Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

Ihre Spende ermöglicht unser Engagement

Spendenkonto:
Bank: GLS Bank eG
IBAN:
DE36 4306 0967 8023 3348 00
BIC: GENODEM1GLS



Suche in www.lebenshaus-alb.de
 

Nein zum Krieg in der Ukraine! Ja zu Sozialer Verteidigung!

Erklärung der Werkstatt für Gewaltfreie Aktion, Baden - 6. März 2022

Es herrscht wieder Krieg in Europa. In einem Angriffskrieg sind russische Truppen auf Befehl der russischen Regierung unter Wladimir Putin in der Ukraine einmarschiert. Schon jetzt gibt es viele Tote und Verwundete. Es drohen weitere Eskalationen.

Wir sind solidarisch mit den Menschen in der Ukraine, mit allen, die unter diesem Krieg leiden, mit denen, die flüchten und Schutz suchen. Ihnen allen jetzt offene und unbürokratische Aufnahme in unserem Land zu geben, muss eine Selbstverständlichkeit sein. Und wir unterstützen humanitäre Hilfe in jeglicher Hinsicht.

Wie kann Hilfe für die Menschen in der Ukraine außerdem aussehen?

Druck auf den russischen Präsidenten Wladimir Putin kann auf vielfache Weise ausgeübt werden. Wir sind beeindruckt von den Demonstrierenden, die in Russland jeden Tag auf die Straße gehen und dabei viel riskieren. Wissenschaftler*innen, Ärzt*innen, Künstler*innen lehnen diesen Krieg ab und äußern dies auch öffentlich. Wir halten auch Sanktionen für richtig, wenn sie primär den politisch und wirtschaftlich Mächtigen schaden und nicht der breiten Bevölkerung. Russische Soldaten, die desertieren, sollten in Deutschland politisches Asyl erhalten.

Ob Waffenlieferungen in die Ukraine helfen, den Krieg zu beenden? Wir bezweifeln das. Jede Lieferung von Waffen verlängert diesen Krieg, der militärisch gegen die Übermacht der russischen Truppen vermutlich nicht gewonnen werden kann. Wir nehmen wahr, wie dieser Krieg eskaliert und wie immer mehr Menschen getötet werden. Je länger dieser Krieg andauert, desto größer wird das Leiden der Menschen in der Ukraine.

Wir erleben, dass auch hier in Deutschland unter dem Eindruck des Krieges die Aufrüstung und Militarisierung unseres Lebens vorangetrieben wird. Die angekündigte massive Aufrüstung der Bundeswehr erfüllt uns mit großer Sorge. Wir lehnen sie ab! Sie wird keinen Frieden bringen.

Mit großem Respekt nehmen wir wahr, dass es Menschen in der Ukraine gibt, die mit bloßen Händen auf Panzer zugehen, mit den russischen Soldaten reden und manchmal sogar die Panzer zum Umdrehen bringen. Dieses Vorgehen erfordert viel Mut und Zivilcourage. Sie zeigen uns mit diesem Vorgehen, was auch möglich wäre.

Die soziale, gewaltfreie Verteidigung ist eine durchaus wirksame Waffe. Die Geschichte des Zweiten Weltkrieges zeigt, dass es viele Fälle gab, wo gewaltfreier Widerstand erfolgreich gegen die Nazis eingesetzt wurde, auch zur Rettung von Jüdinnen und Juden und zur Bewahrung der eigenen Integrität. Beispiele aus Dänemark, Norwegen und Bulgarien belegen dies. Wir haben diese Beispiele in der Werkstatt für Gewaltfreie Aktion gesammelt in unserem Buch "Gewaltfrei gegen Hitler".

Wer sich mit gewaltfreien Mitteln zur Wehr setzt, kapituliert nicht. Selbst wenn Russland die Ukraine militärisch besiegen würde, könnte die russische Regierung dieses große Land nicht so einfach regieren. Wenn sich 44 Millionen Menschen der Zusammenarbeit verweigern, gelingt keine dauerhafte Besatzung, auch nicht unter Einsetzung einer Marionettenregierung. Die Menschen in der Ukraine haben in der jüngsten Vergangenheit gezeigt, wie viel Kraft in zivilem, gewaltfreiem Widerstand steckt.

Der polnische Politologe Maciej Bartkowski, der in den USA am International Center for Nonviolent Conflict lehrt und forscht, hat jüngst darauf hingewiesen, dass es in der Ukraine vor dem Krieg eine große Bereitschaft gab, im Falle eines russischen Angriffs zivilen Widerstand zu leisten.Siehe "Ukrainians vs. Putin: Potential for Nonviolent Civilian-based Defense" , in deutscher Übersetzung "Ukrainer gegen Putin: Potenzial für gewaltfreie zivile Verteidigung?" (PDF).  Ziviler Widerstand ist eine ernstzunehmende Alternative zum Krieg, auch zu einem gemäß dem Völkerrecht legitimen Verteidigungskrieg.

Der ukrainische Pazifist Jurij Scheliashenko schreibt am 27. Februar 2022:

"Die Ukrainische Pazifistische Bewegung verurteilt alle Militäraktionen auf Seiten Russlands und der Ukraine im Kontext des aktuellen Konflikts. Wir verurteilen die militärische Mobilisierung und Eskalation innerhalb und außerhalb der Ukraine, einschließlich der Androhung eines Atomkriegs. Wir rufen die Führung beider Staaten und Streitkräfte auf, zurückzutreten und sich an den Verhandlungstisch zu setzen. Frieden in der Ukraine und auf der ganzen Welt kann nur auf gewaltfreiem Weg erreicht werden. Krieg ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Deshalb sind wir entschlossen, keinerlei Krieg zu unterstützen und uns um die Beseitigung aller Kriegsursachen zu bemühen.

Es ist schwer, jetzt ruhig und vernünftig zu bleiben, aber mit der Unterstützung der globalen Zivilgesellschaft ist es einfacher. Freunde aus vielen Ländern zeigen Solidarität und fördern aktiv den Frieden mit friedlichen Mitteln in und um die Ukraine. Wir sind hier zutiefst dankbar und inspiriert." Und er fährt fort:

"Die meisten Menschen schlingern intuitiv zwischen einer Kultur des Friedens und der Gewaltlosigkeit einerseits und einer Kultur des Krieges und der Gewalt andererseits hin und her. Pazifisten sollten den guten Weg zeigen. Gewaltlosigkeit ist ein viel effektiveres und fortschrittlicheres Instrument für globale Governance, soziale und ökologische Gerechtigkeit, als die Wahnvorstellungen über systemische Gewalt und Krieg als Allheilmittel, als wundersame Lösung für alle sozioökonomischen Probleme."

Wir vermuten und befürchten, dass diese Gedanken in der jetzigen kriegsbereiten Stimmung in unserem Land belächelt und nicht ernst genommen werden. Aber wir möchten sie vor allem auch denjenigen in der Friedensbewegung nicht vorenthalten, die jetzt schwankend geworden sind und meinen, Waffenlieferungen würden Frieden bringen. Unser Platz als Menschen aus der Werkstatt für Gewaltfreie Aktion ist an der Seite der Opfer dieses Krieges und an der Seite der ukrainischen und russischen Pazifist*innen.

Dietrich Becker-Hinrichs im Namen des Vorstands und Arbeitsausschusses der Werkstatt für Gewaltfreie Aktion, Baden

Quelle:  Werkstatt für Gewaltfreie Aktion, Baden - Erklärung vom 06.03.2022.

Weblinks:

Fußnoten

Veröffentlicht am

08. März 2022

Artikel ausdrucken