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Daniel Berrigan und seine furchtlose Gewaltfreiheit. Zu seinem 100. Geburtstag

Noch fünf Jahre nach seinem Tod und 100 Jahre, nachdem er geboren wurde, bietet uns der legendäre Priester, Autor, Dichter und Aktivist Daniel Berrigan seine Weisheit und einen Einblick in sein Leben kreativer Gewaltfreiheit.

Von John Dear

Daniel Berrigan schrieb einmal: "Wir sind dazu berufen, gewaltfrei zu leben, auch wenn der Wandel, an dem wir arbeiten, unmöglich zu sein scheint. Entweder ist es möglich oder nicht, die Vereinigten Staaten durch eine gewaltfreie Revolution zur Umkehr zu bewegen. Nur eines ist einem solchen Vorhaben förderlich: die vollkommene Unmöglichkeit einsehen, dass mit Gewalt irgendetwas zum Besseren zu wenden wäre."

In gewisser Weise fasst diese Äußerung Leben und Lehren des legendären Priesters, Autors, Dichters und Aktivisten Daniel Berrigan zusammen. Mein Freund und Lehrer wäre am 9. Mai 100 Jahre alt geworden. Er betonte immer wieder: Die einzige Möglichkeit, in einer Welt der Gewalt zu überleben, ja, um zu leben und zu wachsen und sogar etwas zu bewirken, sei tatsächlich durch ein tagtägliches Leben kreativer Gewaltfreiheit gegeben.

Dan war berühmt für seine Kunst, mit Worten umzugehen. Er gab allem eine originelle Wendung und machte jede Aussage für Gerechtigkeit und Abrüstung geheimnisvoller, poetischer und hintergründiger, ja sogar mystisch.

Als ich vor zwanzig Jahren sein Archiv in der Cornell Universität für meine Sammlung: Daniel Berrigan: Essential Writings durchsah, entdeckte ich unveröffentlichte Notizen für ein Gespräch über Gewaltfreiheit, wahrscheinlich aus dem Jahr 1964 oder 65. Er sprach von "gewaltfreier Mystik", die wichtiger als "gewaltfreie Taktik" sei, und fuhr fort, über "die gewaltfreie Mystik in Aktion" zu sprechen. Derartige verwirrende Ausdrücke haben die Kraft, uns tiefer in unser Selbstverständnis und in die Kontemplation des Aufbaus von Bewegungen zu führen.

"Gewaltfreiheit versteht sich im besten Fall als unteilbar und allermindestens als potenziell universell, also als eine Lebensweise, die einfach menschlich ist", sagte er. "Deshalb findet man bei verantwortungsbewussten Menschen immer sowohl eine tiefreichende spirituelle Wurzel als auch eine hohe politische Verantwortung."

Darum ging es ihm: Der gewaltfreie Mensch war "ein Mensch der Geschichte und ein Mensch in der Geschichte, ein Mensch, der glaubt, dass die Geschichte eine Zukunft hat, ein Mensch, der in normalen Zeiten normale Zeiten vor ihrer Abgötterei retten kann: Vernachlässigung der Armen, zunehmende Selbstsucht bei den Bürgern, Kriegswaffen und andere Realitäten um uns herum. Also ist der gewaltfreie Mensch dort ein Mensch. Punktum. In normalen Zeiten, in entscheidenden Zeiten."

Für mich als Freund, Herausgeber, Priesterkollege und jetzt als literarischer Nachlassverwalter ist das eine Zusammenfassung des außerordentlichen, prophetischen Lebens Daniel Berrigans: Er war ein Mensch der Gewaltfreiheit in der Geschichte der Gewalt, der durch Mystik und Aktion zur Umgestaltung der Zeiten und auch der Geschichte in Richtung Gewaltfreiheit beitrug. Ich weiß nicht, welches größere Kompliment man irgendeinem machen könnte.

Zur Feier von Dans 100tem Geburtstag biete ich am 8. Mai eine dreistündige Zoom-Sitzung über das Beatitudes Center an. In der Mitte werden wir innehalten, um über sein Leben, sein Zeugnis und seine Schriften nachzudenken. Dazu wird Bill Wylie-Kellermann, Autor der neuen Artikelsammlung über Dan mit dem Titel Celebrant’s Flame, kurz Stellung nehmen. Ich habe die Hoffnung, dass wir uns, wenn wir an unseren Lehrer denken, tiefer in unsere eigene Gewaltfreiheit eintauchen, dass wir den großen Zusammenhang der Geschichte betrachten und unser Bestes tun, um die Gegenwart durch unsere eigene gewaltfreie Mystik und Aktion für Gerechtigkeit, Abrüstung und Schöpfung umzugestalten.

Er hat mein Leben verändert und, ohne dass es der Welt bewusst ist, hat er wahrscheinlich das Leben weiterer Millionen, wenn nicht Milliarden mit seinem einflussreichen Eintreten für Frieden verändert. Da er einer von Gottes großen neuen Propheten ist, lade ich uns ein, innezuhalten und uns seinen Schriften und seinem Beispiel zuzuwenden, um in diesen seltsamen, schwierigen Zeiten einen vorwärts zu gehen. Seine Weisheit und seine Einsichten wecken in uns neuen Mut, neue Kraft und neue Furchtlosigkeit, von denen wir gar nicht wussten, dass wir sie besitzen.

Dan verfügte über eine erstaunliche, nur einmal in einem Jahrtausend vorkommende, charismatische, gläubige, alternativlose Gewaltfreiheit. Ich lernte von ihm vom Tag an, an dem ich ihn kennenlernte, bis zu dem Tag als er starb, dem 30. April 2016 , kurz vor seinem 95. Geburtstag - und auch heute noch lerne ich von ihm.

Kurz nachdem ich in den frühen 1980er Jahren Jesuit geworden war, lernte ich Dan im Exerzitienhaus in Pennsylvania kennen. Gleich am ersten Abend blieben wir lange auf und sprachen miteinander. Ich erinnere mich, dass ich ihn fragte, wie in aller Welt ich jemals für Frieden würde arbeiten können.

"Wovor hast du Angst?", fragte er mich. "Habe keine Angst. Lebe nicht in Furcht. Lebe in Glauben und Hoffnung und Frieden." Ich war schockiert. Noch nie hatte irgendjemand jemals so etwas zu mir gesagt. Auf der Stelle beschloss ich, es zu versuchen. Später wurde mir klar: Wir alle brauchen einen Lehrer, der uns sagt, wir sollten keine Angst haben.

Von Anfang an erkannte ich seine Furchtlosigkeit. Für mich war er Gandhi. Er war ein Turm des Glaubens, ich hatte das Gefühl, ich säße den Heiligen Peter und Paul zu Füßen. Tatsächlich hatte ich nie zuvor einen getroffen, der solche Gläubigkeit ausstrahlte. Ich denke nicht, dass ich seitdem einen solchen Menschen kennengelernt habe. Dan glaubte an Gott und Jesus, doch als Werkzeug von Gottes wagemutiger, universeller gewaltfreier Liebe handelte er so, wie er glaubte - und zahlte einen hohen Preis dafür. Er ließ die Dinge geschehen, wie sie wollten, sagte er mir oft. Ganz gleich. Er machte weiter, buchstäblich bis zu seinem letzten Atemzug, vertraute auf den Gott des Friedens, verfluchte die falschen Götter des Krieges und der Gewalt, folgte dem gewaltfreien Jesus und tat, was er konnte, um die Revolution der Gewaltfreiheit des Evangeliums zu verbreiten.

Am Morgen nach unserem Gespräch stand Dan vor einem kleinen Podium vor unserer kleinen Gruppe von Teilnehmenden an den Exerzitien und begann über Jesus zu sprechen, wobei er den Brief an die Epheser verwendete. Er sagte: "Die Welt ist ein Reich des Todes und in diese Welt tritt das große Ja Gottes, der Christus. Er bringt Unruhe und alle möglichen Umdeutungen, Entlarvungen sowie Gesetzesbrüche und er spricht die Wahrheit. Dieser entwaffnete Gott und die Entwaffnung Gottes in Christi ist der große Skandal der Geschichte. Noch sind wir als Kirche nicht entwaffnet, weil wir noch keine Anbeter eines entwaffneten Gottes sind. Gott kommt in Christus entwaffnet zu uns … Christus tut die falschen Dinge, am falschen Ort, zur falschen Zeit, an den falschen Menschen. Heute sind wir aufgerufen, das Drama des entwaffneten Christus einer bis an die Zähne bewaffneten Welt vorzuleben. Sich heute zu Jesus bekennen heißt, für Abrüstung, Gerechtigkeit und Frieden eintreten."

Damals war ich überrascht und ich bin es noch heute. Ich kenne diese Zitate auswendig, weil ich noch die Aufzeichnungen von diesem Morgen habe. Dan sagte mir: Jesus folgen bedeutet öffentlich für Frieden und Gerechtigkeit eintreten. Wenn Du nicht für Frieden und Gerechtigkeit eintrittst, folgst Du Jesus nicht. Es spielt keine Rolle, wie fromm ein Mensch ist und wie sehr er sich an religiöse Institutionen gebunden hat. Die Nachfolge des gewaltfreien Jesus in einer Welt ständigen Krieges und ständiger Gewalt verlangt, radikale, aktive, kreative, öffentliche Gewaltfreiheit.

O O O

Daniel Berrigan wurde am 9. Mai 1921 als der fünfte von sechs Jungen geboren. Er wuchs in Syracuse, New York, auf und trat 1939 in den Jesuitenorden ein. 1952 wurde er zum Priester geweiht und veröffentlichte 1957 seinen ersten Gedichtband mit dem Titel Time Without Number. Dafür bekam er den Lamont Poetry Award. Dan wurde schnell als Dichter bekannt und von da an veröffentlichte er jedes Jahr ein Buch - etwa 50 Bücher mit Gedichten, Essays, theologischen Untersuchungen, Tagebüchern, Theaterstücken und Bibelstudien. Auf Dans Feier zu seinem 85. Geburtstag sagte Kurt Vonnegut zu uns: "Für mich ist Daniel Berrigan Jesus als Dichter."

Mitte der 1960er Jahre wurden er und sein Bruder Phil zu führenden Stimmen gegen den Vietnamkrieg. Am 22. Oktober 1967 fand eine große Demonstration vor dem Pentagon statt. Dan brachte einen Bus voller Studierender der Cornell-Universität zu dem Protestmarsch mit und plötzlich marschierten alle nach vorne, um sich der Verhaftung zu stellen - also schloss er sich ihnen an. Er war der erste Priester in der US-Geschichte, der für die Sache der Gerechtigkeit und des Friedens inhaftiert wurde. Damit eröffnete er, man möge es glauben oder nicht, eine neue Tradition in der katholischen Kirche, die bis heute fortgeführt wird.

Im Februar 1968 reiste er zusammen mit Howard Zinn nach Nordvietnam. Als sie dort waren, bombardierten die Vereinigten Staaten Hanoi. Eine ganze Woche lang versteckten sie sich in einem Schutzraum, während über ihm US-Bomben fielen. Er verstand, was gespielt wurde. Er war bereit, den Einsatz zu erhöhen.

Am 17. Mai 1968, einen Monat nach der Ermordung Martin Luther Kings, drangen Dan und Phil und sieben weitere Aktivisten in ein Rekrutierungsbüro in Catonsville, Maryland, ein, brachten über 300 Einberufungsakten auf den Parkplatz vor dem Gebäude, übergossen sie vor der Presse mit selbstgemachten Napalm und verbrannten sie. Dann verteilte Dan eine der großartigsten Stellungnahmen in der Widerstandsliteratur: "Wir entschuldigen uns, gute Freunde, für den Verstoß gegen die gute Ordnung, indem wir Papier statt Kindern verbrennen, und dass wir die Ordnungshüter im Vorderzimmer des Leichenhauses verärgern. Wir konnten, so wahr uns Gott helfe, nicht anders handeln."

Ihre Aktion zog eine enorme Presseberichterstattung im ganzen Land, ja sogar weltweit, und führte schließlich zu mehr als 300 ähnlichen Aktionen, die systematisch die Einberufung beendeten und das Ende des Vietnamkriegs beschleunigten. Davon ist natürlich nirgendwo zu lesen und ebenso wenig ist darüber in Ken Burns Dokumentation über den Vietnamkrieg auf Public Broadcasting Service (PBS) zu hören. Die Berrigans werden nicht erwähnt, obwohl ich mir alle Mühe gegeben habe, die renommierten Filmemacher zu überzeugen, dass das sein müsse.

Die Angriffe auf die Einberufungsbehörde waren entscheidend. Im Zeitalter vor den Computern, als die Dokumente noch auf der Schreibmaschine geschrieben wurden, bedeutete die Vernichtung der Einberufungsunterlagen im ganzen Nordosten, dass Tausende junger Männer nicht eingezogen werden konnten, um für die Vereinigten Staaten zu töten! Die Tage des Vietnamkriegs waren gezählt.

Natürlich wurden Dan und seine Freunde schuldig gesprochen. Den Sommer 1969 verbrachte er damit, das später beliebt gewordene Stück The Trial of the Catonsville Nine [Der Prozess gegen die Neun von Catonsville zu verfassen, aber der Krieg wurde nur noch heftiger. Deshalb ging Dan statt ins Gefängnis im April 1970 in den "Untergrund". Monatelang reiste Dan umher, sprach mit den Medien, erschien in den nationalen Nachrichten, schrieb wichtige Artikel gegen den Krieg und brachte den Direktor des FBI J. Edgar Hoover und seine Gefolgsleute zur Weißglut.

Im Sommer 1970 erschien er eines Sonntagsmorgens in einer Kirche in Philadelphia, um dort zu predigen. "Wir haben uns entschieden, machtlose Kriminelle in einer Zeit verbrecherischer Macht zu sein", sagte er der Gemeinde. Im August desselben Jahres wurde er auf Block Island, Rhode Island, verhaftet und nach Danbury ins Gefängnis gebracht. Dort verschlechterten sich in den folgenden beiden Jahren sein Gesundheits- und Geisteszustand, bis er schließlich eines Tages bei einer Zahnbehandlung stark allergisch auf das Betäubungsmittel Novocain reagierte und daran fast starb. Kurz darauf wurde er von den Behörden freigelassen aus Angst, er könnte im Gefängnis sterben.

Dan wurde zu einem der bekanntesten Priester der Welt, wenn nicht zu dem allerbekanntesten überhaupt, zum ersten radikalen Priester in der Welt, seit im 16. Jahrhundert Edmund Campion vom englischen Königshaus zur Strecke gebracht worden war. Er rief die Kirche immer wieder dazu auf, die Theorie vom gerechten Krieg aufzugeben und zur Gewaltfreiheit Jesu zurückzukehren. Er war auf der Titelseite des Time Magazine zu sehen, wurde von keinem Geringeren als [dem in den USA bekannten amerikanischen Talkshow-Moderator und Schauspieler] Dick Cavett interviewt und in Liedern von Paul McCartney (Too Many People) und Paul Simon (Me and Julio Down by the Schoolyard) erwähnt. Angesichts der heutigen Kirchenskandale kann man sich kaum vorstellen, wie radikal sein Wagemut war.

Als Dan im Untergrund war, schrieb er zum Beispiel in The Village Voice einen offenen Brief an die Weathermen Die Weathermen (auch Weather Underground Organisation, Weatherman, Weather People) waren eine linksradikale militante Untergrundorganisation in den USA, die Ende der 1960er - bis in die 1970er-Jahre aktiv waren. Sie verübten vor allem Bombenanschläge gegen Regierungsgebäude.. Darin forderte er sie auf, sich über ihre Gewaltanwendungen Gedanken zu machen und bei ihrem Widerstand gegen Krieg stattdessen die Taktik Gewaltfreiheit einzusetzen.

"Der Tod eines einzigen Menschen ist ein zu hoher Preis für die Rechtfertigung irgendeines Prinzips, und sei es noch so heilig", schrieb er.

Das ist, so behaupte ich, seine wichtigste Lehre und für alle Zeit eine Überlegung wert.

Mit anderen Worten: Es gibt keine noch so edle Sache, für die wir jemals wieder die Tötung eines einzigen Menschen befürworten werden. Wir töten keinen Menschen. Wir befürworten das Töten nicht. Wir töten nicht Menschen, die Menschen töten, um zu beweisen, das Töten von Menschen falsch ist. Wir arbeiten daran, das Töten zu beenden. Und deshalb werden wir nicht in das US-Militär eintreten, wir werden unsere Kinder nicht zum Kriegsdienst schicken, sondern wir werden junge Leute drängen, das Militär zu verlassen und wir werden, solange wir leben, gegen das Militär und seine Kriege Widerstand leisten. Die Zukunft ist eine Welt ohne Krieg, eine neue Kultur der Gerechtigkeit und Gewaltfreiheit, die wir uns heute kaum vorstellen können, die aber erreichbar ist, wenn wir es wagen, dafür zu arbeiten.

Ein besonders erstaunlicher Aspekt an Dan und Phil Berrigan war, dass sie nicht lockerließen. Die Presse langweilte es, die Massen versammelten sich nicht mehr, der Absatz ihrer Bücher ließ nach, die Bewegung starb, die Welt wurde schlimmer - und sie ließen nicht locker. Das ist eines ihrer großartigsten Vermächtnisse.

Am 9. September 1980 gingen Dan, Phil und sechs ihrer Freunde in das Hauptquartier von General Electric in King of Prussia, Pennsylvania, und hämmerten auf die abgerüsteten Atomwaffenköpfe ein. Die Acht von der "Pflugschar-Bewegung" wurden verhaftet, verurteilt und mussten bis zu 10 Jahren ins Gefängnis. Dies war die erste von etwa 100 "Pflugschar-Aktionen", darunter diejenige, die ich 1993 mit Phil in Carolina unternahm und für die mir 20 Jahre Gefängnis drohte. Das Folgende sagte Dan 1981 in seinem berühmten Gerichtsprozess 1981:

"Die einzige Botschaft, die ich an die Welt habe, ist diese: Es ist uns nicht erlaubt, unschuldige Menschen zu töten. Es ist uns nicht erlaubt mitschuldig am Mord zu sein. Wir dürfen nicht schweigen, während die Vorbereitungen zum Massenmord in unserem Namen, mit unserem Geld heimlich getroffen werden … Für mich ist es schrecklich, in einer Zeit zu leben, in der ich den Menschen nichts zu sagen habe als: ‚Hört mit dem Töten auf!’ Es gibt andere schöne Dinge, die ich sehr gerne den Menschen sagen würde. Es gibt andere Vorhaben, bei denen ich mich nützlich machen könnte. Und ich kann sie nicht ausführen. Ich kann es nicht. Denn alles ist bedroht. Alles steht auf dem Spiel. Wir befinden uns in einem Zustand der Primitivität, auch wenn wir uns kultiviert nennen. Unsere Notlage ist aus christlicher Sicht sehr primitiv. Wir sind wieder da, wo wir angefangen haben. Du sollst nicht töten; es ist uns nicht erlaubt zu töten. Alles läuft heute darauf hinaus - alles."

Während der 1980er und ‘90er Jahre sprach Dan jede Woche im ganzen Land. Er veröffentlichte weiterhin Gedichte, Essays, Tagebücher und dann eine lange Schriftenreihe über die hebräischen Propheten. Er tat als Krankenhausseelsorger in einem Armenkrankenhaus in New York Dienst und dann betreute er AIDS-Patienten im St. Vincent’s Hospital. 1984 reiste er nach El Salvador und Nicaragua und später veröffentlichte er sein Tagebuch, in dem er über seine Erfahrungen berichtet: Steadfastness of the Saints. 1985 reiste er nach Südamerika, wo er in dem erfolgreichen Film The Mission mitwirkte.

Während dieser Jahre baute Dan in Manhattan eine kleine Friedensgruppe auf und nahm an ihr teil. Er nannte sie Kairos. Dort trafen wir uns 30 Jahre lang jeden zweiten Dienstagabend; das war eine der großartigsten Erfahrungen in meinem Leben! Alle paar Monate planten wir gewaltfreie Aktionen und wurden verhaftet, weil wir gegen irgendeine Ungerechtigkeit protestiert hatten. Meist geschah das bei der militärischen Rekrutierungsstation am Times Square oder dem Atomwaffenlabor Riverside Research (bis sie es schlossen!) oder dem U.S.S. Intrepid War Museum am Hudson River. Dan wurde von dem Schauspieler Martin Sheen und dem ehemaligen US-Generalstaatsanwalt Ramsey Clark unterstützt, der Anfang des Monats starb .

Mitte der 2000er Jahre wurde Dan schwach und müde. Er war nie krank. Tatsächlich litt er unter keiner schweren Krankheit, hatte nie Krebs und wurde nie operiert. Er nahm auch keine Medikamente! Aber er verbrachte nun jeden Nachmittag viele Stunden im Bett. 2010 ging es wirklich mit ihm bergab. Wir brachten ihn ins Jesuiten-Hospital in der Bronx, wo ich ihn in den nächsten Jahren bis zu seinem Tod alle drei Monate besuchte.

Viele wissen nicht, dass seit den 1960er Jahren andere Jesuiten Groll gegen ihn hegten, ja ihn geradezu hassten. Kein anderer Jesuit sollte jemals aus irgendeinem Grund so berühmt werden, deshalb wurde er von vielen verachtet. Ich erinnere mich, dass so gut wie bei jedem meiner Besuche im Jesuitenkrankenhaus in diesen Jahren die meisten Jesuiten einen Bogen zum ihn machten, um nicht mit ihm sprechen zu müssen - und alles das wegen seines Eintretens für Frieden in der Öffentlichkeit! Einige wollten nicht einmal mit ihm gemeinsam im Fahrstuhl fahren. Andererseits umgaben ihn seine Freunde und Verwandten mit Liebe und das wusste er. Und deshalb fühlte er sich bis zu seinem Todestag geliebt.

O O O

Im Laufe der Jahrzehnte verbrachte ich wohl tausend Abende mit Dan. Immer unterbrach er seine Mahlzeit oder den Besuch oder die Reise und bestand darauf, dass seine Freunde ihm von ihrem Leben, ihren Kämpfen, ihren Hoffnungen und ihren Träumen erzählten. In seiner Gegenwart wurde alles zu einer lebensverändernden, spirituellen Erfahrung. In diesem Sinne war er wirklich eine Christusgestalt. Er war besorgt um unser Leben und darüber, was wir mit dem kostbaren Geschenk des Lebens anfingen - besonders angesichts der alles verschlingenden Todeskultur. "Was machen wir aus unserem Leben? Was bedeutet es, ein Mensch zu sein? Können wir Menschen der Gewaltfreiheit werden?" Diese Fragen hörte ich Daniel Berrigan immer wieder stellen.

In seinen Schriften finden sich Hinweise, wie die folgenden auszugsweise wiedergegebenen Gedichte "Jubilee!", "Der Ärger mit unserem Staat" und "Dein zweiter Blick".

Eine recht bescheidene Aufforderung:
Töte nicht, unter gar keinem Vorwand!
Lass die Welt in Frieden!
Horte nicht!
Beziehe Stellung!

O O O

Das Problem für unseren Staat
war nicht der zivile Ungehorsam,
der ohnehin zögerlich und selten war …
 - Unser Ärger,
das Problem mit unserem Staat
mit unserem Seelenzustand
unser Belagerungszustand -
war
ziviler
Gehorsam -

O O O

Ich wandere am Meer
und setze wie eine Brille
auf meine schielende, kurzsichtige Seele
das zweite Augenlicht
und ich sehe, an Land gespült,
die letzte Stunde der Welt
die ermordete Uhr von Hiroshima

O O O

In seinem Buch aus dem Jahre 1970 No Bars to Manhood schrieb Dan: "Wir beanspruchen den Namen ‚Friedensstifter’, doch wir sind im Großen Ganzen nicht bereit, einen bedeutenden Preis dafür zu zahlen. Und weil wir Frieden nur mit unserem halbem Herzen, halbem Leben und halbem Willen wollen, geht der Krieg natürlich weiter, denn das Führen eines Krieges ist seinem Wesen nach total - während das Friedenschaffen aufgrund unserer Feigheit unvollständig ist. Es gibt keinen Frieden, weil es keine Friedensstifter gibt. Es gibt keine Friedensstifter, weil das Schaffen von Frieden wenigstens so viel kostet wie das Kriegführen, mindestens so anspruchsvoll, mindestens so störend, mindestens so anfällig dafür, Schande, Gefängnis und Tod nach sich zu ziehen."

Dan lehrte uns, uns nicht um die Ergebnisse zu kümmern, sondern für Gerechtigkeit, Abrüstung und Frieden als für einen ganz gewöhnlichen Teil unseres Alltagslebens zu arbeiten, ganz gleich, ob wir damit nun etwas ändern oder nicht. "Tut das Gute um des Guten willen", sagte er. "Sage die Wahrheit, weil sie nun einmal die Wahrheit ist". Arbeite für Frieden und Gerechtigkeit, weil das genau das ist, was der Gott des Friedens und der Gerechtigkeit will. Wir sollen tun, was wir können, und das Ergebnis in Gottes Hände geben. Von nun an sind Gewaltfreiheit und gewaltfreier Widerstand unser gewöhnliches Alltagsleben. Wir wollen einfach darauf vertrauen, dass sie eines Tages gute Früchte tragen werden.

Als ich ein 22jähriger Novize war und Dan um Rat fragte, sagte er: "Alles, was du zu tun hast, ist, deine Augen vor der Kultur zu verschließen und sie für deine Freunde zu öffnen." Als mein Freund Ken Butigan Rat bei Dan suchte, sagte der: "Finde eine gute Gruppe von Freunden, mit der du beten und marschieren kannst, und alles wird gut gehen."

"Manche Menschen argumentieren, dass Gelassenheit, die durch innere spirituelle Arbeit erreicht wird, eine notwendige Vorbedingung für das Ausüben eigener ethischen und politischen Verpflichtungen ist", sagte er einmal in einem Interview. "Aber den Propheten der Bibel wäre das vollkommen fremd gewesen und eine befremdende Ansicht vom Menschen. Die Vorstellung, dass man erst Seelenfrieden erreichen müsse, bevor man seinem Nächsten die Hand reicht, ist einer Verzerrung unserer menschlichen Erfahrung und letzten Endes eine Ausflucht vor unserer Verantwortung. Das Leben ist eine Achterbahn, und man sollte sich besser gut anschnallen und die Fahrt mitmachen. Dieser Fokus auf Gelassenheit ist in Wirklichkeit eine engstirnige, egoistische Herangehensweise an die Realität, gekleidet in die Sprache der Spiritualität." Auch das ist wieder typisch Berrigan.

"Ich weiß, dass die prophetische Vision heute in einigen spirituellen Kreisen nicht beliebt ist", fuhr er fort. "Aber es geht nicht darum, beliebt zu sein oder als einflussreich angesehen zu werden, sondern die tiefsten Wahrheiten auszusprechen, die wir kennen. Wir müssen unser Leben im Einklang mit den tiefsten Wahrheiten führen, die wir kennen, auch wenn das in der Welt keine unmittelbaren Ergebnisse zeitigt."

Als ich 22 war, sagte er zu mir: "Wenn du dein Leben so führst, Widerstand gegen den Tod zu leisten, dann lernst du besser, das Leben in vollen Zügen zu leben." Er leistete Widerstand gegen den Tod und führte gleichzeitig ein erfüllteres Leben als irgendein anderer, den ich jemals kennengelernt habe. Er ging jeden Tag spazieren, nahm gesunde Kost zu sich und trank am Abend ein oder zwei Gläser, er liebte seine Freunde und das Lachen und die Natur und die Dichtung und die Bücher und die Menschen. Am Ende unserer regelmäßigen täglichen Abendmesse, vor dem Trinken und dem Abendessen, verkündete er uns komischerweise: "Wir sind nun lange genug gut gewesen."

Dan lebte so, als ob die Auferstehung des gewaltfreien, revolutionären, hingerichteten Jesus wahr wäre, dass das Schlimmste schon geschehen ist, dass das Ergebnis tatsächlich in besseren Händen als den unseren liegt, und dass es entgegen dem Augenschein Grund zur Hoffnung gibt. Alles, was wir tun müssen, ist vorwärts zu gehen und diese Hoffnung in organisierten Basisbewegungen für Abrüstung, Gerechtigkeit und Frieden zu verwirklichen.

"Jesus hatte keine Spur Gemeinheit in sich", sagte er einmal zu mir und einem Freund, als wir eine Messe und ein Picknick im Central Park abhielten. Es war Ostersonntag und ich sagte, ich sei erschüttert, dass Jesus überhaupt zurückgekommen sei, und dass er, nach all dem, was er durchgemacht habe, auch seine Gefangennahme und Hinrichtung, so gewaltfrei und liebevoll geblieben sei. Dans Antwort habe ich bis heute nicht vergessen. Dan lehrte uns: Die Auferstehung Jesu bedeute, dass wir aufgerufen seien, seine Kampagne der Gewaltfreiheit fortzuführen und den "leichten Vorsprung des Lebens vor dem Tod" zu leben.

Das war Daniel Berrigans Durchbruch in der modernen christlichen Geschichte. Es folgt eine meiner Lieblingspassagen aus einer unbekannten Veröffentlichung vor langer Zeit. Sie enthält, denke ich, eine seiner großartigsten Lehren:

"Es war einmal ein Toter, ein Verbrecher, er war hingerichtet worden. Und sieh! Er weigerte sich, tot zu bleiben. Er erstand auf. Wie die Behörden bald erkannten, handelte es sich um ein Erdbeben im Wesen von Gesetz und Ordnung, im Wesen des Todes, im Wesen des Krieges. Denn es ist nun einmal eine Tatsache, wie Nationalstaaten - die groß darin sind, darüber zu entscheiden, was Tatsachen sind und was nicht - sie definieren: Tote bleiben tot. Das Wort von Big Brother, das Wort, das ihm Schlagkraft verleiht, das Angst einflößt, lautet: ein Verbrecher, der einmal entsorgt worden ist, bleibt entsorgt! 

Durchaus nicht! Da kommen doch diese Wahnsinnigen und schreien in der Öffentlichkeit: ‚Unser Mann ist nicht tot, Er ist auferstanden!’ Jetzt sage ich: Man kann nicht dulden, dass so etwas verbreitet wird, wenn man einen Staat ordentlich führen will. Die erste gewaltfreie Revolution war natürlich die Auferstehung. Dazu gehörte der Tod als ihr erster Akt. Und der Befehl an Petrus: ‚Stecke dein Schwert in die Scheide!’ Darum muss ein für alle Mal klar sein: Christen erleiden den Tod, aber sie führen ihn nicht herbei."

"Die Auferstehung hat einfach alle Systeme und Regelungen der Welt umgangen", sagte Dan bei anderer Gelegenheit. "Wenn der Tod seine Macht über Menschen in dem Sinne verloren hat, dass sie ihre Furcht vor dem Tod ausgetrieben haben, was bleibt dann noch übrig, sich von irgendeiner weltlichen Struktur zu fürchten oder zu hoffen? Diese verdienen allesamt die kämpferische Bezeichnung, die ihnen Dorothy Day verliehen hat: ‚Das dreckige, verrottete System.’ Ich nehme an, sie bezog sich auf dessen Hauptfunktion: die Vermehrung der Metaphern und Mittel des Todes. Das Ende einer solchen Welt war, wie sie begriff, nicht nur nahe. Das Ende ist schon da."

Dan ging und sprach und praktizierte Auferstehung. Er bezeichnete seine gesamte Friedensarbeit als Leben in der Auferstehung. Deshalb definiere ich Auferstehung als etwas, das nichts mit dem Tod zu tun hat, das keine Spur von Gewalt in sich hat. Auferstehung bedeutet vollkommene Gewaltfreiheit. Dan wusste, dass unser Überleben bereits gewährleistet war, deshalb sagte er, wir brauchten keine Angst zu haben oder gewalttätig oder mutlos zu sein. Wir sind auf dem Weg zur Auferstehung! Und das ist, meiner Meinung nach, seine größte Lehre:

Seit 1980 und all den "Pflugschar-Aktionen" arbeiten einige von uns weiter daran, uns aus der dämonischen Umklammerung unserer Seelen durch die Ethik des Mars, der Kriege und der Gerüchte über Kriege, sie wären unvermeidlich, gerecht, notwendig und könnten siegreich sein, zu befreien, und sagen unser Nein in Akten der Hoffnung. Für uns verkörpern all diese wiederholten Verhaftungen, die nicht enden wollenden Gefängnisaufenthalte, das Leben unserer kleinen Gemeinschaften und die Disziplin der Gewaltfreiheit eine Ethik der Auferstehung. Einfach gesagt: Wir sehnen uns danach, dieses Ereignis zu kosten, sein Donnern und Beben, sein großes Ja. Wir wollen die Auferstehung in unseren Knochen erproben. Um zu sehen, ob wir in der Hoffnung leben können statt im Dickicht der kulturellen Verzweiflung, der atomaren Verzweiflung, einer Welt des ewigen Krieges. Wir wollen die Auferstehung kosten. Ich darf sagen, wir wurden nicht enttäuscht.

Das ist der Fehdehandschuh, den Dan uns vor die Füße geworfen hat: die Auferstehung zu kosten, die Höhen und Tiefen und Länge und Weite der kreativen Gewaltfreiheit zu verfolgen.

Inmitten des Wahnsinns der Welt und unserer Zeit gab uns Dan mit seinem gewaltfreien Leben ein schönes Beispiel. Darum können wir uns nicht herausreden, sondern müssen uns der Situation stellen und weitermachen. Wie Dan können auch wir aufstehen und Nein sagen zu Rassismus, Krieg, Gier, Armut, Atomwaffen und Umweltzerstörung. Auch wir können unser Leben auf liebevolle Güte gründen, Gemeinschaft aufbauen, Gewaltfreiheit praktizieren, öffentlich Stellung beziehen, für eine neue Kultur des Friedens eintreten und die Vision von einer neuen gewaltfreien Welt überall verbreiten. Das ist unser Auftrag, ganz gleich, ob wir mit unserem Tun eine Veränderung bewirken oder nicht, und wie Dan können wir vorwärtsgehen und gewiss sein, dass auch wir nicht enttäuscht werden.

Danke, Daniel Berrigan, und alles Gute zum Geburtstag!

Rev. John Dear ist ein langjähriger Friedensaktivist, Organisator und Autor von 35 Büchern über Frieden und Gewaltfreiheit, darunter zuletzt "Praise Be Peace: The Psalms of Peace and Creation in a Time of War and Climate Change." Er ist Geschäftsführer des Beatitudes Center for the Nonviolent Jesus , wo er regelmäßig Zoom-Workshops anbietet. Er wurde von Erzbischof Desmond Tutu für den Friedensnobelpreis nominiert. Siehe auch seine Website: www.johndear.org

Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler

Quelle: Waging Nonviolence . Originalartikel: Daniel Berrigan and his fearless nonviolence, at 100 . Eine Vervielfältigung oder Verwendung des Textes in anderen elektronischen oder gedruckten Publikationen ist unter Berücksichtigung der Regeln von Creative Commons Attribution 4.0 International (CC BY 4.0) möglich.

Fußnoten

Veröffentlicht am

20. Mai 2021

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