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1945: Bombige Fake News

Zeitgeschichte: Die "New York Times" legt sich energisch für die US-Kernwaffen ins Zeug. Ihr Reporter William Laurence darf in die Maschine steigen, die den Tod nach Nagasaki bringt

Von Konrad Ege

Zu Beginn des Atomzeitalters in den 1940er Jahren musste die US-Bevölkerung auf eine Zukunft mit mächtigen und schrecklichen Nuklearwaffen eingestellt werden. Dabei wurden die anfänglichen Medienberichte von einem enthusiastischen Wissenschaftsjournalisten der renommierten New York Times geprägt. Dieser William Laurence war dank eines außergewöhnlichen Arrangements für die Zeitung wie auch die Army tätig und der einzige "Embedded"-Reporter beim Manhattan-Projekt zum Bau der Atombombe. Den Begriff "Fake News" gab es damals noch nicht.

Der Zweite Weltkrieg ging für die Vereinigten Staaten am 6. und 9. August 1945 mit dem Abwurf von Atombomben auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki zu Ende. Bei aller Siegesfreude mussten Präsident Harry Truman und das Militär nun die Bedeutung der unter strenger Geheimhaltung gebauten schrecklichen Waffen erklären. Was hatte man vollbracht? PR-Expertise war gefragt. Die Welt hatte noch am 6. August vom Abwurf auf Hiroshima erfahren, indem das Weiße Haus eine vorbereitete Presseerklärung verbreitete. Präsident Truman war als Passagier des Kreuzers USS Augusta auf dem Heimweg von der Potsdamer Konferenz. "Vor 16 Stunden hat ein amerikanisches Flugzeug eine Bombe auf Hiroshima abgeworfen", hieß es in der Mitteilung. Es sei eine Atombombe gewesen. Japan müsse aufgeben. Die USA würden die japanische Kriegskapazität "vollkommen zerstören". Die neue Waffe verkörpere "die Nutzbarmachung der elementaren Kräfte des Universums". Weiter wurde beteuert, die Kernkraft solle zum "Erhalt des Weltfriedens" eingesetzt werden.

Autor dieses Statement war ein Mann, der als Vater der modernen PR-Industrie gilt: Arthur Page, 1927 - 1947 Vizepräsident des Telefonkonzerns AT&T, dazu Freund von Kriegsminister Henry Stimson. Dieser hatte Page rekrutiert, um die Öffentlichkeitsarbeit der Army auf Vordermann zu bringen. Heute ist ein Berufsverband für Public-Relations-Fachleute nach Page benannt, die Arthur W. Page Society. Die Website des Museum of Public Relations in Manhattan erzählt davon, welche Rolle Page seinerzeit spielte.

Jüngst nun hat die New York Times kritisch Rückschau gehalten und ihren Anteil an den damaligen PR-Anstrengungen beleuchtet. Ein Text im August resümierte fragwürdige Interna unter der Überschrift: Wie ein Star-Reporter der "Times" von Regierungsbehörden bezahlt wurde, über die er berichtete. Es ging fast bekenntnishaft um den früheren Times-Wissenschaftsreporter William Laurence. Dieser bekam mit Wissen der Times-Verantwortlichen Geld von der US-Army, während er Mitte der 1940er Jahre über die Entwicklung der Atombombe und die nukleare Zukunft schrieb. Laurence sei ein "Apologet für das amerikanische Militär" gewesen. Und genau dafür offenbar der richtige Mann. Er habe eine "messianische Auffassung zu Wissenschaft und Technologie" gehabt, schreibt der Historiker Alex Wellerstein in seinem Restricted Data: The History of Nuclear Secrecy in the United States (2021), das die Geschichte von Laurence und der Bombe aufdeckt.

Laurence’ Vita wirkt bizarr. In Litauen als Leib Wolf Siew geboren und 1905 mit 17 Jahren in einem leeren Fass für Essiggurken aus dem Land geschmuggelt, kam der junge Mann in die USA, überlebte mit Gelegenheitsarbeiten in New York und Boston, studierte und wurde William Laurence. Die Inspiration für diesen Namen kam von einer gleichnamigen Straße, in der er zeitweilig wohnte. Er konnte gut schreiben, landete dann 1930 bei der New York Times und machte sich schließlich einen Namen als Autor in der neuen Sparte Wissenschaft.

Das fiel General Leslie Groves auf, Direktor des Manhattan-Projekts, der die Times-Redaktion im Frühjahr 1945 besucht und Laurence als publizistischen Begleiter gewonnen habe, vermerkt Wellerstein. Verleger Arthur Hays Sulzberger sei stolz gewesen, dass jemand von der Zeitung für "einen wichtigen Kriegsdienst" ausgewählt wurde, heißt es in der offiziellen Geschichte des Blattes. Laurence sollte sich später beschweren, das Management habe sein Gehalt nicht angepasst. Anfangs sollte Laurence Presseerklärungen abfassen, unter anderem über den ersten Kernwaffentest in New Mexico am 16. Juli 1945. Die Army ließ mehrere Mitteilungen vorbereiten, war doch niemandem klar, wie "Operation Trinity" ausgehen würde. Ein Munitionslager sei in die Luft geflogen, behauptete eine Version. Alles in allem sei die Army unzufrieden gewesen, weil Laurences nicht die erwünscht nüchternen Texte schrieb, so der Historiker Wellerstein. Später habe man ihn für Zeitungsartikel eingeteilt über die Bombenabwürfe und das sich anbahnende atomare Zeitalter.

Als "Embedded"-Journalist wurde Laurence großzügig Zugang zum atomaren Projekt gewährt. Als einziger Reporter durfte er bei der Bombardierung von Nagasaki mitfliegen. Die Bombe sei "etwas Wunderschönes" (a thing of beauty), schwärmte Laurence in der Times über das Laden der tödlichen Fracht und erhielt für diesen Beitrag wie darauffolgende Texte den Pulitzer-Preis. Ein am 12. September 1945 gedruckter Artikel folgte dem Verlangen der Militärs, die Stärke der Waffe groß- und den Horror der Radioaktivität kleinzureden. Die "japanische Propaganda" stimme nicht, wonach "Strahlungen verantwortlich seien für Todesfälle noch Tage nach der Explosion" in Hiroshima, schrieb Laurence in der Times unter Berufung auf "japanische Quellen" und General Groves. Über die furchtbaren Auswirkungen der Radioaktivität lagen begrenzte Informationen vor, doch hätte man mehr wissen können, etwa durch die Lektüre des Londoner Daily Express vom 5. September 1945. Dessen Korrespondent Wilfred Burchett war auf eigene Faust mehr als 650 Kilometer von Tokio nach Hiroshima gereist. Und so begann sein Artikel: "Dreißig Tage nachdem die erste Atombombe diese Stadt zerstört hat (…), sterben Menschen, die bei der Katastrophe unverletzt blieben, weiterhin auf mysteriöse und schreckliche Weise an einem unbekannten Phänomen, das ich nur als atomare Seuche bezeichnen kann." Kleine Wunden seien nicht verheilt. Es gebe Kopfschmerzen, Schwindelgefühle, Zahnfleischbluten, die Menschen hätten Blut gespuckt. Und dann seien sie gestorben. Wissenschaftler vor Ort hätten ihm gesagt, so Burchett, all das käme von der "Radioaktivität, die bei der Detonation der Bombe freigesetzt worden ist".

Während Laurence und das US-Militär die Folgen der Radioaktivität bestritten, war Reporter George Weller von den Chicago Daily News als erster US-Korrespondent nach Nagasaki vorgedrungen. Die "seltsame Krankheit der Atombombe", schrieb Weller am 9. September 1945, "raubt weiter Leben. Männer, Frauen und Kinder mit keinerlei äußeren Anzeichen von Verletzung sterben täglich in den Krankenhäusern." Manche hätten gehofft, "sie seien entkommen (…) Aber sie sind tot, tot durch die Atombombe. Und niemand weiß, warum." Der 2002 verstorbene Weller hatte sein Manuskript vorschriftsgemäß der US-Militärzensur übergeben, wo das Material sicher begraben lag, bis Wellers Sohn Antony im Jahr 2005 einen Durchschlag entdeckte. Heute sind die Recherchen nachzulesen in dem Buch First into Nagasaki.

Die New York Times hat im August 2021 neben dem selbstkritischen Text über William Laurence noch einen weiteren Reporter erwähnt, der 1945 Artikel verfasst habe, mit denen "dem Kriegsministerium, dem Manhattan-Projekt, der ‚New York Times’ und ihrem Star-Reporter widersprochen" wurde.

Der Journalist namens Charles Loeb schrieb für die National Negro Publishers Association, einen Verbund afroamerikanischer Zeitungen. Loeb habe sich mit Japanern beschäftigt, die anscheinend an Folgen der Radioaktivität gestorben seien, so die NYT. Im Juni 1946 musste die US Strategic Bombing Survey, eine Untersuchung zu den Konsequenzen des Luftkrieges gegen Japan, das tödliche Verhängnis einräumen. William Laurence starb 1977. Seinen Pulitzer-Preis hat er behalten.

Quelle: der FREITAG vom 26.10.2021. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Konrad Ege und des Verlags.

Veröffentlicht am

26. Oktober 2021

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