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Ground Zero

Ceterum censeo - Die Abschaffung der Atomwaffen ist ein Gebot der Überlebensvernunft

Ekkehart Krippendorff

Um der grammatischen Konstruktion des Lateinischen willen lernten wir in der Schule, dass der ältere Cato (234 - 149) jede seiner Senatsreden zu jedem beliebigen Thema mit dem Satz beendet habe: Ceterum censeo, Carthaginem esse delendam - im Übrigen sei er der Meinung, Karthago müsse zerstört werden - eine so tödliche Bedrohung stelle es für das Überleben der Römischen Republik dar. Seine Kollegen - die öffentliche Meinung möge den Alten für leicht verrückt erklärt haben, für einen krankhaften Schwarzseher - am Ende hatte er sie überzeugt, Karthago wurde in der Tat vernichtet und die Republik überlebte (noch knapp 150 Jahre).

Welcher Deutsche, welcher Abgeordnete irgendeines Parlaments dieser globalisierten Welt endet seine Reden zur Steuer-, Gesundheits-, Verkehrs- oder welcher Reform auch immer mit dem Satz: Ceterum censeo - im Übrigen sei er der Meinung, dass Atomwaffen ohne Ausnahme, ohne Ansehen der Regierung von der Weltstaatengemeinschaft geächtet und zerstört werden müssen und dass jeder, aber auch jeder Versuch, solche Waffen zu bauen, zu besitzen und mit ihrem Einsatz zu drohen, mit dem entschlossenen und nicht nur verbalen Widerstand aller zu rechnen habe.

Da waren wir alle aufgebracht und schockiert von den Selbstmordattentaten in der Londoner Untergrundbahn - Madrid schon fast vergessen, 9/11 ein nur noch historisches Datum - aber was wäre, wenn an der Stelle der Weltmetropole London, dem Mutterland der neuzeitlichen Demokratie, der Stadt von Westminster, dem British Museum und der Lebenswelt von sechs Millionen Menschen heute nur noch ein Krater von 950 Meter Tiefe und vier Kilometer Durchmesser unter einem Feuerball von einem Kilometer Durchmesser übrig wäre, dessen Giftwolke sich in rasender Geschwindigkeit bald über den ganzen Globus verbreitete? 1.000 mal 4.000 Meter: Das sind die geschätzten Ausmaße der sofortigen und direkten Vernichtung allen Lebens bei der Zündung auch nur eines durchschnittlichen Atomsprengkopfes, von denen weltweit 13.000 einsatzfähig sind (allein die USA verfügen über 8.000, davon 2.000 in höchster Alarmbereitschaft, davon eine geheim gehaltene Zahl auch in Deutschland, die innerhalb von 15 Minuten mit den dafür ausgerüsteten Tornados der Bundeswehr an ihr programmiertes Ziel gebracht werden können).

Die Zahlen stammen vom ehemaligen US-Verteidigungsminister Robert McNamara, der gemeinsam mit seinem ehemaligen Amtskollegen William J. Perry davon ausgeht, dass die Wahrscheinlichkeit eines nuklearen Terror-Überfalls auf die USA und/oder eine europäische Metropole in den nächsten zehn Jahren größer als 50 Prozent ist. 1 Trotz der scheinbar überwundenen Tage des Kalten Krieges wird der amerikanische Präsident an jedem Tag, zu jeder Stunde von einem Militärattaché begleitet, der den Code zur Freigabe eines amerikanischen Gegenschlages bei sich trägt und dem Präsidenten 20 Minuten Zeit gibt zu entscheiden, ob die Meldung über einen atomaren Raketenangriff auf die USA oder einen ihrer Verbündeten ernst zu nehmen und also nuklear zu beantworten sei oder nicht - auch und gerade präventiv, “vorbeugend”.

Zum mentalen Profil eines amerikanischen Präsidenten - ob er nun Bush oder Clinton oder wie auch immer heißt oder hieß - gehört es also, die Möglichkeit einer Nuklearkatastrophe per Befehl und Knopfdruck Wirklichkeit werden zu lassen: jeden Tag, jede Stunde. Auch - rein hypothetisch, versteht sich - ohne dass ein nuklearer Angriff auf sein Land oder auf uns, seine Alliierten, stattgefunden hat: Wie McNamara immer wieder betont, hat die amerikanische Regierung, wer auch immer sie repräsentierte, zu keinem Zeitpunkt den Ersteinsatz einer Atomwaffe zur “Verteidigung” kategorisch ausgeschlossen; bekanntlich hatte eine US-amerikanische Regierung ja erst- und bisher einmalig diese massenmörderische, kriegerische und zivile Ziele unterschiedslos vernichtende “Waffe” eingesetzt.

Worin - so dürfen, so müssen diejenigen Menschen sich fragen, die die großen Strategie-Spiele ihres politischen Personals verängstigt, aber hilflos beobachten - unterscheidet sich die mentale Struktur eines amerikanischen, russischen, französischen, englischen oder chinesischen Staatsoberhauptes (die fünf “Atommächte”), das die Möglichkeit, eine solche Totalkatastrophe über einen Teil der Menschheit zu bringen, täglich mit sich herumträgt, von einem Selbstmordattentäter, der heute noch nur mit konventionellem, morgen aber mit nuklearem Sprengstoff sich selbst und möglichst viele Menschen einer ihm verhassten Gesellschaft und Kultur in den kollektiven Tod zu reißen fähig ist? Wer ist da der irregeleitete Fanatiker und wer der Vernünftige?

“Dies ist des Wohlstands und der Ruh’ Gewürz, / Das innen aufbricht, während sich von außen / Kein Grund des Todes zeigt”, erkennt Prinz Hamlet, als er den Kriegsherrn Fortinbras zur Eroberung einer völlig wertlosen, aber gerade darum hochbefestigten Insel ziehen sieht, wofür Tausende sterben werden.

Irgendwo versteckt konnte man lesen, ein hoher chinesischer General habe erklärt, sein Land bereite sich auf einen Atomkrieg mit den USA vor und habe sich mit der Zerstörung “aller unserer Städte östlich von Xian” abgefunden (natürlich um danach zum siegreichen Gegenschlag auszuholen) - “östlich von Xian” liegen das dreitausendjährige Peking und Shanghai, die ökonomische Metropole des modernen China. Diese Mitteilung hat anscheinend niemanden erschreckt, nirgends Schlagzeilen gemacht. Wer sind da die geistig Kranken: Die chinesische Generalität, deren Selbstverständnis dieser eine Repräsentant offen ausspricht? Oder nur die Nutzwerker der Selbstmordattentäter von London? Oder auch von Bagdad, wenn man will?

Und wer sind die Komplizen, die das wissend hinnehmen und mit solchen Leuten “Realpolitik” betreiben? Sie leben unter uns, sie regieren uns, sie schweigen dazu und haben wichtigere Themen wie Lohnnebenkosten, Gesundheitsreform und Hartz IV. Sie erheben nicht ihre Stimme gegenüber ihrem, unserem großen Bündnispartner, der amerikanischen oder gegenüber der englischen, französischen oder russischen Regierung, mit denen sie ihre strategischen Geschäfte machen, ganz wie in der Biedermann-und-die-Brandstifter-Parabel von Max Frisch. Zwar war die internationale Diplomatie “unglücklich” darüber, dass die US-Regierung im Mai eine Neufassung des Nichtverbreitungsabkommens für Atomwaffen verhinderte, dem Non-Proliferation-Treaty 2 - aber keine Regierung, auch unsere deutsche nicht, erhob laut und deutlich ihre Stimme gegen die aberwitzige Politik der US-Regierung, ihr atomares Arsenal nicht nur, wie 1970 vertraglich zugesichert, bis zur völligen Vernichtung abzubauen, sondern es vielmehr noch auszubauen, einsatzfähiger zu machen.

Haben wir, wie wir das alles hilflos und fast ohnmächtig mit ansehen müssen (sofern wir nicht überhaupt die Augen davor verschließen) nicht das Recht und die intellektuelle Pflicht, offen anzusprechen: Wir werden fast durchweg von pathologischen Führern, krankhaften politischen Klassen regiert? Ob sie nun in Moskau, Washington, Peking oder eben auch, dazu schweigend, in Berlin sitzen. Wir regen uns heuchlerisch auf über pathologische “Fundamentalisten”, die den strategischen Massenmord “von unten” praktizieren und die morgen dazu jene Mittel werden einsetzen können und es vermutlich auch werden, die “die oben” vergeblich glauben, für sich reservieren zu können. Wie viel spaltbares Material ist bereits im Schwarzmarkt-Umlauf? Und warum sollten Regierungen, die im internationalen Machtpoker mitspielen wollen - Indien, Pakistan, Iran, Israel, Nordkorea - nicht nach diesen “Waffen” greifen, die “wir”, die UN-Vetomächte und deren Alliierte, ihnen nicht nur vorenthalten, sondern auch gegebenenfalls gegen sie und andere einsetzen wollen?

Derzeit kursiert ein Appell der “Ärzte gegen den Atomkrieg” (siehe Appell an die Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik ), die 1985 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden, der mit dem Mut der Verzweiflung an die deutschen Wähler appelliert, von den Kandidaten ihrer Wahlkreise “eine klare Stellungnahme zur Frage der atomaren Abrüstung allgemein und speziell zur Befreiung von diesen Waffen aus unserem Land” zu verlangen. Er wird ungehört bleiben. Gäbe es doch nur einen, einen einzigen Abgeordneten, hier oder irgendwo in der parlamentarischen Welt, der diese Forderung der Überlebensvernunft zu seinem Ceterum censeo machen würde! Aber Frau Merkel, Herr Schröder und tutti quanti haben wichtigere Themen, mit denen sie ihren Anspruch, uns regieren zu dürfen, begründen. Denn London steht ja noch …

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung , 32 vom 12.08.2005. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Ekkehart Krippendorff und Verlag.

Anmerkungen:

1 Vgl. Code für die Apokalypse von Robert S. McNamara.

2 Vgl. hierzu diverse Artikel unter “Atomwaffensperrvertrag” in der Lebenshaus-Website.

Veröffentlicht am

13. August 2005

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