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Leichen werden “ausgeblockt”. Preis für ein Imperium

Von Konrad Ege - in: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung 13 vom 19.03.2004

Gefallene US-Soldaten kehren aus dem Irak unter Ausschluss der Öffentlichkeit zurück

Die riesigen C-14 Transportflugzeuge landen gewöhnlich nachts auf der Andrews Air Force Base in Washington. Ihr Cargo: Verwundete US-amerikanische Soldaten. Beinamputierte, Verbrannte, Gesichtsverletzte, Erblindete, Hirnversehrte. Ambulanzen transportieren die jungen Männer und Frauen in das Washingtoner Walter Reed Army-Hospital und andere Militärkrankenhäuser. Dort sollen sie neu leben lernen, um später in die Dörfer und Städte zurückzukehren, die vor dem Einsatz ihr zuhause waren. Wie viele verwundet aus dem Irak heimgekommen sind, ist nicht bekannt. Das Verteidigungsministerium hüllt sich in Schweigen und veröffentlicht verwirrende Zahlen. Die Namen der Verwundeten werden nie genannt, nur die der Toten. Gut 550 sind ums Leben gekommen, das weiß man, in Feuergefechten, bei der Detonation von Landminen oder bei Unfällen. Aber wie viele Verwundete, das weiß man nicht. Mehr als 3.000, dazu noch etwa 7.000, die aus anderen “medizinischen Gründen” aus dem Irak ausgeflogen worden sind - Kranke, psychisch Angeschlagene, Suizidgefährdete.

Die Neue Ordnung braucht Fußsoldaten, obwohl das US-Verteidigungsministerium mit modernsten Waffen eine derartige technologische Übermacht geschaffen hat, dass relativ wenige gebraucht werden, und viele ihren Einsatz weit entfernt von oder hoch über der Front ableisten. Aber irgendwann müssen sie doch durch den Staub marschieren und fahren, die High-School-Abgänger, die im Irak Tanklastwagen steuern, Wache schieben und den Feind in Spinnenlöchern und Wohnhäusern aufstöbern. Vor allem im “Terrorismuskrieg”, dem Krieg ohne feste Fronten, reichen langfristig keine Cruise Missiles und Apache-Hubschrauber.

Die Verwundeten leiden gewöhnlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Auch die Toten kehren unter Ausschluss der Öffentlichkeit zurück. Dafür sorgt die Informationspolitik von Verteidigungsminister Rumsfeld. Keine Kameras auf dem Luftwaffenstützpunkt Dover nahe der Atlantikküste, wo die Leichenbeschauer der Armee ihre Labors und Kühlhäuser haben. Die Politiker preisen die “Helden”, aber in den Militärhospitälern lassen sich die wenigsten sehen. Die Leichen und Verwundeten werden “ausgeblockt”, wenn Sicherheitsintellektuelle über die internationalen “Verpflichtungen” der USA sprechen.

Vereinzelt protestieren Angehörige, Hinterbliebene oder heimkehrende Soldaten gegen den Krieg. Military Families Speak Out, ein Verband von Angehörigen gegen den Krieg, hat etwa 1.000 feste Mitglieder. Zum Jahrestag des Krieganfangs organisierten ein paar hundert Pazifisten einen Trauerzug von Dover nach Walter Reed. Doch die Verhältnisse sind anders als seinerzeit in Vietnam: Im Irak stehen Berufssoldaten, keine Wehrpflichtigen, von denen zu Vietnamzeiten zahlreiche desertierten oder gegen den Krieg demonstrierten. Hilfsverbände für Kriegsdienstverweigerer berichten heute über Tausende Anrufe von Ratsuchenden. Verweigerer gibt es aber kaum. Die Fußsoldaten sind hauptsächlich Männer und Frauen aus den unteren Einkommensgruppen; und deren Optionen sind begrenzt.

Vor dem Irak-Krieg wurde viel spekuliert, dass die Amerikaner nicht zu “Abenteuern” bereit seien, wenn Amerikaner dabei ums Leben kämen. Man erinnerte sich an den überstürzten Abzug aus Somalia im Jahr 1994. Was nun im Irak passiert - seit einem Jahr ein Gefallener oder zwei getötete Soldaten an einem Tag und zahllose Verwundete - scheint der These zu widersprechen. Viele US-Amerikaner haben sich offensichtlich davon überzeugen lassen, dass Saddam Hussein als Gefahr zu betrachten war. Oder sie vertreten das von europäischen Kriegsgegnern oft allzu schnell unter den Teppich gekehrte Argument, der Krieg habe das irakische Volk doch von einem Gewaltherrscher befreit - Massenvernichtungswaffen hin oder her.

Donald Rumsfeld antwortete kürzlich bei CNN auf die Frage, ob sich der Krieg angesichts der hohen Zahl an Gefallenen “gelohnt” habe: “Ach du meine Güte. Ja. Das ist keine Frage… 25 Millionen Menschen im Irak sind jetzt frei”. Personalsorgen hat das US-Berufsmilitär keine sonderlich akuten, obwohl im kommenden Herbst nach dem Rotationsprinzip wieder Einheiten in den Irak geschickt werden, die schon beim Sturm auf Bagdad dabei waren. Reservisten - sie stellen etwa 40 Prozent der Streitkräfte im Irak - und Angehörige der Nationalgarde beklagen sich bitter über die Ungewissheit und den langen Auslandsaufenthalt. Aber größere Nachwuchssorgen gibt es auch bei der Garde noch nicht.

Die Army muss gegenwärtig rund 13.000 Dollar für Rekrutierungsbemühungen locker machen, um einen neuen Soldaten zu gewinnen. “Kreativität” ist angesagt: Vermehrt werden Latinos gesucht, auch solche ohne US-Staatsbürgerschaft. Denn die bekommen hinterher auch noch den amerikanischen Pass. Im Juli 2002 unterzeichnete George Bush eine Exekutivorder, dass Ausländer nach Eintritt ins Militär im Schnellverfahren eingebürgert werden können: 37.000 Ausländer, die meisten Latinos, dienen heute in Uniform.

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung 13 vom 19.03.2004. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Verlag und Autor.

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Veröffentlicht am

24. März 2004

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