun älter gewordenen Mannes auch ein wenig flacher und breiter geworden.

Auch Andreas Buro hat die Berghänge mit seinen Mitstreitern verändert. Sie haben eine Friedenstradition und Netzwerke geschaffen, Zwischenstationen angelegt, Debatten und Diskussionsprozesse initiiert, die weitergeführt werden, ohne dass man die ursprünglichen Quellen noch kennt oder gar nennt. Auch haben sie gut organisierte Berghütten, Wärmestuben und Schutzräume gebaut.

Andreas Buro gehört zu den Gründern vieler deutsch- und englischsprachiger Netzwerke, die teilweise bis heute bestehen, die in der Regel außerparlamentarisch arbeiten, aber doch auch in die politischen Institutionen hineinwirken. Die erste Generation dieser Netzwerke hat dazu beigetragen, der "neuen Ostpolitik" unter Willy Brandt eine Basis in der zögernden, in Feindbildern gefangenen Bevölkerung zu verschaffen. Zwar scheiterte Anfang der sechziger Jahre der Versuch, im Libanon die World Peace Brigades for Non-violent Action zu gründen. Aber 1981 gelang in Kanada dann doch die Gründung der Peace Brigade International, jener vorbildlichen zivilgesellschaftlichen Organisation, die bis heute mit internationalen Freiwilligenteams in Konfliktgebieten Verteidigerinnen und Verteidiger von Menschenrechten nicht ohne Erfolg begleitet. Auch das Komitee für Grundrechte und Demokratie hat Andreas Buro 1980 mit gegründet. Viele Jahre hat er als Sprecher dieses Komitees gedient, dessen Aktionen und Veröffentlichungen bis heute als Ausgangspunkt der kritisch-konstruktiven politischen Kultur in Deutschland gar nicht übersehen werden können.

Einige Hütten - ältere wie die Ostermarschbewegung, jünger wie die erst 1990 gegründete Helsinki Citizen Assembly - sind schon wieder ein wenig eingefallen und warten auf einen neuen, jüngeren Anstrich. Andere Hütten wurden zu einer Art Jugendherberge für die nachwachsende Generation aus den Kriegsgebieten des Balkans, Israels und Palästinas. Kinder und Jugendliche kommen, um Ferien vom Krieg zu machen und Erfahrungen und Gedanken aufzunehmen, wie sie selbst zu einem Leben in Frieden beitragen können. Als Andreas Buro 1992 den Verein "Den Krieg überleben" gründet, verschafft er gefährdeten Menschen Zuflucht - und später eine Ausgangsbasis für die schwierige Demokratisierungsbewegung in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens. Alle diese Gründungen verbinden von vorneherein die humanitäre Arbeit des Schenkens mit der politischen, antirassistischen Arbeit für ein friedliches Zusammenleben.

Andreas Buro setzte und setzt Wegmarkierungen. Er schreibt wissenschaftliche Bücher und Artikel ebenso wie wohlformulierte Flugschriften und Bürgerinformationen. Vieles steht in Bibliotheken, vieles im Internet, man kann sie lesen, prüfen und sich anregen lassen. Das Sofortprogramm von 1991 für die Einberufung einer Nah-Ost-Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit wartet auf Höhenwanderer, die daraus politisch etwas machen.

Viele Jahre der Vorbereitung liegen hinter dem neuen Projekt, in dem Andreas Buro nach praktischen Antworten auf die Frage sucht, wie Konflikte mit friedlichen, zivilen Methoden bearbeitet und gelöst werden können. 2006 veröffentlicht er im Rahmen der Kooperation für den Frieden ein Konzept für das Monitoring-Projekt für Zivile Konfliktbearbeitung. Es ermahnt und ermutigt jeden, der lesen kann, Schritt für Schritt und fallbezogen das Konzept der Zivilen Konfliktbearbeitung zu denken, zu erproben und durchzusetzen, um dem Krieg eine seiner Grundlagen zu entziehen - nämlich den Glauben, es gäbe keine Alternative. Die im Rahmen dieses Projektes veröffentlichten Dossiers zum Irankonflikt, zum kurdisch-türkischen Konflikt, zum Konflikt in Israel und Palästina, Syrien und Afghanistan stützen sich auf eigene Recherchen, die Fachliteratur und den Vorabaustausch des Manuskripts mit Kolleginnen und Kollegen. Die Dossiers zeigen, wie durch ziviles Handeln die Konflikte für Problemlösungen geöffnet werden können und was in diesen Fällen im Interesse einer friedlichen Entwicklung hier und heute zu tun ist. In allen genannten Konfliktfällen, warten klare Vorschläge darauf, von Bürgern und Bürgerinnen, Parlamentarierinnen und Parlamentariern sowie Regierungen aufgegriffen zu werden.

Mein Resümee

Ich habe von Etappen aus dem Leben des streitbaren Pazifisten Andreas Buro erzählt. Er gestaltet seinen Stein, wählt den Anstieg, schätzt das Leben, ist in Gesellschaft, interpretiert seinen Auftrag, lernt und legt Spuren. Alles hat sich verändert: der Stein, die Wege, der Mensch, seine Kumpanen, die Umwelt, die Interpretation des Auftrags und auch die Bergwelt - nur nicht die Götter. Sie treiben weiter ihr Spiel. Unerwartet aber hat es sich im Fall von Andreas Buro als friedensstiftend erwiesen. Sisyphos hat sie wieder einmal überlistet. Denn er ist keinesfalls zum abschreckenden Beispiel geworden, sondern zu einem Vorbild.

Kann man ihn unter solchen Bedingungen, mit solchen Resultaten und so vielen Freunden glücklich nennen? In seiner Autobiographie nennt er den Sisyphos noch "die tragische Figur". Das trieb mich zum Widerspruch.

Mit dem Preis gratulieren ihm Mitstreiter und Mitstreiterinnen zu diesem Lebenswerk. Sie danken ihm, dass er Spuren gelegt hat, den Berg mit Netzwerken zum Mitmachen überzogen, seine Gedanken mitgeteilt, Bürgerinformationen ausgestreut und einen Weg vorgezeichnet hat, auf dem kein Blatt zwischen Frieden und Menschenrechte passt.

Prof. Dr. Hanne-Margret Birckenbach ist seit 2001 Professorin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Gießen, (Europastudien, Osteuropa, Friedens- und Konfliktforschung). 1971 Mitbegründerin der Monatszeitschrift „antimilitarismus information“ (ami).

 

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Veröffentlicht am

27. März 2013

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