Stefan Zweigs Antikriegsdrama “Jeremias” (1917) und andere Friedenstexte
Neu-Edition eines pazifistischen Klassikers mit reichhaltigen Beigaben
Von Redaktion der Schalom-Bibliothek.org
Stefan Zweig: Jeremias. Nebst der Legende vom begrabenen Leuchter und weiteren Beigaben. Herausgegeben von Peter Bürger. (edition pace ǀ Regal: Pazifisten & Antimilitaristen aus jüdischen Familien, 19). Hamburg: BoD 2026. (ISBN: 978-3-6967-7065-5; Paperback; 340 Seiten; 14,99 Euro).
https://buchshop.bod.de/jeremias-stefan-zweig-9783696770655
Der hier angezeigte neue Band, herausgegeben in Kooperation mit Frieden wagen e.V., steht in der Schalom-Bibliothek dem gleichzeitig erscheinenden Stefan-Zweig-Lesebuch "Bekenntnisse zum Pazifismus" (
https://www.lebenshaus-alb.de/magazin/015634.html
) zur Seite. Er enthält folgende Texte des Dichters: Jeremias - eine dramatische Dichtung in neun Bildern (1917), Polyphem (Gedicht 1917), Der begrabene Leuchter (Legende 1937), Eine Ansprache (Hilfsverein deutschsprechender Juden Buenos Aires, 1936). – Zusammen mit den in der Einleitung dargebotenen Selbstaussagen des großen Erzählers erschließt die Auswahl nicht zuletzt wichtige Zeugnisse zu Stefan Zweigs Haltung gegenüber dem Zionismus in verschiedenen Lebensabschnitten. (
https://schalom-bibliothek.org/stefan-zweigs-antikriegsdrama-jeremias-1917-und-seine-haltung-zum-zionismus/
)
Zu den Beigaben der Sammlung gehören Romain Rollands Rezension des Dramas Jeremias (1918), Gedanken von Leonhard Ragaz zum Untergang Judas sechs Jahrhunderte v. Chr. (1942/43) sowie eine Chronologie zur Geschichte Israels in biblischer Zeit.
Im Februar 1917 schreibt Zweig dem französischen Freund Romain Rolland, das Drama über den biblischen Stoff sei ein "Werk, das alles aussagt, was ich innen vom ersten Tage des Krieges fühlte". Das Stück wird ein unerwarteter Erfolg: "Als zu Ostern 1917 meine Tragödie ‚Jeremias’ in Buchform erschien, erlebte ich eine Überraschung … Von dem Buche wurden zwanzigtausend Exemplare sofort verkauft, eine für ein Buchdrama phantastische Zahl" (Die Welt von gestern, 1939-1941).
"In dieser Tragödie, die Zweig plötzlich berühmt machte, erscheint der Prophet Jeremias als ein Außenseiter, der als einziger erkennt, wie sinnlos der geplante Krieg gegen Babylon ist, und sich für den Frieden einsetzt. Er warnt eindringlich, aber vergeblich, vor Zerstörung und Schrecken. Am Ende jedoch ist er der Einzige, der die militärische Niederlage in einen geistigen Sieg umwandelt und der Bevölkerung eine Aussicht für die Zukunft eröffnet. Zweig stellt somit die Perspektive des Besiegten in den Mittelpunkt des Stückes" (Manuel Maldonado-Alemán, in: Stefan-Zweig-Handbuch. Berlin/Boston 2018, S. 744).
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Hintergrundbeitrag ǀ Zur Neuerscheinung – Ausgewählte Szenen aus Stefan Zweigs Drama "Jeremias" (1917) wider das Kriegsgeschrei (
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Stefan Zweig
Polyphem
(1917)
Jahre schon leben wir in deiner Höhle, Polyphem!
Höhle des Dunkels, Höhle des Grauens
und böser Erwartung, Polyphem!
Du ewig hungriger menschenfressender Riese,
dessen Auge starr, stählern und wimpernlos
die selige Träne nicht kennt.
Tag für Tag greift deine harte haarige Hand in unsere Reihen,
fühlt, betastet und wägt unsere schauernden Glieder,
reißt Freunde von Freunden, Brüder von Brüdern,
schlägt Schädel und Hirne,
gefüllt mit Liebe und warmen Gedanken,
Körper und Stirnen,
durchglüht von Samen Süße des Lebens
gegen die Felsen des Schicksals,
und gierig schlürft dein breites, wulstiges, tierisches Maul
das heilige Fleisch göttlicher Menschen.
Wie Tiere gedrängt, schauernd im Dunkel der blutigen Höhle
sitzen wir und fragen uns an mit sklavischen Augen:
Wann du? Wann ich?
Wann der letzte göttlicher Menschen,
in den Wanst des ewig sich weitenden,
dieses aufgeblähten sinnlosen Tiers? –
Unsere Wangen sind mürb
von vergessenen Tränen,
unsere Augen verdunkelt
vom täglichen Anblick der Schmach.
Ein eiserner Ring erdrückt unsere Kehle,
die einstens lobend sang
die Schönheit der Welt.
Wir können nicht reden,
wir können nur stöhnen.
Wie die Vögel im Sturm gesträubten Gefieders
wärmen wir uns,
einer am andern,
aber wir ballen die Fäuste,
dass das Blut rot aus den Nägeln springt.
Er aber, trunken von Blut,
frech von der Mast heiliger Menschen,
räkelt sich breit auf der ewigen Erde,
vom Morgen bis Mittag
liegt er hingestreckt,
zermalmend die Äcker,
zerberstend die Wälder,
zerdrückend die Städte,
der Menschenschlinger,
und lacht mit dem kalten Auge,
dem tränenlosen ,
in die Himmel,
wo die Götter, die Schläfrigen,
schlafen und schlafen.
Aber hüte dich, Polyphem!
Es brennen heimlich die Feuer der Rache
in unseren Seelen.
Der Atem der Toten entfacht sie zur Glut!
Schon schmieden wir nächtlich den Pfahl,
den Pfahl für dein Auge,
das tränenlose!
Hüte dich! Hüte dich, Polyphem
Schon schärfen wir die Spitze im Feuer!
Friss nur,
saufe,
mäste dich an, Polyphem!
Doch wenn du dann träumst
vom ewigen Fraße,
stoßen wir dir die Nacht in die Stirn,
und aus der Höhle des Bluts
und des Grauens schreiten wir,
Brüder der Völker,
Brüder der Zeiten,
über deine Leiche
in die ewigen Himmel der Welt!