Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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Werner Gebert: “Friede durch gerechte Entwicklungspolitik” (Teil 1)

Biographische Skizze mit den Schwerpunkten Entwicklungspolitik und Ökumene als Vortrag bei der Tagung des Lebenshauses Schwäbische Alb "’We shall overcome!’. Gewaltfrei für die Vision einer Welt ohne Gewalt und Unrecht. Drei biographische Zugänge" am 15.10.2016 in Gammertingen

Teil 1 ( Fortsetzung in Teil 2 )

Von Werner Gebert

Kindheit und Jugend

Am 21. Juni 1940 wurde ich in Brackenheim, Kreis Heilbronn, als 2. Kind des Zimmermeisters Alfred Gebert und seiner Ehefrau Frida, geb. Dath, geboren. Ich habe sehr deutliche Erinnerungen an die Kriegszeit. 1944 haben wir viele Nächte im Brackenheimer Schlosskeller verbracht. Am 4. Dezember forderte uns ein Mann auf, hochzukommen. Es war so hell, dass man hätte Zeitung lesen können. Allen war klar, dass die zehn Kilometer entfernte Stadt Heilbronn bombardiert worden war. Tage später berichteten Leute, die dort gewesen waren, dass die verbrannten Erwachsenen auf Kindergröße geschrumpft waren.

Meine Mutter habe ich als pietistisch fromme und immer ernste und angestrengte Frau in Erinnerung. Sie musste zusammen mit ihrer Mutter, ihrer kranken Schwester und einem französischen Kriegsgefangenen das von meinem verstorbenen Großvater heruntergewirtschaftete landwirtschaftlichen Anwesen (mit Weinbau) so gut es ging über Wasser halten. Und sie erhielt Anfang 1943 die Nachricht, dass ihr Ehemann in Stalingrad vermisst sei. Mehr als 20 Jahre lang hoffte sie auf seine Rückkehr. Erst in den 60er-Jahren ließ sie ihn für tot erklären.

Meine Schwester Elsbeth und ich durften nicht in den Kindergarten. Unsere Mutter wehrte sich entschlossen dagegen mit dem Argument, hier würde nationalsozialistisches Gedankengut verbreitet. - Als Kinder und Jugendliche mussten wir viel mitarbeiten im Haus, auf den Feldern und im Weinberg. Meine guten schulischen Leistungen sind auch darauf zurückzuführen, dass ich fürs Lernen viel Zeit bekam und sie ausführlich nutzte.

Geprägt wurde ich auch von der evangelischen Jugendarbeit. Ich ging begeistert in die Jungschar und in die Jungenschaft, die auch "Eichenkreuz"-Sport anbot. Schon vor meiner Konfirmation hielt ich mit Größeren zusammen selber Jungschar. Der damalige Dekan in Brackenheim, Hermann Gölz, war ein großer Förderer der jungen Leute in der Gemeinde. Es ist kein Zufall, dass fünf Theologen aus der Brackenheimer Jugendarbeit hervorgegangen sind, darunter auch Wolfgang Hinker, Hans Hafenbrack und ich als jüngster. Wir haben oft und intensiv theologisch diskutiert. Mit der Zeit betrachteten wir die Arbeit des evangelischen Jugendwerks in Stuttgart immer kritischer. Die Uniformierung mit dem grünen Jungenschaftshemd (mit Mehrzweckschnur um den Hals), das Liedgut (Michel, horch, der Seewind pfeift…: "Wer nicht jetzt sein Teil gewinnt, muss es ewig missen…") usw. hatten eben noch eine deutliche Nähe zur nationalsozialistischen Jugendarbeit. Hinzu kam die enge pietistische Theologie, die wir in Frage stellten. Die Brackenheimer beschlossen, eine eigene Jugendarbeit zu entwickeln; wir nannten uns evangelische Gemeindejugend.

Mein ökumenisches Urerlebnis (1955)

1955 organisierten wir eine 14-tägige Fahrradtour nach Frankreich. Wir fuhren von Straßburg über Colmar, Belfort, Besançon, Dijon, Langres und Nancy zurück nach Straßburg. Wir wurden zuvor öfters ermahnt, uns gut zu benehmen, denn es gäbe noch viele deutschfeindliche Franzosen. Davon merkten wir nichts; wir wurden überall gut aufgenommen. Unser Leiter, W. Hinker, fuhr mit seiner Heinkel-Kabine voraus, um einzukaufen und Zeltplätze zu finden. In dem kleinen Dorf Belval in den Vogesen fragte er im Rathaus den Bürgermeister. Der bestand darauf, uns selber einen wunderschönen Zeltplatz zu zeigen. Unterwegs erzählte er uns 15 bis 17-Jährigen, dass fast seine ganze jüdische Familie und Verwandtschaft von den Nazis im KZ Struthof ermordet worden sei. Das hat uns tief erschüttert. Nach einer Zeit sagte er, dass er sich freue, dass diese brutalen Zeiten vorbei seien, und dass wir als junge Deutsche ja daran keine Schuld hätten. Jetzt sei die Zeit, in der die Jugend aus verschiedenen Ländern die Aufgabe habe, freundschaftlich zusammenzuarbeiten und ein menschenfreundliches Europa zu gestalten. Hier haben wir das auf Versöhnung ausgerichtete, grenzen- und religions-überschreitende Wesen der Ökumene sehr persönlich und sehr konkret erfahren.

Im Alter von 16 Jahren entschloss ich mich, Theologie zu studieren. Ich riskierte es, aus dem Französisch-Zug (2. Fremdsprache) auszusteigen und in den Lateinzug überzuwechseln. Mit Müh und Not schaffte ich das Große Latinum. Die sog. Konkurrenz-Abi-Prüfung zur Aufnahme in das Evangelische Stift Tübingen bestand ich gerade noch auf einem der hintersten Plätze.

Im Nachhinein fällt mir auf, dass wir uns im Gymnasium nicht mit der aktuellen Politik befasst haben. Im Religionsunterricht hatten wir allerdings einen Lehrer, der uns Wissen in Psychologie und Anthropologie vermittelte und unser Interesse dafür weckte.

Theologiestudium (1960-65)

Vor der Aufnahme des Theologiestudiums musste ich im Sprachkurs der Landeskirche noch Altgriechisch und Hebräisch lernen. Außerdem hatten wir dort Bibelkunde bei Oberkirchenrat Gottschick.

Der Schock, den viele Theologiestudenten in der Konfrontation mit der wissenschaftlichen Theologie, insbesondere der historisch-kritischen Methode, erlebt haben, hat mich wegen der vorher geführten theologischen Debatten nicht sehr hart getroffen. Außerdem fand ich in der Akademischen Verbindung Föhrberg (früher: Tübinger Bibelkreis), der ich beitrat, verständnisvolle Gesprächs- und Freizeitpartner. Zu Beginn des Studiums nützte ich meine akademische Freiheit in grenzüberschreitender Manier für die Beschäftigung mit der Philosophie. Ich habe u.a. Arbeiten über Hegel und Descartes geschrieben. Zur wissenschaftlichen Theologie bewahrte ich mir eine kritische Distanz durch die Frage, was sie wohl für einen Nährwert habe für die Alltagsbewältigung der "normalen" Menschen. Andererseits habe ich sie als befreiend erlebt.

Je länger je mehr vermisste ich - im Zeitalter des Biafra- und Vietnamkrieges - den Gesellschaftsbezug der Theologie. Daran war auch ein Erlebnis in Lübeck schuld, woher meine erste Frau stammt. Am Holstentor sprach mich ein sog. Kriegsversehrter an. Er fragte mich, ob ich zum Bund gehen oder den Kriegsdienst verweigern würde. Als ich ihm sagte, dass ich aus zwei Gründen - einziger Sohn einer Kriegerwitwe und Theologiestudent - nicht einmal gemustert geworden sei, meinte er, ich mache es mir damit zu leicht; ich müsse selber eine klare Entscheidung treffen, wie ich zum Militär stehe. Ich beschäftigte mich intensiv mit dieser Frage und entschied mich zunehmend deutlich gegen kriegerische Gewalt. -  Später habe ich viele Kriegsdienstverweigerer beraten.

Im Sommer 1965 schloss ich mein Studium erfolgreich mit dem 1. Theologischen Dienstexamen ab.

Vikariat (1965-69) und rostra theologica

Mein Lehrvikariat in Heilbronn-Böckingen unter Pfarrer Erhard John führte mich zurück in eine lebendige und aufregende kirchliche Praxis. Das änderte sich abrupt auf meiner ersten Vikarsstelle. Der für mich zuständige Pfarrer predigte sehr pietistisch, kungelte mit den Honoratioren, führte einen aufwendigen Lebensstil und überhäufte mich mit Arbeit. Das löste bei mir einen an Depression grenzenden Zusammenbruch aus. In dieser Situation stand mir Günther Eisele, der 1966 mit anderen jungen Theologen einen kirchenreformerischen Arbeitskreis namens rostra theologica gegründet hatte, mit Rat und Tat und viel Zuspruch zur Seite. Er sorgte mit dafür, dass ich untersucht und krankgeschrieben wurde. Es wurde bei mir keine psychische Erkrankung diagnostiziert, vielmehr sei die Ursache eine Identitätskrise und eine arbeitsmäßige Überlastung (so Prof. Ernst von der Psychiatrie in Weinsberg). Nach vier Monaten, die ich - auch wegen des mir auferlegten Leseverbots - in der Staudengärtnerei meiner Schwester Elsbeth verbrachte, war ich wieder voll hergestellt und tatendurstig. Der Oberkirchenrat versetzte mich nach Tuttlingen, wo E. John inzwischen Dekan geworden war. Zu ihm und den dortigen Kollegen entwickelte sich ein gutes, zum Teil freundschaftliches Verhältnis.

In Tuttlingen lernte ich außerhalb der kirchlichen Szene auch überzeugte Linke kennen. Ich beteiligte mich aktiv an einem Projekt, Räume zu schaffen für einen "Club Voltaire".

Günther Eisele, der auch in den USA Theologie studiert und dort das "Pastoral Clinical Training" kennengelernt hat (er hat es später in die Seelsorgeausbildung in Deutschland eingeführt), hat mich nach dem Neuanfang in Tuttlingen zur rostra eingeladen. Unter den jungen Kirchenreformern fühlte ich mich gleich wohl und gut aufgehoben. Das Bestreben, den Evangelikalen, die die Landeskirche beherrschten, ein befreiendes Evangelium entgegenzusetzen, war auch für mich befreiend. Wir versuchten, die politischen Ereignisse mit unseren theologischen Erkenntnissen zu verbinden.

Am prägendstem waren für mich die monatlichen Vorträge in der rostra zu den Welthandelsproblemen im Jahre 1968. Dieses Jahr ist zu Recht als ein Meilenstein in der Entwicklung der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse der Nachkriegszeit bezeichnet worden. Die Ereignisse überschlugen sich: "Enteignet Springer"-Kampagne, Vietnam-Kongress in Berlin, Mordanschlag auf Rudi Dutschke, Prager Frühling, RAF-Brandanschläge, Ermordung von M.L. King, Notstandsgesetze, Neugründung der DKP, ÖRK-Vollversammlung in Uppsala, Gründung des Kirchlichen Entwicklungsdienstes KED, Gründung des Club of Rome…

In der rostra habe ich eine Art theologischer Berufung erfahren, nämlich mich mit vielen anderen für "Frieden durch gerechte Entwicklungspolitik" - dem Slogan der Aktion Selbstbesteuerung - einzusetzen. Wir haben, nachdem die rostra die holländische Sjaloom- bzw. X-Y-Bewegung besucht hatte, dann hierzulande die Aktion Selbstbesteuerung gegründet. Die Grundidee bestand darin, durch die Bezahlung einer freiwilligen Entwicklungssteuer den Staat moralisch unter Druck zu setzen, sehr viel mehr zu tun für eine gerechte Entwicklung auf der Welt, insbesondere auch in finanzieller Hinsicht (mindestens 0,7 % des BSP für Entwicklung). Eine Gruppe der rostra beschloss, diese Idee so breit wie möglich auf den Stuttgarter Kirchentag 1969 bekannt zu machen. Nachdem wir festgestellt hatten, dass es schon mehrere Gruppen gab, die die Selbstbesteuerungsidee aufgegriffen hatten, luden wir diese nach Bückeburg in das Internationale Freundschaftsheim (IFH) ein, um die Möglichkeit einer längerfristigen Zusammenarbeit auszuloten. Wir wussten, dass der damalige Leiter des IFH, der spätere Versöhnungsbund-Vorsitzende Konrad Lübbert, dieser Idee sehr aufgeschlossen gegenüberstand. Eine der Vereinbarungen war, den Kirchentag zum Thema "Hungern nach Gerechtigkeit" per Flyer (damals sagte man Prospekte) mit Infos zur Entwicklungspolitik und zur Selbstbesteuerungsidee quasi zu überschwemmen. Wir brachten über 60.000 Aufrufe unter die Leute. Das Ergebnis war enttäuschend. Nur 34 Menschen wollten ebenfalls eine freiwillige Entwicklungssteuer zahlen, darunter allerdings auch Entwicklungsminister Erhard Eppler. Auch hat sich unsere Kooperation nicht lange gehalten. Die meisten Gruppen wollten ihre eigenen Projekte weiterfördern anstatt ein zentrales Konto zu füttern.

Die Rohrzucker-Kampagne

Wir ließen uns aber nicht entmutigen. Anfang der 70er Jahre haben wir die erste entwicklungspolitische Bildungs-Kampagne, die ein Handelsprodukt als Aufhänger hatte, auf die Beine gestellt. Am Beispiel Rohr- und Rübenzucker haben wir die Ungerechtigkeit des Welthandelssystems sichtbar gemacht. Das war absolutes Neuland für uns. Erst mussten wir zu Kenntnis nehmen, dass der Rohrzucker klimatische Standortvorteile hatte, also kostengünstiger produziert werden kann als Rübenzucker. Dann mussten wir uns mit den lockeren Quotenregelungen der Europäischen Gemeinschaft (EG) befassen, die dazu führten, dass europaweit eine hohe Überproduktion von Rübenzucker herrschte. Zugunsten der Rübenbauern verhinderte die EG die Einfuhr von Rohrzucker. Damit nicht genug: Die EG warf ihre Überschüsse auf den Weltmarkt und bot ihn - heruntersubventioniert mit Steuergeldern - sehr billig an. Damit konnten die Rohrzuckererzeuger nicht konkurrieren. Wir versuchten einmal, auf einer Versammlung von Rübenbauern auf diese weltweite Ungerechtigkeit hinzuweisen, wurden aber recht unsanft des Saales verwiesen.

Als sehr hilfreich empfanden wir, dass unser Projekt durch den kirchlichen Entwicklungsdienst gefördert wurde. Die Rohrzucker-Kampagne war auch für uns ein Augenöffner. Eine der Wirkungen der Kampagne war, dass ich selber immer systemkritischer wurde. Hierin liegt eine Ursache dafür, dass der Staat mich schließlich als Radikalen einstufte und mich 1975 aus dem Schuldienst entfernte.

Privates und Schulisches

Im August 1966 heiratete ich in Lübeck die Studienassessorin Hilke, geb. Wiese, die ich in meinem Auswärtssemestern in Bonn und Marburg kennen und lieben gelernt hatte. 1967 wurden unser Sohn Ulrich und 1969 unsere Tochter Ute geboren.

Im September 1969 wurde am Tuttlinger Gymnasium eine zweite Religionslehrerstelle eingerichtet. Da ich während meiner Vikarszeit gern Religionsunterricht an verschiedenen Schulen unterrichtet hatte, wurde ich von meinem späteren Kollegen Joachim Scheytt zur Bewerbung aufgefordert. Ich wurde zunächst Vertragslehrer, dann im März 70 zum Studienassessor und im April 71 zum Studienrat ernannt. Den Beamtenstatus kann man nur bekommen, wenn festgestellt wurde, dass der Bewerber fest auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung steht. Also fragte mich mein liberaler Chef, Studiendirektor Gauger, wie ich denn zum Grundgesetz stehe. Ich sagte, dass ich es für eine ganz große Errungenschaft halte, insbesondere die Grundrechte in Artikel 1-19. Als ich aber die Notstandsgesetze erwähnte, die ich als Angriff auf die Grundrechte bezeichnen wollte, winkte er ganz schnell ab und sagte: "Gut, das reicht". - Fachfremd durfte ich dort auch Deutsch und Geschichte unterrichten.

In der Regel erhalten Religionslehrer, die von der Kirche an den Staat ausgeliehen werden, mit der Ernennung zum Studienrat den Pfarrertitel verliehen. Das war bei mir deshalb nicht der Fall, weil ich schon andere Pläne hatte. K. Lübbert suchte einen Nachfolger und ermutigte mich, mich als Heimleiter des Internationalen Freundschaftsheims (IFH) zu bewerben. Als ich die Stelle bekommen hatte und ich mich deshalb als Beamter beurlauben ließ, sah der Oberkirchenrat (OKR) keine Veranlassung mehr, mir den Pfarrertitel zu verleihen, weil ich ja in Niedersachsen nicht mehr im Dienst der württembergischen Landeskirche stand.

Das Internationale Freundschaftsheim (IFH) Bückeburg 1971-72

Der Gründer des IFH, Pastor Wilhelm Mensching, ein Bruder des Religionssoziologen Gustav Mensching, hatte längere Zeit in Indien gelebt und dort auch die politischen Aktivitäten Gandhis kennengelernt, die vom gewaltfreien Widerstand bestimmt waren. Nach dem 2. Weltkrieg kehrte er zurück mit dem Vorhaben, auch hier eine Art Friedensschule einzurichten. Er suchte nach einem Ort mit Symbolcharakter und fand ihn am Rande von Bückeburg. Dort waren in den letzten Kriegstagen einige Schüler im Kampf gegen anrückende englische Panzer verheizt worden (so ähnlich wie im Film von Bernhard Wicki "Die Brücke"). Pastor Mensching hatte Kontakt zu Friedenskirchen in den USA, die dann Freiwillige schickten, mit deren Hilfe er Baracken errichtete. Später halfen sie und andere mit beim Bau einer Tagungsstätte mit drei Massiv-Häusern.

Als ich Heimleiter wurde, hatte das IFH schon einen guten Ruf als Friedensinstitution. Gustav Heinemann hatte es, bevor er Bundespräsident wurde (1969), mehrfach besucht. Ein Themenschwerpunkt war die Aussöhnung mit dem Osten. Dies geschah durch internationale Tagungen (vor allem mit Theologen aus Polen) und durch die Vorbereitung von Freiwilligen, die mit Aktion Sühnezeichen Friedensarbeit in Israel und Polen leisten wollten. In den Wintermonaten stellten wir Deutschlehrer an, die mit Stipendiaten der Carl-Duisberg-Gesellschaft, vor allem aus Afrika und Asien, Deutschkurse durchführten. Wir IFH-Mitarbeiter sorgten für Unterhaltung, Ausflüge, Kulturelles und für das Wohlgefühl. - Außerdem war 1971 die Rohrzucker-Kampagne auf ihrem Höhepunkt angelangt. Wir verschickten die Zuckerzeitung "Nieder mit der Zuckermauer" und waren mit Vorträgen und Aktionen beschäftigt.

Wir pflegten bewusst ein offenes Haus. Das hatte zur Folge, dass auch Mitglieder der maoistischen "Liga gegen den Imperialismus", der sog. Massenbewegung der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), öfters bei uns auftauchten und mit uns über Gewaltfreiheit bzw. "Sieg im Volkskrieg" diskutieren wollten. Keiner konnte die andere Seite überzeugen, doch lernte man sich besser kennen und bis zu einem gewissen Grade respektieren.

Die Liga-Leute waren in der ganzen schaumburg-lippischen Gegend aktiv, vor allem in der Solidaritätsarbeit mit dem vietnamesischen Volk. Das wurde von großen Teilen der Bevölkerung zumindest toleriert. Das änderte sich, als die Liga in einer Flugblattaktion die Lehrlingsausbildung in einer Glasfabrik in Stadthagen kritisierte. Nachdem es morgens um sieben zu einer Rangelei - es gab keine Verletzten - mit dem Werkschutz gekommen war, bekamen die Liga-Leute nirgends mehr einen Raum für ihre Treffen. Da fragten sie mich an, ob sie ihre Marx-Lektüre (vierzehntägig) in unserer Teestube abhalten könnten.

Diese Anfrage stürzte mich in Schwierigkeiten. Ich wollte nicht einfach nein sagen, doch hätte ich eine Zusage nicht ohne Zustimmung des IFH-Vorstands geben können. Hätte ich ihn aber gefragt, wäre ein klares Nein die Folge gewesen. Eine Zusage unter Umgehung des Vorstands wäre von ihm sicher als Vertrauensbruch verstanden worden. Ich suchte Argumente für eine Zusage und glaubte sie in Entscheidungen über das damals viel diskutierte "Programm zur Bekämpfung des Rassismus" des Weltkirchenrats gefunden zu haben. Dieser unterstützte moralisch und auch mit geringen Finanzmitteln einige Befreiungsbewegungen im Südlichen Afrika, obwohl klar war, dass diese (Gegen-)Gewalt anwendeten. Für mich war in dieser Diskussion auch eine Aussage von Papst Paul VI in der Enzyklika "Populorum progressio" maßgeblich: "Jeder revolutionäre Aufstand - ausgenommen im Fall der eindeutigen und lange dauernden Gewaltherrschaft, die die Grundrechte der Person schwer verletzt und dem Gemeinwohl des Landes schwer schadet - zeugt neues Unrecht, bringt neue Störungen des Gleichgewichts mit sich, ruft neue Zerrüttung hervor." Die in der Paranthese gemachte Einschränkung rechtfertigt m.E. einen revolutionären Widerstand. Der Weltkirchenrat drückte sich etwa so aus: Wir sind solidarisch mit den Unterdrückten, schreiben ihnen aber nicht vor, mit welchen Waffen sie sich wehren dürfen. Das leuchtete mir ein, doch wurde mir dabei auch klar, dass ich damit von der grundsätzlichen Gewaltfreiheit des IFH abrückte. Ich gab den Liga-Leuten auf eigene Faust eine Zusage für die Teestube. Nach wenigen Wochen erfuhr der Vorstand davon, betrachtete die Zusage als Vertrauensbruch und empfahl, dass wir uns gütlich trennen sollten.

Leider war diese Trennung nicht die einzige. 1972 verließ mich meine Frau und mit unseren zwei Kindern. Eine der Ursachen dafür war auch, dass ich mich in der Hektik der Heimleiter-Tätigkeit zu wenig um meine Familie gekümmert hatte. Auch mein politischer Aktivismus hatte die eheliche Vertrauensbasis zerstört.

Wieder in der Schule (1972-75)

Nach einigen Monaten Arbeit für die "Aktion Selbstbesteuerung" kehrte ich nach Württemberg zurück. Oberkirchenrat O. Basse, der meine pädagogischen Fähigkeiten schätzte, bot mir ab dem 2. Schulhalbjahr 1971/72 eine Auswahl von Religionslehrerstellen an. Ich entschied mich für das Gottlieb-Daimler-Gymnasium in Stuttgart-Bad Cannstatt.

Im Unterricht nützte ich gern gutes Filmmaterial, mit dessen Hilfe ich mit den älteren Schülern auch einen intensiven Austausch zum Thema (Atom-)Krieg und Frieden führen konnte. Nebenbei habe ich auch eine Schach-AG aufgebaut.

Da nach spätestens drei Monaten meine Wiederverbeamtung angestanden hätte, bat ich meinen Direktor mehrmals, beim Oberschulamt nachzufragen. Er wurde immer wieder vertröstet. Am letzten Schultag wurde mir ohne Angabe von Gründen mitgeteilt, dass ich nicht weiterbeschäftigt werden würde. Dies teilte ich gleich dem Oberkirchenrat (OKR) mit, besorgte mir aber zur Vorsicht auch einen Ferienjob als Lastwagenfahrer bei einem Stahlhandel, den ich einen Monat lang ausübte. Der OKR bot mir eine Pfarrstelle an. Ich bestand aber darauf, zuerst zu erfahren, was gegen mich vorläge. Nach einigen Tagen ließ er mich wissen, dass ihm das Oberschulamt mitgeteilt hätte, ihm lägen Erkenntnisse des Verfassungsschutzes über mich vor. Nachdem ich dem OKR die Situation in Bückeburg geschildert hatte, beschaffte er mir einen Termin bei einem Oberregierungsrat des Oberschulamts, dem ich die Ereignisse im IFH detailliert darlegte. Daraufhin bot er mir eine Weiterbeschäftigung im Angestelltenverhältnis an. Da mir mehr am Religionsunterricht als am Beamtenstatus und Pfarrertitel lag, willigte ich ein. Nach jedem Schuljahr wurde mein Angestelltenvertrag um ein Jahr verlängert (rechtswidriger Kettenarbeitsvertrag). Außerdem erhielt ich überdurchschnittlich viele Unterrichtsbesuche.

Die Liga meldet sich wieder

1973 mietete ich in Cannstatt eine große Wohnung auf Bitten von Mitarbeitern des Internationalen Christlichen Jugendaustausches (ICJA). Der baden-württembergische Zweig hatte nicht genügend Gasteltern gefunden; also nahmen wir zwei Latinos in unsere neu gegründete WG auf. Dort erhielt ich eines Tages auch Besuch von Liga-Leuten. Sie wussten um die Vorgänge in Bückeburg. Sie erzählten mir, dass sie sich derzeit mit der Situation in Südrhodesien, dem späteren Zimbabwe, beschäftigten, aber nicht wüssten, welche der Befreiungsbewegungen unterstützenwert sei. Sie fragten mich, ob ich ihnen deren Parteiprogramme beschaffen könnte. Das konnte ich zusagen, weil der über "Dienste in Übersee" nach Mindolo/Sambia vermittelte Martin Stäbler gute Kontakte nach Südrhodesien pflegte. Die Liga studierte die Dokumente und beschloss, die ZANU von Robert Mugabe zu unterstützen. Auch an eine materielle Unterstützung wurde gedacht. Man beschloss, für eine fahrbare Klinik (auf Hanomag-Basis) zu sammeln und per Schiff über Daressalam in die umkämpften Gebiete in Zimbabwe zu bringen. Diese Idee fand ich so gut, dass ich mich in Cannstatt am Sammeln beteiligte. Dabei wurden wir selten als Kommunisten beschimpft, es bestand vielmehr großes Interesse an der politischen und wirtschaftlichen Situation in Südrhodesien. Das Projekt hatte also auch eine Aufklärungsfunktion. Es dauert mehrere Monate, bis auf Bundesebene die erforderlichen DM 180.000 zusammengekommen waren. Als die fahrbare Klinik schließlich in Zimbabwe angekommen war, traf uns wenig später ein harter Schlag: Die Klinik war nach kurzer Zeit auf eine Mine gelaufen und wurde völlig zerstört. Die Liga reagierte darauf mit einem trotzigen "Jetzt erst recht!"  Innerhalb eines Jahres wurde Geld für drei - diesmal auf gebrauchte Hanomags montierte - fahrbare Kliniken gesammelt und nach Simbabwe geliefert.

Über die Liga lernte ich eine Reihe von Genossen der maoistischen KPD kennen und besuchte auch einige Vorträge. In den Reihen der KPD wurde ich immer als Kirchenmann wahrgenommen, was auch zur Folge hatte, dass mir einige ihr Herz ausschütteten und starke Kritik an der geforderten Parteidisziplin übten. Die Parteilinie war von den großen Parteiideologen Semmler und Horlacher vorgegeben und stand nicht zur Debatte. Man musste viel Einsatz bringen und Einkommensanteile von monatlich über DM 1.000 an die Partei abführen. Obwohl mir klar war, dass ich niemals Parteimitglied werden konnte, fand ich die Kritik der KPD am Kapitalismus und am Sowjetimperialismus insgesamt einleuchtend. Manche KPDler rieten mir, aus der Kirche auszutreten. Das lehnte ich ab aufgrund meiner vielen guten und prägenden Erfahrungen durch die Kirche.

1978 zerbrach die KPD quasi über Nacht. Auslöser war der Spruch des chinesischen Parteivorsitzenden Deng Xiaoping: "Egal, ob die Katze weiß oder schwarz ist - Hauptsache, sie fängt Mäuse". Das bedeutete die Abkehr von der sozialistischen Planwirtschaft und eine deutliche Öffnung hin zu kapitalistischen Wirtschaftsformen.

Der Oberkirchenrat geht auf Distanz zu mir

Ende November 1974 wurde ich sehr kurzfristig in den OKR bestellt - ohne Angabe von Gründen. Rechtsanwalt Dr. Schaudt, zuständig für zivil- und strafrechtliche Angelegenheiten von Pfarrern, eröffnete mir, es gäbe da einige Fragen zu meinen entwicklungspolitischen Ansichten. Wir verbrachten etwa eine Stunde mit der Diskussion seiner Thesen. Er war z.B. der Meinung, die Investitionen von VW in Brasilien seien eine entwicklungspolitische Großtat (ich fragte, wem sie nütze), den Schwarzen ginge es nirgends besser als in Südafrika (ich hielt dagegen, dass sie dort Menschen 3. Klasse seien und auch so behandelt würden), und die belgische Regierung würde in Angola und Mozambik sehr viel für die Afrikaner tun (ich erzählte ihm, dass wir gerade für einen "Weißen Vater", der wegen dokumentierter Menschenrechtsverletzungen ausgewiesen worden war, Vorträge organisierten). Ich war entsetzt über seine Uninformiertheit und seine Sichtweisen und konterte deshalb auch recht cool. Schließlich kam Dr. Schaudt auf den Grund der Einbestellung zu sprechen: Landesbischof von Kehler sei ein zwei-Seiten Papier aus dem Rundbrief der Aktion Selbstbesteuerung (asb) zugegangen, das er für falsch und gefährlich halte.

Nun hatte ich Gelegenheit, Herrn Dr. Schaudt zu erklären, dass wir in der asb schon jahrelang eine Debatte geführt hatten über die Frage, ob wir unsere freiwilligen Steuergelder in Projekte im Süden oder vielmehr in die Bewusstseinsbildungsarbeit hier im Norden stecken sollten (man einigte sich schließlich auf einen Kompromiss). Ich hatte mich stark für die Bildungsarbeit hierzulande eingesetzt und wollte mit dem zwei-Seiten-Papier noch einmal eine starke Argumentation für diese Option liefern. Ich hatte das Papier provokativ mit "Antiimperialistischer Kampf" überschrieben. Das waren natürlich Reizwörter für behördliche Ohren. Dr. Schaudt fragte mich, was ich unter Imperialismus verstehe. Ich antwortete schulbuchmäßig mit: "das höchste Stadium des Kapitalismus". Dann wollte er wissen, warum ich die Vokabel "Kampf" benützte. Ich entgegnete, das sei doch ein gut biblisches Wort: "Kämpfe den guten Kampf des Glaubens" (1. Tim 6,12). Dr. Schaudt meinte jedoch, das sei etwas ganz Anderes.

Plötzlich verlangte er von mir, ich solle den asb-Beitrag widerrufen. Ich kam mir vor, wie weiland Martin Luther auf dem Reichstag zu Worms. Ich sagte, das sei mein gegenwärtiger Erkenntnisstand, den ich nicht widerrufen könne, ich sei mir aber bewusst, dass ich hier plakativ argumentiert habe. Deshalb könne ich die Sache auch weniger provokativ darstellen und vor allem meine christliche Motivation für meine Sichtweise darlegen. Dr. Schaudt ging sofort auf meinen Vorschlag ein, ermahnte mich, nicht mehr als vier Seiten zu schreiben (mehr zu lesen könnte man dem Bischof nicht zumuten) und meinen neuen Text bis Anfang 1975 abzuliefern.

Kandidatur für die KPD bei den Stuttgarter Kommunalwahlen

Den zugesagten Text lieferte ich rechtzeitig ab. Als keine Reaktion kam, verfestigte sich in mir der Eindruck, dass ich die Protektion durch den OKR verloren hatte. (Dabei, so sagten mir später Freunde, hätte ich einfach nachfragen müssen.) Was ich kommen sah, war, dass ich ohne Unterstützung durch den OKR meine Stelle als Religionslehrer ziemlich schnell verlieren würde. Daher beschloss ich, meine schulische Laufbahn mit einem politischen Paukenschlag zu beenden.

Die Gelegenheit dazu lieferten die im April anstehenden Kommunalwahlen in Stuttgart. Die KPD suchte verzweifelt nach Kandidaten. Nicht nur Lehrer und Angestellte riskierten wegen des Radikalenerlasses von 1972 keine Kandidatur, auch Arbeiter befürchteten, auf eine schwarze Liste gesetzt zu werden, die dazu führen könnte, dass sie nach einer betrieblichen Kündigung keinen anderen Job mehr bekommen würden. KPD-Genossen bearbeiteten mich lange und baten mich, als Nicht-KPD-Mitglied auf der KPD-Liste zu kandidieren. Mir war völlig klar, dass eine Kandidatur für die KPD den totalen Ausstieg aus meiner bisherigen beruflichen Laufbahn bedeuten würde. Eine Zusage fiel mir auch deshalb schwer, weil ich 1974 meine jetzige Frau Elisabeth kennengelernt habe, die ich nicht leichtfertig einer ungewissen Zukunft aussetzen wollte. Dennoch sagte ich Ende Januar zu, jedoch nicht ohne mir zusichern zu lassen, dass ich meinen Wahlkampf nach eigenen Regeln führen könnte. Ich hielt die Slogans, die mit "Nieder mit…" begannen, für wenig Sympathie-erzeugend. Also veröffentlichte ich im Stuttgarter Wochenblatt eine Anzeige auf Schwäbisch mit der Überschrift: "Worom I als Pfarrer für d`KPD kandidier". Darin hieß es: "Des ganze System ischt nex. Chrischtlich ischts uff koin Fall… Sozialismus…des ischt ebbes wia nach am Kriag, wo älle z’samma noglangt ond dr Karra wieder aus am Dreck zoga hent." Die Anzeige hat Aufsehen erregt. Sie wurde sogar zum Teil im "SPIEGEL" abgedruckt (und zwar nicht bei Hohlspiegel, sondern bei Personalien). Unser Wahlkampf war allerdings nicht erfolgreich. Ich bekam zwar die meisten Stimmen auf der KPD-Liste, doch reichte es nicht für einen Sitz im Gemeinderat.

Und es kam, wie es kommen musste: Am 20. April 1975 fanden die Kommunalwahlen statt und am 21. April erhielt ich meine Fristlose Kündigung (ausgefertigt am 18. April).

Der Umgang mit einem "Radikalen"

Die folgenden drei Wochen waren ausgefüllt mit Protesten und Solidaritätsbekundungen, die sowohl von der Schülerschaft als auch von der Liga gegen den Imperialismus organisiert wurden. Da mir klar war, dass der öffentliche Protest abflauen würde, fragte ich beim OKR an, ob er eine Stelle für mich hätte. Wohlmeinende Oberkirchenräte (vor allem der Jurist Dr. Roland Tompert) wollten mich zunächst bei der Diakonie unterbringen, "bis Gras über die Sache gewachsen sei". Sie baten den Direktor der Diakonischen Diakonie, Dr. Müller-Schöll, eine Stelle für mich zu beschaffen. Dieser erklärte mir zunächst in einem langen Gespräch, die Diakonie habe inzwischen viele neue Programme, wo ich sicher in einem davon mitarbeiten könne. Nach vier Wochen rief ich bei ihm an; er bedauerte noch nichts für mich gefunden zu haben, suche aber weiter. Nach sechs Wochen betrachtete er seine Suche als erfolglos. Er analysierte selbst die Gründe dafür: Keine diakonische Einrichtung wolle einen Menschen, der sich wie ich exponiert habe, einstellen. Das rücke sie in ein schiefes Licht und errege das Interesse der Journaille, die dann die ganze Einrichtung durchleuchte und ins Licht der Öffentlichkeit zerre.

Im OKR riet man mir daraufhin, mich beim Arbeitsamt arbeitslos zu melden. Das fand ich reichlich seltsam, weil ja Kirchenleute wie ich nie etwas in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt hatten. Der zuständige Sachbearbeiter war auch ziemlich hilflos, da ihm nicht verborgen blieb, dass ich als Pfarrer für alle verfügbaren Jobs überqualifiziert sei. Immerhin sorgte er dafür, dass ich Arbeitslosengeld in Höhe von DM 800 monatlich bekam. Im Laufe von drei Jahren meiner Arbeitslosigkeit wurden mir zwei Jobs angeboten: Einmal die Leitung einer Jugendfarm, was von den Eltern vehement abgelehnt wurde, und zum andern die Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen Alpenverein, der mich aber auch nicht haben wollte. Da ich noch Schulden hatte (die Wochenblattanzeige kostete etwa DM 1.200), stürzte ich mich in die Schwarzarbeit. Zunächst arbeitete ich bei einem Abbruch-Unternehmen, das einen täglich ausbezahlte, dann als Hilfsarbeiter bei einer Baufirma. Später arbeitete ich auch als regulär Angemeldeter mehrere Wochen in einem chemischen Betrieb in Nürtingen als Nachtwächter und in einem Holzverarbeitungsbetrieb in Neckartailfingen. Mit der Zeit baute ich mir in Stuttgart ein Nachhilfe-Klientel aus Gymnasiasten auf. Es freute mich, dass auch wohlhabende Eltern ihre Kinder einem "Radikalen" anvertrauten.

Über zwei Jahre lang arbeitete ich an den Vormittagen in einem privaten Betrieb für biologisch-dynamische Kompostherstellung. Ein bekennender Pietist, der als Techniker bei Hirschmann-Antennen in Neckartenzlingen arbeitete, fand es falsch, dass in dieser Streuobstwiesengegend Berge von Mostobsttrestern ungenutzt blieben. Er experimentierte lange in seinem Garten mit verschiedenen Kalkarten, um die Säure zu neutralisieren. Dann pachtete er eine Weise, kaufte einen Bagger, einen Traktor und einen Miststreuerwagen, ließ sich die Trester und auch große Mengen von Pferdemist herfahren, lud die Rohstoffe mit dem Bagger auf den Miststreuer und brachte das Gemisch in etwa ein Meter hohen Reihen aus. Außerdem "impfte" er den Roh-Kompost mit Kräutern und Brennnesselsud. Unmengen von Regenwürmern halfen mit, einen qualitativ hochwertigen Kompost zu erzeugen, den er immer wieder von der Bodenversuchsanstalt in Karlsruhe analysieren ließ. Daraus entwickelte sich ein mittelgroßer Betrieb, der Kompost bis nach Italien lieferte. Er suchte lange Zeit schon einen Mitarbeiter. Ich bekam den Job sowie einen kurzen Unterricht im Baggerfahren. Schnell avancierte ich zum wahrscheinlich besten Baggerfahrer unter den Theologen der württembergischen Landeskirche.

Mein Chef war sehr experimentierfreudig. Als er mitbekam, dass die Federn von täglich etwa 20.000 geschlachteten Hähnchen der Firma Landgold in Weilheim/Teck auf die Deponien gebracht wurden, ließ er sich an einem heißen Sommertag einige Container mit den fettigen und stinkenden Federn auf seinen Kompostplatz fahren. Binnen weniger Minuten war da ein lautes Surren in der Luft und die weißen Federn mit schwarzen Schmeißfliegen bedeckt (wie kommunizieren Schmeißfliegen?). Mit dem Bagger deckte ich die Federn mit halbfertigem Kompost ab. Wir nahmen an, dass die Federn faulen würden. Zum Glück war das nicht der Fall. Nach einigen Wochen waren die Federn schon angerottet, und so konnten wir sie mitverarbeiten und unseren Kompost noch weiter verbessern. Leider mussten wir unseren Kompost in Plastiksäcke abfüllen, weil die anfangs verwendeten Jute-Säcke schnell mitverrotteten.

Fortsetzung Teil 2

Werner Gebert, Jg. 1940, Theologe, Vikar und Religionslehrer in Tuttlingen, Mitbegründer der Aktion Selbstbesteuerung, Leiter des Internationalen Freundschaftsheim Bückeburg (gewaltfreies Zentrum), Kandidat auf der KPD-Liste für den Stuttgarter Gemeinderat (1975), staatlich anerkannter Radikaler (1975), Arbeitsloser, Entlassung aus dem Kirchendienst 1978, Mitarbeiter bei IDOC (Dokumentationszentrum in Rom), 1980-86 Sachbearbeiter im Referat Gesellschaftbezogene Dienste (RGD) des Evang. Missionswerks Hamburg, RGD-Referent (1987-95), Abteilungsleiter bei Dienste in Übersee (1995-2003), im Ruhestand ehrenamtliches Engagement beim DEAB (Dachverband Entwicklungspolitik Ba-Wü), PRO ÖKUMENE - Initiative in Württemberg und PLÄDOYER für eine ökumenische Zukunft.

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Veröffentlicht am

02. Dezember 2016

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