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Wie man ein Kind lieben soll

Menschen, die böse sind, sind nicht böse, weil sie nichts anderes kennen, sondern weil sie gegen das Gute sind, weil sie sich nur als aufrecht gehend erleben können, wenn sie andere erniedrigen und ihnen Schmerz zufügen. Eine Idee für den Frieden.

Von Arno Gruen

Janusz Korczak, der wunderbare polnische Kinderarzt, der seine Waisenkinder in das Konzentrationslager Treblinka begleitete und dort mit ihnen starb, berichtet in seinem Buch "Das Recht des Kindes auf Achtung" von einem Jungen, der, als er das "Haus der Waisen" verließ, zu ihm sagte: "Wenn dieses Haus nicht wäre, ich wüsste nicht, dass es auf dieser Welt ehrliche Menschen gibt, die nicht stehlen. Ich wüsste nicht, dass man die Wahrheit sagen kann, ich wüsste nicht, dass es auf dieser Welt gerechte Gesetze gibt." Dieser Junge hatte das Gute in sich, durch eine neue Lebensweise konnte er wählen zwischen Gut und Böse und wählte das Gute.

Dagegen: Menschen, die böse sind, sind nicht böse, weil sie nichts anderes kennen, sondern weil sie gegen das Gute sind, es zerstören möchten, weil sie sich nur als aufrecht gehend erleben können, wenn sie andere erniedrigen, runtermachen, bestrafen, ihnen Schmerz zufügen. Solche Menschen müssen andere peinigen, um sich selbst davon zu überzeugen, dass sie nicht schwach sind, sie tun dies, um ihre eigene Schwäche von sich fern zu halten. Aleksandar Tisma, der kürzlich verstorbene jugoslawische Schriftsteller, beschreibt diesen Prozess in seinem Buch "Die Schule der Gottlosigkeit": Dulics, ein Mitglied der Geheimpolizei im heutigen Balkan, hasste Schwäche, "gerade weil er sie auch in sich selbst spürte", aber glauben musste, dass er sie überwunden hatte. So folterte er, um die Scham über seine eigene Schwäche von sich selber fern zu halten. In seinem Kommentar zu Jacob Wassermanns der "Fall Mauritius" schrieb Henry Miller (1982): "Jeder, dem sein Recht auf Liebe verneint wird, ist verkrüppelt und in den Wurzeln seines Wesens durchkreuzt."

Es ist dieses Anrecht auf Liebe und seine ungenügende Befriedigung während der Kindheit, die Menschen in den Gehorsam zwingt. Wenn der Charakter der Beziehung zwischen Kindern und Eltern dem eines Machtkampfes entspricht, in dem verhindert werden soll, dass sich der vermeintlich "unreife" Wille des Kindes durchsetzt, dann wird verschleiert, dass es nicht um ein "Zivilisieren" des Kindes geht, sondern um die Festschreibung von Herrschaft. Die so geartete Sozialisation des Kindes soll dann dafür Sorge tragen, dass die Motivation zum Gehorsam gegenüber den Mächtigen tief in der menschlichen Seele verankert wird. Denn ein Kind kann nicht ohne eine Verbindung mit seinen Eltern leben. Wenn es abgelehnt wird, wird es versuchen, ihren Erwartungen zu entsprechen. Dieser Prozess führt zu einem Gehorsam, der die Bedürfnisse, Wünsche und Gefühle, die dem Kind eigen sind, zum Schweigen bringen. Das bewirkt einen Terror im Kind, weil das Eigene des Kindes von den ihn betreuenden Erwachsenen abgelehnt wird. Und so muss das Kind sein Eigenes zum Feind machen, um den elterlichen Erwartungen zu entsprechen, es muss das Eigene als fremd und abstoßend erleben.

Franz Kafka schrieb in einem Brief an seine Schwester: "… das eigentliche Elterngefühl kennt keine Grenzen … Wenn der Vater (bei der Mutter ist es entsprechend) ‘erzieht’, findet er zum Beispiel in dem Kind Dinge, die er schon in sich gehasst hat und nicht überwinden konnte und die er jetzt bestimmt zu überwinden hofft, denn das schwache Kind scheint ja mehr in seiner Macht als er selbst, und so greift er blindwütend, ohne die Entwicklung abzuwarten, in den werdenden Menschen, oder er erkennt z. B. mit Schrecken, dass etwas, was er als eigene Auszeichnung ansieht und daher in der Familie nicht fehlen darf, in dem Kinde fehlt, und so fängt er an, es ihm einzuhämmern, was ihm auch gelingt, aber gleichzeitig misslingt, denn er zerhämmert dabei das Kind … "

Wenn das Eigene abgelehnt werden muss, um eine Verbindung mit den Eltern aufrechtzuerhalten, führt das zu einer Entfremdung von sich selber. Die schmerzlichen Erfahrungen der Erniedrigung, der Lieblosigkeit und des fehlenden Einfühlungsvermögens seitens der Eltern dürfen nicht wahrgenommen werden. Sie dürfen nicht wahrgenommen werden, da es den Selbstwert der Eltern bedroht. So verwerfen Kinder ihre eigene Menschlichkeit. Der Hass darauf gilt fortan einem Feind, nämlich dem Mitmenschlichen und dem Menschlichsein.

Eine Stunde, nachdem Adam als Messdiener dem Priester die Hostien gereicht hatte, tötete der 16-Jährige einen, in seinen Worten, eher schwachen Menschen. Nachdem er das betrunkene Opfer erst gequält und malträtiert hatte, töteten er und sein Kumpel es mit einer abgebrochenen Gabel, die sie ihm ins Gehirn stießen. Adam sagte: "Ich empfand kein Erbarmen … es ging darum, ein harter.. Junge (ein Held!) zu sein."

Die Großmutter des Täters erzählt: "Adam hatte niemanden. Seine Eltern waren Herumtreiber … hatten kein Herz für den Jungen. Er trommelte einmal an die Wohnungstür: ‘Mama, mach bitte auf, ich weiß, dass du da bist’. Aber die Tür blieb zu."

Adam erlebte seine eigenen Bedürfnisse nach Wärme, Liebe und Geborgenheit als eine Schwäche, gegen die er sich schützen musste. Wenn die eigenen Bedürfnisse zum Verhängnis werden, retten sich Kinder, indem sie auf Distanz zu sich selbst und ihrer eigenen Menschlichkeit gehen, um diese nicht mehr zu spüren. Und so rächt sich Adam an der "Schwäche" des anderen. Indem er ihn ermordete, tötete er die eigene Schwäche in sich.

Brecht sagte, dass das Böse komplizierter als das Gute sei. Im Grunde sollte das Gute leichter zu erreichen sein als das Böse. Da aber Ausbeutung und die Atomisierung des Menschen unsere Kultur prägen, wird das Komplizierte in unserer Entwicklung gefördert und nicht das Einfache, das durch Liebe bestimmt ist. Aber wo Ebenbürtigkeit in der Geschlechterbeziehung fehlt, ist Liebe nicht möglich. Die Ungleichheit in der Beziehung ist verknüpft mit den Machtansprüchen der Väter und der Mütter, nur dürfen sie diese nicht direkt ausdrücken. Das Resultat ist ein Zustand, in der Liebe nicht zu Stande kommen kann. Sie wird aber gespielt, weil es unserem Rollenspiel entspricht, uns als liebend zu sehen. So sehen sich Eltern als liebend und verneinen das Machtspiel. In dieser Situation kann ein Kind weder die Verleugnung der Liebe erkennen, ebenso wenig den Machttrieb seiner Eltern. Ein Kind, das dennoch auf Wahrheit beharrt, wird bestraft, körperlich oder dadurch, dass die Eltern sich abwenden. So muss ein Kind die Bindung zu seinen Eltern aufrechterhalten, indem es seine eigenen Wahrnehmungen und Schmerzen unterdrückt.

Janusz Korczak entwickelte eine subtile Hellsichtigkeit für den Schmerz. Seine Verzweiflung über das, was Menschen einander zufügen, führte bei ihm zu einem äußerst mitfühlenden Herz ohne Selbstmitleid. "Das eigene Leid", schrieb er, muss umschmelzen in eigenes Wissen und Freude für andere…" Das führt dazu, dass man lernt, dass Misserfolge nicht demoralisieren, nicht Schwäche sind. Dadurch erkannte er in seiner Tiefe, dass die einzige wahre Kraft aus erlebtem Schmerz emporsteigt. Deswegen sah er es auch als seine Aufgabe, Kinder Selbsterkenntnis erleben zu lassen. Er plädierte für des Kindes Gleichberechtigung, so dass es sein kann, "wie es sein kann und nicht, wie es sein sollte. " Nur indem ein Kind bei seinem eigenen Schmerz bleiben kann und der Erwachsene es darin begleitet, ohne einzugreifen, kann es die Kraft aufbauen, Mensch zu sein. Es ist jedoch die Entwicklung, die zum Unmenschlichen führt, die uns Aufschlüsse gibt, wie das Gute im Menschen sich entwickeln könnte. Die Sehnsucht nach Liebe verbindet uns alle, egal ob man sie verneint oder erträgt. Es scheint, dass dieses Verneinen oder Ertragen verbunden ist mit der Fähigkeit, Schmerz auszuhalten.

Wenn Schmerz und Leiden im Leben eines Kindes von Anfang an von Eltern verpönt, verneint oder unterdrückt werden, weil Eltern selbst Schmerz und Leid als Schwäche oder als Selbstwert herabsetzend erleben, dann fängt ein Kind an, den eigenen Schmerz zu hassen. Es bedroht ihn in seiner notwendigen Aufrechterhaltung der Bindung zu seinen Eltern. Wie kann ein Mensch unter solchen Gegebenheiten lernen, Schmerz zu ertragen? Wie lässt sich die Sehnsucht nach Liebe am Leben erhalten, so dass der Hass gegen das Leben nicht zum Inhalt des Lebens selbst wird? Was wird, wenn die Jugend ihre Verzweiflung, ihren Schmerz nicht wahrnehmen darf? Heute ist "Coolness" angesagt oder besser: Durch eine übertriebene Körperhaltung werden "coole" Reaktionen vorgegeben. Zu leiden ist nicht "in". Die Kinder haben sich die Lektionen ihrer Eltern einverleibt, wonach derjenige Bedeutung - also ein Selbst - hat, der Dinge kaufen und konsumieren kann, womit Schmerz weiter fern gehalten wird.

Was bleibt, ist ein aggressives Verhalten, eine Auflehnung gegen eine widersprüchliche, restriktive Gesellschaft, deren Idealisierung nur die eigene Entfremdung verdeckt und vertuscht. Und es bleibt die Missachtung und Zerstörung allen Leids, um sich von dem auferlegten Schuldigsein zu befreien. Die Sehnsucht nach Zärtlichkeit bleibt dabei bei vielen auf der Strecke, weil man sich als Kind der Lüge einer unaufrichtigen Liebe verschreiben musste. Trotzdem gibt es immer wieder Menschen, die sich aus diesem Morast befreien können, weil die Sehnsucht nach Zärtlichkeit da ist. Eine Sehnsucht, die letztlich immer wieder von einer Mutter entzündet wird, die selbst in diesem Morast gefangen war.

Die Biografie von Gottfried Wagner, einem Urenkel Richard Wagners, bezeugt, dass sich ein Mensch gegen die ihm auferlegte Entfremdung wehren und trotz Schmerz und Leid zu sich selbst stehen kann. Hier ging es darum, sich der Autorität eines strafenden und ablehnenden Vaters, der auf absoluten Gehorsam pochte, zu widersetzen, sich dabei nicht nur dem Terror der Einsamkeit und Verlassenheit auszusetzen, sondern auch gegen vorprogrammierten Erfolg und Status zu opponieren. Etwas in dem Sohn konnte das Lügenhafte im Verhalten des Vaters, dem Bayreuther Festspiel-Intendanten Wolfgang Wagner, nicht akzeptieren. Gottfried konnte den Widerspruch zwischen den Worten des Vaters und dem, was er selbst erlebte, nicht verleugnen. Eine innere Stimme hielt ihn dazu an, immer Ausschau nach etwas Echtem im Leben zu halten. Das brachte ihm viel Schmerz, dazu gehörte auch das empathische Wahrnehmen der Leiden seiner Mutter, obwohl diese ihr leidvolles Verhältnis zum Vater nicht wahrhaben wollte. Doch der Sohn hatte die Stärke, bei seinem Schmerz zu bleiben und so ein Leben für sich zu gestalten. Die Wärme einer ihn liebenden Frau half ihm dabei, seine eigene zu entfalten und diese an seinen adoptierten Sohn weiterzugeben. Er hatte den jungen aus einem rumänischen Waisenhaus gerettet. In der Zuwendung von Wagner und seiner Frau blühte das Kind so auf, dass es die Defizite seiner frühen Kindheit rückgängig machen konnte.

Was also gibt manchen Menschen die Kraft, Schmerz auszuhalten? Menschen wie Hitler oder Göring, die als Heldengefeiert wurden, hatten jedenfalls nicht die Stärke, seelische Schmerzen zu ertragen. Hitlers Wunsch war es, eine Generation junger Deutscher heranzuzüchten, die keinen Schmerz fühlen würden. Damit verdeckte er die Angst davor und stilisierte sie zur Tugend. Wenn Leid nicht wahrgenommen werden darf, weil es verpönt ist, dann kann der Zugang zum Schmerz tatsächlich für immer unterbunden werden.

Der Terror, den ein Kind empfindet, wenn es sich nicht in den Augen des bemutternden anderen finden kann, weil diese kalt und ablehnend sind, ist unermesslich groß. Auch Erwachsene, denen die alltägliche Anerkennung ihres Selbst durch die Umwelt verweigert wird, können psychotisch werden. Patienten berichten von dem Entsetzen, das sie empfanden, als sie sich in den Augen ihrer Mutter nicht finden konnten, vom Terror der Leere, die aus diesem Gefühl entsteht. Es ist wie ein Verschwinden. Die Mutter mag zwar körperlich anwesend gewesen sein, aber für das Kind emotional nicht erreichbar. Wenn die Mutter dem Kind Liebe und Fürsorge entgegen bringt, kann es sich in ihren Augen, in ihrem Blickkontakt förmlich sehen. Ist das nicht der Fall, sind Terror und Leere das Resultat. Die amerikanischen Säuglingsforscher Klaus und Kennel berichten, dass Säuglinge; die gleich nach der Geburt - noch bevor sie gewaschen werden - auf den Bauch der Mutter gelegt werden, sich hochstemmen und die Augen der Mutter suchen. Ein Kind braucht viel Zeit, bis es nicht mehr auf den Augenkontakt mit der Mutter angewiesen ist, bis es sich seiner Existenz auch ohne diesen Kontakt gewiss ist und sozusagen in seinen eigenen Augen existiert. Aber ohne solche Erlebnisse wird ein Kind seine eigenen Gefühle und Wahrnehmungen verwerfen, um eine lebensnotwendige Verbindung mit seinen Eltern aufrechtzuerhalten. Das beeinflusst natürlich ihr späteres Liebesverhalten.

Der englische Psychiater Ronald D. Laing machte darauf aufmerksam, dass Sigmund Freud in "Jenseits des Lustprinzips" das Versteckspiel eines Kleinkindes beschrieb, welches dem notwendigen Übergang von den Augen der Mutter zu den eigenen diente. Wir wissen, dass Kinder mit einem Jahr Dinge wegwerfen, um dann glücklich zu jauchzen, wenn man sie ihnen zurückgibt. Viele Erwachsene werden dieses Spiels bald überdrüssig. Sie verstehen nicht, wozu es dem Kind dient, weil sie sich nicht mehr in das Kind hineinversetzen können, da ihr eigenes empathisches Miterleben abgewürgt wurde. Freud beschrieb, wie ein anderthalbjähriger Bub während der Abwesenheit seiner Mutter vor einem Spiegel "Verschwindenlassen" spielte. Sein Spiegelbild war abwechselnd "fort" oder "da", und indem der Bub dieses Spiel spielte, wurde er sozusagen seines Selbst habhaft. Auf diese Weise arbeiten Kinder sich Schritt für Schritt von ihrer Abhängigkeit von der Anwesenheit der Mutter frei.

In der frühen Mutter-Baby-Beziehung kann sich ein harmonisches Interaktionsmuster entwickeln, welches dem Säugling das Gefühl vermittelt, dass zwischen seinen Intentionen und denen der Mutter kein Unterschied besteht, was wiederum darauf gründet, dass die Mutter die Signale ihres Säuglings nicht nur intuitiv versteht, sondern auch adäquat beantwortet, ein unbewusst ablaufender Austausch, der von dem ungarisch-englischen Psychoanalytiker Balint als "primäre Liebe" bezeichnet wurde. So könnte es sein.

In einem meiner Patienten weckte eine Gedichtszeile von Hebbel, "So dir im Auge wunderbar/sah ich mich selbst entstehen", eine terrorisierende Erinnerung an die Augen seiner Mutter, die er als schwarze Löcher wahrgenommen hatte.

Jeder, der auch nur einmal den Kern einer empathischen Zuwendung durch die Mutter (sogar als Embryo) erfahren hat, kann jedoch zu seinem mitfühlenden Selbst und daher zum Schmerz zurückfinden. Wichtig ist nur, dass die empathische Möglichkeit Nahrung erhält. Die Sehnsucht nach Zuwendung spielt hier, solange sie aufrechterhalten wird, eine wichtige Rolle bei der Entwicklung und Bewahrung unserer Menschlichkeit. Solange wir noch Sehnsucht nach Liebe und Zuwendung spüren, haben wir Zugang zu unserem gemeinsamen Menschsein.

Wirkliche Liebe, das heißt ebenbürtige Liebe, kann aber auch Angst machen. Denn die erste Erfahrung mit der "Liebe" einer Mutter, die weder ihre eigenen noch die Grenzen des Kindes kennt, kann Panik und Schrecken auslösen. Kinder erleben dann eine tiefe existenzielle Angst, verloren zu gehen, weil der andere als auffressend und verschlingend erlebt wird. Dann bleiben wir trotz Sehnsucht nach Liebe einander fern. Doch wir wissen es oft nicht. Stattdessen denken wir, durch Besitz des anderen die Liebe zu finden. Wir glauben, dass es Liebe ist, wenn wir einem Menschen nachjagen, der selbst keine wirkliche Liebe und Wärme geben kann. Die Täuschungen, denen wir erliegen, sind vielfältig, denn das Bedürfnis nach Liebe ist unermesslich.

Wir laufen öfters denen hinterher, die uns wenig zu geben haben, denn solche "Beziehungen" geben uns das Gefühl von Sicherheit, indem sie uns die Angst vor Verschmelzung nehmen. Viele glauben, diese beim Sex zu erleben, und so wird der Orgasmus ohne Zärtlichkeit und Liebe zur Signatur des Lebens hochstilisiert.

Unsere Lebensentwicklung ist geprägt von Verlust. Während unserer Kindheit verlieren wir weitgehend den Zugang zu unserem Menschsein, da unser Bewusstsein gespalten und dabei unsere Empathie unterdrückt wird. Wir werden unempfindlich gegenüber unserem eigenen Schmerz und dem eines anderen. Wir wollen oder können nicht erkennen, wie sehr unser Wertesystem auf Macht und Herrschaft ausgerichtet ist. Und somit können wir auch nicht erklären, warum Krieg und Zerstörung, Gewalt und Grausamkeit den Lauf der Geschichte bestimmen. Auch wenn es nur wenige Menschen sein mögen, von denen die Gräueltaten ausgehen, so machen doch so viele mit. Das Resultat ist auch heute wieder, dass eine große Nation wie die USA sich einem Krieg verschreibt, der von einigen wenigen angezettelt wird, unter dem Vorwand, dadurch den Terrorismus bekämpfen zu können. Die wahre Ursache terroristischen Hasses jedoch ist die Armut und das Ausgrenzen ganzer Bevölkerungsschichten von der Möglichkeit, an einem Leben mit Würde und Bedeutung teilzuhaben. Diese Wahrheit wird verschwiegen.

Was trübt unserer Sicht dermaßen, dass wir uns da als Opfer fühlen, wo wir es eigentlich gar nicht sind? Dass wir gegen vermeintliche Feinde ankämpfen, die im Grunde nichts anderes sind als wir selbst? Das Kernproblem betrifft das Opfer in uns selbst, das wir nicht erkennen dürfen, das aber zu erwachen droht und deswegen zum Schweigen gebracht werden muss. Und wer käme da gelegener als ein Feind von außen.

Wir haben so viele Mittel und Wege, das Kind in seinem Sein zu zerstören. Gleichzeitig leugnen wir das, indem wir uns an die Pose des Guten und Zivilisierten klammern. Wenn wir uns umsähen, dann würden wir merken, wie häufig Kinder gehänselt werden, wie häufig ein Kind dazu gebracht wird, sich lächerlich zu fühlen, wenn es zu seinem Schmerz steht. Darüber zu lachen überdeckt unseren Sadismus und gilt als Beweis der Stärke. Denn es zählt nur noch der Beweis, dass es nichts gibt, das einem noch etwas anhaben kann.

All dies geschieht in einem Klima kognitiven pädagogischen Denkens, das die gütige und verständnisvolle Pose mit echten Gefühlen von Güte und Verständnis gleichsetzt. Wir halten unsere Gefühle für aufrichtig und echt, wenn wir voller Eifer versuchen, den Rollen zu entsprechen, die uns auferlegt wurden.

Betrachten wir dies nun im Zusammenhang der Idealisierung der Mutterrolle. Pirkko Niemelä, eine finnische Psychologin, untersuchte in einer Reihe von Studien Mütter aus durchschnittlichen Lebensverhältnissen, die nach einer normal verlaufenen Schwangerschaft in Erwartung einer komplikationsfreien Geburt waren. Sie teilte die Frauen in zwei Gruppen ein: Die der ersten Gruppe waren der Ansicht, dass eine Frau sich nur durch Mutterschaft als richtige Frau empfinden könne. Die Frauen der Kontrollgruppe teilten weder eine derartige Idealisierung der Mutterschaft noch die Auffassung, dass sich "richtiges" Frausein über Mutterschaft definiere.

Die Frauen der ersten Gruppe hoben als wesentliche Merkmale des Frauseins Schönheit, Heiterkeit und Aufopferungsgabe hervor. Von körperlicher Intimsphäre wie ihrer Menstruation oder Sexualität waren sie eher irritiert. Sie bezogen ihr Selbstbild als Frau stärker aus ihrer Mutterrolle. Sie stellten die Familie über die Ehe, in der sie nicht selten unzufrieden waren, und werteten die aktuelle Beziehung zwischen Mann und Frau als nicht wesentlich.

Im Gegensatz zu den Müttern der Kontrollgruppe, die zu ihren ambivalenten Gefühlen und Ängsten stehen konnten, hatten sie im Allgemeinen eine schwierigere Geburt und empfanden das Stillen als weniger angenehm. Dennoch betonten sie nach der Geburt - im Einklang mit ihrer Rollenerwartung -, wie glücklich sie seien. Gleichzeitig äußerten sie - wie um ihre Sorge um das Kind zu unterstreichen - Ängste, etwa dass das Kind im Schlaf ersticken könne oder dass sie etwas falsch machen könnten.

Niemelä führte zwei, drei und vier Jahre später Folgeuntersuchungen durch. Die von ihren wahren Gefühlen abgeschnittenen Frauen der ersten Gruppe leugneten weiterhin jegliche negativen Gefühle und waren nicht in der Lage, auf die Impulse ihrer Kinder einzugehen. Da sie alle eigenen Bedürfnisse, die außerhalb ihrer selbstauferlegten Rolle standen, verdrängten, konnten sie die wirklichen, autonomen Bedürfnisse ihrer Kinder nicht erkennen. Ihre Kinder erwiesen sich deshalb auch als unselbstständig und unsicher. Den Tests zufolge waren die Zweijährigen der ersten Gruppe weniger offen als die Kinder der Kontrollgruppe. Als sie dann als Vierjährige noch einmal getestet wurden, war der Unterschied eklatant: Die Kinder der ersten Gruppe waren angepasst und überdurchschnittlich kooperativ. Doch sie, die immer nett und brav sein mussten, die -wie ihre Mütter - es sich nicht erlauben durften, Aggressionen auszudrücken, hatten im Projektiv-Test die höchsten Aggressionswerte. Im Vergleich zu den Kindern der Kontrollgruppe waren sie abhängiger und unterwürfiger.

Darüber hinaus belegt die Studie, dass Kinder das Verhaltensmuster, einerseits anderen Schmerz zuzufügen, dies aber andererseits zu leugnen, übernehmen und sich einverleiben. In ähnlicher Weise idealisierten die Mütter in Niemeläs erster Gruppe wiederum ihre Mütter. Und das, obwohl die Beziehung zu ihren Müttern während ihrer Kindheit von Kälte gekennzeichnet war. Hier zeigt sich deutlich der Mechanismus, in dem Opfersein weitergegeben wird, weil es nicht erkannt werden darf. Zugleich erlaubt dieser Mechanismus ein menschliches Selbstverständnis, das das Vorhandensein von eigenen Verletzungen ausklammert.

Heutzutage ist es so: Anstatt Bestrafung wird Belohnung als Mittel gebraucht. Belohnung als Erziehungsmittel lässt uns nämlich die Illusion aufrechterhalten, das Kind könne sich frei entscheiden, könne seinen eigenen Weg finden. Doch die Entdeckung und Entfaltung seines Selbst wird dadurch keineswegs erleichtert. Nur die Erziehenden fühlen sich besser, da sie glauben, mit dem Prinzip Belohnung seien alle Entscheidungen dem freien Willen des Kindes überlassen, es werde nicht von ihnen genötigt, beherrscht. Doch das Prinzip Belohnung ist nichts anderes als eine raffinierte Verhüllung des Drucks zum Erfolg. Und durch diesen Erfolgsdruck wird das Selbst vorprogrammiert.

All dies geht äußerst subtil vor sich. Ein Vergleich mit einer anderen Kultur mag dies veranschaulichen. Eibl-Eibesfeldt, Verhaltensforscher am Max-Planck-Institut für Völkerkunde, beschreibt folgende Situation zwischen einer Eipo-Mutter in West-Neuguinea und ihren beiden kleinen Kindern, einem jungen und einem Mädchen. Der junge isst ein Tarostück, das Mädchen greift danach, woraufhin beide zu schreien anfangen. Die Mutter kommt herbei, und beide Kinder lächeln sie an. Der junge reicht ihr von sich aus das Tarostück, sie bricht es in zwei Teile und gibt beide dem Jungen zurück. Er bemerkt erstaunt, dass er jetzt zwei Stücke hat, und nachderp er beide einen Moment lang betrachtet hat, gibt er eines seiner Schwester.

Wie würden wir uns als Eltern in einer ähnlichen Situation verhalten? Kämen wir uns nicht vorbildlich vor, wenn wir das Stückchen Brot brechen und an die Kinder verteilen würden, um ihnen auf diese Weise das Teilen beizubringen? Wer von uns hätte das dem Kind überlassen? Wir trauen einem Kind von zwei oder drei Jahren gar nicht zu, dass es so etwas begreift oder sogar selbst tut. So handeln wir lieber entsprechend den Vorurteilen, die in unserer Gesellschaft herrschen, und schränken damit unsere Wirklichkeit ein. Und die derart verformte "Wirklichkeit" der menschlichen "Natur" wird dadurch permanent weitergegeben. Wir missachten die Möglichkeiten des Kindes, weil wir sie gar nicht erst erkennen, und wir missachten ebenfalls seine wirklichen Grenzen. Sie hören damit auf zu existieren, und das Kind verliert den Bezug zu sich selber. Anstatt aus sich heraus Verhalten initiieren zu können, ordnet sich das Kind dem Willen der Autorität unter. Doch seine Unterordnung wird zugleich zu einer Quelle unerkannter und deshalb unbeherrschbarer und unlenkbarer Aggression. Und so züchten wir Kinder, die, wie Wole Soyinka, der nigerianische Literatur-Nobelpreisträger es in seinem Buch "Die Last des Erinnerns" beschreibt, nie Herr ihrer Existenz gewesen sind, nie ihr eigenes Schicksal bestimmt haben. Sie werden böse, weil sie Sklaven sind, "die ständig Bücklinge machen", da ihr Selbst unsichtbar geworden ist. Dabei halten sie sich selbst für unverwundbar, weil sie andere erniedrigen, beherrschen, peinigen und zerstören können.

Sie haben in Balints Terminologie einen grundsätzlichen Defekt in ihrem Charakter (basic fault), weil sie kein eigenes Inneres entwickeln konnten. Dadurch fühlen sich solche Kinder, später Erwachsene, permanent von der Auflösung ihres Selbst bedroht. Nur durch die Projektion ihres Hasses und ihrer gewalttätigen Aggression auf andere können sie sich als eine persönliche Einheit, als aufrecht gehend erleben.

Was immun macht gegen den Bazillus der Gewalt und des Bösen ist die Fähigkeit zur Empathie, das heißt, das frühe kindliche Erlebnis von Entgegenkommen und Liebe. Was Janusz Korczak uns zeigt, ist, auch wenn Liebe und Entgegenkommen fehlen, kann dieses Defizit aufgeholt werden durch das Erleben von Gerechtigkeit, von Schutz, von Teilnahme und Sympathie. Das kann geschehen, indem der Erwachsene sich zum Kind hinabbückt, um von ihm zu lernen. Es sind die Kinder selber, die uns den Weg hin zum Menschlichen zeigen können.

Der Autor Arno Gruen ist Psychoanalytiker und Schriftsteller und lebt in Zürich. Zahlreiche Fachpublikationen und Buchveröffentlichungen. 2001 ausgezeichnet mit dem Geschwister-Scholl-Preis.

Quelle: Publik-Forum, Zeitung kritischer Christen , Oberursel, Ausgabe Nr. 6/2003. Wir danken Publik-Forum für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

Literaturhinweise:

  • Arno Gruen: Verratene Liebe - Falsche Götter. Stuttgart 2003.
  • Arno Gruen: Der Fremde in uns. München, 2002.
  • Arno Gruen: Der Kampf um die Demokratie. Der Extremismus, die Gewalt und der Terror. Stuttgart, 2002.
  • Arno Gruen/Doris Weber: Hass in der Seele. Verstehen, was uns böse macht. Freiburg im Breisgau, 2001.
  • Arno Gruen: Der Verlust des Mitgefühls. Über die Politik der Gleichgültigkeit. München, 1997.

Veröffentlicht am

15. Juli 2003

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