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Iman al-Hams - und wieder wird in Rafah ein Kind exekutiert

Von Omar Barghouti - ZNet 27.10.2004

Iman al-Hams ist der Name eines 13jährigen Schulmädchens aus einem der Flüchtlingslager, das von einem israelischen Platoon-Führer zunächst verwundet und dann exekutiert wurde; es starb im traurigen Sand Rafahs. Israelische Soldaten der Kompanie des Täters sagten dem israelischen Massenblatt Yedioth Ahronoth: Der Soldat auf dem Wachturm habe Iman identifiziert und dem Kommandeur beschwichtigend zugerufen: “Nicht schießen. Es ist ein kleines Mädchen”. Aber der Kommandeur, so die Soldaten, “ging auf sie zu und schoss zwei Kugeln in (ihren Kopf), er kehrte zur Truppe zurück, drehte sich nochmal zu ihr um, schaltete seine Waffe auf Automatik und leerte das ganze Magazin in sie hinein”. 1

Augenzeugen bestätigen die Aussagen der Soldaten. Laut Augenzeugen befand sich Iman, als sie erschossen wurde, fast 70m vom israelischen Armeeposten entfernt. Zunächst wurde Iman durch eine Kugel ins Bein getroffen. Das Mädchen in Schuluniform fiel hin. Dann, so die Augenzeugen, ging der Offizier auf sie zu; er sah ihre blutenden Wunden. Dennoch schoss er Iman zweimal in den Kopf, “um die Tötung sicherzustellen” (israelischer Euphemismus für die Praxis, verletzte Palästinenser einfach zu liquidieren). Die Armee verfügte eine oberflächliche Untersuchung und sprach den Täter vom Vorwurf des “unethischen” Verhaltens frei - auf ganzer Linie. Das entspricht der üblichen Praxis. Der Offizier wurde lediglich suspendiert, weil er ein “schlechtes Verhältnis zu Untergebenen” habe. 2

Schlagartig hat Israel der Welt - wieder einmal - bewiesen, dass es nicht nur kompromisslos uneinsichtig und konsequent an der Verletzung internationalen Rechts festhält, sondern dass es zudem nicht in der Lage ist, sich an fundamentale moralische Prinzipien zu halten.

In den letzten Wochen wurden drei weitere Kinder getötet. Sie waren etwa im gleichen Alter wie Iman. Sie starben in ihren Klassenzimmern - in Gazaer Schulen, die von der UN betrieben werden. Sie starben nicht etwa, weil sie zwischen die Fronten gerieten. Sie starben auch nicht, weil sie mit Erwachsenen verwechselt wurden. Der Tod dieser Kinder ist Teil eines offensichtlichen Plans der Israelis: Palästinensische Zivilisten sollen kollektiv dafür haften, dass von ihren Wohnorten aus Widerstandsakte gegen Israel verübt wurden. Damit will man zum einen erreichen, dass sich der Hass gegen die Widerstandsbewegungen richtet, zum andern will man Streit schüren.

Ein Beispiel: Im Verlauf des jüngsten furchtbaren Angriffs auf Jabaliya - mit dem vorgeblichen Ziel, ein paar primitive Kassam-Raketen auszuschalten - , zerstörten die israelischen Streitkräfte Häuser, Haine, Infrastruktur, Wasser- und Stromleitungen: “unterschiedslos” und “willkürlich”, so die Worte der UN. Damit es auch der Letzte kapiert, warfen die Israelis aus Helikoptern Flugblätter über Nord-Gaza ab, in denen sie die Palästinenser warnten: “Der Terrorismus treibt euch weiter in ein Leben aus Elend und Armut”. 3 Eure Kinder sind Freiwild, wäre noch zu ergänzen.

Aber kann man Israel wegen eines einzelnen Vorfalls verurteilen - so schrecklich dieser Vorfall auch sein mag -, könnte ein Einwand lauten. Ein kurzer Blick auf die aktuelle israelische Bilanz (palästinensische Kinder, die bewusst zu Zielscheiben gemacht wurden) spricht Bände. In den letzten 4 Jahren hat Israel mehr als 620 palästinensische Kinder getötet, eine Tatsache, die belegt: Der Mord an Iman ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Der beste Indikator für den moralischen Verfall einer Gesellschaft ist vielleicht ihre Sprache. Worte verdeutlichen, wie groß der Rassismus ist, der Israel umklammert hält. Medien, Politiker, ja selbst Akademiker, fanden es während der jetzigen Intifada angebracht, palästinensische Kinder als “Feinde”, “Tiere”, “schreckliche Angreifer” oder “Terroristen” zu brandmarken. Hauptmotiv für diese entmenschlichende Sprache in Bezug auf Kinder ist eine im israelischen Mainstream weit verbreitete Ansicht: Die Palästinenser seien in erster Linie eine Gefahr - eine, um die man sich kümmern muss. Die Palästinenser seien ein Volk mit angeborener Terror-Disposition - aufgrund eines ominösen Gendefekts wahrscheinlich. So gesehen ist jedes (palästinensische) Kind ein potentieller Terrorist, eine Zeitbombe - buchstäblich.

In vielen Studien prominenter israelischer Demographen kommt diese Haltung zum Ausdruck. Aber selbst führende israelische Militärs entsetzen sich manchmal über die gezielten Tötungen. So zitiert (die israelische Tageszeitung) Haaretz einen ranghohen israelischen Offizier mit den Worten: “Wir haben dutzende Kinder unnötig getötet - davon lasse ich mich nicht abbringen” 4 - wohl eher hunderte. Einige der offensichtlichsten Beispiele belegen diese Behauptung:

1996 - noch vor der heutigen Intifada also -, schlug ein israelischer Siedler in Hebron den 11jährigen Hilmi Shusha mit einer Pistole tot. Zuerst ließ ein israelischer Richter den Mörder laufen. Der Richter sagte, das Kind “starb von ganz allein, infolge ‘emotionalen Drucks’”. Nach zahlreichen Eingaben, und da auch der Oberste Gerichtshof Druck machte (er sprach von einem “minderschweren Tötungsfall” [“light killing”]), überdachte der Richter seine Entscheidung - inzwischen tobte die Al-Aksa-Intifada -, und verurteilte den Killer zu 6 Monaten gemeinnütziger Arbeit und einer Geldstrafe von ein paar tausend Dollar.

Der Vater des getöteten Jungen warf dem Gericht vor, “eine Lizenz zum Töten” ausgegeben zu haben. 5 Der (israelische Journalist) Gideon Levy bezeichnete dieses Bußgeld für den Tod eines Kindes in der Haaretz treffend als “Ausverkaufs-Sonderrabatt”. Gideon verweist auf Untersuchungen der wichtigsten israelischen Menschenrechtsorganisation, B’Tselem, in denen dutzende ähnlicher Fälle dokumentiert sind. Auch hier wurden die Täter freigesprochen, oder sie kamen mit lächerlichen Strafen davon. 6

Während des ersten Intifada-Jahrs dokumentierten mehrere Menschenrechtsorganisationen, darunter ‘Physicians for Human Rights’ (‘Ärzte für Menschenrechte’) aus Boston, das klassische Vorgehen israelischer Scharfschützen: Entweder, die Scharfschützen schossen den palästinensischen Kindern in die Knie oder in die Augen - “mit der klaren Absicht zu verletzen”. Eine Universitätsprofessorin aus Tel Aviv, Tanya Reinhart, schreibt: “Es ist übliche Praxis, ein gummiummanteltes Stahlgeschoss mitten ins Auge zu schießen - ein kleines Spielchen für gut ausgebildete Soldaten, es erfordert ein Maximum an Präzision”. 7 Die Scharfschützen haben offensichtlich nur das kleine funkelnde Ziel im Blick - sie sehen nicht das Gesicht, nicht die Person, das Menschenkind. Sie “erledigen” und das mit großer “Professionalität”.

Ein Journalist der New York Times hielt sich zwei Wochen an einem Brennpunkt in Gaza auf, um über die dortigen “Zusammenstöße” zu berichten. Hier standen sich palästinensische Kinder mit Steinschleudern und Steinen und die israelische Armee mit Panzern und Präzisionsgerät gegenüber. Der Journalist schreibt: “Während der ganzen Zeit, die ich in Karni verbrachte, hatte ich zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, dass sich irgendein israelischer Soldat in Lebensgefahr befand. Kein israelischer Soldat und kein (jüdischer) Siedler wurden verletzt. In dieser (…) Zeit wurden mindestens 11 Palästinenser (Kinder) getötet, bei Tag” 8 - getötet durch scharfe Munition.

Es kommt vor, dass professionell ausgebildete israelische Scharfschützen schon bei kleinen Vorfällen - palästinensische Kinder werfen Steine -, gezielt töten. Und diese Scharfschützen feuern stets, um in “den Kopf zu treffen”. Ein Scharfschütze “feuert nur, wenn er Befehl hat zu töten” - nachzulesen in einem bahnbrechenden Interview, das Haaretz-Journalistin Amira Hass 9 zu Beginn der heutigen Intifada mit einem “linken” israelischen Scharfschützen führte. “Lust zu schießen”, “mangelnde Selbstkontrolle”, “Langeweile”, ja selbst “Müdigkeit”, lauten seine hauptsächlichen Rechtfertigungsgründe - Rechtfertigungen für die ‘Shoot-to-kill’-Politik seiner Armee. Hass weist ihn auf die hohe Zahl getöteter und schwer verletzter palästinensischer Kinder hin und fragt den Scharfschützen, ob er selbst bzw. seine Kollegen je gezielt auf Kinder schossen. Der Scharfschütze weist die Anschuldigung vehement von sich und betont: “Du schießt auf kein Kind, das 12 oder jünger ist (…) Es ist erlaubt, auf einen, der 12 oder älter ist zu schießen. Das ist kein Kind mehr (…) 12 und älter, darauf darf man schießen, sagen uns (unsere Kommandeure)”.

Chris Hedges - ein erfahrener amerikanischer Journalist - geht noch einen Schritt weiter. Hedges dokumentierte, wie israelische Soldaten Palästinenserkinder systematisch durch Beschimpfungen und andere Provokationen reizen, um auf sie zu schießen. Im vorliegenden Fall hatten Kinder in den Dünen Süd-Gazas gespielt. Hedges beschreibt die Szene in Harper’s Magazine so 10 : “Die Jungen - die meisten nicht älter als 10 oder 11 - , rennen in kleinen Gruppen die hügeligen Dünen hinauf, bis zu dem elektrischen Zaun, der das (Flüchtlings-)Lager von der jüdischen Siedlung trennt. Sie werfen Steine in Richtung zweier gepanzerter Jeeps mit Lautsprechern, die oben auf der Düne parken (…) Plötzlich explodiert eine Aufschlags-Granate. Die Jungen (…) rennen auseinander, rennen tollpatschig durch den schweren Sand. Sie verschwinden hinter der Sandbank vor mir, ich sehe sie nicht mehr. Die Gewehrschüsse sind nicht zu hören. Die Soldaten benutzen Schalldämpfer. Die Kugeln der M-16-Gewehre - in endloser Folge - spicken die zarten Kinderkörper. Später, in der Klinik, besichtige ich das Ergebnis: heraushängende Mägen, klaffende Wunden an Torso und Gliedern.” “Gestern hatten die Israelis an derselben Stelle 8 erschossen (…) 6 davon unter 18, einer war 12 (…) Ich habe schon über einige Konflikte berichtet, in denen Kinder erschossen wurden - niedergemäht von Todesschwadronen in El Salvador und Guatemala, Mütter mit Kleinkindern in Algerien, die in einer Reihe aufgestellt und massakriert wurden oder Kinder in Sarajewo, ins Visier genommen von serbischen Heckenschützen, die zusahen, wie sie sich auf dem Pflaster krümmten - aber nie zuvor sah ich Soldaten, die Kinder wie Mäuse in die Falle lockten, um sie spaßeshalber zu ermorden”.

Neben der direkten Tötung gibt es eine weitere Art, wie palästinensische Kinder getötet werden - die mittelalterliche Belagerung. Gideon Levy schreibt darüber: Ein 10jähriges Mädchen aus dem Dorf El-Sawiya bei Nablus hatte furchtbare Bauchschmerzen. Der Vater versuchte, sie ins nächste Krankenhaus zu bringen, nach Nablus. Aber die gnadenlose israelische Belagerung blockierte alle Routen aus dem Dorf. In den Morgenstunden stirbt Ella an einem geplatzten Blinddarm - etwas, was man in der Klinik problemlos hätte behandeln können. 11

Palästinenserkinder sind längst nicht mehr tabu - nicht am Checkpoint, nicht in ihrem Klassenzimmer, nicht auf der Straße, nicht in ihrer Stube. Vielleicht genossen sie früher eine gewisse Immunität - als es noch wichtig war, welches Image die Okkupation im Ausland hat, vor allem im Westen. Das war vor dem 11. September. Seither hat sich die US-Außenpolitik sozusagen israelisiert - vor allem in Bezug auf den Nahen/Mittleren Osten. Für die Israelis ist der 11. September ein “Glücksfall” - siehe Benjamin Netanjahus erste öffentliche Reaktion auf das Verbrechen des 11. September. Israel entwickelt sich mehr und mehr zu einer Mischung aus dem französischen Kolonialmodell in Algerien und Südafrika unter der Apartheid. Gleichzeitig kann es auf den verlässlichen Schutz des Neuen Imperiums bauen, während sich die meisten europäischen Regierungen unterwürfig und heuchlerisch verhalten. Der Partner Israel genießt nach wie vor eine Vorzugsstellung - Israel, der westliche Außenposten im Nahen Osten. Als Folge der schandbaren Komplizenschaft sind nun auch palästinensische Kinder Opfer schlimmster israelischer Verbrechen - Verbrechen, die empörenderweise ungesühnt bleiben.

Wenn es eine Nation zulässt oder gar ermutigt (indem sie die Tötung nicht angemessen untersucht bzw. die Täter nicht bestraft), dass ein wehrloses Kind kaltblütig und gezielt unter dem Vorwand der ‘Sicherheit’ ermordet wird, verspielt diese Nation jeglichen moralischen Anspruch, den sie vielleicht einmal besaß - und nicht nur das, sie killt jedes Argument, das ihren Anspruch als rassistisch-kolonialistischer Staat, der praktisch über dem Gesetz steht, noch irgendwie legitimieren könnte. Die ganze Menschheit, vor allem jedoch der Westen, hat die Pflicht, einen Boykott bzw. Sanktionen gegen Israel zu verhängen - siehe Südafrika - um Israel dazu zu bringen, internationales Recht und allgemeingültige moralische Regeln zu achten.

‘Iman’ ist Arabisch und bedeutet ‘Glaube’. Ich weiß nicht, warum ihre Eltern Iman al-Hams so genannt haben. Vielleicht, weil sie den Glauben hatten, sie könnten aus eigener Kraft überleben, sich entfalten und existieren - trotz Besatzung, Exil und Elend. Dieser Glaube liegt nun zusammen mit Iman in Rafah begraben. In einer Besatzung ist kein Platz für echten Frieden, für Fortschritt, man kann sich nicht sicher fühlen oder ein anständiges Leben führen. Die Kinder Palästinas haben es verdient zu leben und frei zu sein. Sie haben Würde und Hoffnung verdient. Zumindest haben sie es nicht verdient, von der “einzigen Demokratie” in der Region exekutiert zu werden.

Der Palästinenser Omar Barghouti ist freier politischer Analyst.

Quellen:

1 Chris McGreal: ‘A schoolgirl riddled with bullets. And no one is to blame’, The Guardian vom 21. Oktober 2004

2 BBC News, 15. Oktober 2004 http://news.bbc.co.uk/go/pr/fr/-/1/hi/world/middle_east/3748054.stm

3 Chris McGreal: ‘23 killed in Israeli raid on refugee camp’, The Guardian vom 1. Oktober 2004

4 Haaretz vom 12. Dezember 2000

5 Reuters, 22. Januar 2001; Phil Reeves: ‘Fury as court frees settler’, The Independent vom 22. Januar 2001

6 Gideon Levy, Haaretz vom 28. Januar 2001

7 Tanya Reinhart: ‘Don’t Say You Didn’t Know’, Indymedia, November 2000

8 Michael Finkel: ‘Playing War’, New York Times Magazine, 23. Dezember 2000.

9 Amira Hass: ‘Don’t Shoot Till You Can See They’re Over the Age of 12’, Haaretz vom 20. November 2000.

10 Chris Hedges: ‘A Gaza Diary’, Harper’s Magazine vom Oktober 2001.

11 Gideon Levy, Haaretz, 7. Januar 2001

Quelle: ZNet Deutschland vom 29.10.2004. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: Iman al-Hams

Siehe ebenfalls:

Veröffentlicht am

29. Oktober 2004

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