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Es klopft

Alexandria Ocasio-Cortez ist jung, links, Latina und fast schon im nächsten US-Kongress

Von Konrad Ege

Der Asteroid heißt "23238 Ocasio-Cortez", befindet sich viele Millionen Kilometer von dem Planeten Erde entfernt und wurde im Jahr 2000 von der US-Forschungseinrichtung Lincoln Laboratory entdeckt. Lincoln nennt "seine" Asteroiden gern nach Schülern, die sich für Naturwissenschaften interessieren. Alexandria Ocasio-Cortez (28) wurde die Ehre zuteil wegen ihrer 2007 bei einem Wettbewerb ausgezeichneten Studie über die Wirkung von Antioxidantien auf den Alterungsprozess. Damals war sie 17.

Elf Jahre später ist Ocasio-Cortez Kandidatin der Demokraten für den US-Kongress bei den am 6. November anstehenden Zwischenwahlen. Endlich einmal ein junges Gesicht in der US-Politik, in der ansonsten die Älteren die Welt erklären, obwohl mit deren Rezepten gerade keine besonders schmackhaften Kuchen gebacken werden. Das Durchschnittsalter der demokratischen Abgeordneten im Kapitol liegt derzeit bei 61 Jahren. Ocasio-Cortez wäre im Erfolgsfall die jüngste Abgeordnete, wenn das neu gewählte Repräsentantenhaus im Januar 2019 zusammentritt. Nicht nur ihre Jugend erregt Medieninteresse. Alexandria Ocasio-Cortez vom 14. Wahlkreis in New York (Queens und die Bronx, letzterer der Stadtteil mit dem niedrigsten Durchschnittseinkommen in der Stadt) hat bei Vorwahlen Ende Juni als demokratische Sozialistin kandidiert und sensationell, wie es hieß, den seit 1999 im Repräsentantenhaus waltenden Abgeordneten Joe Crowley (56) abserviert. Sie hat bewiesen, dass man im zweiten Jahr von Donald Trump mit linker Überzeugung Wahlen gewinnen kann. Was das bedeutet für den Rest des Landes, ist freilich schwer zu sagen.

Dass sich Ocasio-Cortez am 6. November gegen den Republikaner Anthony Pappas (72) durchsetzt, gilt als ziemlich sicher. Hillary Clinton erhielt im 14. Wahlbezirk bei der Präsidentenwahl gegen Trump 77 Prozent. Letztmals wurde in diesem Bezirk vor gut drei Jahrzehnten republikanisch gewählt. Doch gesichert ist die Deutung von Ocasio-Cortez’ bisherigem Erfolg keineswegs. Gegenkandidat Pappas fragt gern nach, wie sie ihre Sozialprogramme bezahlen würde.

Alexandria Ocasio-Cortez kommt aus einfachen Verhältnissen und muss nicht Theater spielen bei Selfies mit Wählern im 14. Bezirk, viele Latinos und Schwarze aus den unteren Einkommensschichten. Ocasio-Cortez’ Mutter stammt aus Puerto Rico, der Vater aus der Bronx, aufgewachsen ist sie genau dort, dann in der Vorstadt Yorktown Heights, wo die Schulen besser sind. Es folgte das Studium in Boston, nach dem Tod des Vaters arbeitete sie zeitweilig als Serviererin, um dadurch ihrer Familie zu helfen. Und dann, im Sommer 2016, war sie eine der Wahlhelferinnen von Bernie Sanders.

Nach ihrem Vorwahlsieg meinte Ocasio-Cortez, Veränderungen seien möglich, "wenn wir wählen gehen". Ihr Erfolg zeige, dass "die Arbeiterklasse in Amerika bereit ist für Botschaften der wirtschaftlichen und sozialen Gerechtigkeit". Das Wort "Arbeiterklasse" hört man nicht oft in den USA. Demokraten sprechen von "working families" - arbeitenden Familien -, meinen sie dieses Milieu. "Es ist Zeit für eine politische Revolution", steht auf der Website von Ocasio-Cortez. Ihr geht es um eine staatliche Krankenversicherung, ein kostenfreies Studium an staatlichen Einrichtungen, eine staatliche Garantie für Jobs. Der Staat müsse, wenn nötig, Arbeitsplätze schaffen. Die Democratic Socialists of America (DSA) waren im siebten Polithimmel nach dem "historischen Wahlsieg", warnten jedoch, der Kongress sei ein "feindseliges Territorium für demokratische Sozialisten".

Rund 50.000 Mitglieder zählen die DSA und sind so die größte linke Organisation in den USA. Mit der These, Ocasio-Cortez’ Sieg bei den Vorwahlen signalisiere eine demokratische Welle beim Votum am 6. November, sollte man vorsichtig sein. Nach amtlichen Angaben erhielt die Bewerberin bei jener Abstimmung 16.898 Stimmen, ihr Kontrahent Crowley 12.880. Laut der New Yorker Wahlaufsichtsbehörde Board of Elections sind 235.745 Bewohner des 14. Wahlbezirks als Demokraten registriert, 36.415 als Republikaner. Die allermeisten Demokraten blieben demnach zu Hause, andererseits sind niedrige Beteiligungsraten bei Vorwahlen durchaus normal.

In dem in New York erscheinenden sozialistischen Magazin Jacobin hat Ocasio-Cortez Fragen beantwortet, wie sie es denn geschafft habe. Sie habe sich darauf verlassen, dass ihre Botschaften motivieren werden, so die Antwort. Und dann habe sie mit Freiwilligen von den DSA und von anderen Verbänden intensiv Wahlkampf gemacht. Ihre Kampagne habe an etwa 120.000 Türen geklopft, 170.000 Texte verschickt und 120.000 Telefonanrufe getätigt. Das Organisieren für Wahlen sei "nicht besonders schwierig". An ihrer Kampagne hätten sich normale Leute beteiligt, "und wir haben ihnen beigebracht, wie das geht". Gegenkandidat Crowley hat offenbar den heranrasenden Zug zu spät gesehen.

Für andere progressive Kandidaten hingegen verliefen die demokratischen Vorwahlen eher durchwachsen. Bei den Gouverneurswahlen in New York hat die von den DSA unterstützte Schauspielerin Cynthia Nixon sehr deutlich gegen den Establishment-Politiker Andrew Cuomo verloren. Bei der Abstimmung in Boston setzte sich allerdings Ayanna Pressley gegen einen seit 20 Jahren gesetzten Abgeordneten durch. Und im Staat Maryland gewann Ben Jealous die Gouverneursvorwahlen mit der Rückendeckung von Bernie Sanders, liegt laut Umfragen jedoch 15 Punkte hinter dem Republikaner Larry Hogan. Der Weg ins gelobte Land ist ganz schön lang. Und ein Teil der (weißen) Arbeiterklasse ist aller Zuversicht von Ocasio-Cortez zum Trotz eben auf Donald Trump eingeschworen.

Quelle: der FREITAG vom 31.10.2018. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Konrad Ege und des Verlags.

Veröffentlicht am

05. November 2018

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