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Lächeln im Angesicht der Totennamen. Überlegungen zu einer grinsenden, blutgetränkten Präsidentschaft

Von Paul Street - ZNet 30.01.2004

Kontrast der Bilder

Jemand sollte endlich dieses stumpfsinnige, shitfressende Grinsen aus dem Gesicht des Präsidenten wischen. Ein Foto der New York Times zeigt Bush, wie er lächelnd in seinem Oval-Office sitzt. Das Foto ist in der Mittwochsausgabe der New York Times, Seite 8, enthalten. George W. Bush wirkt zuversichtlich und entspannt - in seinem feinen Nadelstreifenanzug. Das Foto zeigt ihn, wie er den Augenblick genießt - mit seinem guten, alten Freund Aleksander Kwasniewski, dem Präsidenten Polens, der ein alter Kumpel ist. Bush II reißt Witze und erzählt Stories: “Alek, alter Junge, wer noch nie auf einem Flugzeugträger landete…” Bush wirkt glücklich und entspannt, warm und geborgen. Schön für ihn.

In merkwürdigem Kontrast zwei ganz andere Fotos auf derselben Zeitungsseite. Auf dem ersten sieht man eine dunkle Rauchwolke. Drei Fahrzeuge eines US-Konvois gehen in Khaldiya, Irak, in Flammen auf. Bei dem Angriff sterben 3 US-Soldaten. Sie machen 50 Prozent des ‘Bodycount’ dieses Dienstags aus. Auf dem zweiten Foto zwei grimmige Schiitinnen. Sie warten darauf, den Sicherheitscheck passieren zu können und in ihre Bagdader Moschee durchgelassen zu werden. Unter dem Foto steht: “Nachdem es weiterhin zu Anschlägen auf Besatzungskräfte und Iraker kommt, wurde überall im Land die Sicherheit verschärft”.

Nur Zentimeter über Bushs lächelndem Gesicht findet sich eine kleine rechteckige Box mit der Überschrift: “Die Namen der Toten”. Und weiter: “Das Verteidigungsministerium hat (bisher) 512 amerikanische Militärangehörige identifiziert, die seit Beginn des Irakkriegs starben. Gestern sind die Namen folgender Amerikaner (neu) bestätigt worden: CHAPPEL, Keith, 22, aus Hemet, Kalifornien; HENDRICKSON, Kenneth, 41, aus Bismarck, N.D.; ROSENBURG, Randy S., 23, aus Berlin, N. H.; SMETTE, Keith L., 25, aus Fargo, N.D.; STUGES, William R. Jr., 24, aus Spring Church, Pa.”

Diese tragische kleine Box findet sich seit Beginn (circa) der Invasion regelmäßig auf einer Seite der New York Times. Sehen Sie sich nur an, wie jung die Toten sind - bis auf einen. Es sind die neuesten Toten (Dienstag) unter den US-Truppen. Mehr als 300 dieser toten amerikanischen Soldaten lebten noch, als Bush II am 1. Mai 2003 auf dem Flugzeugträger landete. Das sollte man nicht vergessen. “Mission accomplished” für die USA - hatte Bush damals verkündet. Und die New York Times hatte von einem “triumphalen reaganesken Finale” gesprochen.

Beerdigung versus Fundraising-Veranstaltung: ‘While Young People’s Blood…’ Hier ein kleiner Projektvorschlag für einen Forscher mit viel Energie: Finden Sie heraus, erstens: Bei wievielen Soldatenbegräbnissen war George W. Bush, seit er Befehl zu seiner Invasion gab? Zweitens, stellen Sie fest, wieviele ‘big money’ Fundraisingcampaign-Veranstaltungen er seit Beginn der Besatzung besucht hat. Drittens, vergleichen Sie beide Zahlen nach den Schulregeln und ziehen Sie vergleichende Schlüsse. Als Background-Musik würde ich Studierenden Bob Dylans ‘Masters of War’ empfehlen (im Sinne des historischen Bezugs), ein trauriger Folksong, der unter die Haut geht. Aufgenommen wurde ‘Masters of War’ genau 40 Jahre vor der Irak-Invasion 2003. Hier zwei Strophen aus dem (langen) Lied*. Auch die anderen sind relevant:

You fasten the triggers
For the others to fire
Then you sit back and watch
While the death count gets higher
You hide in your mansions
While young people’s blood
Flows out of their bodies
And gets buried in the mud.

Let me ask you one question
Is your money that good?
Will it bring you forgiveness?
Do you think that it could?
I think you will find
When your death takes it’s toll
All the money you made
Will never buy back your soul.

Tot oder verwundet - im Sinne der PR ist tot besser

512 (tote US-Soldaten im Irak) - eine kleine Zahl, verglichen mit jenen zehntausenden Irakern, die dem neuesten einseitigen “Irakkrieg” zum Opfer fielen. Der mächtigste Militärstaat in der Weltgeschichte befand sich im Kampf mit einem geschwächten, sterbenden Regime, das selbst für seine Nachbarn nur noch eine minimale Bedrohung darstellte. Die Zahl 512 ist jedoch auch relativ niedrig, denkt man an die vielen verwundeten US-Soldaten: Seit Beginn der Irak-Invasion sind es viele Tausende, die “die orthopädischen Chirurgen” im ‘Walter Reed Hospital’ “auf Trab halten”. Die Verwundeten werden in C-17-Transportflugzeugen in ihre imperiale Heimat zurückgeflogen. Viele der verletzten US-Soldaten haben einen Arm oder ein Bein verloren - oder mehrere Gliedmaßen - als Folge der furchtbaren Angriffe mit raketengestützten Granaten, ferngezündeten Minen oder “improvisierten Explosivvorrichtungen”, wie das Pentagon das nennt (siehe Vernon Loebs ‘Iraq’s Unspoken Toll: Wounded Troops’ - ein schauderhafter Bericht vom Herbst 2003).

Das Pentagon selbst gibt Verletztenzahlen nur auf ausdrückliche Nachfrage heraus - anders als Totenzahlen. Aus Gründen der PR-Propaganda genießen hehre Gefallene und beflaggte Särge nun mal Präferenz gegenüber lebenslang Invalidisierten. Tausende US-Soldaten, die in den Irak geschickt wurden, hat dieses Schicksal ereilt. Die Zukunft dieser verletzten Soldaten ist zusätzlich bedroht durch Pläne der US-Regierung, Leistungen für Veteranen zu kürzen bzw. durch Einschnitte ins Netz der Kranken- und Sozialversicherung, die weniger betuchte Amerikaner treffen.

512 - auf der anderen Seite sind das mehr tote Amerikaner als in der Vergleichs- Phase der amerikanischen Invasion in Vietnam fielen. Hinzu kommt der unermesslich hohe Preis, den die Hinterbliebenen jeder/jedes Einzelnen der toten Soldaten/Soldatinnen zahlen: Ehepartner, die Mann oder Frau verloren und deren Kinder. Mütter und Väter betrauern ihre Söhne und Töchter; Brüder und Schwestern ihre Geschwister, Freunde einen Freund oder eine Freundin. Am Heimatort wird der Verlust eines Bürgers, Arbeiters, Steuerzahlers beklagt.

“Eine Working-Class-Armee, die für das reiche Amerika kämpfen und sterben soll”

Aber wer sind sie eigentlich - die toten amerikanischen Soldaten? Jenseits der einfachen moralischen Selbstevidenz, dass diese Menschen Individuen waren, die es verdient gehabt hätten, ein erfülltes Leben zu führen, das (nur) ihnen gehört, Menschen, auf die andere bauten, ist vor allem eines wichtig: Diese Soldaten kamen überwiegend aus den benachteiligten Regionen unserer sozio-ökonomischen Landschaft. In einem Times-Report - zu Beginn der Irak-Invasion veröffentlicht - stand: “Verschafft man sich einen Überblick über die bis zum Überdruss gesammelten und analysierten demographischen Fakten bezüglich US-Militär, so ergibt sich das Bild einer Kampftruppe, die alles andere als eine amerikanische Mischung ist”.

Das Militär “spiegelt”, so die New York Times, “Working-Class-Amerika”. Die Zusammensetzung des Militärs erinnere weit eher an eine “2jährige Handelsschul- oder Pendlerklasse” am Rande Birminghams oder Biloxis als an ein Getto oder ein Barrio bzw. eine 4-jährige Bostoner Universität. Was man hier sieht, sei “im Grunde eine Armee der Arbeiterklasse”, von der “erwarte(t) wird, dass sie für das reiche Amerika kämpft und stirbt”.

Ein Soziologe der Northwestern University - Charles C. Mosko - stellt fest, dass selbst auf Offiziersebene kaum reiche Amerikaner anzutreffen seien. “Das heutige Offiziers-Korps”, so Mosko gegenüber der New York Times, “repräsentiert nicht die Oberschicht. Das sind nicht die Leute, die die künftigen Kongress-Abgeordneten oder Senatoren stellen. Die Zahl der Veteranen im Senat oder House wird jedes Jahr kleiner. Das beweist, unsere Upper Class dient nicht mehr”.

Natürlich - die Wehrpflicht ist abgeschafft. Aber unsere “Freiwilligen”Armee ist voll mit Leuten, denen der Zufall ihrer Herkunft andere Karrierewege verbaut - Wege in die wirtschaftliche Absicherung, usw.. Leuten aus Mittel und Oberschicht stehen diese Wege offen. Eines der Hauptmotive (zur Armee zu gehen) ist die Chance, eine Ausbildung zu erhalten oder Beihilfen zu College-Gebühren. Mit Bestechungen dieser Art lockt das Militär Leute in die Armee. Man könnte also von einer sozio-ökonomischen Wehrpflicht sprechen.

Gleichzeitig darf nicht vergessen werden, die USA sind die mit Abstand ungleichste Gesellschaft, die Gesellschaft mit der einseitigsten Reichtumsverteilung in der industrialisierten Welt. Die New York Times zitiert einen jungen Army-Gefreiten mit den Worten: “Es ist einfach nicht fair, dass einige arme Kids praktisch keine andere Wahl haben als einzutreten - falls sie produktiv sein wollen. Sie waren vielleicht auf keiner so guten Schule oder hatten Probleme in der Familie, sodass sie nicht zurechtkamen. Also treten sie (in die Armee) ein und sind diejenigen, die für unser Land sterben, während es die Kids aus reichem Hause vermeiden können” (‘Military Mirrors Working Class America’ von David M. Halbfinger u. Steven A. Holmes, New York Times vom 30. März 2003).

Baumkronen und Graswurzeln - flexible Lügen für die Massen

Warum genau starben diese Soldaten im Irak bzw. verloren ihre Gliedmaßen? Zu Beginn der Invasion tönte George II sehr laut und klar, man müsse Amerika und die Welt vor der “wachsenden und ernsten Bedrohung” eines Angriffs durch Saddam Husseins monströse Massenvernichtungswaffen schützen - darum ginge es in erster Linie. Heute ist das eine gewagte Behauptung. David Kay, der vor kurzem als Chef-Waffeninspekteur der Bush-Regierung zurücktrat, informierte am Mittwoch das ‘Armed Services Comittee’ des US-Senat, dass er keine derartigen Waffen gefunden habe und auch nicht erwarte, dass man noch welche finde. Heute gesteht es auch das Editorial Board der Times ein: “Schon vor langem hat der Irak seine Waffen und Waffenprogramme zerstört und zwar unter Druck derselben Inspekteure der Vereinten Nationen, die Mr. Bush und Gehilfen in den Monaten vor Kriegsbeginn so schmähten”.

Vor einem Jahr wurde Colin Powell vor die Vereinten Nationen geschickt - mit einem Dossier unterm Arm, an dem man herumgedoktert hatte. Es ging um die irakische Gefahr. Heute zuckt Powell nur noch die Schultern. Es sei inzwischen “eine offene Frage”, ob der Irak jemals Lagerbestände von Massenvernichtungswaffen besaß ( ‘Powell Casts Doubt on Iraq WMD’ , in: BBC News ). Seltsam nur, dass sich Powell schon im Februar 2001 - vor ägyptischen Würdenträgern anlässlich eines offiziellen Staatsbesuchs in Kairo - ganz ähnlich äußerte wie jetzt Kay mit seinen Ergebnissen. Saddam “hat, was Massenvernichtungswaffen angeht, keine signifikanten Fähigkeiten entwickelt”, so Powell damals zu seinen Gastgebern (siehe John Pilgers Dokumentation ‘Breaking the Silence’ ). Damals konnte Powell ja noch nicht ahnen, mit welch kriecherischer Orwell-Mission man ihn im Februar 2003 betrauen würde.

Inzwischen ist klar, die Waffen des Schreckens existieren nicht - geächtete Kriegsgegner, siehe der frühere Top-US-Waffeninspekteur Scott Ritter, hatten das von Anfang an gesagt (Helfer des Weißen Hauses hatten ihn damals für verrückt erklärt). Inzwischen betreibt das Weiße Haus schlicht Geschichtsrevisionismus - und passt die Geschichte der neuen Parteilinie an. Man behauptet, sein Bestes getan zu haben. Man behauptet, man habe die beste Geheimdienstinformation, die es bezüglich der irakischen Bedrohung gab eingesetzt. Leider habe sie sich als grundfalsch erwiesen.

Gleichzeitig wird behauptet, das wahre Ziel der Irak-Invasion/Besatzung sei ein ganz anderes gewesen - nämlich, das irakische Volk zu befreien und die “Demokratie” zu verbreiten. Natürlich sind die meisten Iraker froh, dass sie Saddam los sind. Übrigens wurde der Schlächter Saddam lange Zeit von den USA gesponsert; und die mörderischen Wirtschaftssanktionen, von den USA geleitet (im Anschluss an die erste US-Invasion), verlängerten seine Blutherrschaft mit ziemlicher Sicherheit noch. Demokratie ist jedenfalls kein ernstzunehmendes Ziel der Amerikaner im Irak.

Amerikanischen Politikern ist sehr wohl bewusst, die Mehrheit der Iraker will die gesellschaftliche Kontrolle / die Kontrolle über ihre materiellen Ressourcen nicht an geldgeile und machtversessene amerikanische Invasoren abtreten (!). Aber das Weiße Haus war klug genug, ‘Befreiung’ und ‘Demokratie’ von Anfang an als erklärte Ziele miteinzubeziehen (siehe meinen ZNet-Artikel ‘Down The Memory Hole with Weapons of Mass Destruction’ vom 11. April 2003).

Andererseits spielten die hehren Ziele nur eine äußerst marginale Rolle in der Vorkriegspropanda-Kampagne des Weißen Hauses. Diese Kampagne konzentrierte sich auf die angeblich so imminente Bedrohung durch Saddams Massenvernichtungswaffen bzw. auf angebliche (aber nicht existente) Verbindungen zwischen Irak und dem islamistischen Terrorismus, einschließlich angeblicher Links - absurd - zwischen dem 11. September und Saddams Irak.

Stellt sich die Frage: Falls Bush Juniors übertriebene Panikmache bezüglich Saddams angeblicher Massenvernichtungswaffen tatsächlich nur auf “schlechter Geheimdienstinformation” beruhte, weshalb sprachen dann sämtliche Geheimdienst-“Fehler” ausgerechnet für die Invasion? Der Grund ist sehr wahrscheinlich der - auch das gibt die heutige Editorial Page der New York Times zu -, dass Bushs neo-imperiale Gehilfen “praktisch seit dem Tag der Amtseinführung für einen Krieg gegen den Irak intrigiert haben”.

Vor mehr als 30 Jahren schrieb Noam Chomsky ein Buch (‘For Reasons of State’, 1970 (‘Aus Staatsraison’)), in dem er das geisteskranke Denken jener Leute seziert, die den Vietnam-Krieg geplant haben: “Schlichte Ignoranz beziehungsweise Dummheit von US-Politmachern”, - siehe ‘schlechte Geheimdienstinformation’ - “soll zu zufälligen Irrtümern geführt haben und nicht etwa zu regulärer und systematischer Verzerrung” - die immer nur einen Schluss zulässt: die mörderische, imperial-staatliche Aggression ist nun mal nötig.

Ein Beispiel für dieses selektive Muster - pro Invasion - dieser “systematischen Verzerrung” durch das Weiße Haus, ist folgender Fall: Man ignorierte den US-Botschafter Joseph C. Wilson 4th einfach, als der letztes Jahr nach sorgfältiger Prüfung die CIA informierte, es gäbe keinerlei Beweise für die Behauptung Bushs des Zweiten, Saddam habe versucht, nigerianisches Uranerz aufzukaufen - im Zusammenhang mit dem (möglichen) Versuch, eine Atombombe herzustellen.

Die wahren Ziele amerikanischer Außenpolitik - jenseits dessen, was an offiziellen Gründen für die Irak-Invasion vorgeschoben wurde, waren: Sicherung und Stärkung der US-Kontrolle über global-strategische Rohstoffe, Ausweitung der militärischen Macht (hauptsächlich) Amerikas. Zudem sollte demonstriert werden, dass Amerika aufgrund dieser Macht in der Lage ist, die Welt zu regieren. Wer will, kann diese Kernziele ohne weiteres in wichtigen politischen Dokumenten nachlesen - diese Dokumente sind Teil des Diskurses der Leute in den “Baumkronen”. Die wenigen Privilegierten und Mächtigen sprechen ihre Weltsicht ganz offen aus, wenn sie unter sich sind. Sie machen sich Gedanken, wie sich die Konzentration an Macht und Reichtum erhalten lässt bzw. noch ausweiten - hier und im Ausland.

Ganz anders der “Graswurzel”-Diskurs, der für den Rest bestimmt ist, also für uns. Die Herren des Kriegs und der Politik bzw. ihre gehorsamen PR-Agenten “spinnen” diesen Graswurzel-Diskurs, spicken ihn mit Märchen über Amerikas angebliche Sondermission, Amerikas Pflichten und sein Bemühen, die Menschen der Welt von den Kräften der “Tyrannei” und der “Unterdrückung” “zu erretten und zu befreien”. Die zitierten Wörter habe ich einer ungewöhnlich ambitionierten Rede Bushs des Zweiten, gehalten letzten November vor der reaktionären ‘Nationalen Stiftung für Demokratie’ (NED) - was für ein irreführender Name -, entnommen. Die in diesem Zusammenhang relevantesten politischen Dokumente sind: Die ‘Nationale Sicherheitsstrategie’ (NSS) des Weißen Hauses, veröffentlicht im September 2002 und ‘Project for a New American Century’s Rebuilding America’s Defenses: Strategy, Forces, and Resources For a New Century’ , vom September 2000).

Glückskinder: Reiche Kids und amputierte Glieder passen nicht zusammen

Natürlich ist lügen für die meisten Politiker / Staatsmänner fast schon so eine Art ‘Way of Life’. Aber Bush II hat dem Fass die Krone aufgesetzt - was zu einem reichen Fundus an Literatur führte, die sich mit der Erforschung der multiplen und variationsreichen Täuschungsmanöver Bushs befasst. Eine der vielen Bush’schen Konstruktionen ist in diesem Zusammenhang besonders interessant: Bush behauptet, während des Vietnamkriegs ehrenhaft und pflichtschuldigst in der ‘National Guard’ (Nationalgarde) gedient zu haben. David Corn zerreisst diese Behauptung (in seinem lesenswerten Buch ‘The Lies of George W. Bush: Mastering the Politics of Deception’** (New York, NY: Crown, 2003) in der Luft. Dort steht auf Seite 24 bzw. 27, Dubya (George W.) hätte seine aristokratischen Familien-Connections dazu genutzt, im Schlupfloch der ‘National Guard’ zu verschwinden - um sich das Blutbad in Übersee (Vietnam) zu ersparen. Dieses Blutbad hätte er lieber Amerikanern überlassen, die ärmer und dunkelhäutiger waren als er.

Das Antragsformular für die ‘National Guard’ enthielt ein Kästchen, mit dem man ankreuzen konnte, dass man speziell keinen “Dienst in Übersee” leisten wolle. Dieses Kästchen hätte Bush angekreuzt. Als Bush folglich die Chance bekam, seine zu unterstellenden Cowboy-Gefühle (hart und westtexanisch) bzw. seine Kapitalistengefühle an den “kommunistischen” Feinden amerikanischer “Freiheit” in Südostasien auszuleben, wählte er lieber die persönliche ‘homeland security’, nämlich einen pseudo-militärischen Ruheposten. Gleichzeitig war für ihn die vermeintlich elitäre Friedensbewegung ein Horror - vor dem er zurückschreckte. Lieber hetzte er amerikanische Soldaten - überwiegend aus der Arbeiterschicht bzw. aus ärmlichen Verhältnissen - in den Tod bzw. in den Totschlag, vom sicheren Seitenstreifen seiner aristokratischen Herkunft aus selbstverständlich. Aber es kommt noch dicker: Selbst seinem privilegierten Posten bei der Nationalgarde konnte Bush nicht gerecht werden. Er beging AWOL (unentschuldigtes Entfernen von der Truppe).

Vielleicht ist das alles ja mit der Grund, weshalb Bush II sich nicht dazu überwinden kann, Beerdigungsfeiern von gefallenen Soldaten (die überwiegend aus der Arbeiterklasse stammen) persönlich beizuwohnen. Schließlich fehlt diesen Familien ja auch das Geld für schlagkräftige (Wahl-)Kampagnen - anders als den umschmeichelten ‘fetten Katzen’, die Gäste sind bei Bushs rekordverdächtigen und opulenten Fundraising-Veranstaltungen im Präsidentschaftswahlkampf. Dreißig Jahre (nach seinem Dienst in der Nationalgarde) sagt Bush zum Boston Globe: “Ich tat meine nötige Pflicht… alle Anschuldigungen, die etwas anderes behaupten, sind schlicht unwahr”. Bislang konnten ihn seine Lügen raushauen - und er lügt und lügt seit damals fast zu jedem Thema.

Entscheidung

Falls das amerikanische Volk noch einen Rest Selbstachtung besitzt und sich im Herzen über die aristokratischen Lügen empört - und der Empörung Taten folgen lässt -, falls dem so ist, sind die Tage Bushs des Zweiten in den Korridoren der obersten Staatsgewalt gezählt bzw. ist abzusehen, dass er 2004 nicht übersteht. Falls die Menschen jedoch nicht mehr das nötige Kritikvermögen aufbringen, das eine Demokratie braucht, die diesen Namen auch verdient, sind wir historisch gesehen wirklich in gefährlichem Fahrwasser. “Kommt der Sinn für Wahrheit abhanden oder auch nur leicht ins Wanken”, schrieb einst der heilige Augustinus, “dann wird alles zweifelhaft”.

Paul Street schreibt (und spricht) zu Themen wie Imperialismus, Rassismus, wirtschaftliche Ungleichheit und ‘Thought Control’. Sie können ihn kontaktieren unter pstreet@cul-chicago.org

Anmerkung der Übersetzerin:

** David Corns Buch in deutscher Übersetzung: ‘Die Lügen des George W. Bush’

Quelle: ZNet Deutschland vom 08.02.2004. Übersetzt von: Andrea Noll. Orginalartikel: “Smiling Under the Names of the Dead” .

Veröffentlicht am

08. Februar 2004

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