Bruno Kern: “… den Krieg gründlich verlernen”Von Michael Schmid - Rezension
Das Buch "… den Krieg gründlich verlernen" ist in folgende sechs Kapitel untergliedert, die wie folgt überschrieben sind: "… wie die Wolke den Regen"? Kapitalismus und Krieg (1), Klimaschutz heißt Pazifismus heißt Klimaschutz. Radikaler Abschied von jeder militärischen Logik (2), Die Lüge von der Zeitenwende. Lehrstück Ukraine (3), Herrschaftsideologien und Gewaltmythen (4), Wider die Nekrophilie. Ethik des Friedens (5) und Schwerter zu Pflugscharen. Religion als Sinnressource und Motivation pazifistischen Handelns? (6). Die zentrale These, die Bruno Kern in diesem Buch vertritt, lautet: Wenn wir uns noch eine geringe Chance bewahren wollen, die Überlebenskrise der Menschheit zu bewältigen, dann müssen wir uns zugleich von jeder militärischen Logik radikal verabschieden. Allein aus ökologischen Gründen können wir uns Rüstung, Militär und Krieg gar nicht mehr leisten. Auch ‚militärische Verteidigung’ führt sich angesichts der Zerstörungskraft der heutigen Waffen selbst ad absurdum. Der Autor entlarvt anhand einer gründlichen Analyse des Ukrainekrieges die dahinter stehenden geopolitischen Interessen und stellt die ‚Lüge von der Zeitenwende‘ bloß. Er setzt sich mit den wichtigsten Gewaltmythen und bellizistischen Ideologien auseinander und entwickelt eine pazifistische Ethik auf der Höhe der Zeit. In deren Zentrum steht die Unüberbietbarkeit des einzelnen Menschenlebens. Im letzten Kapitel macht uns der Autor exemplarisch auch mit der jüdisch-christlichen Tradition bekannt. Das ‚subversive Unterlaufen der Gewalt‘ in der Bergpredigt hat eine säkulare politische Entsprechung: Soziale statt militärische Verteidigung als einzige aussichtsreiche Antwort auf einen Aggressor. Ausgehend von seiner Überzeugung, dass "Pazifismus sich heute als Imperativ des Überlebens unserer Spezies selbst auferlegt", betont Bruno Kern, sei es angesichts der zugespitzten globalen Situation notwendig, auch unsere Menschheitsgeschichte samt ihren ehtischen Orientierungen gründlich neu zu lesen. Philosophische Einsichten von der Antike über den Humanismus des 16. Jahrhunderts (Erasmus von Rotterdam), die Aufklärung (Immanuel Kant), das beginnende 20. Jahrhundert (Bertha von Suttner) bis in unsere Gegenwart, würden von unserem gegenwärtigen Dilemma aus eine ganz neue Plausibilität gewinnen. Um uns widerstandsfähig zu machen gegen die mentale Zurichtung auf den Kriegskurs, sieht es der Autor für unabdingbar an, "die geopolitische Naivität zu überwinden, Interessen aufzudecken, beharrliche Aufklärungsarbeit zu leisten und sich der Aufgabe der Ideologiekritik zu stellen, um einer ethisch geleiteten Vernunft gegen alle Demagogie das nötige Gehör zu verschaffen." Allerdings würden die richtigen Einsichten einer Vernunft geleiteten Ethik und die zutreffende Analyse der ökonomisch-politischen Realität und ihrer Mechanismen noch kein Engagement im Sinne der Herstellung solidarischer Lebensverhältnisse garantieren, so Bruno Kern. Gesellschaftspolitisches Engagement habe neben der analytisch-logischen immer auch eine unverzichtbare existentielle Seite. Und in diesem Zusammenhang stelle sich die Frage nach der "Letztmotivation des eigenen Handelns". Diese stelle sich noch deutlich verschärft dar angesichts geringer politischer Erfolgsaussichten. Dabei könne die Bearbeitung der planetarischen Probleme der Menschheit heute nur noch bedingt am unmittelbaren Eigeninteresse betroffener Menschen anknüpfen. Dies gelte zumindest für die Menschen im globalen Norden, die allesamt, wenn auch in unterschiedlichem Maße, von einem System der asymmetrischen Aneignung von Ressourcen samt deren militärischer Absicherung profitieren würden. Deshalb sei politische Veränderung heute mehr denn je angewiesen auf eine kritische Masse von Menschen, die bereit seien, gegen ihre eigenen unmittelbaren Interessen zu handeln. Gerade angesichts der zugespitzten Situation heute, stelle sich die Frage nach den Sinnressourcen eines solchen Handelns. Hier kommt für Bruno Kern Religion ins Spiel. Abschließend möchte ich dieses interessante Buch, das zum Nachdenken anregen kann, gerne weiterempfehlen. Es thematisiert auf relativ knappem Raum wichtige Aspekte, denen wir uns unbedingt stellen sollten, sofern uns am Weiterleben und Überleben der Menschheit liegt. Selbst wenn nicht alle LeserInnen an allen Kapiteln gleich interessiert sein sollten, wäre das aus meiner Sicht nicht weiter abträglich, um zumindest andere Kapitel gewinnbringend lesen zu können. Bruno Kern: "… Den Krieg gründlich verlernen". Marburg: Büchner Verlag 2025. [ISBN 978-3-96317-435-3; 148 Seiten; 16 Euro – alternativ: E-Book-Formate. https://www.buechner-verlag.de/buch/den-krieg-gruendlich-verlernen/ Nachbemerkung 1: Unter anderem durch die Anregung Bruno Kerns, das neue Lesen philosophischer Einsichten von der Antike bis in unsere Gegenwart würde in unserer heutigen Situation eine ganz neue Plausibilität gewinnen, sieht sich Frieden wagen e.V. darin bestärkt, die Wieder- und Neuveröffentlichung von Büchern bedeutsamer AntimilitaristInnen und PazifistInnen im Rahmen der friedensbewegten Publikationsreihe "edition pace" und des pazifistischen Editionsprojekts "Tolstoi-Friedensbibliothek" zu fördern und daran mitzuarbeiten. Dadurch ist bereits ein umfangreicher Schatz wichtiger antimilitaristischer und pazifistischer Literatur leicht und frei zugänglich gemacht worden. https://www.frieden-wagen.org/daran-arbeiten-wir/#friedensbuecher Nachbemerkung 2: Bruno Kern wird bei unserer 14. Tagung "’We shall overcome!’ Gewaltfrei aktiv für die Vision einer Welt ohne Gewalt und Unrecht" Referent sein, die am 17. Oktober 2026 im franz.K in Reutlingen stattfinden wird. Er wird anhand seiner persönlichen Lebensgeschichte über sein Engagement berichten und Einblicke in seine Einsichten gewähren. https://www.lebenshaus-alb.de/magazin/aktionen/015548.html Veröffentlicht amArtikel ausdruckenWeitere Artikel auf der Lebenshaus-WebSite zum Thema bzw. von |
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