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Kadyrows zweischneidiger Sieg

Tschetschenien gilt als befriedet. Der Erfolg des Moskauer Statthalters kann Russland aber noch teuer zu stehen kommen. Die Machtvertikale wackelt.

 

Von Karl Grobe - Analyse

Russlands Inlands-Geheimdienst FSB hat durch seinen Chef Alexander Bortnikow die "antiterroristische Operation" für beendet erklärt. Tschetschenien gilt als befriedet. Das ist schön. Ist es auch wahr?

Der faktische Herr der Region, Ramsan Kadyrow, teilte kürzlich den russischen Fernsehzuschauern mit, im ganzen Jahr 2008 habe es keinen einzigen Terroranschlag gegeben, und die Leute hätten den Krieg längst vergessen. Tschetschenien sei "eine der ruhigsten Regionen Russlands". Das Kriterium der Ruhe sagt allerdings nicht viel aus; es gilt auch für Friedhöfe.

Der 32 Jahre alte Ramsan Kadyrow, der mit tätiger Unterstützung des damaligen russischen Präsidenten Wladimir Putin vor zwei Jahren die Herrschaft übernahm, hat für Moskau die Drecksarbeit erledigt. Er hat Widerstandskämpfer gekauft, bestochen oder durch Versprechen auf seine Seite geholt. Wer nicht willens war, wurde mit Waffengewalt "überzeugt". Oppositionelle und Konkurrenten kamen durch Auftragsmorde ums Leben, in Wien, Moskau, Dubai und im eigenen Territorium, die Liste ist lang.

Kadyrow wäscht seine Hände in Unschuld. Die Vermutung, er habe mit diesen "nassen Sachen" dennoch zu tun, ist aber ein Baustein seines Regimes der Angst. Das funktioniert so gut, dass der FSB tatsächlich entbehrlich geworden ist. Zudem hat das Regime Erfolge vorzuweisen. Die in zwei russischen Kriegen verwüstete Hauptstadt Grosny ist wiederaufgebaut, und finanzielle Zuwendungen, von denen manche auf die Konten des regierenden Kriegsherrn abflossen, haben das Wirtschaftsleben wieder in Gang gebracht. Steuerfrei gegenüber der Zentrale ist die Republik, und sie gibt sich eigene Gesetze, islamisches Recht gemäß den Landestraditionen eingeschlossen. Manche Kriegsfolgen - eine fünfzigprozentige Arbeitslosigkeit, die Perspektivlosigkeit einer nicht ausgebildeten, eher die Kalaschnikow als die Werkbank und das Labor gewohnten Generation - bestehen fort.

Kadyrow hat als Vollstrecker Moskaus jedoch das meiste von dem erreicht, was die Unabhängigkeits- und Autonomiekämpfer gegen Moskau nicht haben durchsetzen können. Er regiert weniger abhängig von der Zentralmacht als faktisch alle anderen mit Autonomierechten ausgestatteten Regionen der Russländischen Föderation.

Das ist ein Paradoxon. Die Präsidenten Jelzin und Putin hatten ihre Kriege 1994 und 1999 ja gerade angezettelt, um den in Tschetschenien gewählten Republikführern Dschochar Dudajew und Aslan Mas-chadow Unterwerfung aufzuzwingen, oder, um den Putin’schen Begriff zu nehmen: die Machtvertikale durchzusetzen. Noch die "Tschetschenisierung" mit brüderlicher Waffenhilfe diente diesem Zweck.

Der ist zur Ausrede verkommen. Kadyrow stellt die Machtvertikale nicht in Worten, aber in Taten infrage. Nicht dass er der Sezession das Wort redet - im Gegenteil -, er stellt sich aber gewissermaßen in der Horizontale quer. Das mag seine Wirkung auf andere von Minderheiten geprägte Teilrepubliken haben, von Mari-El über Tatarstan und Baschkortostan bis Jakutien und Tuwa. Was wiederum eine andere Wirkung der Jelzin’schen und Putin’schen Kampagnen zu verstärken droht, den ethnischen Hass vieler verarmter Russen auf die "Schwarzen". Die Stabilisierung Tschetscheniens kann Russland auf lange Sicht destabilisieren.

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Quelle: Frankfurter Rundschau vom 16.04.2009. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Karl Grobe.

Veröffentlicht am

19. April 2009

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