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50 Jahre 1968 (10): 68 ist nicht das Ende - “Das Volk von Seattle” und andere Bewegungen

"Achtundsechzig, das ist das lustvolle Zähnefletschen des Gespenstes der Freiheit, der nachhaltige Schrecken für jede Art von Autoritäten und Bürokraten." Im Jahr 2018 ist es also 50 Jahre her, dass die 68er ihre Revolte begannen. Zu kaum einem anderen Inhalt, kaum einer anderen Bewegung gibt es so viele verschiedene, auch häufig verdrehte Berichterstattungen bis hin zu Diskriminierungen. Zeit, noch einmal zu versuchen, sich zu erinnern. Ja, wir sind alt geworden. Aber beileibe keine "Alt-68erInnen". Der Wunsch zur Rebellion und zur Veränderung hat uns nicht verlassen. 

Von Ellen Diederich

68 ist nicht das Ende - "Das Volk von Seattle" und andere Bewegungen

Wo sind Hoffnungen, welche Bewegungen gibt es?

Eine der großen Bewegungen war und ist die Friedensbewegung, besonders stark in den 80er Jahren gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen.

Es gibt viele verschiedene Bewegungen. So gegen die Globalisierung, das weltweit agierende "Volk von Seattle". Was ist dieses Volk von Seattle?

Jedes Jahr im Frühjahr machen sich etwa 2000 der Top-Repräsentanten der Welt des Business und der Politik, unter ihnen Bill Gates, Präsidenten verschiedener Länder, George Soros, Chairmen der Hongkong und Shanghai Bank, Angela Merkel und andere auf den Weg nach Davos in der Schweiz zum Treffen des "World economic Forum". Es treffen sich Käufer und Verkäufer. Die Käufer sind Banker und Industrievertreter aus den reichen Ländern, die Verkäufer sind Politiker und Minister aus den ärmeren Ländern.

"Die Verkäufer zelebrieren ihren Flohmarkt von viel versprechenden Investitionsmöglichkeiten, und ihre Infos sind allesamt so sauber und glitzernd wie Messemuster- geringe Inflation, starkes Wachstum, bereitwillige Arbeitskräfte, schöne Mädchen, wie Pilze aus dem Boden schießende demokratische Institutionen, eine verantwortungsbewusste Finanzpolitik, breit gefächerte Perspektiven, eine gefügige Presse, eine mutige Polizei. Dieser Wille zur Gefälligkeit entspricht den Bedingungen des postmodernen Imperialismus - die schwächeren Nationen der Erde sind Kolonien nicht von Nationalstaaten, sondern von Konzernen. Das Völkerrecht wird im Sinne einer Herrschaft des Geldes interpretiert, die Parlamente der Welt werden ziemlich auf dieselbe Art und Weise von der Macht des Kapitals eingeschüchtert, wie im achtzehnten Jahrhundert durch Waffengewalt. … Die Herrschaft des globalen Marktes funktioniert auf Englisch und wird von Mac Donalds und CNN zusammengehalten."

Lewis Lapham, Die Agonie des Mammon, Die Herrscher des Geldes treffen sich in Davos und erklären sich die Welt, Klappentext und S. 26/27

Im Dezember 1999 In Seattle treffen sich die VertreterInnen des Internationalen Währungsfonds, der Weltbank und der Welthandelsorganisation zu ihrer Jahreskonferenz.

Zur gleichen Zeit machen alte und junge Leute gegen dieses Treffen mobil, trifft sich "das Volk von Seattle". UmweltschützerInnen, Bauern und BäuerInnen aus allen Teilen der Erde, Menschen aus der Frauen- und Friedensbewegung, aber auch der Gewerkschaftsbewegung der USA, VertreterInnen der UreinwohnerInnen. Vier Tage lang gibt es Diskussionen, Veranstaltungen, Demonstrationen, Straßenschlachten. Die Veranstalter des Gipfeltreffens sind völlig überrascht.

"Antiglobalisierungsbewegung" ist das Stichwort, sie ist eine Bewegung, die sich gegen unmenschliche Arbeitsbedingungen in den Weltmarktfabriken der Global Players richtet, gegen genmanipulierte Nahrung, gegen manipuliertes Saatgut, gegen das Abholzen der Urwälder, gegen Krieg, gegen das Verschleudern von Ressourcen in die unsinnige Rüstung, gegen die verschärfte Ausbeutung von Frauen richtet. Es ist eine Bewegung, die sich einsetzt für Nahrungssicherheit, für Regionalisierung der Nahrungsproduktion, für Frieden und Gerechtigkeit.

Parallel zu den Auseinandersetzungen in Seattle finden Demonstrationen, Aktionen, Veranstaltungen in vielen Teilen Erde statt. Alleine in Frankreich gehen mehr Menschen auf die Straße als in Seattle zu Aktionen zusammengekommen sind.

Das "Volk von Seattle" wird geboren: Menschen, die sich weltweit nicht abfinden mit der Neoliberalisierung, nicht mit der modernen Form der Sklaverei. Die Sklaverei findet heute hauptsächlich in drei Formen statt: Zwangsprostitution von Frauen und Kindern, Schuldknechtschaft und Zwangsarbeit. (Der Menschenhandel zwischen Afrika und den Amerikas betraf in 400 Jahren 12 Millionen Menschen.) Heute, lange nach der offiziellen Abschaffung der Sklaverei sind es zurzeit weltweit etwa 200 Millionen Menschen, die es betrifft. Das Volk von Seattle kritisiert den ungebremsten Kapitalfluss, die gnadenlose Ausbeutung von Menschen und Natur. Die WTO konnte in Seattle ihre geplanten Programme nicht durchsetzen.

Es sind vor allem die Bewegungen, die sich die Rettung des Planeten verschrieben haben. Die gegen die Klimazerstörung kämpfen, gegen die neuen Kriege, die ja eigentlich nur Fortführungen der alten Kolonialansprüche sind.

Die Bewegungen wachsen täglich. Bauern und Bäuerinnen in Indien, Lachsfischer vor der Küste Kanadas, kleine Familienfarmer in den USA, Textilarbeiterinnen aus den Maquiladores, die Zapatistas in Mexiko, die Grün Gürtel Bewegung in Afrika, die sich die Wiederaufforstung der afrikanischen Wälder zum Ziel gesetzt hat, GewerkschafterInnen aus den Industrieländern, kritische AktionärInnen der großen Konzerne, Menschen, die sich den unsinnigen Projekten der Weltbank entgegenstellen, UreinwohnerInnen beginnen, miteinander zu sprechen und ihre Erfahrungen auszutauschen. Bei allen weiteren Treffen der Global Players, sei es in Washington, Prag, in Davos, in Neapel, in Köln, in Genua, in Heiligendamm zeigt sich der gleiche Widerstand. Diese Bewegung reibt sich nicht am Verhältnis von Parteien und sozialer Bewegung.

Brillante DenkerInnen der Bewegung liefern Analyse und Theorien: Jean Ziegler, Noam Chomsky, Arundhati Roy, Michel Chossudowsky, Maria Mies, Vandana Shiva, Helena Norberg Hodge, Naomi Klein, Stephane Hessel, Uri Avnery, Eduardo Galeano und viele, viele andere.

Sie alle sehen und beschreiben und analysieren den Zustand der Erde am Beginn des 21. Jahrhunderts, die Nahrungsunsicherheit, die durch Menschen produzierten Umweltkatastrophen, das vagabundierende Kapital, die Ökonomie, die mit Gewalt und Kriegen ihre Interessen durchsetzt.

Eine Definition, wer dieses Volk ist, gefällt mir besonders gut, die der Zapatistas in Mexiko. Ich habe dort einige Zeit zugebracht und viel über direkte Demokratie gelernt. Einer der Protagonisten ist Marcos. Marcos ist Legende geworden, Marcos mit der Wollmütze über dem Gesicht, bewusst nicht identifizierbar.

"Wer ist dieser Marcos?

Marcos ist ein Schwuler in San Francisco, Schwarzer in Südafrika, AsiatIn in Europa, Chicano in San Asidro, AnarchistIn in Spanien, PalästinenserIn in Israel, Indigena in den Straßen von San Christobal, Kinderbande in Nezuahalcoyotl, Rocker in Ciudad Universitaria, Jude in Deutschland, Feministin in politischen Parteien., KommunistIn in der Zeit nach dem Kalten Krieg, Gefangener Cintalapa, Pazifist in Bosnien, Mapuche in den An-den, Lehrer in der CNTE, KünstlerIn ohne Galerie noch Aufträge, Hausfrau an einem Samstagabend in irgendeinem Viertel irgendeiner Stadt irgendeines Mexikos, Guerillero im Mexiko des ausgehenden 20. Jahrhunderts, Streikende in der DTM, JournalistIn von Fülltexten für die Inlandsseite, Frau, die alleine um zehn Uhr nachts in der Metro ist, Bauer/Bäuerin ohne Land, verarmter Verleger, arbeitslose ArbeiterIn, MedizinerIn ohne Arbeitsplatz, unzufriedene StudentIn, DissidentIn im Neoliberalismus, SchriftstellerIn ohne Bücher und Leser, UmweltschützerIn gegen Atomtransporte, für Erhalt der Urwälder und ist sicherlich ZapatistIn im Südosten Mexikos.

Letztendlich ist Marcos irgendein Mensch in dieser Welt. Marcos sind all die nicht tolerierten, unterdrückten Minderheiten, die nicht aufgeben, die explodierend: Ya basta! schreien. All die, die in dem Moment Minderheit sind, wenn es darum geht, zu sprechen, und Mehrheit, wenn es darum zu schweigen und zu ertragen. All die Nicht-Tolerierten, die nach Worten suchen, ihren Worten, die diese ewigen Fragmente zur Mehrheit machen werden. Alles, was der Macht und den guten Gewissen unbequem ist, ist Marcos."

Eine Hoffnung war die Entwicklung in Lateinamerika insgesamt. Nie hätte ich gedacht, dass mit einem Mal in 10 lateinamerikanischen Ländern andere Regierungen an die Macht kommen, ein Indio Präsident von Bolivien wurde, ein ehemaliger Bischof, Befreiungstheologe, Präsident von Uruguay, dass in Venezuela in 5 Jahren das Analphabetentum beseitigt wurde, jeder Mensch dort Zugang zu einer kostenlosen Gesundheitsversorgung hat, ein all lateinamerikanischer Fernsehsender, eine Wirtschaftsorganisation, die der WTO die Stirn bietet gegründet wurde, usw., ich hätte es nicht geglaubt. Dort waren wirklich Prozesse in Gang gekommen, die die Lage der Ausgebeuteten und Beleidigten nachhaltig veränderten. Aber wir waren zu schwach, um diese Prozesse dauerhaft weiter zu entwickeln. Viele ist bereits wieder zurück gedreht worden.

Marcuses Aufruf könnte eine Handlungsperspektive beinhalten:

"Was der Revolte durch die verstärkte Unterdrückung und die Konzentration der zerstörerischen Kräfte in den Händen der Mächtigen aufgezwungen wird, muß für die Reorganisation, für die Überprüfung der Politik genutzt werden. Strategien sind zu entwickeln, die geeignet sind, die Konterrevolution wirksam zu bekämpfen. Der Ausgang hängt entscheidend davon ab, daß die junge Generation weder "aussteigt" noch sich anpasst, sondern lernt, sich nach einer Niederlage zu reorganisieren und mit neuer Sinnlichkeit eine neue Rationalität zu entwickeln, um den langen Erziehungsprozeß zu über-stehen - die unentbehrliche Voraussetzung für den Übergang zu Aktionen großen Stils. Denn die nächste Revolution wird das Werk von Generationen sein; die Endkrise des Kapitalismus kann sehr wohl länger als ein Jahrhundert dauern."

Herbert Marcuse in: Das Leben ändern, die Welt verändern, 1968, Dokumente und Berichte, Hamburg 1998, S, 12

Widerstand ist das Geheimnis der Freude!

Literatur- und Medienliste

  • Oskar Negt, Achtundsechzig, Politische Intellektuelle und die Macht, Göttingen 2001,
  • Das Leben ändern, die Welt verändern, 1968, Dokumente und Berichte, Hamburg 1998,
  • Bergmann, Dutschke, Lefèvre, Rabehl, Rebellion der Studenten oder Die neue Opposition, Hamburg 1968
  • Peter Schneider, Lenz, Berlin
  • Wolfgang Rieland, Fiat Streiks, München 1970
  • Hotte Schneider, Die Waldeck, Lieder, Fahrten Abenteuer
  • Herbert Hoven und Wolfgang Kraushaar, Protest in unruhigen Zeiten - Die 60er Jahre Folge 1: Die Ostermarschbewegung, Produktion WDR 5, 2008
  • Die Haschisch Welle - Tibet ist überall, in: Spiegel Nr. 46, 1969,
  • Hannah Sell, Black Panther Party, Lehren aus der Geschichte, Internet Veröffentlichung
  • Botschaften aus dem lakandonischen Urwald
  • Mariarosa Dalla Costa, Selma James, Die Macht der Frauen und der Umsturz der Gesellschaft, Berlin 1973
  • Michaela Wunderle, Politik der Subjektivität, Texte der italienischen Frauenbewegung, Frankfurt 1977
  • Ulla Jelpke, Hrsg., Das höchste Glück auf Erden: Frauen in linken Organisationen, Hamburg 1981
  • Ute Kätzel, Die 68erinnen, Berlin 2002
  • Ellen Diederich, Und eines Tages …, eine politische Autobiografie, Offenbach 1981

- Ende der Serie von Ellen Diedrich über 1968 -


50 Jahre 1968 (1): "68 war nicht der Anfang"

50 Jahre 1968 (2): "Achtundsechzig, das war das Lebensgefühl: Wir werden die Welt verändern"

50 Jahre 1968 (3): "Der Vietnamkrieg"

50 Jahre 1968 (4): "Der Pariser Mai"

50 Jahre 1968 (5): "Black is beautiful! Die Bewegung der AfroamerikanerInnen in den USA"

50 Jahre 1968 (6): "Prager Frühling - Aufstand für einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz"

50 Jahre 1968 (7): "Wer war Rudi Dutschke?"

50 Jahre 1968 (8): "Sexuelle und sonstige Selbstbestimmung"

50 Jahre 1968 (9): Die Sache der Frauen

50 Jahre 1968 (10): 68 ist nicht das Ende - "Das Volk von Seattle" und andere Bewegungen

Quelle: Hinter den Schlagzeilen - 07.03.2018.

Veröffentlicht am

09. März 2018

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