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“In westlichen Gesellschaften geht es gar nicht so friedlich zu …”

Krieg fördert Grausamkeit - auch ohne Krieg ist Gewalt an der Tagesordnung

Von Michael Schmid - Rundbrief Lebenshaus Schwäbische Alb 41 - Juni 2004

Entsetzen über Abu Ghraib

Wahrscheinlich weil Bilder oft mehr sagen als lange Texte, empören sich derzeit große Teile der Welt über Folterungen, welche amerikanische und britische Soldaten und Soldatinnen an irakischen Gefangenen verübten und die durch Fotos sichtbar werden.

Dabei sind Menschenrechtsverletzungen aller Art in Kriegen an der Tagesordnung. Soldatinnen und Soldaten sind extremen Gefühlen von Angst und Bedrohung ausgesetzt. Sie wurden zur Tötung des Feindes ausgebildet. Sie müssen Feinde töten. Sie haben zu tun mit Widerstand von Feinden. Sie machen traumatisierende Erfahrungen. Kommen dann noch direkte Anweisungen oder zumindest Anspielungen der militärischen Führung hinzu, den in internationalen Konventionen getroffenen würdevollen Umgang des gefangenen Gegners zu unterlaufen, kann dies von Soldatinnen und Soldaten durchaus als Rechtfertigung zum hemmungslosen Ausleben ihrer sadistischen Phantasien verstanden werden. Dies war offensichtlich jetzt im Irak der Fall. Die Fotos sind dann wohl Dokumente, eine Art von Trophäe, die von der eigenen Macht zeugen. An ihnen kann man sich “berauschen”.

Krieg fördert Grausamkeiten

Für den renommierten US-Psychologen Philip Zimbardo sind die Misshandlungen irakischer Gefangener durch amerikanische Soldaten und Soldatinnen kein Zufall. Die Situation im Irak bringe die Soldaten und Soldatinnen regelrecht dazu, Gräueltaten zu verüben. “Die allgegenwärtige Ursache ist das Übel des Krieges”, schreibt der Psychologe, “die vorgeschobene Geschichte von der ‘Nationalen Sicherheit’ und den übertriebenen Ängsten vor dem Terrorismus, die durch zehn ‘glaubwürdige’ Terrorwarnungen erzeugt worden sind. Sie verwandeln unsere Nation in eine Kultur der Opfer und unsere Soldaten in brutale Quäler anderer Menschen.”

Offensichtlich spielt im Krieg die Herkunft von Soldatinnen und Soldaten eine ziemlich untergeordnete Rolle. Es ist der Krieg selber, in dem es darum geht, den Gegner zu schädigen, der Menschen dazu bringt, Grausamkeiten zu begehen. Deshalb ist es auch pure Heuchelei, wenn sich nun ausgerechnet Kriegs-Präsident Bush und sein williger Helfer Blair über die Gräueltaten ihrer Soldaten und Soldatinnen gegenüber irakischen Gefangenen empört zeigen. Insbesondere die US-Administration und die britische Regierung sind für die Gräueltaten in ihren Militärs verantwortlich und müssen zur Rechenschaft gezogen werden.

Wenn es der Krieg ist, der zu Grausamkeiten führt, greift natürlich die angesichts der kursierenden Skandalbilder aus dem Abu Ghraib-Gefängnis häufig gestellte Frage viel zu kurz, was das für Menschen sind, die als Soldatinnen und Soldaten aus westlichen Demokratien derartige Grausamkeiten an den Tag legen können.


Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit durch US-Streitkräfte

Die nachstehende unvollständige Aufzählung dokumentiert, dass die These, US-Militärs hätten stets ehrenhaft und unter Beachtung völkerrechtlicher Konventionen wie zivilisatorischer Mindeststandards gekämpft, lediglich der Legendenbildung dient.

  • “Ich führe meine Befehle aus. Dafür ist die Armee da. Wenn die Amerikaner sagen: ‘Löscht Südamerika aus’, wird es die Army tun. Wenn eine Mehrheit sagt, Lieutenant, los, massakrieren Sie tausend Feinde, werde ich tausend Feinde massakrieren.” US-Lieutenant William Calley Jr. (1970)
  • Wounded Knee, South Dakota, 29. Dezember 1890: Soldaten der 7th U.S. Cavalry erschießen etwa 300 indianische Männer, Frauen und Kinder vom Stamm der Sioux, die sich ihnen zuvor ergeben und ihre Waffen abgeliefert hatten.
  • Hiroshima, 6. August 1945: US-Bomberpilot Colonel Paul Tibbets verwandelt mit dem ersten Kernwaffeneinsatz in der Geschichte der Menschheit die japanische Großstadt in eine atomare Wüste, schätzungsweise 120.000 Einwohner sterben unmittelbar nach dem Abwurf, weitere 80.000 nach qualvollem Siechtum.
  • My Lai 4, Südvietnam, 16. März 1968: US-Soldaten der Task Force Barker unter dem Kommando des Lieutenants William Calley (s. oben) schänden, verstümmeln und ermorden 507 Zivilisten, darunter 173 Kinder, 76 Babys und 60 Greise.
  • Kuwait, 23./24. Februar 1991: Drei Brigaden der 1. US-Infanteriedivision verschütten und begraben mit gepanzerten Planierraupen, die mit Räumschilden ausgerüstet sind, 6.000 irakische Soldaten bei lebendigem Leibe in ihrem mehr als 70 Meilen langen Schützengrabensystem - eine zweite Bulldozerwelle schüttet die Gräben mit Sand zu.
  • Falluja im Irak, 10. bis 15. April 2004: Die US-Besatzungstruppen begehen die schwersten Kriegsverbrechen, seit sie das Land besetzt halten. Als mit Luftangriffen versucht wird, gegen kämpfende Einheiten des sunnitischen Widerstandes vorzugehen, kommen in Falluja etwa 600 Menschen ums Leben, darunter viele Frauen und Kinder.

Die Zusammenstellung ist entnommen dem Artikel von Jürgen Rose: High-Tech-Krieger mit Kälberstrick. Freitag 22. Die Ost-West-Wochenzeitung vom 21.05.2004.


Westliche Gesellschaften voller Gewalt

Es ist auch nicht so, dass wir Menschen in westlichen demokratischen Gesellschaften von vornherein friedlicher und zu Grausamkeiten weniger in der Lage sind als Menschen aus anderen Kulturkreisen. Hier entwickeln sich selbstverständlich nicht alle Menschen von vornherein von der Wiege an zur puren Friedfertigkeit. Ja, es geht bei uns noch weit weniger friedlich zu, als es allgemein den Anschein hat. Es gibt offene direkte Gewalt, die besonders dann, wenn sie tödlich ist wie etwa in Erfurt oder bei der Ermordung eines Ausländers oder eines Kindes, großes Entsetzen hervorruft. Oder auch wenn unser Bundeskanzler öffentlich eine Ohrfeige bekommt.

Es gibt aber in unserer Gesellschaft noch ganz andere Formen von Gewalt, die kaum in Bilder zu fassen und oft fast unsichtbar sind. So werden gerade durch Formen psychischer Gewalt Menschen verletzt, erniedrigt, verleumdet, gequält und verfolgt. “Mobbing” und “Stalking” sind unter anderem Begriffe, mit denen solche Formen von Psychoterror bezeichnet werden. Über 1,5 Millionen Menschen sind in Deutschland allein von Stalking betroffen. Die Folgen dieser psychischen Gewaltformen können ebenso wie direkte körperliche Gewalt zu schweren körperlichen und seelischen Schädigungen führen, ja bis zum Tod reichen. So soll jeder sechste vollendete Selbstmord auf Stalking zurückzuführen sein. Ein riesengroßes Problem also, das aber zumeist irgendwo unter der Decke schwelt.

Ursachen der Grausamkeiten

Wie kommt es zu einem derartigen Ausmaß an Grausamkeiten? Der Psychoanalytiker Arno Gruen 1 zeigt auf, dass Kinder oft verletzt werden, in erster Linie durch ihre eigenen Eltern. Eltern geben weiter, was ihnen selbst angetan wurde. Sie bestrafen ihre Kinder für das, was sie lernten, in sich selber abzulehnen und zu hassen, nämlich Verletzlichkeit und Hilflosigkeit.

Es ist also oft die Angst vor der Freiheit, die Angst vor eigenen Gefühlen, die verdrängt wird, dann zunächst Selbsthass erzeugt, schließlich Hass auf andere: “Das Fremde ist das Eigene, das wir nicht als das Eigene anerkennen dürfen, was uns durch die Eltern schlecht gemacht wurde.” Und weil ein kleines Kind, um zu überleben, nicht anders kann als die Sichtweise der Eltern zu übernehmen, muss es all das, was die Eltern an ihm missachten, selbst missachten. Und wenn die Eltern beispielsweise nicht ertragen können oder wollen, dass das Kind schwach ist, wenn es “groß”, “brav” oder “vernünftig” sein muss, wird es gegen die eigene Schwäche in sich Hass entwickeln.

Wenn Eltern kalt reagieren, weil das Kind diese oder jene Lebensäußerung von sich gibt, dann ist das für Kinder ein sie bedrohender Terror. Wenn Eltern Kinder nicht in ihrem eigenen Sein annehmen, in ihrer Lebendigkeit, ihren spielerischen Seiten, das Lächeln eines Säuglings, wenn sie das ablehnen, dann verletzt dies tief.

Eigene Opfererfahrungen hinterlassen Hassgefühle

Mit diesen Verletzungen, mit diesem Schrecken kann man nicht leben. Man verwandelt ihn in etwas anderes. Ein solcher Mensch lässt sein Herz in Kälte erstarren, um die Liebe nicht fühlen zu müssen. Der Verlust von Lebendigkeit, Kreativität und Liebesfähigkeit führt häufig zu Hass und Gewalt. Hass in einem Menschen ist der Hass darauf, selber Opfer geworden zu sein, und dabei das Opfer in einem selber nicht erkennen zu dürfen. Es wird darauf bestanden, andere zum Opfer zu machen. Da braucht man nie zu wissen, dass man selbst Opfer war. Um zu erkennen, dass man Opfer war, müsste man ja seine Eltern so sehen, wie sie wirklich sind, das, was war, das, was mit einem geschehen ist. Das kann man nicht. Es ist ein Teufelskreis, meint Arno Gruen.

Bei Menschen, die eigene Erfahrungen als Opfer von verletzendem Verhalten in erster Linie durch ihre Eltern gemacht haben, bleiben also oft Hass- und Rachefantasien übrig, welche sich unter bestimmten Umständen auf neue Opfer entladen. So kann sich der Selbsthass oft gegenüber Schwächeren entladen. Menschen können unter bestimmten Umständen zu Rechtsradikalen werden, die Fremde, behinderte oder obdachlose Menschen hassen und verfolgen. Ein Mensch aber, der seinen eigenen Schmerz nicht erleben darf und kann, weil er dazu angehalten wurde, ihn als schwach abzutun, wird ihn in anderen Lebewesen suchen müssen.

Da gibt es Menschen, die einen erinnern an das eigene Mitgefühl, das einmal vorhanden war. Und ausgerechnet diese Menschen können nun nicht mehr ertragen werden, die müssen gequält, erniedrigt und herabsetzt werden, weil sie gefährlich für einen sind. Denn sie gefährden einen Menschen, der seine lebendigen, kreativen Gefühle begraben musste, weil sie etwas in ihm wecken. Und so sind es häufig gerade jene Menschen, welche kreativ sind und neue Ideen haben und verwirklichen, die Opfer von Mobbing und Stalking werden.

Die Attraktivität der Machtgefühle

Das ohnmächtige Verhalten des Opfers korrespondiert mit Gefühlen der Macht beim Täter. Gefühle von Macht können ausgesprochen attraktiv sein. Und so kann es kommen, dass ein solcher Mensch andere erniedrigen, quälen oder verstümmeln kann, um des eigenen verdrängten und verneinten Schmerzes habhaft zu werden.

Zugleich wird er dieses Tun leugnen, um seine eigene seelische Verstümmelung zu verbergen. Diese Verleugnung aber macht aus Opfern Täter, und sie führt ferner dazu, dass wir alle bis zu einem gewissen Grad Schwierigkeiten haben, Opfer und Täter zu unterscheiden: die Opfer werden als Täter und die Täter werden als Opfer gesehen. Das Nicht-wahrhaben-Dürfen des in der eigenen Lebensgeschichte erlebten Schmerzes führt zu einer Verleugnung des Schmerzes anderer. Diese Verwechslung, so Gruen, ist charakteristisch für unsere Kultur.

Das Fatale dabei ist also oftmals die völlige Verkehrung aller Wertmaßstäbe, mit der menschenverachtende Handlungen, Verrat, Missbrauch, Quälerei und Sadismus gerechtfertigt werden können. Der Hass gegen andere wird nicht mehr als zerstörerischer Akt gesehen, sondern als etwas, das sein “muss”. Menschen werden verfolgt, gejagt, getötet, weil die Jäger, Verfolger und Mörder sich im Recht fühlen.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass es in unseren demokratischen Gesellschaften eine Art zivilisatorischer Hemmschwelle gibt, welche im allgemeinen offene direkte Gewaltanwendung mehr oder weniger untersagt und mit Strafe bedroht. Und insofern gibt es auch einigermaßen erfolgreiche Erziehungs- und Sozialisationsprozesse, welche offene Gewaltanwendung eher nicht zu sehr zum Zuge kommen lassen. Und andererseits gibt es weniger offen sichtbares, dennoch sehr breitgefächerte “Schlachtfelder”, auf denen Menschen mit psychischer Gewalt ihre Grausamkeiten gegen andere ausagieren, andere demütigen und quälen. Es geht also gar nicht so friedlich zu in unseren westlichen Demokratien, wie gemeinhin angenommen wird. Zivilisatorische Errungenschaften zur Überwindung direkter körperlicher Gewalt sind zwar ein Fortschritt, aber sie sind noch längst kein eindeutiges Indiz für eine friedvolle Gesellschaft.

Arno Gruen geht im Übrigen von einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung aus - etwa 30 Prozent - der eine Kindheit hatte, die das Eigene wirklich gefährdet, einmauert, zum Fremden macht. Demgegenüber hätten nur etwa 30 Prozent eine Kindheitsentwicklung, in der das Eigene von den Eltern gesehen und gefördert wird.

Was also tun?

Angesichts des damit verbundenen großen Leids müssen wir weiter daran arbeiten, Kriege, Massenmorde und Folter zu überwinden. Dazu gehört, die für diese Verbrechen Verantwortlichen klar zu benennen und zur Verantwortung zu ziehen.

Wichtig ist weiter, auf alle Formen von Gewalt zu achten, besonders sensibel sein gegenüber verdeckter Gewaltausübung, diese aufspüren, Stellung beziehen, nein zu ihr sagen und die Opfer nicht alleine ihrem Schicksal überlassen. Es geht darum, eine konsequente Haltung einzunehmen gegenüber Menschen, die Hass gegen andere Menschen ausagieren. Konsequente Haltung heißt nicht bestrafen, sondern eine Haltung die sagt: “Das kannst Du nicht tun.” Die Botschaft muss kompromisslos, klar und überzeugend sein, sie muss lauten: “Das kannst du auf keinen Fall tun, das werden wir nicht dulden.” Das heißt auch, Zivilcourage zu üben.

Von großer Bedeutung ist es ebenfalls, den Hass und die Gewalt in sich selber aufzuspüren, dafür sensibel zu werden und die mühsame Arbeit auf sich zu nehmen, dieses Gewaltpotential in seiner schädlichen Wirkung nach innen und außen zumindest einzudämmen. Besser noch zu überwinden.

Und dann, um nochmals an Arno Gruens grundlegenden Gedanken anzuknüpfen, sollten wir unseren Kindern, den Kindern unserer Gesellschaft und auf dem gesamten Erdball eine sehr hohe Beachtung schenken. Im Umgang mit Kindern liegt ein Schlüssel für die Entwicklung von Frieden und Gerechtigkeit. Nur wenn es gelingen wird, möglichst viele Kinder in Umfeldern aufwachsen zu lassen, in denen ihnen Liebe und Achtung geschenkt wird, wird Gewalt überwunden werden können. Kinder brauchen Liebe und Zuwendung, um überleben zu können und weil sie dies so dringend benötigen, können sie es nicht aushalten, wenn Eltern und andere wichtige Bezugspersonen kalt und ablehnend werden. Es ist also gut, dem Kind liebevoll entgegenzukommen, mit Achtsamkeit und ehrlichen Gefühlen. Dann fühlen sich die Kinder geschätzt und anerkannt in ihrem Sein und können ihr wahres Selbst entwickeln.

1 Arno Gruen, 1923 in Berlin geboren, 1936 Emigration in die USA. Promotion als Psychoanalytiker. Tätigkeit als Professor und Therapeut an verschiedenen Universitäten und Kliniken, daneben seit 1958 psychoanalytische Privatpraxis. Seit 1979 lebt und praktiziert Arno Gruen in der Schweiz. Zahlreiche Fachpublikationen und Buchveröffentlichungen.

Literaturhinweise:

  • Arno Gruen: Verratene Liebe - Falsche Götter. Stuttgart 2003.
  • Arno Gruen: Der Fremde in uns. München, 2002.
  • Arno Gruen: Der Kampf um die Demokratie. Der Extremismus, die Gewalt und der Terror. Stuttgart, 2002.
  • Arno Gruen/Doris Weber: Hass in der Seele. Verstehen, was uns böse macht. Freiburg im Breisgau, 2001.
  • Arno Gruen: Der Verlust des Mitgefühls. Über die Politik der Gleichgültigkeit. München, 1997.

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Veröffentlicht am

14. Juni 2004

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