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Wie können Ravioli Geborgenheit geben?

Alternative Arbeitsplätze: Das “Nudelhaus” in Trossingen

Von Michael Schmid

Das württembergische Trossingen , am Rande des Schwarzwalds auf der Hochebene der Baar gelegen, ist vor allem als Musikstadt bekannt. Insbesondere “Hohner”-Instrumente und Musikhochschule begründen diesen Ruf.

Nicht ganz so bekannt und dennoch bedeutsam ist in diesem Kleinstädtchen noch etwas ganz anderes: Seit über einem Jahrzehnt gibt es eine kleine “Feinkostfabrik”, in der die verschiedensten Teigwaren und Gebäckspezialitäten hergestellt werden. Die Frischware wird über die eigenen Läden in Trossingen und Villingen sowie über Wochenmärkte verkauft. Die Trockenware wird an Eine Welt Läden, Feinkostläden und Privatpersonen verschickt.

Es handelt sich um das “Nudelhaus” in der Trossinger Weidenstraße. Dort werden in einer ehemaligen Schreinerei täglich frische Teigwaren hergestellt.

Das “Nudelhaus” gehört zum Verein “Lebenshaus e.V. - ökumenische Gemeinschaft für soziale Integration” mit Sitz ebenfalls in Trossingen. Dieser Verein hat es sich zu seinem Anliegen gemacht, modellartig wesentliche Kriterien zeitgemäßer Gemeinschaft auszuprobieren: Die Geborgenheit, die individuelle Freiheit, die soziale und die politische Verantwortung.

Das seit 1987 in Trossingen bestehende Lebenshaus bietet den Personen, die sich aus sozialen oder psychischen Gründen in einer Notsituation befinden, das Zusammenleben in einer Art Großfamilie. Damit ist es Vorbild geworden für mehrere Projekte, unter anderem für das Lebenshaus Schwäbische Alb in Gammertingen. 1

“Nudelhaus”: Von der Idee zur Wirklichkeit

Bereits in den ersten Jahren hatte die Erfahrung in Trossingen gezeigt, dass es für viele der im “Lebenshaus” aufgenommenen Menschen schwierig ist, in der heutigen Leistungsgesellschaft einen Arbeitsplatz zu finden und zu halten. Daraus entstand der Wunsch, Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen. Es war die Idee des im August leider verstorbenen Willi Haller, die soziale und politische Aufgabe des “Lebenshauses” durch das “Nudelhaus Trossingen” zu ergänzen, um dort Arbeitsplätze für Menschen mit verminderter Leistungsfähigkeit zu schaffen.

Wie kommt man bei Überlegungen, alternative Arbeitsplätze zu schaffen, auf die Produktion von Nudeln? Elvira König, ein Mitglied der Kernfamilie im Trossinger Lebenshaus und gebürtige Italienerin, stellte selber italienische Nudeln her. Und dann eines Tages war die Idee geboren: Unter Leitung von Elvira sollte ein Team italienische Nudeln produzieren.

Zu diesem Zweck wurde 1991 zusätzlich zum “Lebenshaus” ein weiteres Gebäude in Trossingen gekauft, das zum “Nudelhaus” ausgebaut wurde. Der Betrieb konnte beginnen. An Pfingsten 1992 wurde das “Nudelhaus” eröffnet. Elvira König und Andrea Steinegger begannen mit viel Idealismus und großem Engagement die Produktion.

Inzwischen hat sich die Anzahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf sechzehn erhöht. Der Betrieb erhält keine Zuschüsse, sondern finanziert sich durch den Verkauf der selbst hergestellten Waren. Und: Es wird versucht, soweit wie möglich auf die Fähigkeiten und Bedürfnisse der einzelnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Rücksicht zu nehmen.

Im “Nudelhaus” werden frische Teigwaren aus Naturprodukten ohne Zusatz von Konservierungsstoffen hergestellt: Verschiedene Nudelsorten, frisch oder gestrocknet; Ravioli, Panzerotti, Lasagne und Rotoli mit verschiedenen Füllungen; Gnocchi und diverse Pastasoßen.

Zwischenzeitlich wurden unter anderem 35 Wochenmärkte mit Produkten aus dem “Nudelhaus” versorgt. Während aber der Verkauf auf den Wochenmärkten in den letzten zwei Jahren zunehmend mühsamer wurde, ist der Versand für das “Nudelhaus” ebenso wie für die Kunden sehr positiv verlaufen. Daher ist es der dringende Wunsch der “Nudelhaus”- Belegschaft, diesen Bereich weiter ausbauen. Ziel ist es, dadurch noch mehr Personen die Möglichkeit einer für sie sinnvollen Erwerbsmöglichkeit zu geben.

Vielleicht kennen Sie ja in Ihrer Nähe einen Weltladen, den Sie darauf ansprechen und von dieser Initiative erzählen könnten. Natürlich können auch Privatpersonen beim “Nudelhaus” bestellen. Die Produkte dieser “Feinkostfabrik” schmecken hervorragend! Das kann der Autor nachdrücklich versichern. Und Nudeln, Soßen und Gebäcke sind gerade auch als Geschenke sehr beliebt und erfreuen die Kundinnen und Kunden ebenso wie die Beschenkten.

Alternativen zur automatisierten Massenproduktion

Für Willi Haller hatte das Schaffen von alternativen Arbeitsplätzen auch noch einen anderen Hintergrund. Durch zunehmende Mechanisierung mittels immer modernerer Technik waren in den vergangenen 100 Jahren trotz stetig steigender Produktionsmengen zunächst in der Landwirtschaft die Beschäftigungszahlen stark rückläufig. In der Industrie wiederholt sich dieser Trend aufgrund des Einsatzes modernster Technik. Im Dienstleistungsbereich werden von den “freigesetzten” Menschen nur Teile Beschäftigung finden.

Willi war überzeugt, dass neben der sehr komplexen und hoch automatisierten Massenproduktion der Großindustrie eine relativ arbeitsintensive mittelständische Wirtschaft ihren Platz hat, in der versucht wird, anderen Gesetzmäßigkeiten gerecht zu werden. Dazu gehört der bewusste Verzicht auf Größe, nationale, kontinentale oder gar globale Märkte. Also
Beschränkung auf regionale oder gar lokale Märkte, Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse des Menschen und seiner natürlichen Umwelt, damit auch auf Nachhaltigkeit usw. Nach dem Motto: “Small is beuatiful” (E.F. Schumacher). Das ist es, was beispielsweise mit dem “Nudelhaus” in Trossingen versucht wird.

Willi hat recht mit seiner Annahme, dass der Ersatz des Menschen durch Maschinen mit seinem meist hohen Energiebedarf und dem häufig damit verbundenen globalen Güterverkehr ohne Zweifel seine kritische Grenzen erreicht, teilweise sogar schon längst überschritten hat. “Das macht es notwendig”, so hat es Willi Haller formuliert, “über heilsame Alternativen dazu nicht nur nachzudenken, sondern sie auch im Kleinen zu verwirklichen.”

Heilsame Alternativen: Das ist es, was wir brauchen.

Anmerkung:

1 Weitere Lebenshäuser, die nach ähnlichem Konzept arbeiten: Lebenshaus im Chiemgau e.V. und Lebenshaus Heitersheim

Quelle: Lebenshaus Schwäbische Alb - Rundbrief Nr. 43 - Dezember 2004

Falls Sie Fragen zum “Nudelhaus” oder dem Sortiment haben oder ganz einfach Waren bestellen wollen, dann ist dies unter folgender Anschrift möglich: Nudelhaus, Weidenstraße 3, 78647 Trossingen, Tel. & Fax: 07425/4978, E-Mail: nudelhaus-trossingen@t-online.de

Bücher von Willi Haller beim Lebenshaus

Die im Peter Hammer Verlag erschienen Bücher von Willi Haller sind inzwischen im Buchhandel vergriffen. Wir halten diese Bücher immer noch für sehr lesenswert halten. Deshalb freuen wir uns, dass das Lebenshaus aber noch vom Verlag einige Exemplare erhalten hat (dank der Initiative von Maria Reiser von der Buchhandlung “Buchfink”, Gammertingen).

Solange der Vorrat reicht können beim Lebenshaus Schwäbische Alb ( Kontakt ) die beiden untenstehenden Titel bestellt werden (wir liefern zuzüglich Versandkosten [2,00 Euro] und Sie legen entweder einen entsprechenden Geldschein bei oder überweisen auf das Konto: Lebenshaus Schwäb. Alb, Kt.-Nr. 802 333 4800, GLS Gemeinschaftsbank eG, BLZ 430 609 67):

  • Wilhelm Haller: Die heilsame Alternative. Jesuanische Ethik in Wirtschaft und Politik. 2. Auflage. Wuppertal: Hammer, 1990. 8,00 Euro.
    “Es ist mein zentrales Anliegen, deutlich zu machen, daß auf dem Weg gemeinschaftlicher und vernetzter Basisarbeit im Sinne der politischen Aktivität Jesu Wirtschaft und Politik von ihrer Versklavung durch das suchtartige Streben nach Geld und Macht befreit werden können, und daß von hier aus die Bestrebungen zur Bewältigung der gesellschaftlichen Probleme im Kleinen wie im Großen neue Impulse erhalten können.”
  • Wilhelm Haller: Ohne Macht und Mandat. Der messianischeWeg in Wirtschaft und Sozialem. Wuppertal: Hammer, 1992. 8,00 Euro.
    Willi Haller widmet sich in diesem Buch der Frage der Gerechtigkeit in den Gesellschaften unserer Zeit. Er schreibt für alle, die sich sachkundig und damit fähig zur verantwortlichen Tat machen wollen. Er weist nach, daß auch in der Christenheit immer noch der alte Machtwahn gilt, mit dem die Hoffnung verbunden ist, “die da oben” würden schon richtig handeln, wenn wir nur genügend Druck machten. Er schreibt vom Jesuanischen Weg; dies ist für ihn der Weg der prophetischen Klage und der Mahnung, setzt aber vor allem auf die eigene verantwortliche Tat.

Veröffentlicht am

18. November 2004

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