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Vandana Shiva: “Eine Erde für alle!”

Von Michael Schmid

"Neue Erde" ist ein kleiner, aber feiner Verlag mit Büchern "für Menschen, die auf dem Weg sind". 1984 gegründet, hat er mehr als 350 Titel mit einer Gesamtauflage von über einer halben Million veröffentlicht. Spezialisiert hat er sich auf die Themenbereiche Lebenskunst, Spiritualität und Umweltschutz. Er übersetzt auch internationale Titel in deutsche Sprache und gibt diese heraus. So im Jahr 2021 unter anderem zwei Bücher von Vandana Shiva. "Wer ernährt die Welt wirklich? Das Versagen der Agrarindustrie und die notwendige Wende zur Agrarökologie" (siehe Besprechung hier ) lautet der eine Titel, "Eine Erde für alle! - Einssein versus das 1 %" der andere.

In dem letztgenannten faktenreichen Buch zeigt Vandana Shiva unter Mitarbeit ihres Sohnes Kartikey Shiva wie eine kleine Gruppe superreicher Einzelpersonen, Stiftungen und Investmentfirmen die Kontrolle über unsere Lebensmittelversorgung, unser Informationssystem, unser Gesundheitswesen und unsere Demokratien immer weiter ausbaut. Laut ihrer Analyse leben wir in einer Zeit, in der 1 % der Menschen den Reichtum und die Macht kontrolliert und gleichzeitig unseren Planeten und unser gemeinsames Leben zerstört. Denn die Geldmaschine sei darauf programmiert, plattzuwalzen, zu zerstören, anzuhäufen, auszulagern und auszuschlachten. Zusammenschlüsse, Fusionen und Konzentration sei die einzige Logik, welche die Geldmaschine verstehe. Durch das ausbeuterische Modell von wirtschaftlicher "Entwicklung" und "Wachstum", die Kontrolle durch Konzerne und die von Gier getriebene Wirtschaft stehe die Menschheit vor einem Abgrund.

Vandana Shiva nimmt in diesem Buch auch Bill Gates genauer unter die Lupe und veranschaulicht, warum dessen Philanthropie-Kapitalismus eigentlich "Philanthropie-Imperialismus" ist. Er benutze sein Geld, um die demokratischen Strukturen der Gesellschaft zu umgehen. Seine Stiftung sei daran beteiligt, Alternativen zu seiner Vision zu unterdrücken oder zu verhindern. Er fördere eine totalitäre Weltsicht, die viele Bereiche präge: Gesundheit, Bildung, Landwirtschaft, Wirtschaft und Finanzen.

Aufgrund ihrer Analyse kommt Vandana Shiva zu der drastischen Feststellung, dass die Menschheit an einem Scheideweg ihrer Evolution stehe. Entweder würden wir uns dafür entscheiden, uns auf dem vom 1 % vorgezeichneten Weg weiter auf unser Aussterben zuzubewegen. Oder wir würden uns dafür entscheiden, als Mitglieder der Erdengemeinschaft die Samen der Zukunft zu säen.

Natürlich weiß jeder, der Vandana Shiva etwas kennt, dass sie sich dem vorgezeichneten Weg der Mächtigen entgegenstemmt und für Alternativen wirbt. Und dafür unermüdlich arbeitet. So schreibt sie in diesem Buch eindrücklich von ihrem Engagement in den vergangenen viereinhalb Jahrzehnten, das dem Erhalt der Ressourcen der Erde gilt. Dabei habe sie sich immer an Indiens Kampf für die Befreiung vom British Empire orientiert und sich von Gandhis Lehren inspirieren lassen. Zwar hätten sich die Zeiten seit dem indischen Befreiungskampf geändert, aber die Muster der Globalisierung blieben gleich: "Gewalt, Zerstörung der Freiheiten und Wirtschaft der Menschen, Übernahme von Dingen, die ihnen nicht gehören, Eintreiben ungerechter Abgaben, Schaffung von Konstrukten des Teilens und Herrschens." Da auch die Muster von Befreiung und Freiheit beständig seien, seien die drei Prinzipien Gandhis, die er im Laufe der Geschichte seiner Kämpfe und für die Durchsetzung von Freiheitsrechten herauskristallisiert habe, ihre Inspiration gewesen: "Swaraj: Selbstorganisation, Selbstbestimmung, Freiheit als Autopoiesis; Swadeshi: Selbstversorgung und Schaffung lokaler Ökonomien; und Satyagraha: die Kraft der Wahrheit, des kreativen zivilen Ungehorsams."

Ausführlich veranschaulicht Shiva, was diese Begriffe jeweils für ihr eigenes Engagement bedeuten. Dabei wird nochmals sehr deutlich, dass sie keine Scheu hat, sich mit Mächtigen anzulegen, z.B. mit Konzernen wie Monsanto-Bayer oder Persönlichkeiten wie Bill Gates. Sie macht dies auf unterschiedlichen Wegen und mit vielfältigen Mitteln. So gehören zahlreiche Kampagnen des zivilen Ungehorsams zu ihrem jahrzehntelangen Engagement. Darin sieht sie "die tiefste demokratische Praxis aller Zeiten, die Freiheit zu verteidigen."

"Eine Erde für alle!" - ein wichtiges, sehr lesenswertes Buch von Vandana Shiva. Es ist eine eindringliche Warnung vor der Fortsetzung eines Kurses, der in den Abgrund führt. Mit ihrer faktenreichen Analyse legt sie die Machtstrukturen offen, die genau diesen Weg befördern. Doch mit einer solchen Analyse allein, die eigentlich Anlass zum Verzweifeln sein könnte, gibt sich die Autorin glücklicherweise nicht zufrieden. Leidenschaftlich setzt sie sich für Alternativen ein und möchte zum eigenen Engagement von uns allen ermutigen.

Vandana Shiva, geb. 1952 im indischen Dehradun, ist Wissenschaftlerin, Autorin von mehr als 20 Büchern, soziale Aktivistin und Verfechterin von Ernährungssouveränität und Erddemokratie. Sie ist eine herausragende Persönlichkeit der weltweiten globalisierungskritischen Bewegung. Derzeit arbeitet sie in Delhi und in Dehradun im indischen Bundesstaat Uttarakhand, bei Navdanya, einer von ihr gegründeten, gemeinschaftsbasierten, von Frauen geführten Bio-Farm, die zugleich eine Schule, ein Café und ein Bauern-Kollektiv umfasst. In der Bio-Farm werden Agrarökologie, Saatgutfreiheit und eine Vision der Erddemokratie gelebt, die Gerechtigkeit für die Erde und alle Lebewesen anstrebt.

Vandana Shiva: Eine Erde für alle! – Einssein versus das 1 %: Aufstehen gegen die Monokultur von Wirtschaft und Weltsicht, Verlag Neue Erde, 2021. 192 Seiten, ISBN 978-3-89060-797-9, 18,00 €.

 

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Veröffentlicht am

21. August 2022

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