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Michael Schmid: Kriegsdienstverweigerer und ihre Geschichten

Von Michael Schmid (aus: Lebenshaus Schwäbische Alb, Rundbrief Nr. 108, März 2021 Der gesamte Rundbrief Nr. 108 kann hier heruntergeladen werden: PDF-Datei , 679 KB. Den gedruckten Rundbrief schicken wir Ihnen/Dir gerne kostenlos zu. Bitte einfach per Mail abonnieren )

Liebe Freundinnen und Freunde,

vielleicht überrascht es, dass wir uns in diesem Rundbrief ausführlich mit Kriegsdienstverweigerung beschäftigen. Spielt doch dieses Thema in unserem Land seit der Aussetzung der Allgemeinen Wehrpflicht im Jahr 2011 allenfalls noch eine ziemlich nebensächliche Rolle. Vorbei sind seither die Zeiten, in denen Jahr für Jahr hunderttausende junge Männer von dieser Problematik betroffen waren. Es kommen jedoch gerade Impulse aus unterschiedlichen Richtungen auf uns zu, auf die wir mit einem eigenen neuen Projekt antworten wollen.

Da ist zunächst einmal das im vergangenen Herbst erschienene Buch unseres Fördermitglieds Helmut Kurz "In Gottes Wahrheit leben. Religiöse Kriegsdienstverweigerer im Zweiten Weltkrieg". Schon seit Jahren wusste ich davon, dass Helmut Kurz an diesem Buch arbeitet. Und dann hat es mir dankenswerter Weise Wiltrud Rösch-Metzler, Mitherausgeberin und Vorsitzende von pax christi Diözesanverband Rottenburg-Stuttgart, geschenkt. Der Autor hat mit akribischer Recherchearbeit die Lebensgeschichten von 22 christlichen Kriegsdienstverweigerern im Zweiten Weltkrieg ergründet. Dabei sind ihm einfühlsam geschriebene Lebensgeschichten von Menschen gelungen, die dem verbrecherischen Nazi-Regime und dessen Krieg ein klares "Nein" entgegensetzten und dafür ihr Leben riskierten. Tatsächlich sind von den 22 porträtierten Kriegsdienstverweigerern bis auf sechs alle für ihre konsequente Haltung ermordet worden.

Persönliche Geschichten von Kriegsdienstverweigerern

Ein paar Tage vor Weihnachten kam mein Jugendfreund Thomas Krischer auf mich zu. Er habe vor einiger Zeit angefangen, biografisch zu schreiben. Dabei sei unter anderem ein Text über seine Kriegsdienstverweigerung entstanden, den er mir zukommen ließ. Außerdem hat er sein Interesse geäußert, dass es für solche biografischen Geschichten eine Möglichkeit zur Veröffentlichung geben solle. Kurz darauf hat er uns eine weitere KDV-Geschichte eines Freundes zugesandt.

Katrin und ich haben darüber gebrütet, dann mit Thomas an seiner Geschichte weitergearbeitet. Zwischenzeitlich hatte ich mich ebenfalls hingesetzt und meine eigenen Erfahrungen aufgeschrieben, die in einem langen und äußerst schmerzhaften Umweg über die begonnene Grundausbildung, vorzeitige Entlassung aus der Bundeswehr wegen "vorübergehender Dienstunfähigkeit", schließlich zu einer späten Kriegsdienstverweigerung geführt haben. Nachdem uns dann in kurzer Zeit schon drei fertige KDV-Geschichten vorlagen, überlegten wir, daraus ein Projekt mit Veröffentlichungen auf einer Internetseite zu machen. Wir konnten uns die sehr persönlichen und schon absehbar sehr unterschiedlichen Geschichten als gute Ermutigung vorstellen.

Und genau in der Phase dieses Nachdenkens stieß ich auf das Buch "Gegen mein Gewissen" der jungen Autorin Hannah Brinkmann. Sie erzählt die Geschichte ihres Onkels, des Kriegsdienstverweigerers Hermann Brinkmann. Er musste sich, wie in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik zehntausende andere Kriegsdienstverweigerer, einer schikanösen Gewissensprüfung unterziehen. Nachdem sein Antrag 1973 abgelehnt worden war, wurde er zur Bundeswehr eingezogen und es begann eine qualvolle Zeit für den Rekruten, der schließlich im Suizid seinen einzigen Ausweg sah. Hannah Brinkmann ruft in detailreichen Zeichnungen diese Phase bundesdeutscher Nachkriegsgeschichte ins Gedächtnis zurück. Sie erinnert an einen Menschen, der für seine pazifistische Gesinnung starb. Und sie ruft die heute fast vergessenen Debatten der Nachkriegszeit in Erinnerung, als die Diskussion um die Wehrpflicht in der Bundesrepublik hohe Wellen schlug.

Natürlich ist das, was Kriegsdienstverweigerern in der Bundesrepublik widerfahren ist, nicht einfach mit dem Schicksal zigtausender von NS-Organen zum Tode verurteilter Kriegsdienstverweigerer und Deserteure vergleichbar. Doch gibt es Zusammenhänge. Denn dass das Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung im Grundgesetz verankert wurde, hatte ja gerade auch mit dem Schicksal der verweigernden und desertierenden Männer des Zweiten Weltkriegs zu tun. Und in der Bundesrepublik entsprang bei vielen jungen Männern ihre Motivation zur Verweigerung des Kriegsdienstes der Erkenntnis, wieviel Brutalität, Tod, Elend, Mord, Zerstörung der Zweite Weltkrieg hervorgerufen hatte und Kriege wie der Vietnamkrieg und andere hervorriefen. Deshalb ihre Weigerung, eine Waffe in die Hand zu nehmen. Und dafür nahmen sie auch Schikanen und Spott auf sich.

Projekt: "Kriegsdienstverweigerer. Unsere Geschichten"

Doch warum heute darüber nachdenken und sich der Schwierigkeiten und des Unrechts erinnern, das früheren Generationen widerfahren ist?

Wiltrud Rösch-Metzler und Reinhold Gieringer schreiben als Herausgeber im Vorwort des Buches von Helmut Kurz: "Um die Probleme der Gegenwart zu meistern, ist es unabdingbar, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und Lehren aus ihr zu ziehen. Die Grundlage dafür ist Erinnern." Dieses Erinnern gilt sowohl für die überaus grausige Epoche unter der nationalsozialistischen Diktatur als auch für die früheren Jahrzehnte der Bundesrepublik mit Wehrpflicht und Gewissensinquisition für Kriegsdienstverweigerer. Indem Hannah Brinkmanns betont, dass gerade auch für die jüngere Generation die Erinnerung an diese frühere bundesdeutsche Epoche wichtig sei, war dies für uns die letzte Gewissheit, dass unser Projekt Sinn macht und wir es unbedingt starten sollten.

Konkret geht es nun darum, auf einer neuen Website persönliche Geschichten von Kriegsdienstverweigerern zu veröffentlichen. Wir hoffen, dass das zur Ermutigung sowohl von Betroffenen wie auch von Außenstehenden beitragen kann. Erinnern kann uns Kraft geben für unser Engagement für eine gerechtere, friedvollere, andere Welt. Wir wollen ebenfalls sichtbar machen, welchem Unrecht wehrpflichtige junge Männer insbesondere bis 1983 oftmals ausgesetzt waren, wenn sie in der Bundesrepublik Deutschland den Kriegsdienst verweigern wollten. Gleichzeitig geht es uns darum, damit den wichtigen Beitrag der Kriegsdienstverweigerung zu einem zivilisatorischen Fortschritt zu würdigen, indem sich Hunderttausende Männer geweigert haben, sich an der Waffe zum Töten ausbilden zu lassen.

Das ist gerade angesichts der in Deutschland periodisch aufflackernden Debatte um die Wiedereinführung der Wehrpflicht von Bedeutung, wie sie zuletzt von der Wehrbeauftragten Eva Högl (SPD) gefordert wurde. Auch bei Meinungsumfragen spricht sich eine Mehrheit dafür aus, die allgemeine Wehrpflicht wiedereinzuführen. Dass in unserem Land wieder junge Menschen ins Militär gezwungen werden, dem wollen wir gerne entgegenwirken.

Menschenrecht Kriegsdienstverweigerung

Kriegsdienstverweigerung gibt es aktuell in Staaten sowohl mit als auch ohne Wehrpflicht. In Deutschland verweigern jährlich ca. 300 Soldatinnen und Soldaten den Kriegsdienst, wobei nur rund die Hälfte anerkannt wird. Und weltweit werden Menschen gegen ihren Willen zum Kriegsdienst gezwungen oder wegen Verweigerung verfolgt und inhaftiert, z.B. in Südkorea, Singapur, Tadschikistan, der Türkei, Israel und Kolumbien. Hier stellt sich die Aufgabe, das Recht auf Kriegsdienstverweigerung durchzusetzen und die Lage der Verweigernden zu verbessern, die oft heftig sanktioniert werden. Für diese Kriegsdienstverweigerinnen und Kriegsdienstverweigerern leistet das Kriegsdienstverweigerer-Netzwerk Connection e.V. hervorragende Solidaritätsarbeit, die wir als Lebenshaus unterstützen, indem wir über Einzelschicksale informieren und Kampagnen mittragen.

Ein Skandal ist es, dass oftmals Männer und Frauen in Asylverfahren abgelehnt werden, die gerade in Kriegsgebieten unter großen Risiken die Teilnahme am Krieg und an Kriegsverbrechen verweigern, wie z.B. in Syrien. Ihre Verfolgung muss als Asylgrund gelten, sie dürfen auf gar keinen Fall abgeschoben und an die Kriegsherren ausgeliefert werden!

Im 21. Jahrhundert ist die Kriegsdienstverweigerung auf internationaler Ebene noch immer nicht als Menschenrecht anerkannt. Aus friedenspolitischen und menschenrechtlichen Erwägungen wäre ein international anerkanntes Menschenrecht Kriegsdienstverweigerung wichtig. Sowohl um den Eingriff des Staates in die Freiheit der einzelnen Person abzuwehren. Aber auch, um sich mit der Kriegsdienstverweigerung für die Überwindung von Kriegen und militärischer Einsätze zu beteiligen. Es geht dabei um ein Menschenrecht, das ausnahmslos für alle gilt, unabhängig von Gesinnung und Charaktereigenschaften sowie Bestrafung, wenn dieses Recht in Anspruch genommen wird.

In diesem Rundbrief stellen wir das neue Projekt "Kriegsdienstverweigerer. Unsere Geschichten" ausführlicher vor. Und ebenfalls die wichtigen Bücher von Helmut Kurz und Hannah Brinkmann.

Das vergangene Jahr hat uns noch einmal deutlich gezeigt, wie wichtig gelebte Solidarität und Menschlichkeit ist. Obwohl uns die Corona-Krise weiter begleiten und in manchem einschränken wird, hoffen wir, gemeinsam weitere Schritte in Richtung einer friedvolleren, gerechten und solidarischen Welt gehen zu können.

Mit herzlichen Grüßen

Euer / Ihr 
Michael Schmid

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Fußnoten

Veröffentlicht am

10. März 2021

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