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Die Zukunft gestalten

Der Autor Bob Overy liefert mit seinem Buch Gandhi the Organiser eine eingehende Untersuchung der entscheidenden Phase in Indiens Freiheitskampf, während der Gandhi zum nationalen Führer wurde.

Von Michael Nagler

Zusammen mit einigen anderen Büchern bestellte ich mir im letzten Jahr Bob Overys Buch Gandhi the Organiser Bob Overy, Gandhi the Organiser. How he shaped a Nationwide Rebellion: India 1915 - 1922 . First Edition Irene Publishing, 9. September 2019., da man mich gebeten hatte, einen Vortrag in einer der Konferenzen in der Führungs-Akademie Stanford zu halten. Das Buch kam lange nach der Konferenz an und es war etwas ganz anderes, als ich erwartet hatte: Es ist eines der besten, anregendsten Bücher über Gandhi, die ich jemals gelesen habe.

Als ich früher in meinem Seminar über Gewaltfreiheit in Berkeley über Gandhi sprach, ließ ich die Studenten immer einige Standard-Texte lesen: Eknath Easwarans Gandhi the Man Eknath Easwaran, Gandhi the Man: The Story of His Transformation. 15. August 1997.
Neuauflage: Gandhi the Man: How One Man Changed Himself to Change the World.
11. April 2011. Vorwort von Michael Nagler.
Eknath Easwaran, Der Mensch Gandhi: Meditation und Gewaltlosigkeit. Grumann 1983.
-, Der Mensch Gandhi: Sein Leben ist eine Botschaft. Herder 1997.
für die spirituelle und B. R. Nandas MahatmOxford University Press, New Delhi 1981 und öfter. (c) B.R. Nanda 1958. für die historische (d.h. die politisch- geschichtliche) Dimension. Ich drängte sie auch, eines der von Tendulkar, Mahadev Desai oder anderen geführten Tagebücher Gandhis zu lesen, weil es etwas qualitativ anderes ist, der reinen Intensität von Mahatmas Alltagsleben und seinen täglichen Tätigkeiten zu begegnen, als etwas über ihn zu lesen. Wenn Gandhi the Organiser damals schon geschrieben worden wäre, hätte ich es sicherlich meinen Studenten zum Lesen empfohlen. Aber es ist viel mehr.

Der Autor Bob Overy ist ein in Großbritannien lebender freier Wissenschaftler. Mit dem Buch hat er eine ausgezeichnete eingehende Untersuchung der entscheidenden Phase in Indiens Freiheitskampf geliefert, während der sich Gandhi aus einer Kraft, mit der man in seinem Heimatstaat Gujarat zu rechnen hatte, zum nationalen Führer wandelte. Overy zeichnet diesen Prozess mithilfe aufschlussreicher Details nach und hält dabei den Kurs zwischen "Gandhi dem Heiligen" und "Gandhi dem Freiheitskämpfer". Damit bringt er die fesselnde Geschichte der Klugheit und des unbeugsamen Willens des Mahatma ans Licht. Er erzählt, wie sich Gandhi mit unaufhaltsamem Tatendrang durch die scheinbaren "Misserfolge" kämpfte; das verlieh seiner Behauptung, bei satyagraha gebe es keine Niederlage, Glaubwürdigkeit. In seiner Darstellung erweckt Overy mit einer selten anzutreffenden Kraft Gandhi zum Leben.

Der Titel mag andere ebenso irreführen, wie mich der Inhalt des Buches aufgrund des Titels überrascht hat. In diesem Buch wird Gandhi nicht als Geschäftsführer dargestellt wie in anderen, in denen einige Prinzipien von Gandhis Organisationsweise für Geschäftsführer zubereitet werden. Der Unterschied ist natürlich, dass Gandhi keinen Konzern organisiert hat. Er hat eine Revolution organisiert und nicht einfach nur einen politischen Aufstand, sondern er hat - so würde er es vielleicht selbst nennen - die menschliche Entwicklung einen Schritt vorwärts gebracht.

Schon bevor ich Overys Buch aufschlug, wusste ich, dass Gandhi mit der Zeit zunehmend auf das konstruktive Programm vertraut hatte. Overy bedauert die Tatsache, dass moderne Theorie und Praxis meist ohne diese wesentliche Dimension auszukommen versuchen. Ich hatte allerdings keine Ahnung, wie differenziert der Ansatz des Mahatma zur Wechselwirkung zwischen konstruktivem Programm und direktem Widerstand war, bzw. - wie Overy es nennt und darin schließe ich mich ihm an - zwischen konstruktiver und destruktiver Aktion. Je nachdem, ob es sich um ein regionales oder ein nationales Thema, um ein besonderes Thema, z. B. satyagraha in Champaran 1917, oder um das endgültige Ziel der Unabhängigkeit: swaraj handelte, stellt Overy nicht weniger als fünf Positionen fest. Diese reichen von Situationen, in denen das konstruktive Programm nicht wesentlich ist und ziviler Ungehorsam an sich wirksam werden kann, bis dahin, wo das Programm wesentlich ist und ziviler Ungehorsam überhaupt nicht aufzutreten braucht. (Gandhi stellt sogar fest: "ziviler Massen- oder individueller Ungehorsam ist eine Unterstützung der Bemühung um Konstruktivität" und nicht andersherum.)

So faszinierend und inspirierend dieses Buch mit den Einblicken in Gandhis Tatendrang und Weisheit und in seine erhabene Vision vom Wesen des Menschen auch ist, so ist doch der letzte Abschnitt der für viele von uns am ehesten praktisch umsetzbare Teil. Darin wendet Overy das, was er entdeckt hat, auf Probleme und Möglichkeiten an, denen Aktivisten heutzutage gegenüberstehen. Er widmet dem konstruktiven Programm seine volle Aufmerksamkeit und gleichzeitig spricht er den Unterschied an zwischen dem, was gewöhnlich strategische, und dem, was prinzipielle Gewaltfreiheit genannt wird. Ich stimme dem Folgenden ganz und gar zu: "Es scheint mir, als habe der Versuch, die Technik der Aktion [d. h. strategische Gewaltfreiheit] vom Hintergrund der Glaubensüberzeugungen und gesellschaftlichen Initiativen [d. h. der von Prinzipien geleiteten Ansicht], die sie stützt, zu trennen, unser Verständnis der Technik verringert." Und wenn er fortfährt: "Wir verstehen Gandhis Technik besser … wenn wir sie als eine Methode des gesellschaftlichen Kampfes sehen, der von fest eingewurzelten positiven Werten geprägt ist und der Regeln dafür enthält, wie wir mit Menschen umgehen und uns selbst darstellen sollen, als eine Vision davon, wie das Leben besser sein könnte - alles das kann für uns bedeutsam sein."

Fast alle Aktivisten und Wissenschaftler haben damit aufgehört, über den Unterschied zwischen strategischer und prinzipieller Gewaltfreiheit zu reden, weil diese Gespräche nirgendwohin führen. Stattdessen achtet man auf einen Unterschied, den festzustellen jetzt sehr nützlich ist, denn er betrifft die Entwicklungen des in Beziehung Stehens, das allmähliche Auftauchen eines "Paradigmenwechsels". In der "alten Geschichte" [im alten Paradigma], diesem Bezugsrahmen, der noch in Kreisen der Politikwissenschaft und anderswo vorherrscht, erscheinen Menschen als rationale Kosten-Nutzen-Rechner, die in einem zufälligen, im Grunde materiellen Universum in Konkurrenzbeziehungen eingesperrt sind. Strategische Gewaltfreiheit ist Gewaltfreiheit, durch die Linse der "alten Geschichte" gesehen. Man zwingt Menschen dazu, ihr Verhalten zu ändern, indem man Druck auf sie ausübt, anstatt dass man ihr Mitgefühl für das Leid weckt, das sie verursachen. Nach der alten Geschichte ist der Konflikt ein Gewinn-Verlust-Unterfangen, nach der neuen Geschichte ist es eine Gelegenheit zur Versöhnung und Wiedervereinigung. Leider ist kein Raum für diese Sichtweise, die Overy zutreffenderweise nennt: "Gandhis letztendlich religiöses Konzept satyagraha, eine Kraft, die auf geheimnisvolle Weise auf die Gesellschaft wirkt". Es sind diese "gespenstischen Handlungen in der Ferne", die auch Einstein zu akzeptieren Mühe hatte.

In der voll entwickelten Form dieser neuen Geschichte wird die Welt als ein Ganzes und nicht als eine Ansammlung voneinander getrennter Einheiten gesehen. Es ist das Ganze des Bewusstseins und die Menschen werden als miteinander verbundene Knotenpunkte dieses Bewusstseins gesehen. Einer meiner Freunde nannte sie "sich entwickelnde spirituelle Wesen". Auf diesem Hintergrund ist es viel leichter zu verstehen, wie - so drückte es der Mitarbeiter Gandhis Raihan Tyabji aus - "sein Bewusstsein unser Bewusstsein ergriff und an einen unglaublichen Ort brachte." Martin Luther King konnte das sehr schön ausdrücken: "Alle Menschen sind in einem Netz der Gegenseitigkeit gefangen, dem sie nicht entkommen können. Sie sind zu einem einzigen Gewand des Schicksals verwoben. … Das ist die interdependente Struktur der Wirklichkeit." Das alles wurde gedacht und gesagt, bevor die Neurowissenschaftler 1988 entdeckten, dass wir mit einem Netz von Spiegelneuronen ausgestattet sind. Diese reflektieren die Handlungen anderer und befähigen uns, uns in ihre Gedanken und Absichten hineinzuversetzen. Die Spiegelneuronen im Gehirn aktivieren Gegenseitigkeit. Das macht die Wirkung der Gewaltfreiheit möglich, bzw. das, was Gandhi "das Herz bewegen" nannte. Gandhis Weltanschauung, die man verstehen muss, um zu einer gerechten Beurteilung seiner Gewaltfreiheit zu kommen, entsprach im Wesentlichen dieser "neuen Geschichte". Allerdings war für ihn dieses Denken durchaus nicht neu, denn für ihn war es weitgehend eine Ausdehnung der Weltanschauung der Veden, die in Indiens spirituellen Traditionen durch die Jahrhunderte herrschte.

Es gibt also eine Wechselbeziehung zwischen der Entwicklung der Gewaltfreiheit und der parallelen Entwicklung der neuen Geschichte. (Dieses Thema behandele ich in meinem demnächst erscheinenden Buch The Third Harmony: Nonviolence and the New Story of Human Nature). Das ist jetzt für uns von entscheidender Wichtigkeit, denn viele glauben jetzt, wir können die Welt vor der Klimakatastrophe und der Bedrohung durch eine nukleare Vernichtung nur retten, wenn wir das herrschende Paradigma ändern. Wenn Menschen zum Beispiel dazu gezwungen werden, keine fossilen Brennstoffe mehr zu nutzen oder die Viehzucht aufzugeben, ohne dass sie eine neue Vision davon haben, wer wir sind und was wir zu unserer Erfüllung brauchen, wird das nur zu einer Gegenreaktion führen und einfach misslingen oder es wird, wenn sich etwas geändert zu haben scheint, bei nächster Gelegenheit rückgängig gemacht.

Es sind insbesondere zwei Einsichten, die sich aus diesem Standpunkt ergeben. Einer ist, wie schon gesagt, die Wichtigkeit des konstruktiven Programms. Overy beklagt, ich denke zu Recht, dass das konstruktive Programm im Westen zusammen mit fast allen anderen Aspekten dessen, was er Gandhis religiöse Grundhaltung nennt (und was ich die "neue Geschichte" nenne), übersehen worden ist: "Die wichtigsten Autoritäten für gewaltfreie Aktion haben diese Aspekte faktisch vernachlässigt - mit der Ausnahme des Gelübdes. Besonders der grundlegende Punkt, dass gewaltfreie Aktion eine Methode und Technik ist, die ebenso konstruktive Arbeit wie Kampagnen des zivilen Widerstandes umfasst, wurde geradezu ignoriert. Aber Gandhis Erfolg als Organisator kann nur verstanden werden, wenn erkannt wird, dass die Grundlage jeder Kampagne des zivilen Widerstandes - besonders auf der nationalen Ebene - ein Programm der konstruktiven Arbeit war."  Eben das sagte auch Gandhi selbst: "Meine Hauptpolitik ist konstruktive Arbeit."

Den anderen Aspekt, der sich auf den ersten Teil des Zitats bezieht, kann man folgendermaßen zusammenfassten: Was Gandhi immer mit jedem der Themen, die er gleichzeitig anging, erreichen wollte, war: der Menschheit Auftrieb geben. Er wollte das Bild des Menschen wiederherstellen, das so schlimm vom Materialismus und seiner Bindung an Getrenntsein, Konkurrenz und Gewalt geschädigt wurde und immer noch wird. Overy stimmt dem zu, was R. Kumar in seinen Essays on Gandhian Politics schreibt: "Gandhis romantische Vorstellungen beruhten auf seinem Versuch, politische Bestrebungen mit Moral anstatt mit materiellen Zielen zu verknüpfen, eher mit dem Anheben von Charakter und Persönlichkeit seiner Landsleute als mit dem Erreichen ökonomischer und sozialer Ziele." Wenn Gandhi auf den Erfolg seines Fastens bei den streikenden Textilarbeitern hinweist, beschreibt er ihn als etwas, das mehr als ein politischer Sieg ist. Overy drückt es so aus: "Der Anblick überzeugte mich. … Diese Inder haben ihr wahres Ich behalten, sie sind sich ihres inneren Ichs bewusst und kennen seine Macht."

Für Gandhi war die "Sonne" seines "Sonnensystems" des konstruktiven Programms charkha, die Heimindustrie, in den Häusern Garn zu spinnen und Stoff zu weben. Meine Kollegen im Metta Center und ich verstehen die große Bedeutung des konstruktiven Programms im heutigen Kampf und wir haben lange über die Möglichkeit eines modernen Äquivalents nachgedacht. Charkha hätte, wenn es vollkommen in Gang gebracht worden wäre, eine Industrie wiederbelebt, die einmal der Stolz Asiens gewesen war. Damit wäre die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Indiens "hungernden Millionen" wiederhergestellt und der Griff des britischen Textilmonopols gelöst worden, das unter anderem (wie das Salzmonopol) wesentlich dafür war, dass Britannien Indien im Griff hatte. Charkha bot auch die Möglichkeit, die Bewegung an sich zu einen, denn jeder konnte es jeden Tag betreiben, ganz gleich, welche Arbeit er sonst verrichtete. Es war das, was ich manchmal die heimliche Waffe nenne, denn die Briten begriffen seine revolutionäre Bedeutung erst, als es zu spät war, etwas dagegen zu tun. Selbst wenn ihnen diese Bedeutung klargeworden wäre, wäre es in der Tat schwierig gewesen, den charkha aufzuhalten, denn er war nicht konfrontativ, sondern technisch legal - und das trotz seiner subversiven Kraft. Ein modernes Äquivalent zum charkha finden ist eine schwierige Aufgabe!

Uns ist nichts so Konkretes wie Tuch eingefallen, aber wir können etwas empfehlen, das jeder tun könnte. Schließlich wäre es ebenso subversiv für die herrschende Ordnung, glauben wir. Immer mehr Menschen beginnen zu glauben, dass unsere katastrophale politische, moralische und ökologische Situation darauf beruht, wie wir die Welt sehen. Wenn wir uns selbst als uns entwickelnde spirituelle Wesen sehen, die die Fähigkeit haben, in einem äußerst bedeutungsvollen Universum ihr Schicksal selbst zu steuern, so ist das ein sehr starker Appell. Darum ist unser Kandidat für einen modernen charkha, dass wir uns mit den Grundzügen der entstehenden neuen Geschichte vertraut machen und jedem, der zuhören will, diese Geschichte erzählen. Erklärt euern Zuhörern, dass ihr die Korallenriffe rettet, weil das Leben ein ineinandergreifendes Ganzes ist, von dem man keinen Teil  schädigen kann, ohne auch alles Übrige zu schädigen. Erklärt, dass ihr Gewaltfreiheit nicht nur darum ausübt, weil sie wirksam ist, sondern weil sie den menschlichen Geist nicht zerstört, wie Gewalt es tut. Erklärt vor allem, dass wir die Klimakatastrophe verhindern können, wenn wir zur rechten Zeit - und zwar jetzt! - handeln, denn wir sind wenigstens in einem gewissen - entscheidenden! - Grad selbst die Gestalter unseres Geschicks.

Buckminster Fuller sagte bekanntlich: "Niemand ändert die Dinge, indem er gegen die vorhandene Realität kämpft. Will man etwas ändern, muss man ein neues Modell bauen, das das alte Modell obsolet werden lässt." Das ist wahrer denn je, denn das neue Modell ist unsere neue Vision von dem, wer wir sind und was wir in dieser Welt tun.

Dieser Text wurde im Metta Center for Nonviolence verfasst.

Michael Nagler ist emeritierter Professor für Alte Sprachen und Vergleichende Literaturwissenschaft an der University of California, Berkeley. Dort gründete er mit anderen das Studienprogramm für Friedens- und Konfliktforschung. Außerdem ist er Gründer des Metta Center for Nonviolence und Autor des preisgekrönten Buches Search for a Nonviolent Future, das den American Book Award erhielt.

Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler

Quelle: Waging Nonviolence . Originalartikel: Reorganizing the future . Eine Vervielfältigung oder Verwendung des Textes in anderen elektronischen oder gedruckten Publikationen ist unter Berücksichtigung der Regeln von Creative Commons Attribution 4.0 International (CC BY 4.0) möglich.

Fußnoten

Veröffentlicht am

15. Januar 2020

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