“Friedensbotschaften der Hebräischen Bibel” – ein Erster Band der Sammlung liegt vorEin Lesebuch der Schalom-Bibliothek – in Kooperation mit Frieden wagen e.V., dem ‚Kuratorium Abrahamskrone‘ und dem Ökumenischem Institut für FriedenstheologieVon der Redaktion schalom-bibliothek.org Friedensbotschaften der Hebräischen Bibel – Erster Band. Ein Lesebuch der Schalom-Bibliothek. Herausgegeben von Peter Bürger. (edition pace ǀ Regal: Pazifisten & Antimilitaristen aus jüdischen Familien, 17). Hamburg: BoD 2026. (ISBN: 978-3-6963-6247-8; Paperback; 448 Seiten; 16,99 Euro). – Leseprobe mit Inhaltsverzeichnis & Direktbestellmöglichkeit hier beim Verlag der gedruckten Buchausgabe: https://buchshop.bod.de/friedensbotschaften-der-hebraeischen-bibel-erster-band-9783696362478
Im Gegensatz zu den vorhergehenden Publikationen des Projektes sind Frauen im Kreis der Autor:innen gut vertreten. Es ist in den Auslegungen auch ein besonderes Augenmerk den Frauengestalten der Bibel gewidmet. Dargeboten werden die Beiträge in vier thematischen Abteilungen: 1. Grundlegendes – Impulse für ein neues Sehen; 2. Alle Pfade der Tora führen zum Frieden; 3. Erkundungen zur vorderen Prophetie (‚Geschichtsbücher‘); 4. Prophetische Worte des Friedens; 5. Gebet und Weisheit. Ein entmaterialisierter, gar ins Nebulöse "spiritualisierter Friedensbegriff" liegt der Hebräischen Bibel fern. Gewalttätigkeit, Blutvergießen und der Glaube an Kriegstechnologien sind ein Ausweis von Gottlosigkeit. Die "Hausordnung der Tora" ist als unverzichtbare Grundlage der biblischen Friedensbotschaft zu betrachten (u.a. Einheit der menschlichen Familie auf dem Erdkreis; jeder Mensch als "Bild" des Höchsten; Kritik der Herrschaft von Menschen über Menschen; göttlicher Schutzbrief für den verwundbaren Menschen; Tötungsverbot; solidarisches Zusammenleben in Gerechtigkeit, eine dementsprechende Eigentumsordnung, Entschuldung; Bestimmungen zum Recht der Besitzlosen, Zugewanderten, Flüchtlinge). "Ein Fremdling soll unter euch wohnen wie ein Einheimischer" (s. Ezechiel 47,21-23). Solche Überschriften wollen die falschen Friedenspropheten der rechten Sektoren und nationalen Besitzstandswahrer in unseren Tagen nicht hören, denn: "sie sagen: / Frieden! Frieden! – Aber da ist kein Friede" (Jeremia 6,14). An den hochgerüsteten Grenzmauern gehören Entrechtung wie Massensterben von Flüchtenden/Migranten zum Alltag, doch die Antwort darauf ist eine "Kultur der Gleichgültigkeit" (Bischof Franziskus von Rom +) – und der planmäßige Abbau von internationaler Entwicklungszusammenarbeit. Die Hebräische Bibel birgt Herausforderungen und unvorstellbar kraftvolle Impulse für die Friedensarbeit. Sie ist kein Buch von gestern. Das zeigen viele Beiträge im neuen Band, die auf das politische Geschehen der Gegenwart Bezug nehmen. Gemästet werden die "Händler des Todes" (Kriegskonzerne, samt zugehöriger Finanzindustrie) und auch die Logistik der atomaren Massenvernichtung, die von der weltweiten Ökumene als Ausweis ultimativer Gotteslästerung bewertet wird. Nach Innen zeigt sich gleichzeitig – wie hierzulande – eine Konzentration von fast 70 Prozent des Gesamtvermögen bei einer Oberschicht von 10 Prozent der Bevölkerung (allein das reichste 1 Prozent verfügt über etwa 35 % des Nettovermögens, während auf die ärmere Hälfte der Gesamtbevölkerung weniger als 3 Prozent entfallen: diw.de). All dies wird verantwortet durch politische Gebilde, die für sich allen Ernstes eine "jüdisch-christliche Wertebasis" beanspruchen. Die neue friedenstheologische Bibellektüre zeigt, wie absurd das ist. Ergänzende Dokumentation im Netz ǀ Eine Zusammenstellung ausgewählter Bibelstellen zur Eröffnung der Lesebuch-Sammlung "Friedensbotschaften der Hebräischen Bibel" . Bibliotheksportal | Alle Publikationen des nicht kommerziell ausgerichteten Regals "Pazifisten & Antimilitaristinnen aus jüdischen Familien" erscheinen zunächst als Digitale Erstausgaben und sind frei abrufbar auf dem Projektportal www.schalom-bibliothek.org – dort auch weitere Beiträge im "Lesesaal" und alle Informationen zu den bisherigen Buchangeboten. _____ Leseprobe ǀ Alle Pfade der Tora führen zum Frieden …(Ein Abschnitt aus der Einleitung des Herausgebers) Die Wege der Tora – so heißt es im Anschluss an das Buch der Sprichwörter 3,17 – sind freundlich und alle ihre Pfade führen zum Frieden. Ein größerer Kontrast zur antijudaistischen Klage, das ‚Alte Testament‘ sei nur eine Urkunde voller Kriegsgewalt und Blutvergießen, ist kaum vorstellbar. Das erste der fünf Bücher Mose, dem wir uns erst in einem weiteren Band unserer Sammlung eingehender zuwenden wollen, enthält die Grundlagen jeder biblischen Friedenstheologie. Im babylonischen Schöpfungsmythos "Enuma elisch" vollzieht sich der Ursprung als kosmisches Kriegsgeschehen; die Urgöttin Tiamat wird förmlich ausgeschlachtet. Im Vergleich dazu liest sich Genesis 1 eher wie eine naturwissenschaftliche Darstellung, weit ausgreifend freilich auf das gesamte Universum. An die Stelle blutiger Gewalt tritt das schöpferische Wort. Anders als bei den Gottkönigen der altorientalischen Reiche werden jetzt alle Menschen als "Bild Gottes" betrachtet. (Sie sind keineswegs gemäß dem Plan der babylonischen Stadtgottheit Marduk als Sklaven der arbeitsscheuen Götter erschaffen.) Eine Kontroverse der Auslegung betrifft die Frage, ob aus dem göttlichen Auftrag (Gen 1,28) nun eher Unterwerfungspraxis (Herrschaftsparadigma) oder das Walten von Hirten (ökologisches Paradigma der Sorge) folgt. Vorerst ist nur pflanzliche Nahrung vorgesehen; das Töten von Tieren entfällt. Ein für alle Mal bezeugt ist die Einheit des Menschengeschlechts. Archaischer bzw. anschaulicher vollzieht sich das Beginnen im 2. Kapitel der Genesis. Für die aus Lehm geformten Menschen steht ein mütterlicher Garten bereit, den sie pflegen bzw. erhalten (Genesis 2,15) und in dem sie – trotz ihrer Staubherkunft – angstfrei im göttlichen Lebensatem verbleiben. (Da Gott selbst im Garten umherwandelt, besteht noch kein Bedarf an Theologie und organisierter Religion.) Vegetarischer Luxus steht bereit. Die Tiere sind noch keine Nahrungsprodukte oder toten Sachen, sondern potentielle Gefährten – gleichberechtigte Stimmen im Gesprächsraum des Lebens. Ein Herrschaftsverhältnis zwischen den Geschlechtern gibt es nicht; ebenso fehlt (wie fast in der gesamten Geschichte des homo sapiens, d.h. der ‚Jäger und Sammler‘) die bäuerliche Knochenarbeit. Selten wird es bedacht: ‚Eden‘ währte bezogen auf die ganze menschliche Gattung hunderttausende, ja Millionen Jahre. Die Vertreibung geschah gleichsam erst ‚gestern‘. In friedenstheologischer Perspektive hängt nun alles daran, den Zugang zu Genesis 3 (‚Paradiesverlust‘) nicht durch die platte Oberflächensicht eines "Sündenfalls" der hochmütigen, sich gegen Gott auflehnenden Menschen zu verderben. Stattdessen wäre die mit der Bewusstwerdung einhergehende Geburt der Angst als tragisches, durchaus nicht frei gewähltes Geschehen zu beleuchten. (Im ersten Fall genügt eine gute Moralpredigt wider den Stolz an die ganze Menschheit; im zweiten Fall kommt die Notwendigkeit in den Blick, dass eine auf Angst und Gewalt basierende ‚Zivilisation der Ungeliebten‘ als Ganzes der durchgreifenden Heilung bedarf – sofern es für die menschliche Gattung eine Zukunft auf der Erde geben soll.) Die im frühesten Mord gipfelnde Erzählung von zwei Brüdern – dem Ackerbauern Kain und dem Schafhirten Abel (Genesis 4,1-16) – beleuchtet mit Blick auf den einzelnen Menschen die Genese tödlicher Gewalt aus dem ‚Ungeliebtsein‘, d.h. dem Gefühl von Nichtbeachtung, Zurücksetzung, Ablehnung und eigener Minderwertigkeit (Gottes Schutzbrief bleibt auch dem schuldigen Täter nicht vorenthalten: Genesis 4,15 versus Genesis 9,6); zugleich verweist sie aber auch auf die zivilisatorischen Prozesse der landwirtschaftlichen Transformation und Sesshaftwerdung. "Ausgerechnet der sesshafte Ackerbauer Kain, der seinen Bruder erschlagen hat, wird zum ersten Städtegründer (Genesis 4,16.17). Kains Nachkomme Lamech rühmt sodann seine eigene – jetzt maßlos gesteigerte – Tötungsbereitschaft (Genesis 4,23-24). Lamechs Sohn Tubal-Kain wiederum gilt passend dazu als Stammvater aller Metallschmiede (Genesis 4,22) und wird in der rabbinischen Überlieferung als Erfinder des Schwertes angesehen. – Der Beginn der planmäßigen Rüstungsproduktion für den Mordapparat des Krieges findet im außerkanonischen Schriftgut und auch beim jüdischen Philosophen Philo von Alexandrien eine äußerst negative Bewertung". Metallwerkzeuge entweihen den Altar (Exodus 20,25), weil sie Tötungsinstrumente sind und somit der Weisung zum Leben widersprechen. – Der institutionalisierte Krieg ist also aus biblischer und rabbinischer Sicht kein ewiges Naturereignis, sondern ein zeitlich genau einzuordnendes (sehr spätes) Produkt der menschlichen Zivilisationsgeschichte. Die sogenannte ‚Sintflut‘ (Genesis 6,5-9,17) erscheint als ein totales Massenvernichtungs-Unternehmen gegen die von Jugend auf verdorbene Menschenwelt. Doch im Zuge dieser Intervention nach Art der hochgerüsteten imperialen ‚Chaos-Bezwinger‘ kommt Gott gleichsam zur Besinnung und zu einem besseren Verständnis der menschlichen Gebrochenheit. Die erste Friedenstaube der Geschichte bringt gute Kunde: Land in Sicht! (Genesis 8,11.21-22). Fortan erscheint statt des Schwertbogens der Kriegsgottheiten und Gottkönige am Himmel der Regenbogen eines Friedensbundes, welcher der ganzen Menschheit gilt (Genesis 9,12-27). Die Erzählung vom Turmbau zu Babel (Genesis 11,1-9) bringt auch architektonisch zur Anschauung die Geschichte der Stadtstaaten, die – durchweg von Männern regiert – sich in Konkurrenz miteinander zu Großreichen aufblähen. Gott straft an dieser Stelle nicht, sondern tritt entgegen dem sprachlichen Einheitscode einer neuen Zivilisationsstufe, der nicht der Verständigung zwischen den Menschen, sondern der imperialen Beherrschung dient. Abraham aus Ur in Chaldäa – im Zweistromland – hört den Ruf zum Aufbruch aus dem Bestehenden (Genesis 12,1-3) und wirkt so Segen für die Menschen aller Zeiten. – Das Bestehende aber ist das seit ca. 3000 v. Chr. zunehmend verfestigte, auf Aneignung, Macht und Kriegsgewalt fußende Zivilisationsgefüge. Abraham tritt als Fürsprecher der in Gewaltkontexten gefangenen Menschen auf (Genesis 18,20-33; vgl. auch Moses in Numeri 14,10b-20), ebenso als ein Mensch des Friedens und Sachwalter der von (Halb)Nomaden hochgeschätzten friedlichen Koexistenz ohne gewaltsame Konfliktaustragung (Genesis 13,1-9; 20,1.14-17; 21,22-30; 23,1-7). Er gilt der Bibel gleichermaßen als Stammvater der ‚Araber‘ und der ‚Israeliten‘; sein Begräbnis wird von den beiden Söhnen Ismael und Isaak gemeinsam besorgt (Genesis 21,9-21; 25,7-11). – Der Genesis "zufolge ist die Besiedelung Kanaans durch die Israeliten ein friedlicher Vorgang. […] So verstehen sich die Erzväter mit den Nichthebräern gut und leben in freundlicher Nachbarschaft; sie sind weit davon entfernt, die Bewohner Kanaans zu bekämpfen und aus dem Land zu verdrängen" (Bernhard Lang). Noch Jakob, dem nunmehr die Entschärfung eines Bruderkonfliktes und somit die Verhinderung blutiger Gewaltfolgen gelingt (Genesis 32,4-22; 33,1-17: Jakob und Esau), ist daran gelegen, ohne Kriegszustand mit den Kanaanitern und Perisitern gut auszukommen (Genesis 34,1-31). Im Buche Exodus sollten wir – gebannt vom spektakulären Ertrinken des ganzes ägyptischen Heeres – den lebensrettenden ‚zivilen Ungehorsam‘ der Hebammen (Exodus 1,15-21), die Hilfe der Tochter des Pharaos (Exodus 2,1-10) und die freundlichen Beziehungen des Moses zu den Midianitern (Exodus 18,1-9; vgl. Numeri 10,29-33) nicht übersehen. Das grundlegende Tötungsverbot (Exodus 20,13; Deuteronomium 5,17) in der Weisung an die aus Ägypten Befreiten wird neuerdings gerne so relativiert bzw. ausgelegt, dass unter bestimmten Umständen die seit fünf Jahrtausenden im Auftrag von Staaten militärisch exekutierten Tötungen nicht mehr darunter fallen. Friedrich Erich Dobberahn plädiert diesbezüglich dafür, die Philologie in den Dienst der Friedenstheologie zu stellen, und hat deshalb zum ‚fünften Gebot‘ einen Originalbeitrag für die neue Sammlunng verfasst. Auf die Kriegsbestimmungen in den fünf Büchern Mose sind wir schon in unserem Band zu "Gewalt und Kriegstheologie" ausführlich zu sprechen gekommen. An dieser Stelle müssen wir – in friedenstheologischer Absicht – auf etwas anderes eingehen: auf die ‚Hausordnung der Tora‘ (Franz Segbers). Gegen Gewalt von innen und von außen können Gemeinschaften nur auf einem einzigen Wege Widerstands- und Verteidigungskraft entwickeln: indem sie nämlich ihr soziales Gefüge menschlich, gerecht und kooperativ gestalten – also die besonders Verwundbaren schützen, die Bedürftigen nicht allein lassen, den Kranken ohne Ansehen der Person (und des Geldbeutels) eine gute Versorgung bereiten, die Werktätigen nicht ausbeuten, den neu Hinzukommenden Unterstützung geben, die Alten nicht ‚abschreiben‘, Wohnungen für Menschen statt für Profite bauen, den öffentlichen Raum mit seinen allen dienenden Einrichtungen pflegen … Kurzum: Friedenstüchtig wird ein Gemeinwesen, in dem es die Beziehungen zwischen den Menschen gerecht gestaltet. Der Zusammenhang von "Gerechtigkeit und Frieden" (Jesaja 32,17-18; Psalm 72,2-3; Psalm 85,11) – nach innen und außen – ist unzerreißbar. Deshalb kommt der ‚Hausordnung der Tora‘, deren Wegweisungen zum Leben im neuen Band durch die Beiträge von Ansgar Moenikes, Ulrich Durchrow und Franz Segbers beleuchtet werden, für die biblische Friedenstheologie eine wirklich g r u n d l e g e n d e Bedeutung zu. Mit Blick auf die Mächtigen der Welt und die Staatsdoktrin der Besitzenden erscheinen Herrschaftskritik und Gerechtigkeitsforderung der Hebräischen Bibel als unerhörte Neuheiten. Nächstenliebe und ‚egalitärer Impuls‘ sind hier aber nicht plötzlich vom Himmel herabgefallen. Halbnomaden, entlaufene Sklaven und egalitäre Bauern kommen zu Wort. Schauen wir genauer hin, so zeigt es sich, dass vor allem das über Hundertausende Jahre waltende – uns förmlich ins Herz geschriebene – ‚Sozialethos‘ der vorstaatlichen Menschengeschichte wieder freigelegt wird und zur Geltung kommen soll. Ehrfurcht vor dem Leben, Teilen (statt Töten), helfende Gegenseitigkeit, Abscheu vor Machtgebaren und Mitfühlen entsprechen ursprünglichen Neigungen, wie sehr auch eine destruktive Zivilisation anstrebt, uns ‚massenkulturell‘ zum Gegenteiligen abzurichten. Deshalb können die Leute solches verstehen, es ist keineswegs ‚übernatürlich‘ oder ‚unverständlich‘: ‚Denn dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir. […] Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten.‘ (5. Mose / Deuteronomium 30,11-14). Text: Peter Bürger (Hg.), 1. Juli 2026 (Fußnoten/Quellenhinweise wurden hier ausgelassen). Veröffentlicht amArtikel ausdruckenWeitere Artikel auf der Lebenshaus-WebSite zum Thema bzw. von |
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