Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

Ihre Spende ermöglicht unser Engagement

Spendenkonto:
Bank: GLS Bank eG
IBAN:
DE36 4306 0967 8023 3348 00
BIC: GENODEM1GLS



Suche in www.lebenshaus-alb.de
 

Werner Gebert: “Friede durch gerechte Entwicklungspolitik” (Teil 2)

Biographische Skizze mit den Schwerpunkten Entwicklungspolitik und Ökumene als Vortrag bei der Tagung des Lebenshauses Schwäbische Alb "’We shall overcome!’. Gewaltfrei für die Vision einer Welt ohne Gewalt und Unrecht. Drei biographische Zugänge" am 15.10.2016 in Gammertingen

Teil 2 ( Fortsetzung von Teil 1 )

Von Werner Gebert

Sechs Gespräche beim Oberkirchenrat

Mit Hilfe dieser Gespräche wollten die mir wohlgesonnenen Oberkirchenräte R. Tompert und P. Koller den Weg ebnen zurück auf eine Pfarrstelle. Des Öfteren nahmen auch andere OKRs teil, die mir eher skeptisch gegenüberstanden. So wurde eine Art Rechtgläubigkeitsprüfung daraus, die vor allem Themen wie Marxismus, Sozialismus, Atheismus, Revolution, Gewalt(freiheit) behandelten. Deutlich erinnere ich mich an ein Gespräch, das Prälat Theo Sorg, der spätere Landesbischof, gewünscht hatte. Im Vorfeld bat er mich, ihm einige meiner letzten Predigten zuzuschicken. (Ich habe in meiner Arbeitslosenzeit öfters gepredigt.) Meiner Bitte, einen theologischen Beistand mitbringen zu dürfen, wurde entsprochen: G. Eisele begleitete mich. T. Sorg sprach mich auf meine Predigt zum "Turmbau zu Babel" an. Ich hatte in ihr einen Gedanken von Erich Fromm (aus seinem Buch "Anatomie der menschlichen Destruktivität") aufgenommen: Das Entstehen der Stadtkönigtümer habe die ursprünglich relativ gleiche Gesellschaft hierarchisch strukturiert und damit die Mehrheit der Bevölkerung zu Sklaven gemacht. Das die Sprachen verwirrende Eingreifen Gottes bringe die Tatsache zum Ausdruck, dass Kommunikation zwischen den Hierarchieebenen nicht mehr möglich sei. Damit werde auch das selbstzerstörerische Potenzial solcher von Ungerechtigkeit beherrschten Gesellschaften sichtbar.

T. Sorg warf mir vor, dass hier eine rein immanente Deutung der Geschichte vorgenommen worden sei. Ich redete daraufhin etwa zehn Minuten lang über Transzendenz und Immanenz. Ich behauptete, im alten Israel hätte es noch keine Trennung zwischen beiden gegeben. Gottes Wirken werde in geschichtlichen Ereignissen wie dem Exodus erfahren und erkannt. Die Trennung in ein Diesseits und ein Jenseits sei erst durch die Gnosis gekommen. Sie gehe von einer jenseitigen Lichtwelt aus, die in krassem Gegensatz zur materiellen Welt stehe (der Leib als Gefängnis der Seele). Doch hätten die in der Materie gefangenen Menschen noch einen Lichtfunken aus dem Jenseits in sich, die ein von der Lichtwelt herabgestiegener Erlöser durch sein Evangelium ansprechen könne und die Menschen so zum Aufstieg in die Lichtwelt bewegen könne.

Es blieb mir nicht verborgen, dass T. Sorg erstaunt reagierte. Er fragte deshalb G. Eisele, wie er die Sache sehe. G. Eisele gab mir im Prinzip recht, was zu einer ausführlichen Debatte zwischen Sorg und Eisele führte. Ich hörte interessiert zu. Das Ende der Debatte bildete der Satz von T. Sorg: "Herr Eisele, Herr Eisele, wenn Sie die Sache so sehen, dann trennen uns - Ozeane."

Zu einem der Gespräche war auch meine Frau Elisabeth eingeladen (wir heirateten 1977, nachdem das neue Scheidungsrecht - Zerrüttungs- statt Schuldprinzip - in Kraft getreten war). Ihr größter Makel in den Augen des OKR lag darin, dass sie katholisch war. Als einer der Oberkirchenräte ihr den Vorschlag machte, zu konvertieren, um damit meine Chancen für eine Wiedereinstellung zu erhöhen, beschämte sie ihn mit der Aussage, dass sie um wirtschaftlicher Vorteile willen nicht konvertiere. -  Ich war stolz auf sie.

Nach etwa zweieinhalb Jahren Arbeitslosigkeit und OKR-Gesprächen drängte ich auf eine Entscheidung, obwohl relativ klar war, dass sie gegen mich ausfallen würde. Der sog. "Heiße Herbst" 1977 - ein Kommando der Rote Armee Fraktion (RAF) hatte den Generalbundesanwalt Siegfried Buback, den Bankier Jürgen Ponto und den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer ermordet - löste in der Bundesrepublik eine Art Hysterie aus: Viele Politiker befürchteten einen revolutionären Umsturz.

Der OKR befasste sich am 16. Juni 1978 mit meiner Bitte, wieder in den Pfarrdienst aufgenommen zu werden, und befand, dass mich der OKR "derzeit …als für den Pfarrdienst nicht geeignet ansehen muß". Er entzog mir zugleich meine Ordinationsrechte. Das Entlass-Schreiben enthielt sechs Bedenken, die "jedenfalls in ihrer Gesamtheit" den Rauswurf begründen sollten (hier verkürzt):

  1. In meinen Predigten stünde der sozial-kritische Appell im Vordergrund.
  2. Ich würde eine einseitige politische Meinung - wohl auch im Pfarrdienst - vertreten.
  3. Ich müsse Religionsunterricht erteilen, könne das aber nicht (wg. Radikalenerlass)
  4. Es bestünden Zweifel, ob ich die nötige Belastbarkeit und Stetigkeit mitbringe.
  5. Ich hätte mit meiner zweiten Ehefrau schon vor der Scheidung von der ersten zusammengelebt.
  6. Meine Ehefrau gehöre nicht der evangelischen Kirche an.

Ärgerlich an dieser Begründung war, dass wir das alles schon bei den sechs Gesprächen im OKR bearbeitet und zum großen Teil geklärt hatten. Besonders unverschämt fand ich Punkt 4.
Skandalös empfand ich, dass der wirkliche Grund für meine Entlassung nicht genannt wurde, nämlich dass ich vom Radikalenerlass betroffen war. Diese zusammengesuchten Bedenken sollten davon ablenken. Klar war: Man wollte es offensichtlich mit den staatlichen Stellen im Hans Filbinger-Land nicht verderben. Die enge Verflechtung von Staat und Kirche sollte keinem Stresstest unterzogen werden.

Die Entlassung hat mich schwer getroffen. Ich war in meinen Grundfesten erschüttert. Es war nicht so sehr die Vernichtung meiner beruflichen Zukunft, sondern die Enttäuschung über eine Kirche, die bedenkenlos auf einer konservativen Welle mitschwamm.

Auch andere waren empört. Vor allem der große Ökumeniker Werner Simpfendörfer, der kurz darauf eine Dokumentation des "Falles Gebert" erstellte, den er als "Fall Landeskirche" bezeichnete. Die Dokumentation mit dem Titel "Radikalenerlaß in der Kirche: AUF DASS NICHT DAS GANZE VOLK VERDERBE…!" hat ihm selbst schwere Vorwürfe eingebracht. Er sprach im Dossier von einem behördlichen Willkürakt, dem man Widerstand entgegenbringen müsse, auch damit nicht weitere Pfarramtsbewerber abgelehnt würden "aus Angst vor staatlicher Missbilligung". Er wandte sich auch gegen die oberkirchenrätliche Mathematik, nach der kein einziges dieser Bedenken einen Entlassungsgrund darstellen könne, jedoch die "Bedenken … in ihrer Gesamtheit". Sein schärfster Vorwurf: Der OKR in seiner Gesamtheit habe "vor den ‚Mächten und Gewalten’ in Staat und Gemeinde… kapituliert".

Manche Wege führen nach Rom

Nach dem Rausschmiss musste ich mich neu orientieren. Ich hatte erfahren, dass IDOC, ein internationales Dokumentations- und Kommunikationszentrum in Rom, schon lange einen deutschen Mitarbeiter suchte. IDOC war 1962, zu Beginn des 2. Vaticanums, von progressiven holländischen Theologen gegründet worden. Sie wollten Informationen aus den Vaticanums-Sitzungen nach außen in die Öffentlichkeit tragen und auch kritische Anfragen in das Vaticanum hinein transportieren. Sie hatten von einer reichen römischen Dynastie, den Dora Pamphiliis, ein ganzes Stockwerk in einem Gebäude an der Piazza Navona (berühmt auch durch den Vier-Flüsse-Brunnen von Bernini) zu günstigen Bedingungen zur Verfügung gestellt bekommen. Im Lauf der Jahre hatte sich dort viel kirchenkritische und befreiungstheologische Literatur angesammelt, die in einem genialen Dokumentationssystem mit etwa 200 Schlüsselwörtern aufbereitet worden war. IDOC publizierte die wichtigsten Dokumente, auch auf Englisch. Einen großen Bekanntheitsgrad erhielt IDOC Ende der 60er-Jahre, als es eine vierbändige kommentierte Ausgabe des Neuen Testaments auf Italienisch herausbrachte, vor der Papst Paul VI die ganze Welt warnte.

Noch im Juni 1978 fuhren wir (mit unserer ersten Tochter, Mirjam, die im März geboren worden war) zu IDOC, um meine Mitarbeit zu regeln. Mir wurde klar, dass ich bei IDOC weit weniger verdienen konnte als mit meiner Schwarzarbeit, doch reizte mich die Zusammenarbeit mit dem international zusammengesetzten Team. Außerdem hätte ich in Deutschland auch keine berufliche Perspektive gehabt.

Der Leiter von IDOC, Marc Reuver, versprach uns, bis Anfang September eine Wohnung gefunden zu haben. Das klappte leider nicht, auch weil in diesem Drei-Päpste-Jahr mal wieder eine Papstwahl stattfand, zu der sich ca. 4.000 Bischöfe und 5.000 Journalisten in Rom aufhielten. So mussten wir fast vier Wochen in der Waldenserfakultät logieren. Was wir schließlich fanden, war eine sehr schöne, aber viel zu teure Wohnung in Ostia Lido. Nur mit großzügigen Spenden unserer deutschen Freunde von den Christen für den Sozialismus konnten wir uns über Wasser halten.

Ich fand die Arbeit bei IDOC überaus spannend und anregend. Der Dokumentensammlung konnte ich einige hundert deutsche Dokumente hinzufügen. Ich durfte auch Themenrecherchen vornehmen und auch einige Artikel auf Englisch in "IDOC internazionale" unterbringen.

Meiner Frau ging es jedoch zunehmend schlechter. In Ostia Lido wohnten keine Deutschen. Nach Rom reinzufahren, wo wir einige Kontakte zur deutschen Gemeinde und einer Frauengruppe hatten, war mit der kleinen Mirjam recht beschwerlich. Elisabeth fiel sozusagen die Decke auf den Kopf. Sie entschloss sich nach etwa einem Jahr, nach Deutschland zurückzukehren und bei Freunden zu wohnen. Ich wäre gern noch lange bei IDOC geblieben
- die Arbeit dort war gelebte Ökumene waldensischer Prägung -, suchte aber nun verstärkt nach Arbeitsmöglichkeiten in Deutschland. Gegen Ende 1979 ergab sich eine Gelegenheit. Der Referent im Evangelischen Missionswerk (der Dachverband in Hamburg), Norbert Hans Klein, der nach einer Afrikareise bei IDOC Zwischenstation machte, bot mir eine Sachbearbeiterstelle in seinem in Stuttgart angesiedelten Referat für Gesellschaftsbezogene Dienste an. Ich griff zu.

Zum Abschluss meiner Tätigkeit bei IDOC konnte ich noch ein wichtiges Projekt realisieren. Es wurde angestoßen vom Weltkirchenrat. Der WCC-Generalsekretär Philip Potter kam immer wieder nach Rom zu Gesprächen im Vatikan, meistens in Begleitung seines Stellvertreters Konrad Raiser, der später selbst Generalsekretär wurde. Die Genfer kamen meistens einen Tag früher, um sich von Marc Reuver über die Entwicklungen im Vatikan informieren zu lassen. M. Reuver, der viele Jahre lang als Monsignore im Vatikan eine leitende Stelle begleitete - er verliebte sich dort allerdings unbotmäßig in eine Nonne, die er nach einer romantischen Doppelflucht aus dem Vatikan heiratete -, hatte immer noch heiße Drähte in den Vatikan. Oft durfte ich dabei sein, wenn bei gutem Essen in einem italienischen Restaurant Vorgehensweisen diskutiert oder gar Schlachtpläne geschmiedet wurden.

Im Herbst 1979 brachte P. Potter den Direktor der Kommission für internationale Angelegenheiten, Leopoldo Niilus, mit. Dieser hatte schon reichlich Material zum anstehenden NATO-Doppelbeschluss - geplant war die Stationierung von Mittelstreckenraketen in Europa - gesammelt. Er beklagte die Tatsache, dass ausgerechnet in der am stärksten betroffenen Bundesrepublik Deutschland noch keine öffentliche Debatte oder gar Proteste in Gang gekommen waren. Er ermutigte IDOC, speziell für Deutschland eine Info-Schrift zu erstellen. Ich nahm die Sache in die Hand und beschloss, diese äußerst bedrohliche Angelegenheit als Streit- und Schmähschrift gegen jegliche Art von Militarisierung zu konzipieren, und zwar in einem lockeren Sprachstil und mit treffenden Karikaturen. Wichtig war uns auch, die militärischen Details zu veröffentlichen, die über die geplante Stationierung der Mittelstreckenraketen (SS20 im Osten und Pershing II und Cruise Missiles im Westen) schon bekannt waren. Ich nahm auch Kontakt auf zu Wissenschaftlern und Politikern, die als prominente Kritiker des NATO-Doppelbeschlusses bekannt waren. Einige Aufsätze von ihnen nahmen wir in das Heft auf. Nicht ganz einfach war es, den Vertrieb zu organisieren. "Ohne Rüstung Leben" (ORL) nahm zunächst Anstoß an dem Pamphlet-Stil, stellte dann aber doch die ORL-Adresse als Bestelladresse zu Verfügung. Anfang 1980 verbreiteten wir ein Plakat (Schlägt ein wie ein Cruise Missile. treffsicher. zielgenau. vom gegnerischer Radar nicht erfassbar…) und ließen dann zunächst 10.000 Ex. bei Steinkopf in Stuttgart drucken unter dem Titel: "IDOC-mini-Pamphlet; Spezieller Wahnsinn: Mittelstreckenraketen in Europa. Ein Kapitel europäischer Selbstachtung". Das Heft kam gut an. Es hat die Friedensbewegung in Deutschland erheblich voran gebracht. Wir verkauften 35.000 Exemplare.

Im Februar 1980 zogen wir um nach Stuttgart-Sillenbuch. Am 1. März trat ich die Sachbearbeiterstelle beim Evangelischen Missionswerk (EMW) an. Die Anstellung erfolgte mittels einer Amtshilfevereinbarung bei "Dienste in Übersee", der Fachkräftevermittlungsorganisation im Verbund der Kirchlichen Entwicklungsdienste. - Im Juni 1981 wurde unsere Tochter Julia geboren.

Sieben Jahre Sachbearbeitung (1980-1987)

Die Hauptaufgabe des EMW-Referats Gesellschaftsbezogene Dienste (Service in Society) bestand in der Beratung und Förderung von Erwachsenenbildungseinrichtungen im globalen Süden. Darunter befanden sich Akademien nach deutschem Vorbild (in Kreta, Korea, Taiwan und Japan), eine große Zahl von christlichen Tagungsstätten und Dialogzentren. Dazu gehörte auch die Förderung der Urban Rural Mission-Bewegung und der ökumenischen Jugendarbeit, vor allem des Christlichen Studentenweltbundes (WSCF). Die Tagungsstätten in Asien, etwa 70 an der Zahl, hatten sich zusammengeschlossen als "Association of Christian Institutes for Social Concern in Asia" (ACISCA), die etwa 60 in Afrika als "Association of Christian Lay Centres in Africa" (ACLCA). Auch in der Karibik und in Lateinamerika gab es einige ähnliche Einrichtungen. Die uns vom Kirchlichen Entwicklungsdienst (KED) zur Verfügung gestellte Fördersumme betrug jährlich etwa 8.000.000 DM.

Bei der Bearbeitung der Anträge auf finanzielle Unterstützung - die Antragssumme lag immer viel höher als die verfügbaren Finanzmittel - kamen mir meine in der Arbeit mit der Aktion Selbstbesteuerung gewonnenen entwicklungspolitischen Kenntnisse sehr zustatten. Die Gespräche mit den zahlreichen Besuchern erforderten viel Einfühlungsvermögen. Es gab Antragsteller, die fordernd waren (Wiedergutmachung für koloniales Unrecht), und solche, die mit windigen Projekten daherkamen. Einige wenige versuchten es sogar mit Bestechung. Mit den meisten gab es aber schon längere ökumenische Verbindungen. Die guten Partner erkannte man daran, dass sie ihre Projekte partizipativ erarbeitet hatten, und ihre Schwierigkeiten und Misserfolge nicht verschwiegen. So konnte man mit ihnen auch offen über eventuelle Schwächen in der Projektplanung reden. Viele taten sich auch nicht leicht damit, "unser" Geld anzunehmen (Nehmen ist schwieriger als Geben). Einer der ersten Antragsteller, die ich persönlich kennengelernt habe, war Desmond Tutu, der spätere anglikanische Erzbischof von Kapstadt, Apartheidgegner und Friedensnobelpreisträger.

Etwa vier Monate nach meiner Arbeitsaufnahme bildete sich eine Koalition von hochrangigen Protestanten in Leitungsfunktionen, die meine Entlassung forderten mit dem Argument,
Christen in Rechtsdiktaturen seien gefährdet, wenn die dortigen Geheimdienste herausfänden, dass im deutschen kirchlichen Entwicklungsdienst Linke (sprich Kommunisten) arbeiteten. Der Leiter von Dienste in Übersee, Helmut Hertel, hielt diese Sichtweise für absurd; er ließ sie ins Leere laufen, indem das DÜ-Leitungsteam beschloss, meine Probezeit sei vorzeitig beendet und in eine Festanstellung überführte.

Die Arbeit im Entwicklungsdienst fand ich sehr sinnvoll, doch konnte ich das landeskirchliche Berufsverbot nicht verwinden. Mein Alkoholkonsum nahm erschreckend zu; außerdem verplemperte ich Zeit und Geld an Spielautomaten. 1985 stellte mich meine Frau vor die Alternative Therapie oder Scheidung. 1986 verbrachte ich ein halbes Jahr in der Fachklinik Ringgenhof in Wilhelmsdorf, wo durch Einzel-, Gruppen- und Arbeitstherapie ein nachhaltiger Heilungsprozess in Gang kam. Seither habe ich keinen Alkohol mehr getrunken, nicht mehr geraucht und auch kein Geld mehr verspielt. Ich bin meiner Frau und den Therapeuten sehr dankbar. - 2016 feierten einige mit mir aus unserer damaligen Gruppe in Wilhelmsdorf 30 Jahre zufriedene Trockenheit.

1986 nahm H.N. Klein eine Abteilungsleiterstelle in Hamburg an. Ich bewarb mich auf seine freigewordene Referentenstelle. Die Leitung des EMW fragte beim Ev. Oberkirchenrat in Stuttgart an, ob irgendwelche Einwände gegen mich bestünden. Das war nicht der Fall.

EMW-Referent für Gesellschaftsbezogene Dienste (1987-95)

Man erwartete von mir, mindestens zweimal im Jahr ökumenische Partner zu besuchen. Mein erster Besuch (und erster Flug in meinem Leben) führte mich nach Jamaica, wo die Partner der Karibischen Kirchenkonferenz ihre Förderungen aufeinander abstimmten. Wir besuchten im ganzen Land sehr gelungene Projekte. Dann machte ich es mir zur Aufgabe, die alle zwei Jahre alternierend stattfindenden Jahresversammlungen von ACISCA und ACLCA zu besuchen. Wir förderten deren Dachverbandsarbeit, indem wir deren meist einwöchige Versammlungen bezuschussten, ihre gemeinsamen Publikationen förderten und auch den personellen Austausch zwischen den einzelnen Zentren ermöglichten. Am Rande der Jahrestreffen besuchte ich dann auch noch etwa zwei Wochen lang einzelne Mitgliedsorganisationen. Insgesamt habe ich als EMW-Referent ökumenische Partnerorganisationen in folgenden Ländern besucht: Jamaica, Philippinen, Taiwan, Hongkong, Malawi, Kenia, Ägypten, Senegal, Korea, Indien, Thailand, Südafrika, USA, Rumänien, Sri Lanka und Indonesien.

Je länger je mehr wurde mir klar, dass die ökumenischen Partner ein großes Interesse daran hatten, mir ihre großartigen kulturellen Errungenschaften zu zeigen. Also taktete ich meine Besuchsreisen etwas weniger eng, um auch Zeit für Sightseeing mit den Partnern zu haben.
Am stärksten hat mich die um etwa 800 n. Chr. erbaute buddhistische Tempelanlage Borobudur, ein UNESCO Weltkulturerbe in Zentraljava/Indonesien, beeindruckt. Sie war etwa 800 Jahre lang mit Vulkanasche bedeckt und wurde erst im 19. Jahrhundert wieder freigelegt. Man könnte sie als Pyramide bezeichnen; sie hat aber nichts zu tun mit den ägyptischen, die primär als monumentale Steinansammlungen wirken. Hier ist alles detailliert gestaltet und komponiert. Auf einem quadratischen Grundriss mit 123 Metern Seitenlänge erheben sich neun Ebenen, die sich nach oben verjüngen. Ganz oben ragt die Hauptstupa mit einem Durchmesser von elf Metern; auf der darunter liegenden Ebene befinden sich 200 durchbrochene Glocken. Man kann die sechste Ebene auch auf einem spiralförmigen Weg erreichen; er ist etwa fünf Kilometer lang und ist mit großen, sehr kunstvoll ausgearbeiteten Flachreliefs versehen, die das Leben und Wirken Buddhas darstellen.

Die Partnerbesuche und -beziehungen haben mich überreichlich für vieles entschädigt, was mir die württembergische Landeskirche angetan hatte. Sie haben meinen Horizont erweitert, wobei ich zu meiner Freude feststellen konnte, dass viele unserer Partner sehr viel systemkritischer eingestellt waren als wir Entwicklungsfachleute. Die so vielfältig ausgestaltete Ökumene hat mich aufgefangen, mir Begegnungen mit großen Persönlichkeiten - auch mit Generalsekretären der nationalen Christenräte und der kontinentalen christlichen Konferenzen - geschenkt, mich in unvergleichlich schöne Landschaften geführt und einiges vom kulturellen Reichtum der sog. Dritten Welt vor Augen geführt. Nicht selten habe ich den Schluss der Josephsgeschichte zitiert, wo Joseph zu seinen Brüdern sagt: "Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen." (Gen 50,20).

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass wir aufs Ganze gesehen, gute Entwicklungsarbeit geleistet haben. Sie fand auf Augenhöhe statt, ließ den Partnern die nötige Freiheit und hatte nur wenige Fehlschläge zu verzeichnen. Wir mussten zwar innerhalb des kirchlichen Entwicklungsdienstes immer wieder dafür kämpfen, dass Erwachsenenbildungsprogramme, die eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse anstrebten, als entwicklungsrelevant eingeschätzt wurden, doch wurde mit der Zeit von den Entwicklungsorganisationen erkannt, dass unsere Programme die Leute heranbildete und motivierte, die dann auch klassische Entwicklungsprojekte managen wollten und konnten.

Philip Potter

1989 kehrte der frühere ORK-Generalsekretär und seine Frau Bärbel Wartenberg-Potter von einer fünfjährigen Lehrtätigkeit an der University of the West Indies in Kingston/Jamaica nach Deutschland zurück. Der OKR in seiner Beschränktheit bot seiner Pfarrerin zunächst eine Stelle in einem Dorf in der Bodenseeregion an. Schließlich willigte er ein, sie in Stuttgart-Botnang anzustellen. Da wir uns von seiner und meiner Tätigkeit im Christlichen Studentenweltbund (WSCF) her gut kannten (ich war in Nachfolge von Philip zwei Jahre lang "President of the Board of Trustees of the World Students Christian Federation), besuchte ich ihn des Öfteren in Botnang. Im Gasthaus Rössle hatte W. Simpfendörfer den sog. Potter-Stammtisch (mit u.a. Jörg Zink und Ulrich Fick) eingerichtet. Wir trafen uns monatlich jeweils zu einem ökumenischen Thema. Anfang der 90er Jahre arbeitete Philip u.a. mit viel Archivmaterial an einem Buch über den WSCF im Blick auf dessen 100-jähriges Bestehen im Jahre 1995. Aus ihm waren ja Generationen von ÖkumenikerInnen in Leitungspositionen hervorgegangen. Das traf auch auf Philip selbst zu. Er war WSCF-Vorsitzender von 1960-68. - Philip tauchte dann immer wieder mit handschriftlich verfertigten Kapiteln in unserem EMW-Büro auf. Er bestand darauf, meine Meinung zu hören, denn ihm lag viel an Resonanz. Unsere Sekretärin, Waltraud Ott, tippte dann die Buchteile in den PC. Den zweiten Teil des Buches - über die fortschreitende Regionalisierung des WSCF -  verfasste Thomas Wieser. Das Buch erschien 1997 mit dem Titel "Seeking and Serving the Truth. The First Hundred Years of the World Student Christian Federation".

Mit W. Simpfendörfer und anderen zusammen bereiteten wir seit 1994 die Feiern zum 75. Geburtstag von Philip Potter vor. Sie fanden im August 1996 im Hospitalhof in Stuttgart statt, wo ihm auch die Brenzmedaille der württembergischen Landeskirche durch Bischof Eberhart Renz überreicht wurde. PRO ÖKUMENE ernannte ihn zum "Honorary President". Doch zuvor baten wir die ökumenischen FreundInnen aus aller Welt um einen Beitrag für eine Festschrift, die von Konrad Raiser herausgegeben wurde und den Titel trug: "House of Living Stones. A volume of ecumenical Friendship". Wir erhielten 44 äußerst originelle Beiträge.

Abteilungsleitung Inland bei Dienste in Übersee, DÜ (1995-2003)

1995 wurde unsere Tochter Jamila geboren. Im selben Jahr beschloss das Evang. Missionswerk, sein Referat Gesellschaftsbezogene Dienste, auch aus finanziellen Gründen, von Stuttgart nach Hamburg heimzuholen. Da wir aus familiären Gründen nicht umziehen wollten, bewarb ich mich auf eine gerade von Dienste in Übersee (DÜ) ausgeschriebene Stelle zur Intensivierung der Inlandsarbeit. Es ging um die entwicklungspolitische Bildungsarbeit in unseren Tagungshäusern (darunter das Haus am Schüberg in Ammersbek), aber auch um die Auswahl von Bewerbern und deren intensive Vorbereitung auf ihren Fachkräfteeinsatz bei ökumenischen Partnern. Wir versuchten, sie mit häufig auftretenden Schwierigkeiten bei den Partnern bekannt zu machen, z.B. dass die Rolle der Fachkräfte im Projekt nicht wie zugesagt festgelegt war. Großen Wert legten wir auch auf das oft heruntergespielte Problem "Rassismus in uns". Bei den Auswertungsseminaren ließen wir die Zurückgekehrten zuerst ihre negativen Erfahrungen in einer Kleingruppe austauschen, später dann ihre erfreulichen. Da wurden viele euphorisch. Sie beschrieben ihre veränderte Weltsicht in Bezug auf den Umgang mit der Zeit, die Kommunikation und das Planen, und sie erzählten von tiefen Freundschaften. Es gab bei einigen Rückkehrern Brüche in der Biographie; sie wollten nicht mehr so weiterleben wie bisher. Großen Wert legten wir auf die RückkehrerInnen-Arbeit. Die in der Ökumene gemachten Erfahrungen sollten weitergegeben werden in Schulen und Gemeinden. Wir publizierten auch Erfahrungsberichte.

1998 war ich beteiligt an der Organisation eines regionalen DÜ-Fachkräftetreffens in Mombasa/Kenia. Wir wollten den in der gleichen Region tätigen DÜ’lerInnen die Möglichkeit geben, sich auch schon im Lauf ihres drei- (bis sechs-) jährigen Auslandsaufenthaltes untereinander auszutauschen. Die ökumenischen Partnerorganisationen waren ebenfalls eingeladen. So konnten manche Konflikte in angenehmer Atmosphäre geklärt werden.

Ich war auch zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit von DÜ. Das war insofern schwierig, weil es kontraproduktiv gewesen wäre, für uns als Fachkräfte-Vermittlungsdienst Werbung zu machen. Wir wurden ohnehin überschwemmt mit Bewerbungen (ca. 6.000 pro Jahr bei etwa 100 Plätzen). Also konzentrierten wir uns auf die Vermittlung entwicklungspolitischer Themen in unseren "dü-skripten" und in der Dreimonatszeitschrift "der überblick", die von einem kompetenten Redaktionsteam in Hamburg hergestellt wurde.

Ende der 90er Jahre gab es Konzentrationsbemühungen in der Arbeitsgemeinschaft kirchlicher Entwicklungsdienste (AGKED). DÜ verhandelte mit Brot für die Welt, wobei die gemeinsame Nutzung unserer Tagungsstätte in Stuttgart-Riedenberg zur Debatte stand. Eine Übereinkunft war schon erzielt, als der in Hannover gefasste Beschluss bekannt wurde, dass DÜ mit der Evangelischen Zentralstelle für Entwicklungshilfe (EZE) und den KED-geförderten EMW-Referaten als Evangelischer Entwicklungsdienst (EED) in Bonn zusammengefasst werden sollte. Dieser Beschluss sorgte für viel Ärger bei DÜ und löste Proteste aus. Für ältere MitarbeiterInnen wie mich hatte diese Regelung auch Vorteile: wir mussten nicht mehr nach Bonn umziehen und konnten über Altersteilzeit und mit einer Abfindung in den früheren Ruhestand gehen. Dieses gute Angebot nahm ich gern an. Jedoch musste ich trotzdem noch drei Monate in Bonn verbringen, da wir das neue EED-Logo und das damit verbundene Corporate Design nicht rechtzeitig fertigstellen konnten. Bei der Weihnachtsfeier 2001 wurde ich aus dem aktiven Dienst verabschiedet. Die KollegInnen schenkten mir eine Sammlung meiner Kabarettstücke mit dem absurden Titel: "Der Kampf der Dunkelheit gegen die Finsternis ist noch nicht verloren".  - Seit 1. April 2003 bin ich offiziell Rentner.

Ruhestands-Aktivitäten

Meine entwicklungspolitischen Kenntnisse konnte ich beim Dachverband Entwicklungspolitik Baden-Württemberg e.V. (DEAB) in die Vorstandsarbeit einbringen. Wir planten die Landeskonferenzen und einige entwicklungspolitische Kongresse. Da ich meine Hauptaktivitäten in die Gruppen der ökumenischen Bewegung verlagerte, schied ich 2008 aus der DEAB-Vorstandsarbeit aus.

2002 bewarb ich mich um den ehrenamtlichen Posten eines Geschäftsführers beim "Plädoyer für eine ökumenische Zukunft". Diese 1979 gegründete Gruppe setzt sich für die Stärkung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), die Umsetzung seiner Programme und für die ökumenische Ausrichtung unserer Kirchen ein.

2003 führten wir in Berlin einen Ratschlag zur EU-Erweiterung durch, die durch eine Tagung in Prag mit dem Thema "Auf dem Weg zu einer europäischen Zivilgesellschaft…" ihre Fortsetzung fand. Die 2004 in Meißen durchgeführte "7. Ökumenische Sommeruniversität" behandelte das Thema "Das ‚alte Europa’ und die Weltmacht USA". In den Folgejahren befasste sich das Plädoyer ausführlich mit der Globalisierung und der Gegenbewegung in Gestalt einer Solidarischen Ökonomie. 2011 brachten wir ein zweisprachiges Klima-Memorandum heraus mit dem Titel "Beten und Arbeiten für gerechten Frieden und Klimagerechtigkeit". Es wurden drei weitere ökumenische Sommeruniversitäten durchgeführt. 2014 beteiligte sich das Plädoyer an der Ökumenischen Versammlung in Mainz.

Darüber hinaus habe im Geschäftsführenden Ausschuss und im Redaktionskreis von "Pro Ökumene-Initiative in Württemberg" mitgearbeitet sowie im Kuratorium der Stiftung Ökumene. Und ich besuche die jährlichen Treffen im Haus Simpfendörfer in Hinterzarten, wo die alten Simpfendörfer-Freunde ökumenische Themen bearbeiten sowie die dreitägigen Sitzungen der rostra theologica in Herrenberg.

Mit meiner württembergischen Landeskirche konnte ich leider keinen Frieden schließen. 2013 - 2016 haben rostra-Freunde noch einmal einen engagierten Versuch unternommen mit ihrer Forderung an die Landeskirche, vor allem die großen finanziellen Nachteile, die unsrer Familie durch den Rauswurf aus dem Kirchendienst im Jahre 1978 entstanden sind, in geeigneter Weise zu kompensieren. Dies ist trotz großartiger Unterstützung von über 300 FreundInnen aus der ökumenischen Bewegung nicht gelungen. Ende 2016 habe ich eine Erklärung veröffentlicht, in der ich die Kirchenbehörde der Unbußfertigkeit und Gnadenlosigkeit bezichtige. - Dieses trübe Kapitel betrachte ich inzwischen als abgeschlossen. Meine Erklärung schließt mit den Worten: "Ich danke Gott, dass er mich trotz meines Zorns bisher vor blankem Zynismus bewahrt hat."

Zurück zu Teil 1

Werner Gebert, Jg. 1940, Theologe, Vikar und Religionslehrer in Tuttlingen, Mitbegründer der Aktion Selbstbesteuerung, Leiter des Internationalen Freundschaftsheim Bückeburg (gewaltfreies Zentrum), Kandidat auf der KPD-Liste für den Stuttgarter Gemeinderat (1975), staatlich anerkannter Radikaler (1975), Arbeitsloser, Entlassung aus dem Kirchendienst 1978, Mitarbeiter bei IDOC (Dokumentationszentrum in Rom), 1980-86 Sachbearbeiter im Referat Gesellschaftbezogene Dienste (RGD) des Evang. Missionswerks Hamburg, RGD-Referent (1987-95), Abteilungsleiter bei Dienste in Übersee (1995-2003), im Ruhestand ehrenamtliches Engagement beim DEAB (Dachverband Entwicklungspolitik Ba-Wü), PRO ÖKUMENE - Initiative in Württemberg und PLÄDOYER für eine ökumenische Zukunft.

Weblink:

Veröffentlicht am

02. Dezember 2016

Artikel ausdrucken

Weitere Artikel auf der Lebenshaus-WebSite zum Thema bzw. von