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Vor 60 Jahren erster Ostermarsch in Deutschland

Von Michael Schmid (aus: Lebenshaus Schwäbische Alb, Rundbrief Nr. 104, März 2020 Der gesamte Rundbrief Nr. 104 kann hier heruntergeladen werden: PDF-Datei , 611 KB. Den gedruckten Rundbrief schicken wir Ihnen/Dir gerne kostenlos zu. Bitte einfach per Mail abonnieren . Eine kürzere Version dieses Artikels ist in der Zeitschrift FriedensForum 2/2020 erschienen.)

Kaum war die Bundesrepublik 1955 der NATO beigetreten und die Bundeswehr gegründet sowie 1956 die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht beschlossen worden, ging es auch schon um die Frage der atomaren Bewaffnung der Bundeswehr. Bundeskanzler Adenauer erklärte am 5. April 1957 auf einer Pressekonferenz: "Unterscheiden Sie doch die taktischen und die großen atomaren Waffen. Die taktischen Waffen sind nichts weiter als die Weiterentwicklung der Artillerie. Selbstverständlich können wir nicht darauf verzichten, dass unsere Truppen auch in der normalen Bewaffnung die neueste Entwicklung mitmachen." Diese Aussage rief Widerstand hervor, der letztendlich aber nicht verhindern konnte, dass der Bundestag im März 1958 die atomare Bewaffnung der Bundeswehr beschloss.

Nach Adenauers öffentlichem Bekenntnis für Atomwaffen protestierten zunächst Wissenschaftler dagegen. Schließlich entwickelten sich dann massenhafte Proteste der Kampagne "Kampf dem Atomtod", die von SPD, Gewerkschaften und Teilen der Evangelischen Kirche sowie von einzelnen Persönlichkeiten organisiert und maßgeblich bestimmt worden waren.

Als die SPD 1959 mit ihrem "Godesberger Programm" einen politischen Kurswechsel vollzog, hatte sie den Protest der Kampagne "Kampf dem Atomtod" praktisch abgewürgt.

Als Reaktion auf das Kampagnenende organisierten verschiedene pazifistische Gruppen 1960 einen ersten Ostermarsch in Deutschland. Der Anstoß zu dieser Aktionsform kam aus Großbritannien. Dort wurde seit 1958 unter dem Namen "Campaign for Nuclear Disarmament" jährlich von Karfreitag bis Ostermontag vom britischen Atomwaffenzentrum Aldermaston in das 80 km entfernte London marschiert. Der Pazifist und Quäker Konrad Tempel aus Hamburg hatte beim ersten Ostermarsch in England teilgenommen und anschließend begeistert vor Gruppen von Kriegsdienstverweigerern in Norddeutschland berichtet. Dies wurde 1960 von pazifistischen Gruppierungen aufgegriffen, die mit kleinen Gruppen in Bremen, Hamburg, Braunschweig und Hannover aufbrachen, um mit einem drei- bis viertägigen Sternmarsch nach Bergen-Hohne zu marschieren. Ziel war der dortige NATO-Truppenübungsplatz, wo die US-Armee Honest-John-Raketen als Träger für Atomwaffen erprobte.

Bei diesem ersten deutschen Ostermarsch wurde auf die strikte Unabhängigkeit von Großorganisationen geachtet und die "von oben nach unten" verordneten und durchgeführten Kundgebungen abgelehnt. Diese Aktionsform erforderte es, dass Teilnehmende sich selbst mit ihrer Person einbringen mussten. Mit der Länge des Marsches über mehrere Tage sollte vor allem die Glaubwürdigkeit der Bewegung und der mitmarschierenden Menschen bewiesen werden. Gerade in den Hochzeiten des Kalten Krieges brauchte es zudem einigen Mut, mit wenigen hundert Menschen gegen Atomwaffen in Ost und West auf die Straßen zu gehen. Es musste manche Schikanen und einiger Spott ertragen werden.

"Es war ein ganz scheußlicher Tag, mit Schneematsch und Kälte. Wir standen in Braunschweig mit einer Gruppe von etwas mehr als 20 Leuten zwischen den Pfeilern der Kirche, der Pfarrer gab uns noch gute Worte auf den Weg und dann mussten wir hinaus", erinnerte sich der 2016 verstorbene Politikwissenschaftler Andreas Buro an den allerersten Ostermarsch in Deutschland im Jahr 1960. "Ich wäre damals gern dort stehen geblieben zwischen den Pfeilern. Dann sind wir drei Tage lang marschiert."

Verkörperte der erste Ostermarsch wahrlich keine Massenbewegung, so wurde er doch zum Auftakt für eine unabhängige Friedensbewegung. Innerhalb der nächsten Jahre wuchsen die jährlich durchgeführten Ostermärsche zahlenmäßig zu einer nicht mehr übersehbaren Bewegung an. Inhaltlich fand gegenüber der anfangs rein moralischen Argumentation und Motivation eine Entwicklung zu einer konkreten Politisierung statt. So wurden im Aufruf 1963 u.a. Forderungen nach Verhandlungen über eine atomwaffenfreie, militärisch ausgedünnte Entspannungszone in Mitteleuropa gestellt.

Ab 1965 erhielt die zur "Außerparlamentarischen Opposition" (APO) gewordene Bewegung eine neue Dimension. Vor allem der Vietnamkrieg und die Notstandsgesetzgebung führten zu einer verschärften politischen Konfrontation. Nun standen nicht mehr nur Probleme der Abrüstung und die Gefahren der Atomwaffen im Mittelpunkt; vielmehr erweiterte sich das Blickfeld erheblich: Rüstung und Abrüstung wurde nun unter Berücksichtigung politisch-ökonomischer Grundlagen diskutiert und Probleme der Demokratisierung mit in den Argumentations- und Forderungskatalog aufgenommen.

Zudem wurden von der Ostermarsch-Bewegung, deren Namen letztmals 1968 in "Kampagne für Demokratie und Abrüstung" geändert wurde, neben den traditionellen Märschen neue Aktionsformen entwickelt: Mahnwachen und gewaltfreie Blockaden wurden organisiert, eigene Zeitungen für die inhaltliche Diskussion und als Informationsmedium gedruckt und vertrieben. Es fand in vielen Bereichen eine kreative Weiterentwicklung weg von den starren, auch hierarchischen Formen bisheriger Großkundgebungen hin zu vielfältigen Aktionsformen statt. Klaus Vack, langjähriger Geschäftsführer der Kampagne, sprach später im Rückblick von einer regelrecht kulturrevolutionären Dimension, welche die Aktivitäten der Ostermarsch-Bewegung annahmen.

Mit dem Anwachsen der "APO" allerdings, der daraus resultierenden Radikalisierung des "Sozialistischen Deutschen Studentenbundes" (SDS) im Kampf gegen Notstandsgesetze, Vietnamkrieg und den "Kapitalismus" wurde eine Aufrechterhaltung der bisherigen Ostermärsche als Aktionsform immer schwieriger. Der Einmarsch der Warschauer Paktstaaten 1968 in die Tschechoslowakei belastete die Zusammenarbeit der verschiedenartigen Teile der Kampagne außerordentlich. So fand 1969 schließlich der letzte, gemeinsame Ostermarsch statt. Die kollektive Erkenntnis, dass hinter den Problemen der Rüstung letztlich die Frage nach Veränderung der kapitalistischen Gesellschaft steht, ließ keine gemeinsame Antwort auf die Frage zu, wie diese gesellschaftlichen Strukturen verändert werden könnten. Große Teile der Kampagne versuchten in der Folge in je spezifischen Ansätzen an einer Überwindung, andere an einer Reform der kapitalistischen Gesellschaft zu arbeiten.

Immerhin hatte diese neue Aktionsform in den 1960er Jahren mit mehrtägigen Märschen zur ersten "Neuen Sozialen Bewegung" in der Bundesrepublik geführt. In dieser Ostermarsch-Bewegung wurden "kollektive Lernprozesse" (Andreas Buro) gemacht, von denen wir sicher noch bis heute profitieren. Viele Menschen lernten, dass sie ihren Protest selbst organisieren müssen und sich nicht auf irgendwelche Großorganisationen verlassen dürfen. Sie lernten ebenfalls, dass Appelle an die Herrschenden nicht dazu führen, dass diese sich mit den vorgetragenen Argumenten auseinandersetzen würden, sondern vielmehr mit einer Flut von Diffamierungen und Verdächtigungen reagieren. Und sie lernten, dass die Frage von Rüstung in enger Beziehung zu den jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnissen gesehen werden müssen, weil bestimmte Interessen und Motive echte Abrüstung verhinderten.

Nach einer Unterbrechung in den 70er Jahren wurde ab 1980 wieder an die Tradition der jährlichen Ostermärsche angeknüpft, die bis heute fortgesetzt wird.

 

Literaturhinweis

Ausführlich lässt sich die Geschichte der Ostermarsch-Bewegung und die Geschichte der Friedensbewegung in folgender Broschüre nachlesen. Uli Jäger/Michael Schmid: "Wir werden nicht Ruhe geben …".   Die Friedensbewegung in der Bundesrepublik Deutschland 1945 - 1982. Geschichte, Dokumente, Perspektiven. Verein für Friedenspädagogik Tübingen, 1982. 48 Seiten.

Diese vergriffene Broschüre ist im Internet dokumentiert unter: www.lebenshaus-alb.de/magazin/004900.html.

 

 

 


Bundesweit: Ostermärsche und -aktionen 2020

Auf der Website von Netzwerk Friedenskooperative finden sich:

Auf der Lebenshaus-Website finden sich:

Fußnoten

Veröffentlicht am

15. März 2020

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