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Soziale Verteidigung in der Geschichte

Vortrag von Dietrich Becker-Hinrichs, Werkstatt für Gewaltfreie Aktion, 25. Mai 2022

Was ist Soziale Verteidigung? Wie sieht ziviler Widerstand gegen einen Aggressor aus? Zunächst einmal geht Soziale Verteidigung davon aus, dass es bei einer Okkupation nicht darum geht, ein Land, also ein Gebiet zu verteidigen, sondern die eigene Lebensweise, die eigene Kultur, die Meinungsfreiheit, die Demokratie. Und dies funktioniert gut mit gewaltfreien Mitteln.

Warum kann gewaltfreier Widerstand auch gegen einen mächtigen Aggressor wirksam sein?

Dazu ein paar wichtige Einsichten von Gene Sharp, einem der großen Vordenker gewaltfreien Widerstands. Er sagt, dass jede Form von Herrschaft auf bestimmten Voraussetzungen beruht. Macht ist nicht einfach da, sondern stellt eine Beziehung dar, die maßgeblich vom Einvernehmen Anderer abhängt. Ohne die Beherrschten kann ein Herrscher nicht herrschen, ohne Steuerbeamte keine Steuern eintreiben und ohne Ingenieure keine Brücken, Paläste oder Waffen bauen. Neben der Kontrolle materieller Ressourcen (Geld, Rohstoffe, Waffen, etc.), humaner Ressourcen und Wissen, nennt Sharp als "Säulen der Macht" explizit Furcht vor Repressionen, ökonomische Abhängigkeit der Menschen vom Status Quo und Respekt vor Autorität.

Dennoch ist diese Perspektive zutiefst ermutigend, denn daraus folgt: Wenn die Beherrschten ihr Einvernehmen entziehen und es ihnen gelingt, ein paar der anderen tragenden Säulen des Regimes ins Wanken zu bringen, können sie gewinnen. Wenn etwa immer mehr einflussreiche Unterstützer sich zurückziehen oder große Teile des Sicherheitsapparats Befehle verweigern, dann sind die Tage des Herrschers gezählt.

Ich möchte jetzt an einigen Beispielen aus der Geschichte illustrieren, wie es Menschen gelungen ist, trotz gewaltsamer militärischer Besetzung ihre Lebensweise zu verteidigen und die Macht des Aggressors zu schwächen.

Der Ruhrkampf: Ziel ökonomische Ausbeutung nicht erreicht

Ein Ziel eines Einmarsches kann es sein, die Kontrolle über die Wirtschaft eines Landes zu erreichen und das Land ökonomisch auszubeuten. Wie Widerstand hier aussehen kann, illustriert der Ruhrkampf. Der Ruhrkampf im Jahre 1923 war ein vorrangig mit zivilen Mitteln geführter Protest im Ruhrgebiet, als französische und belgische Truppen 1923 die Region besetzten, um Reparationen in Form von Kohle Stahl einzuziehen, nachdem Deutschland seinen Zahlungen, zu denen es im Versailler Vertrag verpflichtet worden war, nicht nachkam. Das Ruhrgebiet war nach dem Ersten Weltkrieg entmilitarisiert, die Deutschen konnten sich also nicht militärisch zu Wehr setzen.

Daraufhin rief die Reichsregierung die Bevölkerung zu "passivem Widerstand" auf. Die deutschen Eisenbahner weigerten sich, Züge mit Kohle und Stahl nach Frankreich zu fahren. Als dann die Franzosen die Lokführer austauschten und französische Lokführer einsetzten, kamen sie mit den deutschen Lokomotiven nicht zurecht. Die deutschen Eisenbahner hatten wichtige Teile entfernt und die Pläne mitgenommen. Es kam zu Generalstreiks. Die Franzosen mussten enorme Mittel aufwenden, um überhaupt etwas Kohle und Stahl nach Frankreich zu transportieren. Der Einsatz lohnte sich wirtschaftlich betrachtet überhaupt nicht. Nach knapp neun Monaten wurde der Widerstand abgebrochen; es folgten aber Verhandlungen, die zum Rückzug Frankreichs und Belgiens führten.

Norwegen 1942: Lehrerinnen widersetzen sich der Naziideologie Die Beispiele sind zusammengefasst in dem Buch "Gewaltfrei gegen Hitler?" Hg. Werkstatt für Gewaltfreie Aktion Baden, wwv.wfga.de .

Ein anderes Ziel einer militärischen Invasion kann es sein, das Land nicht nur militärisch zu unterwerfen, sondern ihm auch die eigene Ideologie aufzupflanzen. Dies versuchte Nazideutschland in Norwegen im Jahre 1942.

Nachdem der militärische Widerstand gegen die Besetzung Norwegens 1940 durch die Deutschen in kurzer Zeit zusammengebrochen war, organisierte sich sehr schnell ein breiter gewaltfreier Widerstand gegen die Besatzer.

Die wohl bekannteste Widerstandshandlung geschah bei dem Versuch, die Lehrerorganisation gleichzuschalten. Der seit dem Februar 1942 amtierende norwegische Ministerpräsident und Nationalsozialist Vidkun Quisling kündigte ein Gesetz zur Bildung eines NS-Lehrerverbandes an. Dem mussten alle Lehrer beitreten und dabei eine Verpflichtungserklärung unterschreiben, in der sie die Prinzipien der nationalsozialistischen Erziehung anerkannten.

Über 90 Prozent der 14.000 Lehrer kamen dieser Aufforderung nicht nach. Sie verdeutlichten dagegen in einer öffentlichen Erklärung, dass sie sich nicht gleichschalten lassen würden. Auch als mit der Entlassung der Lehrer gedroht wurde, erschienen alle weiterhin in ihren Schulen und unterrichteten nach den alten Regeln und Gesetzen weiter. Da sie kein Gehalt vom Staat mehr bekamen, wurden sie von den Eltern unterstützt. Außerdem schrieben 200.000 Eltern persönliche Briefe an das Kultusministerium und erklärten, dass sie ihre Kinder nicht im Geiste des Nationalsozialismus erziehen lassen wollten.

Schließlich griffen die Nationalsozialisten zu härteren Maßnahmen und schickten ca. 1.000 willkürlich ausgesuchte Lehrer in Straflager und KZs. Die Lehrer wurden in ein Konzentrationslager nach Grini gebracht. Im Lager erließ die Regierung ein Ultimatum an die gefangenen Lehrer, aber nur drei lenkten ein. 687 Lehrer wurden in Viehwagen in ein anderes Konzentrationslager, etwa 200 Kilometer von Oslo entfernt, gebracht. Auf den Bahnhöfen versammelten sich die Kinder und sangen für sie bei der Durchfahrt des Zuges Lieder. Die Lehrer gaben nicht nach und weigerten sich weiterhin zu unterschreiben. Am Ende gaben die Nazis nach. Die Lehrer wurden wieder freigelassen. Der von den Nationalsozialisten eingesetzte Ministerpräsident Quisling wird mit dem Satz zitiert, den er vor Lehrern in einer Oberschule in Stabbek gesagt haben soll: "Ihr habt mir alles zerstört."

Der zivile Widerstand in derCSSR 1968

Im August 1968 marschierten sowjetische Truppen in der CSSR ein, nachdem sich die tschechoslowakische kommunistische Partei auf einen Weg der Reformen begeben hatte, den sog. Prager Frühling. Dies wollte die Sowjetunion unterbinden.

Dem Beschluss der KPC gemäß rief Parteichef Dubcek dazu auf, auf gewaltsamen Widerstand zu verzichten, da dieser von vornherein aussichtslos sei. Von der tschechischen und slowakischen Bevölkerung wurde versucht, durch zivilen Ungehorsam und verschiedene Aktionen die Besetzung zu verlangsamen. So wurden Ortstafeln und Straßenschilder verdreht, übermalt, zerschlagen oder abmontiert, so dass ortsunkundige Besatzer in falsche Richtungen geschickt wurden. Tschechoslowakische Eisenbahner leiteten Nachschubzüge für die Rote Armee auf Abstellgleise. Tausende zumeist selbstgezeichnete Plakate, die die Besatzer verspotteten und zum gewaltfreien Widerstand aufriefen, wurden vorwiegend in Prag und Bratislava verteilt und an Häuserwände und Schaufenster geklebt. Auch der damalige Tschechoslowakische Rundfunk spielte eine große Rolle. So wurde unter dem damaligen Leiter Zdenek Hejzlar eine mobile Sendestation eingesetzt, um die Bevölkerung zu informieren.

Beeindruckend sind die Bilder von Menschen, die im Zentrum von Prag auf sowjetische Panzer klettern und mit den Soldaten diskutieren. Trotz aller Anstrengungen wurde der Widerstand nach sieben Tagen eingestellt, im Gegensatz zu anderen Widerstandsbewegungen, die zusammengebrochen sind, wurde der tschechische Widerstand nicht durch das Militär gebrochen, sondern von der eigenen Regierung beendet.

Das kam so: 22. August: Staatspräsident Svoboda flog nach Moskau, um direkte Verhandlungen aufzunehmen. Gefangen genommene Regierungsmitglieder, darunter Alexander Dubcek (neuer Parteiführer), wurden auf Bemühen Svobodas zu den Verhandlungen hinzugezogen. Isoliert von ihrer Bevölkerung, ohne Informationen über die Geschehnisse in ihrem Land und einem gewaltigen Druck ausgesetzt, stimmten Dubcek und die anderen Regierungsmitglieder nach vier Tagen dem "Moskauer Protokoll" zu. Zugeständnisse auf beiden Seiten, so schien es zunächst, waren ausgehandelt worden….

Die Sowjetunion zog aber in den nächsten Monaten ihre Zugeständnisse stückweise ab bzw. interpretierte sie um. Das Ergebnis gleicht einer Kapitulation nach gewonnener Schlacht.

Die singende Revolution 1988 -1991 in den baltischen Staaten - ein Beispiel für soziale Verteidigung.

Bei der singenden Revolution im Baltikum zwischen 1988 und 1991 wurden zahlreiche Methoden der Sozialen Verteidigung erfolgreich eingesetzt. Die drei Länder Estland, Lettland und Litauen strebten Ende der Achtziger Jahre danach, unabhängig von der Sowjetunion zu werden. In Estland gab es die Tradition großer Sängerfeste, bei denen sich zehntausende Menschen zum gemeinsamen Singen vor einer großen Bühne versammeln, im Rahmen eines solchen großes Sängerfestes entstand die estnische Nationalhymne, die obwohl sie verboten war, von Zehntausenden von Menschen gesungen wurde. Das gemeinsame Singen stärkte den Zusammenhalt enorm.

Im August 1989 bildeten zwei Millionen Menschen eine Menschenkette über 600 km durch die drei baltischen Staaten. Sie demonstrierten für ihre Unabhängigkeit. Als die Bestrebungen für eine Loslösung von der Sowjetunion ihren Höhepunkt erreichten, ließ der sowjetische Präsident Gorbatschow sowjetische Panzer rollen. Er wollte auf jeden Fall und mit allen Mitteln verhindern, dass Lettland, Estland und Litauen unabhängig würden. Russische Soldaten sollten das Parlament in Vilnius einnehmen, wo gerade die Parlamentsversammlung tagte. Und sie sollten den Fernsehturm erobern und so die Gewalt über die Medien übernehmen. Damals bildeten zehntausende von Menschen mit ihren Körpern eine menschliche Mauer vor dem Parlament und um den Fernsehturm. Es gab Diskussionen mit den Soldaten. Manche schossen in die Menge. Tatsächlich kamen beim sog. Blutsonntag von Vilnius am 13. Januar 1991 14 Menschen durch Gewehrfeuer russischer Soldaten ums Leben. Aber am Ende siegte der gewaltfreie Widerstand. Heute gehört die Soziale Verteidigung zum offiziellen Verteidigungskonzept der Regierung in den baltischen Staaten, als eine mögliche Idee.

Soziale Verteidigung ist riskant

Natürlich ist auch gewaltfreier Widerstand nicht ohne Risiko. Das zeigt das Beispiel vom Blutsonntag in Vilnius. Okkupanten werden möglicherweise auch auf unbewaffnete Zivilist*innen schießen. Es gehört sehr viel Mut dazu, sich unbewaffnet vor Panzer zu stellen oder eben alle Befehle und Anordnungen zu verweigern. Aber die erfolgreichen Beispiele aus der Geschichte zeigen, dass in der Regel die Verluste bei gewaltfreiem zivilem Widerstand wesentlich geringer sind als bei militärischem Widerstand. Weil der gesamte Konflikt eine andere Eskalationsdynamik hat.

Immer wird behauptet, gewaltfreier Widerstand funktioniere nur, wenn der Gegner gewisse zivilisierte Umgangsformen hat. Gegen ein anderes Imperium als das vergleichsweise milde der Briten hätte Gandhi keine Chance gehabt. Das ist so nicht richtig. Die Briten waren eine brutale Kolonialmacht, die auf wehrlose Menschen geschossen haben und Hunderte umbrachten, man denke nur an das Massaker von Amritsar aus dem Jahre 1919. ich empfehle dazu den Gandhifilm.

Und dann wird meistens hinzugefügt, gegen Hitler hätte man mit gewaltfreiem Widerstand keine Chance gehabt.

Es gab aber durchaus während des zweiten Weltkrieges sehr erfolgreichen gewaltfreien Widerstand gegen Nazideutschland, auch gegen den Völkermord an den Juden.

Im Jahre 1964 veröffentlichte die Philosophin Hannah Arendt ein Buch mit dem Titel Eichmann in Jerusalem - Ein Bericht von der Banalität des Bösen über den Prozess gegen den SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann in Jerusalem. Arendt stellt unter anderem die Deportation der Juden aus allen europäischen Ländern dar.

Dabei macht sie eine erstaunliche Feststellung: "Wenn es hart auf hart kam, verfügten die Nazis, wie sich zeigte, weder über genug Personal noch über die entsprechende Willenskraft, um hart zu bleiben. Gerade bei den Leuten in Gestapo und der SS paarte sich Rücksichtslosigkeit keineswegs mit Härte; auch die Rücksichtslosesten unter ihnen zeigten eine erstaunliche Neigung umzufallen, sobald sie mit entschlossenem Widerstand konfrontiert waren." Unter "entschlossenem Widerstand" verstand Arendt gewaltfreien offenen Widerstand.

Die Rettung der Juden in Dänemark

Während des Zweiten Weltkriegs gelang es in Dänemark fast sämtliche Juden und Jüdinnen zu verstecken und nach Schweden zu bringen. Dänemark war von den Deutschen besetzt. Aber mit gewaltfreien Mitteln gelang es, 90% der dänischen Jüdinnen und Juden zu retten. Die Regierung in Kopenhagen hatte von Anfang an eine unbeugsame Haltung in der Judenfrage eingenommen. Jegliche antijüdische Gesetzgebung wurde als verfassungswidrig abgelehnt. Das gesamte Kabinett drohte mit dem Rücktritt und der dänische König Christian X. kündigte an, den gelben Judenstern selbst zu tragen, sollte er in Dänemark eingeführt werden. Fast alle der ca. 7.000 dänischen Juden und Jüdinnen wurden schließlich 1943 durch Mithilfe der Bevölkerung nach Schweden evakuiert.

Die orthodoxe Kirche in Bulgarien stellte sich schützend vor die bulgarischen Juden

In Bulgarien wurden durch den Einsatz der orthodoxen Kirche sämtliche jüdischen Menschen vor der Deportation gerettet, in Bulgarien war der Antisemitismus vor dem Krieg fast bedeutungslos, die rund 50.000 jüdischen Menschen waren gut integriert. Als 1940 die neue Regierung unter Bogdan Filow sich Deutschland annäherte und eine zunehmend antisemitische Politik startete, rief dies heftige Proteste in der öffentlichen Meinung hervor, besonders seitens der orthodoxen Kirche. Mit Hilfe der Bevölkerung entstand 1942 eine Welle des Widerstandes gegen das Tragen des gelben Sterns. Als es schließlich auf Druck der deutschen Regierung 1943 zu ersten Deportationen kommen sollte, rief dies die Öffentlichkeit erneut auf den Plan. Parlamentarier verfassten eine Petition, Bischof Kiril von Sofia drohte eine Kampagne zivilen Ungehorsams an, die auch nicht davor haltmachen würde, sich persönlich vor die Deportationszüge zu legen, falls der Operationsplan ausgeführt werden sollte. Der Metropolit von Sofia feierte eine öffentliche Messe auf dem Marktplatz in Sofia und stellte sich schützend vor den Oberrabbiner von Sofia, den er in seinem Haus aufnahm.

Der geschlossene öffentliche Druck aus den Kirchen und dem Parlament wirkte: Adolf Eichmann musste die Anweisung zur Deportation der bulgarischen Jüdinnen und Juden zurücknehmen. Bulgarien ist das einzige Land in Europa, in dem nach dem Zweiten Weltkrieg mehr jüdische Menschen lebten als vor dem Krieg.

Die Frage der Repression

In einer großen Studie aus dem Jahre 1989 "Sans armes face ä Hitler. La resistance civile en Europe 1939 - 1943" Titel der deutschen Ausgabe: Jacques Semelin, Ohne Waffen gegen Hitler, Eine Studie zum zivilen Widerstand in Europa Frankfurt 1995. beschreibt Jacques Semelin, dass ziviler Widerstand in zahlreichen Ländern im von Deutschen besetzten Europa Wirkung entfalten konnte z.B. auch in Norwegen oder den Niederlanden. Während der militärische Widerstand die Wut der Nationalsozialisten weiter entfachte und den Völkermord in den Todeslagern über lange Zeit nicht aufhalten konnte, leisteten gleichzeitig in den von Nazis besetzten Ländern Tausende von Menschen erfolgreich zivilen Widerstand.

Das scheint auf den ersten Blick völlig absurd zu sein, zeigt aber die unterschiedliche Wirkungsweise von militärischem Eingreifen und zivilem Widerstand. Die Studie von Semelin zeigt auch, wie relativ hilflos die Nationalsozialisten in den besetzten Ländern auf gewaltfreien Widerstand reagierten. Auf Anschläge von Partisanen reagierten sie äußerst brutal und mit großer Härte. Aber gegenüber zivilem Widerstand, z.B. in Form von Nichtzusammenarbeit oder Streiks oder angesichts der offen ausgesprochenen Solidarität gegenüber Minderheiten, fanden sie nur wenig Machtmittel. Der britische Militärhistoriker Liddell Hart, der nach dem Krieg deutsche Generäle in Kriegsgefangenlagern zu den verschiedenen Formen des Widerstands befragte, äußert dazu: "Die Erklärungen der Generäle reflektierten die Effizienz des unbewaffneten Widerstands… Ihren eigenen Angaben zufolge sahen sie sich außerstande, ihm zu begegnen. Sie waren Experten der Gewalt und für die Konfrontation mit der Gewalt ausgebildet. Andere Aktionsformen brachten sie aus dem Gleichgewicht - und dies umso mehr, je subtiler und verdeckter die angewandten Mittel waren. Sie waren geradezu erleichtert, wenn der Widerstand Gewalt anzuwenden begann und wenn zu den gewaltfreien Methoden Guerillaaktionen dazukamen. Denn es war ungleich einfacher, schwere Repressionsmaßnahmen gegen die beiden letztgenannten Widerstandsformen durchzusetzen." Ebd. S. 179. (Lideil Hart 1969, 205).

Die Tragödie ist demnach nicht, dass gewaltfreie Widerstandsmethoden nicht auch unter der Herrschaft des Nationalsozialismus funktioniert hätten, sondern eher, dass sie so selten angewandt wurden. Man hätte sich mehr Länder wie Dänemark, Bulgarien oder Frankreich gewünscht oder Menschen wie den schwedischen Diplomaten Raul Wallenberg, der mit einer kleinen Schar von Helfern, allein mit diplomatischen Mitteln, mindestens 10.000 ungarische Juden vor der Deportation nach Auschwitz rettete.

Gewaltfreier Widerstand kann auch scheitern

Natürlich kann gewaltfreier Widerstand auch scheitern. Genauso wie militärischer Widerstand. Auch das belegen historische Beispiele. Wie schon erwähnt wurde der gewaltfreie Widerstand der Menschen in der CSSR nach zehn Tagen eingestellt. Nach einem beeindruckenden zehntägigen gewaltfreien Kampf musste die Bevölkerung nachgeben. Es gab aber so gut wie keine Tote. Und der Widerstand von Vazlav Havel und anderen Dissident*innen ging danach im Untergrund weiter. Der gewaltfreie zivile Widerstand kann nach einer Niederlage eine Zeitlang ruhen und später wieder aufgenommen werden. So war es auch in der CSSR: Nach 20 Jahren konnten die Menschen in der CSSR mit großen gewaltfreien Aktionen ihre Unabhängigkeit erringen. Hätten die Menschen sich im Jahre 1968 mit Waffen gewehrt, hätte es viele Tote gegeben und diese hätten ihre Unabhängigkeit nicht mehr miterleben können.

Gewaltfreier Widerstand ist kein Patentrezept. Aber er ist wirksam, er kann gelingen und scheitert auch manchmal, wie auch jede militärische Schlacht. Man braucht eine gute Ausbildung dafür und intensives Training. Und wenn man sich die zahlreichen erfolgreichen historischen Beispiele vor Augen führt, dann lohnt es sich, auf zivilen Widerstand zu setzen. Ich danke euch für die Aufmerksamkeit.

Quelle:  Werkstatt für Gewaltfreie Aktion, Baden .

Fußnoten

Veröffentlicht am

17. Juni 2022

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