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Das tägliche Massaker durch Hunger - und unsere Haltung

Von Michael Schmid

Zahl der Hungernden wächst

Anlässlich des Welternährungstages wurden wieder erschreckende Zahlen bekannt. 842 Millionen Menschen leiden an chronischer Unterernährung. Der Hunger nimmt weltweit zu. Vor zwei Jahren waren es noch 826 Millionen. Im Laufe des Jahres 2004 werden sechs Millionen Kinder unter fünf Jahren verhungern. “Alle fünf Sekunden stirbt auf der Welt ein Kind, weil es nichts zu essen hat”, sagte der UN-Berichterstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler 1 , als er am 16. Oktober 2004 in Genf seinen aktuellen Bericht in Genf vorlegte. Dieses “tägliche Massaker” koste mehr Menschenleben als alle Kriege und Terroranschläge zusammen, beklagte Ziegler.

“Die Lage ist nicht nur verheerend, sondern absurd”, so Ziegler. Denn nach Angaben der UN-Organisation für Landwirtschaft und Ernährung (FAO) könnten heute zwölf Milliarden Menschen ernährt und täglich mit 2.700 Kilokalorien versorgt werden. Die derzeitige Weltbevölkerung beträgt rund 6,4 Milliarden Menschen. Es sei einerseits eine Frage der Verteilung, andererseits würden tonnenweise Nahrungsmittel vernichtet.

Als Ursachen für den seit 1996 weltweit wachsenden Hunger nannte der UN-Berichterstatter vor allem die neoliberale Politik. “Der Markt” könne das Problem des Hungers nicht lösen, sagte der Schweizer Soziologe. Die beiden gängigen Erklärungsversuche für die sich weiter verschärfende Situation, “Überbevölkerung” und “Naturgegebenheit”, seien “eine glatte Lüge: Es geht um ein ökonomisches System”. Profitinteressen verschärfen die Lage. Es fehle vor allem am politischen Willen für die Entwicklung, Regierungen dürften nichts unternehmen, was den Zugang zur Nahrung behindert.

Keine guten Noten bekommen in seinem Bericht vor allem die Staaten Sudan, Nordkorea, China, Kuba und Israel. Im Zusammenhang mit Kuba forderte der Schweizer die USA auf, durch Boykotte die Lage der Inselbevölkerung nicht zu verschlechtern. Israel hingegen habe sich als Besatzungsmacht um die hungernden Menschen in den besetzten Palästinensergebieten zu kümmern. Von der chinesischen Regierung fordert der Uno-Berichterstatter, keine Hungerflüchtlinge nach Nordkorea zurückschicken. Die würden dort für Jahre in Gefängnissen verschwinden.

Ziegler wird seinen bewegenden Bericht der Uno-Vollversammlung am 27. Oktober 2004 in New York offiziell vorlegen. Rüde Reaktionen der angeschuldigten Staaten sind ihm garantiert.

Anteilnahme für das einzelne Leben statt Abstumpfung gegenüber skandalösen Zuständen

Der Feststellung Zieglers ist zuzustimmen: es ist in der Tat ein Skandal, dass in einer immer reicher werdenden Welt der Hunger “auf dem Vormarsch” ist. Doch was macht die immer neue Berichterstattung über diese skandalösen Zustände mit uns? Verspüren wir nicht auch so etwas wie eine moralische Müdigkeit, also Apathie oder sogar Ratlosigkeit, wie so viele Menschen, wenn wir immer wieder mit Fakten und Bildern des Hungers und des Elends besonders aus den ärmsten Ländern der Welt konfrontiert werden? Verfallen wir ebenfalls einem Zustand, den manche als “Mitleidsverdrossenheit” bezeichnen?

Der frühere Generaldirektor der UNESCO, Federico Mayor 2 , vertrat die Meinung, würden wir Anteilnahme für jedes einzelne Leben auf diesem Planeten aufbringen, würden wir nie einer solchen “Mitleidsverdrossenheit” zum Opfer fallen. Zur Anteilnahme gehöre das Interesse an den Lebensbedingungen anderer Menschen sowie tiefer Respekt Anderen gegenüber. Zudem der tiefe Wunsch, miteinander zu leben statt gegeneinander.

In diesem Zusammenhang erzählt Mayor von seiner ganz persönlichen Praxis:

“Jeden Morgen, wenn ich aufwache und sehe, wie die Sonne aufgeht, versuche ich deshalb, mir das Kind im Morgengrauen oder bei Sonnenuntergang oder im Dunkeln Tausende von Kilometern weit weg vorzustellen, das hungrig ist, das vielleicht nie zur Schule gehen kann, das vielleicht sogar noch in dieser Nacht sterben wird. Das ist keine angenehme Übung, aber das Leben ist keine ganz angenehme oder schmerzfreie Übung. Das Leben verlangt sehr viel Aufmerksamkeit auch für jene Menschen, die so sehr außerhalb meiner Erfahrenswelt stehen, dass ich meiner Erinnerung konstant nachhelfen muss, um ihre Not zu sehen.”

Federico Mayor geht es also auch darum, die Probleme, Absurditäten und Widersprüche der Geschehnisse in unserer globalen Lebenswelt in uns aufzunehmen und ein gewisses Maß an Leidenschaft zu verspüren, um sie verändern zu wollen. Anders, so glaubt er, ist das Erlernen des Miteinanders, ist die Entwicklung von Frieden und Gerechtigkeit nicht möglich. Und: Mitgefühl könne dann rege und aufmerksam bleiben, wenn es in Taten ausgedrückt werde, die das Problem zu lösen versuchen. Wir müssten also ständig bereit sein, weiterzugehen und im Hier und Jetzt nach den Mechanismen der Armut und Lösungen dafür zu suchen.

Der beste Garant für die Entwicklung einer demokratischen Weltgesellschaft, so Mayor, sei von daher “die Überzeugung, dass wir alle in einem gewissen Maße Rebellen sein müssen, aber Rebellen, die wissen, was sie tun.”

Du beschwerst dich
über stark aufwallende Gefühle?
Denn das wollen wir:
die Tapferkeit derer, die nicht bloß
das Sichtbare gelten lassen.
Ruhe ist Unterwerfung,
Melancholie,
Tod.
Das Leben
Ist in den Böen,
wo der Wind peitscht
und jede Zelle bebt
und das Unmögliche
glaubt.
Nur Rebellen
sind Leuchtfeuer
der Veränderung,
die unsere Menschlichkeit
verlangt.

Federico Mayor, ehemaliger Generaldirektor der UNESCO

Was tun?!

Hier einige Links von Organisationen, die sich für die Überwindung von Hunger und Armut engagieren:

Anmerkungen:

1 Jean Ziegler, Schweizer Professor für Soziologie; Ziegler war 1967-1983 und 1987-1999 im Nationalrat für die Sozialdemokratische Partei der Schweiz. Jean Ziegler wurde in jungen Jahren geprägt von seiner Freundschaft zu Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir sowie durch einen zweijährigen Afrika-Aufenthalt als UN-Experte nach der Ermordung Patrice Lumumbas. (“Ich habe mir geschworen, nie wieder, auch nicht zufällig, auf der Seite der Henker zu stehen.”). Seine zahlreichen Publikationen haben weite Kreise ziehende Skandale ausgelöst und ihm internationales Ansehen, in seinem eigenen Land jedoch den Ruf des Nestbeschmutzers eingetragen. Der streitbare Moralist aus Genf wirbt aufrichtig dafür, dass sich in den demokratischen Industrienationen des Nordens Bürgerbewegungen und Initiativen bilden, die ihre Regierung zwingen, den lautlosen Genozid des Hungers zu stoppen. Immer, so Ziegler, geht es um das reale Verhältnis von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, karitativer Hilfe und politischer Reform.

2 Vgl. im Nachfolgenden Federico Mayor: Die neue Seite. Das UNESCO-Projekt “Kultur des Friedens”, in: Bernhard Nolz/Wolfgang Popp (Hrsg.): Miteinander leben - voneinander lernen. Perspektiven für die Entwicklung einer Kultur des Friedens in Europa. Münster 1999, S. 11 - 27.

Siehe ebenfalls:

Veröffentlicht am

30. Oktober 2004

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