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USA: Bereit sein ist alles

Je näher der Wahltermin rückt, desto mehr Schusswaffen werden verkauft

Von Konrad Ege

Im US-Fernsehen ist Gewalt gut für die Einschaltquoten. Es laufen Polizeishows, bei denen im Unterschied zum Tatort oder zu deutschen Schmunzelkrimis Schusswaffen und hartes Zupacken den Ausschlag geben. Gewalt und Akzeptanz von Gewalt stecken tief in der politischen Kultur und im Alltagsleben der USA. Nicht zu vergessen: Im Ausland führt man pausenlos Kriege, nicht nur in Afghanistan.

Die Gewaltfrage hat mit großer Dringlichkeit den Wahlkampf um die Präsidentschaft erreicht. Donald Trump erhofft offenbar "Ratings" von den Polizeimaßnahmen gegen Demonstranten und lobt seine teilweise Waffen tragenden Sympathisanten, die Meetings gegen Rassismus zu stören. Der demokratische Anwärter Joe Biden würde mutmaßlich lieber über Trumps Versagen bei der Corona-Pandemie sprechen, über Jobs, die Gesundheitsversorgung, das Klima und die Korruption im Weißen Haus. Doch muss der Kandidat zwei Monate vor der Wahl auf das Thema Gewalt eingehen. Er ist nach Kenosha (Wisconsin) gereist, wo ein Polizist dem Afroamerikaner Jacob Blake mehrmals in den Rücken gefeuert hatte und wo das Mitglied einer weißen Bürgerwehr zwei Anti-Rassismus-Demonstranten erschossen haben soll.

Die Polizei hat Macht

Biden trat als Versöhner auf inmitten der Polarisierung. Nach schweren Schicksalsschlägen, die ihn ereilten, wie dem Tod seiner Frau vor Jahren, ist er gut beim Trösten, menschlich halt. Konkrete Verbesserungsvorschläge sind schwieriger. Die US-Politik gewährt Polizei und Justiz viel Macht. Nirgendwo werden so viele Menschen eingesperrt. Hinter Gittern findet man nur wenige aus der Mittel- und Oberklasse - wer aus diesen Milieus stammt, hat in der Regel das Geld für einen guten Verteidiger. Dass Schwarze weit überproportional Opfer von Polizeigewalt werden, ist seit Jahrzehnten bekannt und wird akzeptiert.

In Kenosha sprach Biden mit Jacob Blakes Angehörigen und per Telefon mit dem im Krankenhaus liegenden Opfer. Der polizeiliche Schütze müsse in Haft genommen werden, verlangte Biden. Er würde als Präsident eine Kommission zur Polizeireform ins Leben rufen, mit Bürgerrechtlern und Polizeichefs. Eine solche Kommission gab es bereits unter Barack Obama. Von oben angeordnete Veränderungen greifen kaum. Es existieren rund 12.000 Polizeibehörden in Städten, Kommunen, Bundesstaaten und Landkreisen. Viele Amerikaner schätzen die Polizei. Im Zeitalter zunehmender Ungleichheit werden soziale Probleme auf die Polizei abgewälzt. Sie soll den Mann im Schlafsack wegschaffen, der vor einem Luxusgeschäft übernachtet. Die Schüsse auf Blake erfolgten bei einem Einsatz wegen eines häuslichen Konflikts.

Von Teilen der Opposition kommen Forderungen nach "Defund the police". Kommunen sollen der Polizei durch Entzug von Mitteln das Wasser abgraben. Biden ist dagegen, stattdessen müsse man Polizisten besser ausbilden. Manche "Defund"-Kritiker warnen, das Konzept habe neoliberale Züge, denn die Wohlhabenden würden sich mit einer Privatpolizei schützen. Biden verurteilt auch, dass bei Protesten randaliert und geplündert wird. Das sei "kein Protest, sondern Gesetzlosigkeit". Der Think-Tank US Crisis Project hat Kundgebungen gegen Rassismus und Polizeigewalt sowie gegen Corona-Beschränkungen analysiert. Von Mai bis Ende August hätten 10.600 öffentliche Aktionen stattgefunden, 7.750 organisiert von der "Black Lives Matter"-Bewegung (BLM). Die allermeisten verliefen friedfertig, an 220 Orten sei es zu Gewalt gekommen. Immer häufiger versammeln sich bei BLM-Protesten Bürgerwehren und Milizen bewaffneter Männer, die ihr weißes Amerika schützen wollen. Trump war eben auch in Kenosha, um den in Untersuchungshaft sitzenden Milizionär zu verteidigen, der geschossen hat. Er sei vermutlich in Lebensgefahr gewesen, rechtfertigte Trump. Die Familie von Jacob Blake hat der Präsident nicht besucht.

Gedankliche Realitäten unterscheiden sich. Im 34.000 Einwohner zählenden Vestavia Hills (Alabama) erlebt Schusswaffenhändler Joe Phillips gerade einen Boom. Im Interview mit dem Nachrichtenportal für Alabama erinnerte er an den Ansturm auf Toilettenpapier zu Beginn der Corona-Krise. Genau das geschehe jetzt bei Schusswaffen und Munition. Viele Leute befürchteten, dass im Fall eines Trump-Wahlsieges "die Linke in den demokratisch regierten Städten" für Randale und Aufruhr sorgen werde. Im August haben US-Amerikaner zwei Millionen Schusswaffen gekauft. Laut Analyse des Fachdienstes thetrace.org sind das 60 Prozent mehr als im gleichen Monat ein Jahr zuvor. Verkäufe stiegen parallel zu den Corona-Infektionszahlen. Gut 30 Prozent der Amerikaner besitzen Schusswaffen, bilanziert das Pew Research Center, vornehmlich Weiße (36 Prozent) und Republikaner (41 Prozent). Nur 16 Prozent der Demokraten seien gerüstet. Joe Phillips meint, so viele Leute hätten "das Gefühl, es passiert etwas". Es kämen vermehrt Kunden, die nie zuvor Waffen gekauft hätten, darunter alleinstehende Frauen und Afroamerikaner.

Wird Trump "alles tun"?

In einem Papier zur Lage nach einer Wahl mit möglicherweise unklarem Ausgang heißt es beim Transition Integrity Project, einer überparteilichen Arbeitsgruppe: "Das Potenzial für einen gewaltsam ausgetragenen Konflikt ist groß, vor allem da Donald Trump seine Anhänger ermuntert, zu den Waffen zu greifen." Bürgerrechtsführer Martin Luther King wurde ermordet, ebenso Robert und John F. Kennedy. Polizei und FBI führten blutige Kampagnen gegen die Black-Panther-Bewegung. Gewalt gehöre zur amerikanischen Kultur, sagte 1967 der militante Studentenführer H. Rap Brown. Gewalt sei "so amerikanisch wie Kirschkuchen". Auf Youtube kann man bis heute die Bilder von der Polizeigewalt gegen Demonstranten sehen, als die in den späten 1960ern für Bürgerrechte und gegen den Vietnamkrieg auf die Straße gingen.

Noch nie hat man in der US-Geschichte erlebt, dass ein Präsident wie Trump gewaltbereite Unterstützer anfeuert und mit dem Gedanken eines Militäreinsatzes gegen US-Bürger spielt. Doch auch Trump ist "so amerikanisch wie Kirschkuchen". Sein abgesprungener Anwalt Michael Cohen erklärte Anfang September beim Erscheinen seines Erinnerungsbuchs Disloyal, Trump werde "alles tun", um an der Macht zu bleiben. Nach Versöhnung sieht das nicht aus.

Quelle: der FREITAG vom 11.09.2020. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Konrad Ege und des Verlags.

Veröffentlicht am

11. September 2020

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