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Die Ostermarsch-Bewegung

Die Friedensbewegung in der Bundesrepublik Deutschland von 1945 - 1982 (Teil III der Serie)


Uli Jäger/Michael Schmid

 

(Kurzfassung)

Viele Atomwaffengegner waren entschlossen, trotz des Endes der Kampagne "Kampf dem Atomtod" weiterzuarbeiten und die Lehren aus den gemachten Erfahrungen zu ziehen. Enttäuscht von dem von Taktik bestimmten Verhalten der Großorganisationen SPD und DGB kam bei vielen die Erkenntnis, sich selbst mit ihrer Person einbringen zu müssen, um den Protest wirkungsvoll gestalten zu können. Dies bedeutete zunächst die strikte Unabhängigkeit von Großorganisationen und die Ablehnung der "von oben nach unten" verordneten und durchgeführten Kundgebungen.

In einer Aktionsform aus Großbritannien schienen diese Ansatzpunkte verwirklicht: dort wurde seit 1958 unter dem Namen "Campaign for Nuclear Disarmament" jährlich von Karfreitag bis Ostermontag vom britischen Atomwaffenzentrum Aldermaston in das 80 km entfernte London marschiert. 1960 wurde dieser Anstoß zum ersten Mal aufgegriffen und unter organisatorischer Beteiligung verschiedener Gruppen ("Verband der Kriegsdienstverweigerer", "Internationale der Kriegsdienstgegner" "Deutsche Friedensgesellschaft") der erste Ostermarsch in Westdeutschland mit einigen hundert Menschen durchgeführt. Der Protest richtete sich ganz allgemein "gegen atomare Kampfmittel jeder Art und jeder Nation"zit. nach Informationen zur Abrüstung, Sonderausgabe Dez.64, in K.A. Otto: Vom Ostermarsch zur APO. Frankfurt/Main 1977, S. 120. Mit der Länge des Marsches - er fand noch Jahre später über 2-3 Tage statt - wollte man vor allem die Glaubwürdigkeit der Bewegung und der mitmarschierenden Menschen beweisen. Es wurde anfangs beschlossen, Organisationen als solche sich nicht beteiligen zu lassen, sondern nur Menschen als Einzelpersonen. Damit wollte man auch, wiederum vergeblich, der Gefahr entgehen, abermals als von kommunistischen Tarnorganisationen unterwandert diffamiert zu werden.

Innerhalb der nächsten Jahre reiften nun die jährlich durchgeführten Ostermärsche sowohl zahlenmäßig als auch von ihrer inhaltlichen Auseinandersetzung her zu einer nicht mehr zu übersehenden Bewegung. Vor allem inhaltlich fand gegenüber der anfangs rein moralischen Argumentation und Motivation eine Entwicklung hin zu einer konkreten Politisierung statt. So wurden im Aufruf 1963 u.a. Forderungen nach Verhandlungen über eine atomwaffenfreie, militärisch verdünnte Entspannungszone in Mitteleuropa gestellt. Ab 1965 erhielt die zur "Außerparlamentarischen Opposition" entwickelte Bewegung eine neue Dimension. Vor allem der Vietnamkrieg und die Notstandsgesetzgebung führten zu einer verschärften politischen Konfrontation. Nun standen nicht mehr nur Probleme der Abrüstung und die Gefahren der Atomwaffen im Mittelpunkt; vielmehr erweiterte sich das Blickfeld erheblich: Rüstung und Abrüstung wurde nun auch unter Berücksichtigung politisch-ökonomischer Grundlagen diskutiert und Probleme der Demokratisierung mit in den Argumentations- und Forderungskatalog aufgenommen. Das Erkennen der Zusammenhänge zwischen Rüstung, Wirtschaft und Demokratie oder zumindest deren Thematisierung, sollte als großer Fortschritt innerhalb der Friedensbewegung gewertet werden. Andreas Buro, langjähriger Sprecher und- Geschäftsführer der Kampagne, sprach in diesem Zusammenhang von einem "Massenlernprozess"zit. nach K.A. Otto, a.a.0. S.190, der stattgefunden habe.

Von der Ostermarsch-Bewegung (der Namen wurde mehrfach geändert, 1968 zum letzten Mal in "Kampagne für Demokratie und Abrüstung") wurden neben den bald traditionellen Märschen neue Aktionsformen entwickelt: Mahnwachen und gewaltfreie Blockaden wurden organisiert, eigene Zeitungen für die inhaltliche Diskussion und als Informationsmedium gedruckt und vertrieben. Es fand in vielen Bereichen eine Weiterentwicklung weg von den starren, auch hierarchischen Formen bisheriger Großkundgebungen statt. Die Vorstände von SPD und DGB reagierten schon bald entsprechend auf die Bewegung: Neben der CDU/CSU- Regierung warnten nun auch sie vor einer Teilnahme an den Ostermärschen und der "kommunistischen Unterwanderung", konnten aber nicht verhindern, dass viele ihrer Mitglieder als Einzelpersonen teilnahmen.

Mit Zunahme der "APO" allerdings und der daraus resultierenden Radikalisierung des "Sozialistischen Deutschen Studentenbundes" (SDS) im Kampf gegen die Notstandsgesetze und den "Kapitalismus" wurde eine Aufrechterhaltung der bisherigen Ostermärsche als Aktionsform und gemeinsame Antworten auf die neu gestellten Fragen immer schwieriger. 1969 fand schließlich der letzte, gemeinsame Ostermarsch statt: Bei den Kundgebungen beschimpften SDS-Sprecher die Ostermarschierer als "Revisionisten" und bezeichneten sie in Flugblättern als "Lahmärsche"zit. nach J. Miermeister/J. Staadt: Provokationen. Darmstadt/Neuwied 1980 S.11 . Ein gemeinsames Vorgehen war nicht mehr möglich. Zu einem Bruch innerhalb der Organisatoren trug auf anderer Ebene der Einmarsch der Warschauer Paktstaaten in der CSSR bei, der einheitliche politische Aussagen nicht mehr zuließ und eine Zersplitterung nach sich zog. Ein weiterer Grund für diese Zersplitterung wird als Folge des "kollektiven Lernprozesses" von Andreas Buro artikuliert: Durch diesen Lernprozess sei deutlich geworden, dass hinter den Problemen der Rüstung letztlich die Frage nach Veränderung der kapitalistischen Gesellschaft stehe. Auf die Frage nun, wie diese gesellschaftlichen Strukturen verändert werden könnten, gab es keine einheitliche Antwort: große Teile der Kampagne versuchten in je spezifischen Ansätzen an einer Überwindung, andere auch nur an einer Reform der kapitalistischen Gesellschaft zu arbeiten.vgl. A. Buro, in K.A. Otto, a.a.0. S. 190ff. Diese Zersplitterung setzte sich während der "Entspannungsphase" der siebziger Jahre fort (K-Gruppen, Integration in die SPD, Entstehen neuer Gruppen).

Sicher hat die Ostermarsch-Bewegung ihre faktischen Ziele nicht erreicht. Noch gibt es Atomwaffen auf deutschem Boden und überall in der Welt.Statt 7.000 Atomwaffen wie zum Zeitpunkt dieser Feststellung im Jahr 1982, zu Zeiten des Kalten Krieges, lagern jetzt "nur" noch etwa 20 atomare Bomben im einzigen noch aktiven Atomwaffenstandort in Deutschland, in Büchel. Doch auch mit diesen Atombomben könnten verheerende Schäden angerichtet werden. Und weltweit existiert nach wie vor ein ungeheures atomares Potential, mit dem sich die Menschheit selber und mit ihr sämtliche Lebensformen auf unserem schönen Planeten Erde mehrfach vernichten kann. Trotzdem sollte man nicht von einem Scheitern der Bewegung sprechen; zu viele wichtige Lernprozesse wurden in Gang gesetzt, die so von früheren Bewegungen nicht erreicht worden waren. Ohne sie hätte die heutige Friedensbewegung nicht die Möglichkeiten, die dort begonnene Hinterfragung der Ursachen von Rüstung weiterzuentwickeln und neue Wege zum Ziel der weltweiten Abrüstung zu finden.

Weiter zum nächsten Kapitel: Kleinarbeit und Aufbruch - die 70er Jahre (Teil IV)

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Fußnoten

Veröffentlicht am

16. März 2008

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