Frieden wagen!Von Michael Schmid (aus: "Frieden wagen", Rundbrief Nr. 128, April 2026 Der gesamte Rundbrief Nr. 128 kann hier heruntergeladen werden: PDF-Datei , 969 KB. Der bisherige Lebenshaus-Rundbrief wird entsprechend dem geänderten Vereinsname nun mit dem Namen "Frieden wagen" fortgesetzt. Den gedruckten Rundbrief schicken wir Ihnen/Dir gerne kostenlos zu. Bitte einfach per Mail abonnieren ) Frieden wagen – bei einer Ökumenischen Jugendkonferenz auf der dänischen Insel Fanö sagte Dietrich Bonhoeffers in einer Rede am 28. August 1934: "Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit … Frieden muss gewagt werden." Diese grandiose These Bonhoeffers, dass Frieden nicht durch Sicherheit, sondern durch Vertrauen erreicht wird, hat seine Bedeutung für mich bis heute. Frieden muss gewagt werden! Und Frieden ist etwas ganz anderes als Sicherheit! Täglich bekommen wir zu hören: "Wir müssen stärker werden! Wir müssen kriegstüchtig werden! Bereit, zu kämpfen! Wir müssen abschrecken, aufrüsten! Die Bundeswehr soll stärkste Armee Europas werden! Wir müssen die Grenzen dicht machen! Uns abschotten!Konsequent abschieben! Dann sind wir sicher!" All das soll also angeblich unserer Sicherheit dienen. Gleichzeitig wird suggeriert, dass diese "Sicherheit" das wichtigste, alles überstrahlende Ziel wäre, an dem sich alles andere ausrichten muss. Doch der Einsicht Bonhoeffers folgend ist auf diesem Weg kein Frieden zu erreichen. Sicherheit arbeitet mit Misstrauen, Frieden mit Zuversicht. Sicherheit arbeitet mit Feindbildern, Frieden mit Möglichkeiten. Sicherheit arbeitet mit Gewalt- und Drohmitteln, Frieden mit Vertrauen. Sicherheit arbeitet mit Waffen, Frieden mit gewaltfreien Mitteln. Sicherheit arbeitet mit Mauern, Frieden arbeitet mit offenen Armen. Sicherheit kann die Tür verrammeln und verriegeln, Frieden öffnet das Herz. Teilweise übernommen von Lea Strohfeldt, Eckernförde. Wenn Frieden unser Ziel ist, dann muss die Entwicklung von Frieden oberste Priorität haben. Die Fixierung auf "Sicherheit" blockiert die Entwicklung von Frieden. Natürlich ist das Bedürfnis der Menschen nach Sicherheit berechtigt. Aber erst in dem Maße, wie es gelingt, Frieden zu entwickeln, wächst eine neue Qualität von Sicherheit. Eine Sicherheit, die nicht aus Gewehrläufen, von Raketen oder Drohnen kommt, sondern aus einer inneren Gewissheit, den richtigen Weg zu gehen – Menschenrechte zu verwirklichen, soziale Gerechtigkeit und demokratische Teilhabe zu entwickeln, sowie im Gleichgewicht mit unserer Mitwelt zu leben. Frieden ist kein fester Zustand, sondern ein Prozess. Frieden muss gewagt werden! Vom Pazifist zum VerschwörerIn seiner Morgenandacht auf Fanö, die Bonhoeffer aus seiner damals pazifistischen Haltung heraus hielt, hat er auch folgende wichtige Frage aufgeworfen: "Wer von uns darf denn sagen, dass er wüsste, was es für die Welt bedeuten könnte, wenn ein Volk - statt mit der Waffe in der Hand - betend und wehrlos und darum gerade bewaffnet mit der allein guten Wehr und Waffe den Angreifer empfinge?" Auf diese Frage konnte Bonhoeffer in Fanö keine Antwort geben. Er war jedoch daran interessiert, eine Antwort zu suchen. Dafür plante er eine Reise zu Gandhi nach Indien, um vor Ort die Wirksamkeit gewaltfreier Kampftechniken zu studieren. Allerdings hat er diesen Plan zugunsten der Ausbildung von Vikaren der Bekennenden Kirche im Predigerseminar in Finkenwalde wieder aufgegeben. Letztlich kam Bonhoeffer nicht mehr dazu, seine Frage nach gewaltfreier Aktion zu beantworten. Übrigens hätte Bonhoeffer nicht unbedingt nach Indien reisen müssen, um sich entsprechende Anregungen zu holen. Es gab seinerzeit eine Reihe Bücher über Gandhi, und es gab in Europa Zeitgenossen, die auf der Suche nach unbewaffneter Verteidigung waren. So legten zum Beispiel holländische sozialistische Antimilitaristen um Bart de Ligt 1938 unter dem Titel "Pazifistische Volksverteidigung" ein gut durchdachtes Konzept einer zivilen gewaltlosen Verteidigung vor. Dietrich Bonhoeffer ist den pazifistischen Weg nicht zu Ende gegangen. Er hat sich der militärischen Verschwörung angeschlossen, die am 20. Juli 1944 zum Versuch eines Staatsstreichs führte. Theodor Ebert, früherer Politikwissenschaftler an der TU Berlin, wirft deshalb in Bezug auf Bonhoeffers Entscheidung, sich den Verschwörern anzuschließen, die Frage auf: "Ist er darum ein Zeuge für die Unmöglichkeit, den Nationalsozialismus mit gewaltfreien Mitteln zu überwinden? Offensichtlich sind ihm keine erfolgversprechenden gewaltfreien Mittel eingefallen. Doch dies ist kein ausreichender Beweis dafür, dass es diese nicht eventuell doch gegeben hätte. Vielleicht hat er sich nur nicht ausreichend um diese gewaltfreien Mittel gekümmert. Die Entscheidung, die Suche nach gewaltfreien Wegen aufzugeben, ist in jedem Falle willkürlich, nicht zwangsläufig." (Theodor Ebert: Bonhoeffer und Gandhi - Oder: Hätte sich der Hitlerismus gewaltfrei überwinden lassen?, Lebenshaus-Website vom 8.7.2004 ) Immerhin bekamen Bonhoeffers pazifistische Gedanken zumindest später ihre Bedeutung. Ebert stellt dazu fest: "Doch für die kirchlichen Kreise in der deutschen Friedensbewegung war es nach dem Zweiten Weltkrieg wichtig, dass Bonhoeffer in Fanö immerhin mal gefragt hatte, welche Wirkung es haben könnte, wenn ein Land oder mehrere Länder einseitig abrüsten und sich darauf vorbereiten würden, potentiellen Aggressoren wohlwollend und nicht hasserfüllt zu begegnen." (Theodor Ebert: Erinnerungen eines Friedensforschers an fünfzig Jahre kirchlicher Friedensarbeit. Lebenshaus-Website vom 26.5.2013 ) Gewaltfreie Alternativen zu militärischen GewaltOhne sich auf Bonhoeffer zu beziehen, forschten u.a. auch Friedensforscherinnen und -forscher ab den 1960er Jahren danach, wie ziviler Widerstand als Mittel der Verteidigungspolitik nutzbar gemacht werden könnte. Das Konzept, das entwickelt wurde, bekam den Namen "Civilian Defence", der mit "Soziale Verteidigung" ins Deutsche übertragen wurde. "Sozial", weil es nicht in erster Linie um die Verteidigung von Territorien, sondern von sozialen Errungenschaften gehen sollte. (siehe z.B. Michael Schmid: "Soziale Verteidigung: Ohne Waffen - aber nicht wehrlos". Lebenshaus-Website vom 25.03.2023 ) Pazifistische Kreise haben zwischenzeitlich verschiedene Konzepte konstruktiver Alternativen zu militärischer Gewalt entwickelt. Die Pazifistin und Friedensforscherin Christine Schweitzer sieht unter der Überschrift der "gewaltfreien Alternative" drei Komplexe solcher konstruktiven Vorschläge, die sie in einem Arbeitspapier ausführlich behandelt: "Zivile Konfliktbearbeitung, Ziviles Peacekeeping und Gewaltfreien Widerstand einschließlich Sozialer Verteidigung. Diese Konzepte stehen nicht alternativ zu einander, sondern befassen sich mit unterschiedlichen Problemen und Bedrohungen. Zivile Konfliktbearbeitung ist das umfassendste unter ihnen. Sie umfasst alle Ansätze und Verfahren, Konflikte gewaltlos zu bearbeiten bzw. zu transformieren. Ziviles Peacekeeping ist eine Methode, konkreten Bedrohungen durch Gewalttäter entgegenzutreten. Bei gewaltfreiem Widerstand geht es darum, gesellschaftlichen Wandel durch gewaltfreie Mittel zu bewirken bzw. einen Zustand, der als Unrecht wahrgenommen wird, zu verändern. Soziale Verteidigung ist ein Konzept des Widerstands gegen einen militärischen Angriff oder gegen einen Putsch." (Christine Schweitzer: Für eine Welt ohne Rüstung und Militär. IFGK-Arbeitspapier Nr. 24, September 2010 ) Gerade in einer Zeit, in der Gewalt, Militär und Krieg fast ohne Ausnahme als alternativlos dargestellt werden, muss es ein wichtiges Anliegen in der Friedensarbeit sein, solche konstruktiven Alternativen bekannt zu machen und uns für deren Umsetzung einzusetzen. Statt "kriegstüchtig" zu werden, müssen Friedensorganisationen dazu beizutragen, als Gesellschaft friedensfähig zu werden. Es geht darum, "… den Krieg gründlich verlernen", wie es der Titel von Bruno Kerns neuem Buch wunderbar auf den Punkt bringt. Frieden wagen e.V.Für die Wahl unseres neuen Vereinsnamens "Frieden wagen e.V." hatten die bei der Namensfindung Beteiligten sicherlich ganz verschiedene Assoziationen. Und Bonhoeffer wurde dabei nicht zitiert. Aber ich erinnerte mich im Nachhinein wieder sehr deutlich, dass die Einsicht Bonhoeffers - "Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit … Frieden muss gewagt werden." - in meiner Friedensarbeit in den 1980er Jahren schon eine große Bedeutung gehabt hat. Daran knüpfe ich heute gerne wieder an und versuche, diese Einsicht zu stärken. "Frieden wagen e.V. – Arbeitsstelle für Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie", mit diesem Namen setzen wir seit diesem Jahr das fort, was wir 1993 als "Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V." begonnen haben. Wichtig ist uns dabei auch zukünftig die beharrliche Aufklärungsarbeit über Gewalt in ihren unterschiedlichen Formen und zu gewaltfreien Alternativen. Mit unseren gedruckten Rundbriefen wollen wir auch künftig informieren, die bisherige Lebenshaus-Website soll mit ihren über 13.000 Artikeln als Archiv erhalten werden, ein neues Internetmagazin für Frieden und Gewaltfreiheit wird gerade zusammen mit unserm Webmaster Achim Rosenhagen konzipiert, die Website "Kriegsdienstverweigerer. Unsere Geschichten", die angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen eine zusätzliche Aktualität bekommt, soll weitergeführt werden wie bisher. Zudem geht in Kooperation mit Peter Bürger unsere Mitarbeit in der "Tolstoi"-Friedensbibliothek, der Schalom-Bibliothek und der "edition pace" weiter. Auch mit Veranstaltungen, wie z.B. der diesjährigen 14. "We shall overcome!"-Tagung, die wir gerade vorbereiten, der Mitarbeit in Kampagnen wie z.B. "Aktion Aufschrei - Stoppt den Waffenhandel", im Aktionsbündnis "atomwaffenfrei.jetzt!" oder in der "Kooperation für den Frieden" wollen wir fortfahren. Unsere Arbeitsgruppe Gewaltfreiheit dient dem Austausch über wichtige Fragestellungen. Schließlich führen wir auch unsere praktische Solidaritätsarbeit fort, insbesondere mit geflüchteten Menschen. Wir sehen in jeglicher Unterstützung eine Ermutigung zum Weitermachen. Und wir hoffen, dass wir gegen alle Resignation gemeinsam Visionen des Friedens entwickeln und mutig Frieden wagen! Bitte um finanzielle Unterstützung1993 haben wir unseren Verein gegründet, um damit für eine weltweite friedliche, soziale gerechte und umweltverträgliche Entwicklung einzutreten. Wir sind heute wie zu Beginn unserer Vereinsgeschichte der Überzeugung, dass diese Ziele gefördert werden müssen. Seit 33 Jahren tragen wir unseren Teil dazu bei. Gerne möchten wir unsere Arbeit für Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie so engagiert wie bisher fortsetzen können – wenngleich in teilweise abgewandelter Form. Damit uns das gelingt, bitten wir um Unterstützung unseres Engagements - gerne mit einer Einzelspende oder gar einer regelmäßigen Spende oder einer Fördermitgliedschaft. Leider mussten wir für 2025 einen erheblichen Rückgang an Spendengeldern und einige Austritte von Mitgliedern verzeichnen, ein Trend, der sich dieses Jahr bisher fortzusetzen scheint. Herzlich bedanken wollen wir uns bei allen, die unsere Arbeit unterstützen! Spendenkonto: Lebenshaus Schwäbische Alb e.V. (beim Kontoinhaber im Moment bitte noch den bisherigen Name verwenden; der Name wird sich in näherer Zukunft ändern in: Frieden wagen e.V.) Bank: GLS Bank eG Wir sind umgezogenWir haben unseren Sitz und unsere Geschäftsstelle nach Plochingen am Neckar verlegt. In diesem Zusammenhang haben wir ebenfalls einen neuen Namen gewählt: Frieden wagen e.V. – Arbeitsstelle für Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie. Allerdings ist der neue Namen zum Zeitpunkt der Drucklegung noch nicht rechtswirksam, weil wir auch 4 Monate nach Anmeldung noch immer darauf warten, dass das Vereinsregistergericht endlich unsere entsprechenden Satzungsänderungen ins Vereinsregister einträgt. Der langen Warterei leid, verwenden wir den Namen nun trotzdem. Unsere neuen Kontaktdaten lauten: Frieden wagen e.V., Teckstr. 59, 73207 Plochingen. Tel. 07153-4066413, E-Mail info@frieden-wagen.org. FußnotenVeröffentlicht amArtikel ausdruckenWeitere Artikel auf der Lebenshaus-WebSite zum Thema bzw. von |
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