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USA: Paranoide Philosophie

Auch nach dem Anschlag im kalifornischen San Bernardino wird wieder über Schusswaffenkontrolle gestritten. Nur ändern wird sich nichts

Von Konrad Ege

Mehr Schusswaffenkontrolle in den USA findet nicht statt. Wie das sprichwörtliche Amen nach dem Vaterunser ertönen nach Schusswaffenmassakern wie jetzt in San Bernardino Klagen besorgter Bürger und Politiker, Staat und Gesellschaft müssten "etwas tun", um möglichen Tätern, zumal solchen mit terroristischem Hintergrund, den Zugriff zu potenziellen Mordwaffen zu erschweren. Das Ausland staunt über die angeblich waffenvernarrten Amerikaner. Und dann geschieht nichts. Den liberalen US-Waffengesetzen liegt die These zugrunde, die Waffe in Bürgerhand garantiere angeblich Freiheit und Demokratie. Dabei ist es irrelevant, dass dieser ins Paranoide driftende Gedanke bei weitem keine Mehrheitsansicht ist und die Zahl der Schusswaffenbesitzer seit Jahren zurückgeht: Die bewaffnete Minderheit rüstet auf. Die These von der Bedeutung der Knarre gegen den Einbrecher und den zumindest potenziell diktatorischen Staat passt genau in die von Tea-Party-Gängern einerseits und Ellenbogenkapitalisten andererseits erzeugte Stimmung der Entsolidarisierung, in der jeder nur seine eigenen Interessen vertritt.

Politiker hauptsächlich der Republikaner haben es verstanden, Schusswaffenbesitzer als vermeintliche Opfer der Elite zu stilisieren. Da hilft es imagemäßig nicht im Geringsten, dass der New Yorker Milliardär Michael Bloomberg ein großer Geldgeber ist für Schusswaffenkontrollverbände. Der republikanische Präsidentschaftsbewerber Ben Carson vertritt die Auffassung, die Geschichte zeige, wie gefährlich Schusswaffenkontrolle sei. Auch Hitler, so seine abstruse These, habe zunächst sein Volk entwaffnet. Carsons Rivalin Carly Fiorina meinte nach den 14 Toten von San Bernardino, sie sei gegen ein Gesetzesprojekt, terrorverdächtigten US-Bürgern auf der sogenannten No-Fly-Liste den Schusswaffenkauf zu verbieten. Und der republikanische Senator John Cornyn protestiert, ein solches Kaufverbot für Waffen wäre "unamerikanisch". Prompt war auch der Senat mehrheitlich dagegen und wies zugleich eine Vorlage zurück, Online-Waffenverkäufe schärfer zu überwachen.

Es ist unbekannt, wie viele Schusswaffen in den USA in privater Hand sind. Schätzungen gehen von 300 Millionen aus. Wer ist bewaffnet? Dazu gibt es Erhebungen mit alles andere als überraschenden Daten: Laut dem Pew Research Center lebten 2013 37 Prozent der Amerikaner in Haushalten mit Schusswaffen. Die University of Chicago kam 2012 auf 34 Prozent und merkte an, die Zahl der bewaffneten Haushalte nehme seit den 70er Jahren erkennbar ab; damals waren es knapp 50 Prozent.

Nach Angaben des Zentrums für Krankheitskontrolle und Prävention sind allein 2013 11.208 Menschen in den USA mit Schusswaffen getötet worden; mehr als 20.000 hätten sich mit Pistole oder Gewehr das Leben genommen. Der Glaube an die Waffe ist ein weißes und ein männliches Phänomen: Nach Angabe von Pew sind rund drei Viertel der US-Schusswaffenbesitzer Männer, 61 Prozent davon weiße Männer.

Nach Massakern gehen gewöhnlich Meldungen durch die Medien vom Andrang auf Schusswaffenläden. Das war auch nach der Bluttat von San Bernardino der Fall. Immer weniger US-Amerikaner verfügen offenbar über immer mehr Waffen. Wenn Präsident Barack Obama wieder einmal schärfere Gesetze verlangt, muss man annehmen, dass diese Forderung zu neuen Käufen inspiriert.

Quelle: der FREITAG vom 10.12.2015. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Konrad Ege und des Verlags.

Veröffentlicht am

13. Dezember 2015

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