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USA: Trümmer rauchen nicht ewig

Präsident Biden stellt Gewissheiten infrage, die in den 20 Jahren seit 9/11 stets unangreifbar waren

Von Konrad Ege

Mit dem Krieg in Afghanistan machen die USA Schluss, und Präsident Biden versucht kurz vor dem Jahrestag von 9/11 eine Neuorientierung der seit den Anschlägen dominierenden Sicherheitspolitik. Das ist schwierig. Manche Politiker und Unternehmen haben trotz der Niederlage profitiert vom Kriegskurs. Nach 9/11 gab es den Schock und sehr bald die rechtschaffene Überzeugung, wer so angegriffen wird, darf und muss zurückschlagen. Vorrangig in Afghanistan, wo die Drahtzieher geplant haben sollen, und überall, wo Feinde lauern. Aus Leid und Entsetzen heraus begannen die Führungen der westlichen Nationen eine Ära der "neuen Kriege" in einer Welt, die sauber aufgeteilt war in Gut und Böse.

Wenige Tage nach den Anschlägen stimmte Präsident George W. Bush seine Landsleute ein: Sie sollten eine so noch nie erlebte, "ausgedehnte Kampagne erwarten". Mit dramatischen Schlägen, die man im Fernsehen sehen werde, und verdeckten Operationen, die selbst bei Erfolg geheim blieben. Nach dem Unheil von 9/11 fand Bush kaum Gegenrede. Viele Menschen hatten Angst.

Anruf aus dem 83. Stock

In Texten zur Zerstörung des World Trade Center in Manhattan steht häufig, dieser 11. September 2001 sei ein außergewöhnlich schöner Herbsttag gewesen. Um 8.46 Uhr Ortszeit schlug eine entführte Passagiermaschine in den mehr als 400 Meter hohen Nordturm ein und wenig später ein zweites Flugzeug in den Südturm. Schnell waren Notrufzentralen überwältigt von panischen Anrufen Hilfesuchender. Bleiben Sie, wo Sie sind, jemand wird kommen und Ihnen helfen, versicherten Dispatcher anfangs. Bleiben Sie ruhig. Ich kann nichts sehen, schrie eine Anruferin voller Angst aus dem 83. Stockwerk. Es habe eine Explosion gegeben. Sie fühle die Hitze und werde sterben. Die Anruferin atmete schwer. Sie gab der Dispatcherin ihren Namen. Ob man sie mit ihrer Mutter verbinden könne, fleht sie vergebens. Rauch bedeckte einen Teil von Manhattan. Hellgrauer Staub von den einstürzenden Türmen fiel auf Straßen und fliehende Menschen. Rund 3.000 kamen um in New York, beim Einschlag einer dritten Maschine in das Pentagon und beim Absturz einer vierten, möglicherweise auf dem Weg nach Washington.

Die US-Antwort lautete wie selbstverständlich Krieg, nicht nur gegen die mutmaßlichen Drahtzieher und deren Helfer in Afghanistan, sondern gegen "den Terrorismus". Manche Planer wollten die Gunst der Stunde nutzen, um nach dem Muster "regime change" aufzuräumen bei den Unliebsamen im Nahen Osten. Die Idee, die USA könnten in Afghanistan ein starkes Militär aufbauen, erschien führenden Denkern auf dem Papier gar nicht so abwegig. Das Kriegerische wurde anfangs unterstützt von einem großen Teil der Bevölkerung. Was konnte man sonst tun gegen die Massenmörder?

Gemessen an all den vermeintlichen Gewissheiten hat Joe Biden, der jahrzehntelang einen Mitgliedsausweis beim "Team Establishment" besaß, in seiner Ansprache am 31. August zum Afghanistan-Ausstieg vieles infrage gestellt, was seit 9/11 als wegweisend galt. Vornehmlich die Idee, mit militärischer Kraft und politischem Beiwerk demokratische Nationen aufzubauen. Wie viel seine Rhetorik konkret bedeutet, kann niemand sagen. Eine Friedensrede hat er nicht gehalten, eher einen Ausblick auf eine veränderte Machtausübung gegeben. Die USA würden weiterhin gegen den Terrorismus kämpfen, man habe Kapazitäten, die das ermöglichten ohne "American Boots on the Ground", sprich: ohne Bodentruppen. Im Fernsehen sprechen die üblichen Experten über Drohnen und Luftangriffe von Flugzeugträgern aus.

Ex-Präsident Bush und Ehefrau Laura Bush bekannten zum Kriegsende, angesichts der "tragischen Ereignisse, die sich in Afghanistan entfalten", Mitgefühl mit Afghanen und dankten den Streitkräften, die Amerika geschützt hätten "vor weiteren Terrorangriffen". Manche der alten Krieger stimmen Biden nicht zu: 20 Jahre seien "nicht lang genug" gewesen, um eine stabile Regierung nach Afghanistan zu bringen, schrieb Bushs einstige Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice.

Kriege "brechen aus" und dauern auch deshalb, weil Geld gemacht wird. In Afghanistan und später im Irak hat das US-Verteidigungsministerium Dienstleistungen auf private Unternehmen verlagert wie nie zuvor. Bis zum bitteren Schluss: 17 Firmen haben in den Monaten vor Kriegsende Aufträge im Wert von beinahe einer Milliarde Doller bekommen, mit einem Enddatum erst lange nach dem ursprünglich auf den 1. Mai angesetzten Abzugsdatum. Ein Kriegsgewinnler par excellence ist das Unternehmen CACI International mit Sitz im Staat Virginia und mehr als 20.000 Beschäftigten. Noch 2019 hatte die Firma einen Vertrag im Wert von 907 Millionen Dollar erhalten zur Unterstützung der US-Geheimdienste in Afghanistan.

In der Sicherheitsfachpresse heißt es, dass CACI werde seine durch den Abzug erlittenen Verluste wohl mehr als wettmachen durch weiter wachsende US-Militärausgaben bei neuen Technologien. Laut Defense News ist nach Ansicht des Unternehmens die "Modernisierung des Militärs wegen der Rivalität mit Russland und China" wie die überparteiliche Zustimmung in Washington zu Cyber-Fähigkeiten, Grenzschutz und elektronischem Equipment ein "möglicher Segen". Biden meinte in seiner Rede, dass man nicht die Bedrohungen von 2001 angehen müsse, sondern die von 2021. Die USA stünden in Konkurrenz zu China und hätten es mit russischen Herausforderungen "an mehreren Fronten" zu tun.

Militärkommandeure bleiben auch im Geschäft, wenn sie verlieren. Im Ruhestand winken lukrative Posten. Donald Trumps Verteidigungsminister James Mattis ging zum Rüstungsriesen General Dynamics. Die Washington Post hat Anfang September aufgelistet, dass die acht in Afghanistan von 2008 bis 2018 befehlshabenden Generäle danach Jobs in mehr als 20 Aufsichtsräten erhalten hätten. Besonders gut im Geschäft sei Stanley McChrystal, der 2010 von Präsident Obama wegen abschätziger Äußerungen angeblich über Biden entlassen wurde. McChrystals Beraterfirma bringt Millionen ein. Zu Afghanistan sagte der General a. D. in der Post: Der Ausgang sei sehr enttäuschend, doch das bedeute "nicht unbedingt, dass viele der Entscheidungen und Strategien falsch waren". So richtig Verantwortung übernehmen will keiner.

Zuversicht vermitteln

Der Afghanistan-Exit findet Zustimmung bei einer Mehrheit in den USA. 54 Prozent sagten kürzlich den Meinungsforschern vom Pew Research Center, der Ausstieg sei richtig. 69 Prozent meinten weiter, die USA hätten ihre Ziele nicht erreicht. Biden braucht die außenpolitische Kurskorrektur auch, um mit seinen sozialen und wirtschaftlichen Reformen voranzukommen. Er muss Zuversicht vermitteln, dass etwas anderes möglich ist. Bidens Gegenspieler verharren in der gedanklichen Welt von 9/11: Krieg als legitimes Mittel, die Amerikaner als Opfer und Helden, eine Dosis Demokratiefeindlichkeit, Härte gegenüber Migration, Festhalten am Überwachungsstaat. Das nach 9/11 ins Leben gerufene Heimatschutzministerium hat heute mehr als 240.000 Mitarbeiter.

Folgender Vergleich funktioniert nicht eins zu eins, könnte aber Warnung sein. Das Bemühen des demokratischen Präsidenten Lyndon B. Johnson Mitte der 1960er Jahre um gesellschaftliche Reformen scheiterte auch am Vietnamkrieg. Während der viel Energie schluckte, ging zugleich das Vertrauen des fortschrittlichen Amerika in diesen Staatschef verloren.

Quelle: der FREITAG vom 10.09.2021. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Konrad Ege und des Verlags.

Veröffentlicht am

10. September 2021

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