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Kinder zu töten, ist keine große Sache mehr

“Auf der einen Seite gibt es soviele Unschuldige, deren Leben die Hölle sind, so viele Israelis, die in palästinensischen Angriffen umkommen. Aber nicht einmal in Sderoth leben Israelis in der täglichen Ungewissheit, mitternächtliche Festnahmen und IOF Eingriffe in ihre Wohnungen, Häuserzerstörungen, Demütigungen, Checkpoints, Baumentwurzerlungen, Landraub, Eingeschlossensein durch eine Monstermauer und, kurz gefasst, eine hoffnungslose, freudlose Existenz.

Auf der anderen Seite gibt es Folgen der Kämpfe bei denen, die das Leid verursachen - die Soldaten, die eine freie Hand haben zu morden, zu schlagen, zu erniedrigen, Tränengas zu schießen, zu zerstören - alles zu tun, was ihnen in den Sinn kommt gegen eine Bevölkerung, welche die Soldaten kollektiv als “den Feind” betrachten. Ein untermenschliches Wesen, das den Soldaten zu Willen ist.

Für die Soldaten - viele von ihn kaum mehr als Jungen - ist die Auswirkung traumatisch. Die meisten sind als anständige Menschen erzogen worden. Deshalb fangen sie an nach ihrer Entlassung zu erkennen, was sie getan haben, und ihre emotionale Gesundheit ist zerstört…

Es ist Zeit, dass die israelische Öffentlichkeit wach wird gegenüber der Tatsache, dass, indem sie die Ziele der Regierung unterstützt, sie sich selbst zerstört.

Ist der unersättliche Durst nach Land der israelischen Regierung das wert?”

(Dorothy Noar, in: www.Brief-aus-Israel.de.vu vom 19.10.2004. Übersetzt von Anka Schneider)

Mit diesen Worten führt Dorothy Noar den nachfolgenden Artikel von Gideon Levy ein.

Kinder zu töten, ist keine große Sache mehr

Von Gideon Levy - Haaretz 17.10.2004

Mehr als 30 palästinensische Kinder wurden in den ersten zwei Wochen der “Operation Tage der Sühne” im Gazastreifen getötet. Es ist kein Wunder, dass viele Leute solch ein massenhaftes Töten von Kindern mit “Terror” bezeichnen. Während in der Gesamtzählung aller Intifada-Opfer das Verhältnis drei getötete Palästinenser zu einem getöteten Israeli ist, kommt es bei den Kindern zu einem Verhältnis von 5:1. Nach B’tselem der israelischen Menschenrechtsorganisation wurden sogar vor der augenblicklich laufenden Operation 557 Minderjährige (unter 18) getötet im Vergleich zu 110 israelischen Minderjährigen.

Palästinensische Menschenrechtsgruppen sprechen sogar von einer höheren Zahl: 598 palästinensische Kinder (unter 17) wurden nach der Palästinensischen Menschenrechtsüberwachungsgruppe (PHRMG) und 828 (unter 18) nach dem Roten Kreuz getötet. Man beachte auch das Alter: Nach B’tselem, deren Daten bis etwa vor einem Monat erfasst worden waren, waren 42 Kinder unter 10 Jahre alt; 20 waren sieben, 8 waren zwei Jahre, als sie starben. Die jüngsten Opfer waren 13 Neugeborene, die während der Geburt an den Checkpoints starben.

Mit solch erschreckenden Statistiken wie diesen, sollte die Frage, wer ein Terrorist ist, schon für jeden Israeli längst eine sehr belastende Frage sein. Aber dies steht nicht auf der öffentlichen Tagesordnung. Kindermörder sind immer noch nur die Palästinenser, die Soldaten verteidigen uns und sich - zur Hölle mit den Statistiken.

Die reine Tatsache, die ganz klar festgestellt werden muss, ist die, dass das Blut von Hunderten palästinensischer Kinder an unseren Händen klebt. Keine verworrene Erklärung vom Büro eines IDF-Sprechers oder von Militärkorrespondenten über die Gefahren, denen Soldaten durch Kinder ausgesetzt sind, keine zweifelhafte Entschuldigung durch Leute der PR im Außenministerium darüber, wie Palästinenser ihre Kinder benützen, wird diese Tatsache ändern. Eine Armee, die so viele Kinder tötet, ist eine Armee ohne Hemmungen, eine Armee, die ihren Moralkodex verloren hat.

Das Knessetmitglied Ahmed Tibi (Hadash) sagte in einer besonders emotionalen Rede in der Knesset, dass es unmöglich sei, länger zu behaupten, alle diese Kinder werden versehentlich getötet. Eine Armee macht bei der Identifizierung nicht 500 Irrtümer pro Tag. Nein, das ist kein Irrtum sondern die verheerende Folge einer Politik, die hauptsächlich von einer erschreckend leichten Finger-am-Abzug-Mentalität bestimmt wird und von der Dehumanisierung der Palästinenser. Auf alles zu schießen, was sich bewegt - einschließlich auf Kinder - ist zur Norm geworden.

Sogar die augenblickliche Mini-Wut, die über die “Bestätigung des Tötens” des 13jährigen Mädchens, Iman al-Hams , ausbrach, dreht sich nicht um die wahre Frage. Der Skandal sollte allein durch den Akt des Tötens selbst verursacht worden sein, nicht durch das, was ihm folgte. Iman war nicht die einzige. Mohammed Aaraj aß ein Sandwich vor seinem Haus, dem letzten vor dem Friedhof des Balata-Flüchtlingslagers bei Nablus, als ihn ein Soldat aus nächster Nähe erschoss.

Christine Saada saß im Auto ihrer Eltern, die von einem Verwandtenbesuch auf dem Weg nach Hause waren, als die Soldaten den Wagen von allen Seiten mit Kugeln beschossen. Sie war 12 als sie starb. Die Gebrüder Jamil und Ahmed Abu Aziz fuhren mitten am Tag auf ihren Fahrrädern, um sich Süßigkeiten zu kaufen, als sie direkt von einer Salve getroffen wurden, die von einer israelischen Mannschaft eines Panzers abgeschossen wurde. Jamil war zur Zeit seines Todes 13, Ahmed sechs.

Muatez Amudi und Subah Subah wurden von einem Soldaten getötet, der auf dem Dorfplatz von Burkin stand, der auf jeden feuerte, der in der Nähe von Steinewerfern war. Radir Mohammed aus dem Khan Yunis Flüchtlingslager saß in ihrem Klassenzimmer, als sie zu Tode kam. Sie war 12, als sie starb. Alle diese hatten nichts Böses getan und wurden von Soldaten getötet, die in unserem Namen handeln.

Wenigstens in einigen Fällen musste den Soldaten klar gewesen sein, dass sie auf Kinder zielten, aber das hielt sie von ihrem Tun nicht ab. Palästinensische Kinder haben keinen Schutzraum: tödliche Gefahr lauert in ihren Wohnungen, in ihren Schulen und auf der Straße. Nicht eines der Hunderte von Kindern, die getötet worden sind, verdienten den Tod. Die Verantwortung für ihr Töten sollte nicht anonym bleiben. Doch die Botschaft, die den Soldaten übermittelt wird, lautet so: Es ist keine Tragödie, Kinder zu töten - und keiner von euch macht sich deshalb schuldig.

Der Tod ist für die Kinder natürlich die größte Gefahr, aber sie ist nicht die einzige. Entsprechend von Angaben des Palästinensischen Ministeriums für Erziehung sind 3409 Schulkinder während der Intifada verletzt worden, eine Reihe von ihnen werden nun lebenslang behindert sein. Die Kindheit von Zehntausenden palästinensischer Kinder geht von einem Trauma zum Nächsten, von einem Schrecken zum nächsten Schrecken. Ihre Häuser werden zerstört, ihre Eltern vor ihren Augen gedemütigt, Soldaten fallen brutal mitten in der Nacht in ihre Wohnungen ein, Panzer eröffnen das Feuer auf ihre Klassenzimmer. Und es gibt keinen psychologischen Dienst. Hat man jemals gehört, dass ein palästinensisches Kind ein “Opfer von Angstneurose” wurde?

Die allgemeine Gleichgültigkeit, die diese “Schau” von unglaublichem Leiden begleitet, macht alle Israelis zu Komplizen eines Verbrechens. Selbst Eltern, die wissen, was Angstzustände für das Leben eines Kindes bedeuten, wenden sich weg und wollen nichts von den Ängsten hören, die sich bei den Eltern auf der anderen Seite des Zaunes ansammeln. Wer hätte glauben wollen, dass israelische Soldaten Hunderte von Kindern töten würden - und dass die Mehrheit der Israelis dazu schweigt? Selbst die palästinensischen Kinder sind ein Teil der Dehumanisierungskampagne geworden: Hunderte von ihnen zu töten, ist keine große Sache mehr.

Quelle: ZNet Deutschland vom 20.10.2004. Übersetzt von: Ellen Rohlfs.

Veröffentlicht am

21. Oktober 2004

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