Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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Die Rückkehr zum menschlichen Maß

Von Michael Schmid - Rezension

"Wieder ein Temperaturrekord", meldete die Tagesschau am 8. Mai 2024. "Mit dem wärmsten April seit Beginn der Wetteraufzeichnungen ist den elften Monat in Folge ein weltweiter Temperaturrekord erreicht worden. Der April sei in diesem Jahr weltweit um 1,58 Grad Celsius wärmer gewesen als ein durchschnittlicher April zwischen 1850 und 1900, dem Referenzzeitraum für das vorindustrielle Zeitalter, teilte der EU-Klimadienst Copernicus mit." Den weiteren Angaben zufolge lag die globale Temperatur in den vergangenen zwölf Monaten im Schnitt sogar 1,61 Grad über dem vorindustriellen Zeitalter. Damit ist die im Pariser Klimaabkommen von 2015 vereinbarte Marke überschritten worden. Damals hatte sich die Staatengemeinschaft darauf geeinigt, die Erderwärmung auf möglichst 1,5 Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen. Das bedeutet, dass wir uns in einer dramatischen Situation mit sich weiter zuspitzenden Katastrophen befinden.

Bruno Kern knüpft in seinem neuen Buch mit dem Titel "Industrielle Abrüstung jetzt! Abschied von der Technik-Illusion" an solche Fakten an und macht deutlich, warum es dringend einen "system change" geben und worin dieser bestehen muss. Wenn unsere Spezies auf diesem Planeten weiter gedeihen will, dann gilt es, jetzt angesichts des Überschreitens des 1,5-Grad-Zieles das Feuer unter Kontrolle zu bringen und möglichst einzuhegen, zumindest bestimmte Kipppunkte noch zu vermeiden und Katastrophen in Grenzen zu halten. Dabei zählt jedes Zehntel Grad. Und je konsequenter wir handeln, umso mehr erhöhen sich die Chancen, dass unser Planet am Ende des Jahrhunderts wieder auf einen Pfad Richtung Gleichgewicht kommt. Eine Chance darauf besteht aber nur, wenn Klimapolitik nicht nur auf ein technisches Problem reduziert wird. Es geht nicht bloß um einen schnelleren Ausbau erneuerbarer Energien und eine andere Infrastruktur. Denn mit dem Potential der erneuerbaren Energien, selbst wenn es gelingt, es maximal zu erschließen, könnte keineswegs das Energielevel ersetzt werden, das uns jetzt noch auf fossiler Basis zur Verfügung steht. Aktuell beträgt der Endenergieverbrauch in Deutschland jährlich 2500 Terawattstunden (TWh - 1 TWh sind 1 Billion Wattstunden). Eine im Auftrag des WWF vom Öko-Institut und Prognos erstellte Studie habe hochgerechnet, dass in Deutschland für die Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen theoretisch ein Potenzial von insgesamt kaum mehr als 700 TWh ausgeschöpft werden kann. Es klafft also eine riesige Lücke zwischen unserem derzeitigen Energieverbrauch und dem, was durch erneuerbare Quellen maximal zur Verfügung steht. Das heutige Niveau des Industrielandes Deutschland lässt sich mithilfe dieses beschränkten Potenzials auf keinen Fall aufrechterhalten. So die Bestandsaufnahme von Bruno Kern.

Aus solchen Befunden zieht er die Konsequenz, dass es gilt, sowohl die wachstumsgetriebene kapitalistische Ökonomie zu überwinden, aber darüber hinaus auch die uns bekannte Industriegesellschaft, welche die aktuelle Situation heraufbeschworen hat. Diese muss zurückgebaut werden, eine Rückkehr zum menschlichen Maß ist unbedingt notwendig. Die Herausforderung, die wir zu bewältigen haben, besteht also darin, möglichst rasch den Rückbau unserer Industriegesellschaft solidarisch voranzutreiben.

Anhand verschiedener Beispiele aus den Bereichen ökologische Verkehrswende, Papierindustrie, Bauindustrie und Digitalisierung veranschaulicht Bruno Kern dann, warum und mit welchen Maßnahmen der unumgängliche industrielle Rückbau möglichst rasch und konsequent eingeleitet werden muss. Dabei wird deutlich, welche tiefen Einschnitte dies bedeuten muss - zum Beispiel, wenn er im Zuge der Notwendigkeit einer ökologischen Verkehrswende einen konsequenten Abschied vom motorisierten Individualverkehr vor Augen stellt und fordert: "Spätestens ab dem Jahr 2030 sollten keine PKWs mehr für den rein privaten Gebrauch zugelassen werden."

"Klimaschutz heißt Pazifismus heißt Klimaschutz"

So lautet die Überschrift eines Kapitels, in dem sich der Autor mit dem Thema Rüstung und Militär auseinandersetzt. Dabei widerspricht er der öfter auch von friedenspolitischen Organisationen nahegelegten Auffassung, Abrüstung und Entmilitarisierung könnten das größte derzeitige Menschheitsrisiko, die Klimakatastrophe, beseitigen. Diese Meinung verkenne, vor welch tiefgreifender gesellschaftlicher Transformation wir stehen und wie sehr alle unsere Lebensbereiche davon betroffen sein werden.

Nach Angaben von Bruno Kern sind Rüstung und militärische Infrastruktur allein für mindestens 5 - 6 % der Treibhausgasemissionen weltweit verantwortlich. Und vor dem Hintergrund der verzweifelten Lage, in der wir uns inzwischen befinden, und der Notwendigkeit eines raschen und drastischen Rückbaus, können wir uns dieses Ausmaß an Energie- und Ressourcenverschwendung nicht mehr leisten. Wenn wir uns noch eine geringe Chance bewahren wollen, die Folgen des Klimawandels zu begrenzen und einzuhegen, müssen wir uns zugleich von jeglicher militärischen Logik verabschieden. Zudem stehen die ungeheuren Rüstungsausgaben in Konkurrenz zu den finanziellen Anstrengungen für den Aufbau der Infrastruktur einer dekarbonisierten Wirtschaft, für die soziale Abfederung der Transformation und für die Abmilderung von Folgen der Klimakatastrophe; andererseits besteht die große Gefahr, dass sowohl Klimaveränderungen zu bewaffneten Konflikten bis hin zur nuklearen Eskalation führen können, aber ebenso der Kampf um schwindende Ressourcen. Das macht präventive Abrüstung und die Überwindung jeglicher militärischen Logik zum Gebot der Stunde. Eine Alternative sieht er in der Sozialen Verteidigung, also in der Anwendung von Mitteln des zivilen Ungehorsams und der Nicht-Kooperation mit dem Aggressor im Falle einer Besetzung des eigenen Territoriums.

Notwendiger politischer Druck

Doch wie soll diese ökologische Transformation gelingen, wie entfalten wir den notwendigen politischen Druck? Kritisch setzt sich der Autor einerseits mit den Gewerkschaften auseinander und stellt fest, dass diese in den spätkapitalistischen Industrieländern zu einem der wichtigsten systemstabilisierenden Faktoren geworden sind. Sie identifizieren sich weitgehend mit dem System, wovon sie in erheblichem Maß profitieren. Andererseits stellt er bei der Klimagerechtigkeitsbewegung fest, dass diese größtenteils das ökologische Desaster unter Beibehaltung bisherigen Wohlstands mit technischen Lösungen bewältigen will, indem fossile Energie durch erneuerbare ersetzt wird. Dass wir unsere imperiale Lebensweise infrage stellen und unser Zusammenleben auf einer sehr viel schmaleren materiellen Basis gestalten müssen, wird eher ausgeblendet.

Um die Politik für die notwendige Transformation wirksam unter Druck setzen zu können, ist ein Zusammenschluss des radikalisierten, nicht bloß auf technische Lösungen fixierten Teils der Klimagerechtigkeitsbewegung mit dem pazifistischen Teil der Friedensbewegung nötig. Eine kritische Masse von Menschen mit einem politischen Veränderungsanspruch muss bereit und in der Lage sein, Privilegien aufzugeben und auch gegen eigene unmittelbare Interessen zu agieren, ihr Aktionismus muss sich mit einer Lebenspraxis verbinden, die sich als Widerstand gegen den herrschenden, systemstabilisierenden Konsumismus begreift.

Nach seinem 2019 erschienenen Buch "Das Märchen vom grünen Wachstum" hat Bruno Kern mit "Industrielle Abrüstung jetzt!" erneut ein sehr wichtiges und lesenswertes Buch vorgelegt. Faktenreich und pointiert begründet er darin, welch große Herausforderung dringend anzugehen ist. Ich habe das Buch mit Gewinn gelesen und sehe mich durchaus in meinem eigenen politischen Verständnis und meiner individuellen Lebenspraxis herausgefordert. Gleichzeitig hinterlässt es bei mir Spuren des Zweifels, weil ich die Bewegung (noch) nicht sehe, die sich für den dringend notwendigen Wandel mit entsprechender Radikalität einsetzt. Dabei würde, darauf weist Bruno Kern ebenfalls hin, laut Erkenntnissen der US-amerikanischen Politologin Erica Chenoweth eine Minderheit von 3,5 Prozent der Menschen, die bereit sind, gewaltfrei und entschlossen aufzubegehren, ein genügend großes Protestpotential bilden, um die erforderliche gesellschaftliche Transformation zu erreichen. Also hoffe ich, dass sich eine solche kritische Masse in näherer Zukunft bildet. Und das angesichts der Brisanz der aktuellen Situation lieber heute als morgen!

Bruno Kern: Industrielle Abrüstung jetzt! Abschied von der Technik-Illusion. Metropolis-Verlag Marburg 2024. 211 Seiten. ISBN 978-3-7316-1563-7. 10 €.

Veröffentlicht am

15. Mai 2024

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