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Oscar Romero - ermordet durch die Handlanger der Reichen

Ein Buch erinnert an die maßgebliche Heiligsprechung von unten - Dank der Armen

"Gedenkt der Heiligsprechung von Oscar Romero durch die Armen dieser Erde"

Dokumentation des Ökumenischen Aufrufes zum 1. Mai 2011 - Zuschriften - Lesesaal

Herausgegeben von Christian Weisner, Friedhelm Meyer & Peter Bürger.

Mit Beiträgen von Norbert Arntz, Andreas Hugentobler, Willi Knecht, Martin Maier SJ, Paul Gerhard Schoenborn, Stefan Silber u.a.

ISBN: 978-3-7460-7979-0 (Paperback, 268 Seiten, mit farbigen Abbildungen, Preis: 9,99 €)
Mit Angabe der ISBN-Nummer überall im Buchhandel bestellbar.

Leseprobe/Inhaltsverzeichnis (oben links anklicken) beim Verlag:
https://www.bod.de/buchshop/gedenkt-der-heiligsprechung-von-oscar-romero-durch-die-armen-dieser-erde-9783746079790

Am 24. März 1980 wurde Oscar Romero durch Auftragsmörder der reichen Minderheit in El Salvador ermordet. Die Besitzlosen des Kontinents, "Gottes Lieblinge", sprachen den Bischof sofort heilig. Jahrzehnte später wird unter Bischof Franziskus von Rom jetzt auch die kirchenamtliche Kanonisation (14. Oktober 2018) nachgeholt. Das Lebenshaus Schwäbische Alb hat 2011 die Ökumenische Erklärung "San Oscar Romero" mit verbreitet.Siehe Ökumenischer Aufruf zum 1. Mai 2011: "Gedenkt der Heiligsprechung des Märtyrers San Oscar Romero durch die Armen dieser Erde" . An das "Lehramt von unten" erinnert ein soeben erschienenes Buch "Gedenkt der Heiligsprechung von Oscar Romero durch die Armen dieser Erde". Wir dokumentieren nachfolgend das Vorwort zu diesem Band:

Erinnerung an das "Lehramt der Armen"

"Das Volk sprach ihn noch in seiner Todesnacht heilig. Fünf Stunden nach dem Mord ging ich auf die Straße, es war die einsamste Nacht, die ich je erlebt habe. Plötzlich hörte ich einen Ruf. ‚Ist es wahr, dass sie den Heiligen getötet haben?’ Es waren Obdachlose. Es war das erste Mal, dass ich von Romero als Heiligem sprechen hörte. Sie baten, den Leichnam berühren zu dürfen. Der Vikar erlaubte es, und ein paar berührten seine Füße und gingen glücklich wieder. Da kamen mir die Tränen."

Roberto CuéllarWEISS/CUÉLLAR 2015*. Vgl. auch ebenso berührend: VIGIL 1999, S. 335-336.

Eine überzeugende Ikone von Oscar Romero kann nicht gemalt werden. Wem sollte es gelingen, in einem Bild die Leiden El Salvadors und eines ganzen Kontinents, den endlosen Chor der Märtyrerinnen und Märtyrer Lateinamerikas und ein - mitnichten überwundenes - Gewalterbe der Geschichte ansichtig werden zu lassen? Wenn schon nur ein Mosaikstein gezeigt werden kann, so sollte hierfür als Motiv nicht der abgeklärte Prälat mit Segensgestus gewählt werden. Die Kirche der Armen repräsentiert der sprechende und gestikulierende Romero, der seine Stimme erhebt für jene, deren Wimmern und Schreie die Machthabenden nicht hören wollen - eine kraftvolle Stimme, weil der Sprechende, ein von Haus aus ängstlicher Mensch, sich von den vielen geliebt und beauftragt weiß. Die Ikone müsste etwas vom ‚Geheimnis des geliebten Hirten’ erahnen lassen, der die Armen unermüdlich um Rat befragt und von Gottes Leuten aus verfolgten Gemeinden im ganzen Land Tag für Tag Post erhält: "Wir fürchten uns nicht vor so vielen Drohungen … Wir schreiben Ihnen, damit Sie sich nicht allein fühlen!" "Ohne irgendwelche Angst werden wir fortfahren, die Frohe Botschaft zu predigen …, ohne den Mut zu verlieren".Vgl. BROCKMAN 1990, S. 111. - Die Armen können sich unter einem solchen Hirten ihres Lehramtes bewusst werden, und Oscar Romero lernt zu verstehen, dass sie es sind, durch die ihn die erhellende und kräftigende "Amtsgnade" berührt.

In der ‘Kirche der Reichen’, die eine soziologische Realität ist, obwohl es sie gemäß Dogma natürlich nicht geben darf, kennt man nur das Lehramt einer kleinen Minderheit von privilegierten Wahrheitsbesitzern. Die allein der Botschaft Jesu entsprechende Kirche der Armen orientiert sich hingegen am ‘Reich Gottes’, in dem Menschen ihre Bedürftigkeit angstfrei entdecken dürfen - als Schlüssel zur Schönheit eines miteinander geteilten Lebens. Ohne das ‘Lehramt der Armen’ ist die Kunde vom ‘Reich des rein geschenkten Lebens’ überhaupt nicht vorstellbar.

Am 24. März 1980 wurde Oscar Romero durch Auftragskiller der reichen Minderheit in El Salvador ermordet. Die Besitzlosen des Kontinents, "Gottes Lieblinge", sprachen den Bischof sofort heilig. An dieses ‚Lehramt von unten’ erinnerte der im vorliegenden Buch dokumentierte Ökumenische Aufruf zum 1. Mai 2011Der Aufruf war nicht, wie besonders der Bischof von Regensburg (MÜLLER 2011*; NERSINGER 2015, S. 86-87) alsbald behauptete, eine Kampagne gegen die am 1. Mai 2011 erfolgte Kanonisation von Johannes Paul II. Vielmehr sollten durch das gewählte Datum die höchst unterschiedlichen Maßstäbe in der Kirche transparent werden. Oscar Romero war schon seit Jahrzehnten von Getauften auf dem ganzen Erdkreis heiliggesprochen worden, aber die römischen Kirchenbehörden - die einst zu seinen Verfolgern gehört hatten - erfanden unentwegt neue Vorwände, um das Verfahren zu verzögern und schließlich zu blockieren. Bei dem nur sechs Jahre zuvor gestorbenen Papst verfolgten die Machthabenden in der Kirche hingegen mit aller Eile ihren Fahrplan, obwohl noch schwerwiegende Fragen ungeklärt waren (besonders das unkritische, enge Verhältnis zu einem Ordensgründer, dessen Lebenswerk persönlich und strukturell ganz auf sexueller Gewalt gegen Abhängige und Schwache basierte).: "Wir bitten Euch, der Heiligsprechung des Märtyrers San Oscar Romero durch die Armen Lateinamerikas und durch Freundinnen und Freunde Jesu auf dem ganzen Erdkreis zu gedenken." Dieser Band erschließt alle Begleittexte, Zuschriften und Sprachversionen zum internationalen Aufruf "San Romero", eine Sonderseite der ZEIT-Beilage "Christ & Welt", die Namen der unterzeichnenden Christinnen & Christen und Organisationen aus über 20 Ländern sowie die Impulse eines Ermutigungsabends.Über Romeros Weg und Bedeutung informiert ein "Lesesaal" mit Beiträgen von Norbert Arntz, Andreas Hugentobler, Willi Knecht, Martin Maier SJ, Paul Gerhard Schoenborn, Stefan Silber u.a. Allen, die Texte zur Verfügung gestellt und eine unkomplizierte Abdruckerlaubnis erteilt haben, sei herzlich gedankt. Wir bekamen damals für den - sehr kurzfristig als ‘kleine Geste’ konzipierten - Aufruf unerwartet viel Zuspruch. Christinnen und Christen aus fernen Ländern meldeten sich, boten ihre Übersetzungsdienste an. Auch die warmherzigen Ermutigungen jenseits von Konfessionsgrenzen waren eine nachhaltige Erfahrung: "Wenn du mit dem Namen Oscar Romeros anklopfst, dann öffnen sich überall Türen in der Welt, weil Menschen guten Willens sich mit seiner Hilfe einander erkennen können."

Nunmehr erkennt die Weltkirche durch eine zweistufige Kanonisation (Seligsprechung anno 2015, Heiligsprechung anno 2018) die schon vor fast vier Jahrzehnten erfolgte Heiligsprechung von unten an. Dies ist zu begrüßen, wie auch grundsätzlich das amtliche Procedere der weltkirchlichen Bedeutung angemessen ist.Es wäre unverantwortlich, der gesamten Weltkirche Vorbilder des Christseins vor Augen zu stellen, ohne u.a. eine gründliche biographische Forschung gemäß hohen wissenschaftlichen Standards zu betreiben. Hier darf eben nicht nach den ideologischen Parolen von 1870 (‚Dogma & Hierarchie besiegen die Geschichte’) oder populistischen ‚Geschmacksurteilen’ verfahren werden. Da im konkreten Fall des ermordeten Erzbischofs von San Salvador sich jedoch lange jene Kräfte eingeschaltet haben, die den Märtyrer zu Lebzeiten und auch nach seinem Tod verfolgt haben, muss die ältere ‘Lehramtsentscheidung der Armen’ noch immer als die maßgebliche Grundlage gelten!

Was auch immer heute harmonisierend zur Vorgeschichte des Verfahrens geschrieben werden mag, es besteht kein Zweifel: Ohne die entschiedene Option von Papa Francesco wäre jetzt der Eintrag Romeros in den Heiligenkalender der Weltkirche kaum erfolgt: "Ach, wie sehr möchte ich eine arme Kirche und eine Kirche der Armen!" Möge der ‘neue Heilige’ Fürsprecher sein mit Blick auf die Notwendigkeit, dass nicht nur der Bischof von Rom, sondern alle Christen sowie besonders die Kirchen der reichen Länder die in Medellín (1968) und Puebla (1979) ersehnte Umkehr ernsthaft angehen.

Dankbar dürfen wir dafür sein, dass gerade die ‘Causa Romero’ der Weltkirche Klärungen zum Verständnis von ‘Heiligkeit’ und ‘Martyrium’ geschenkt hat, die längst überfällig waren.Dies entspricht den Erfahrungen der Kirche in Lateinamerika, aber auch den Einsichten von Johannes Paul II. und den Maßstäben, die z.B. im deutschen ‚Martyrologium’ schon seit langem gelten. Vgl. BÜRGER 2018, S. 22-33. Eine Glaubenskongregation, die sich nicht länger als Theologenpolizei missversteht, wird im Gespräch mit den vielen diesen Reichtum der Christenheit erschließen können.

Die offiziellen Seligsprechungsfeierlichkeiten 2015 in San Salvador folgten einem traurigen Drehbuch.Vgl. MAIER 2015, S. 169 sowie zahllose Beiträge im Internet. Die Choreographie wurde bestimmt von einem unüberbietbaren Klerikalismus. Ein sehr kleiner Kreis von Angehörigen der Opfer der salvadorenischen Kirchenverfolgung im ‘Chorgestühl’ wirkte allenfalls wie ein Alibi. Mächtigen und Vertretern des Militärs wurde die Reliquie bevorzugt dargeboten. Das gewählte Motto "Märtyrer der Liebe" (statt: "Märtyrer der Gerechtigkeit") gab den basiskirchlichen Gemeinschaften Anlass zum Widerspruch. Jon Sobrino SJ, ehedem ein theologischer Berater des neuen Heiligen, stellte klar: Oscar Romero ist nicht wegen irgendeiner vagen ‘Liebe zu den Armen’ ermordet worden, sondern weil er der Konfrontation mit jenen, die die Armen arm machen, unterdrücken und töten, nicht aus dem Weg gegangen ist. - Vertreter einer basiskirchlichen Perspektive in Romeros Heimat zeigen auch für 2018 auf, dass Establishment und ‘Traditionalisten’Vgl. zur Vereinnahmung durch das Opus Dei die Fußnote die Hinweise auf Seite 143 des Buches. das Zeugnis Romeros zähmen wollen. Wenn alle Bischöfe El Salvadors in Rom sind, wollen die Gemeinschaften daran erinnern, dass dieser Märtyrer uns zum Aufbruch in einer Kirche der Armen ruft: "Presente!"

Düsseldorf, Antikriegstag 2018        Peter Bürger

Fußnoten

Veröffentlicht am

16. September 2018

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