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Nordkorea: Wer Kim Jong Un nicht liebt, verdient Strafe

Von Karl Grobe

Nordkoreas Kim-Dynastie setzt emotionalisierte Propaganda für den Machterhalt ein - und treibt die organisierte Verehrung zu skurrilen Auswüchsen.

Am 29. Dezember 2011 wurde Kim Jong Un als oberster Führer der Partei und des Militärs vereidigt. Seit seinem ersten Arbeitstag als Nummer eins im Staate hat das nordkoreanische Volk ihn lieb, den "großartigen Nachfolger und Führer von Partei, Armee und Volk". Dass ihm solche Titulierungen zukommen und dass sie alle ihn lieben müssen, ist den knapp 25 Millionen Einwohnen der Demokratischen Volksrepublik zuvor zwei Jahre lang erklärt worden.

Anfang 2010, als die schwere Erkrankung seines Vaters und Vorgängers Kim Jong Il den Beschluss über eine Nachfolge dringlich machte, war der "großartige Nachfolger" 26 oder 28 Jahre alt. In einer Gesellschaft, die in zweitausendjähriger konfuzianischer Tradition ganz besonders die Älteren zu ehren gewohnt ist, ist es keine einfache Aufgabe für einen Jungspund, binnen zwei Jahren erste Autorität zu werden, umgeben von 70- bis 90-jährigen Partei- und Militärfunktionären, die schuljungenhaft jedes Wort aus seinem Munde mitschreiben.

Und dann dies: Er zeigte sich bei der nordkoreanischen Version von Pop-Konzerten; er defilierte mit Ehefrau (in Bluse und Minirock) leger an strammstehenden Uniformierten vorbei; er fuhr Achterbahn in einem neuen Vergnügungspark. Warb er mit dieser Lockerheit um die Liebe einer neuen Machtbasis, nämlich der jüngeren Generationen?

Zittere und gehorche

Andererseits: Verdiente alte Genossen, die ihm fürsorglich an die Seite gesetzt wurden, um ihn erstens vor Fehlern zu bewahren und zweitens die verordnete Verehrung seines Vaters und seines Großvaters auf ihn zu übertragen, ließ er liquidieren. Kim Jong Un signalisiert - auch mit gewagten Militärprovokationen an der Waffenstillstandslinie -, dass er Widerrede nicht duldet.

Das passt nun wieder zu jener Art Personenkult, die auf dem byzantinischen Satz basiert: "Zittere und gehorche". Als der junge Mann dieser Tage bei einer "Vor-Ort-Anleitung" die Verantwortlichen der Sumpfschildkrötenfarm Taedonggang herunterputzte, weil sie keine Hummerzucht zustande gebracht hatten - alle nordkoreanischen Medien berichteten ausführlichst über Kim Jong Uns Zornausbruch -, gehörte das eher auf das byzantinistische Konto als in die Kategorie "Liebevolle Fürsorge für die breiten Massen".

Doch genau diese Fürsorge war ein wesentlicher Inhalt der Kulte, die auf Kosten der Wahrheit um die ersten beiden führenden Genossen aus der Kim-Dynastie getrieben wurden. Kim Il Sung (1912-1994), der Gründer, war im wirklichen Leben Führer einer kleinen Partisaneneinheit im Widerstand gegen Japan, wurde von der sowjetischen Führung unter Stalin in Nordkorea eingesetzt und baute eine knallharte Diktatur eigener Art auf. In der Propaganda aber war er der Große Führer, der Theoretiker der weltweit strahlenden Dschutsche-Ideologie ("alles aus eigener Kraft") und der gütig vorsorgende, das Volk über alles liebende Große Vater.

Die Zeitrechnung beginnt mit einem Geburtstag

Das zeigten Anekdoten über die von ihm erfundenen "Vor-Ort-Inspektionen", zum Beispiel in einer Hühnerfarm, deren Chefs er belehrte: "Um die Überlebensrate der Hühner und die Legequote zu erhöhen, muss man alle Arbeiten wie Füttern, Kontrolle von Temperatur und Feuchtigkeit sowie Maßnahmen der Veterinärmedizin und der Seuchenbekämpfung auf eine wirtschaftliche und technologische Grundlage in Übereinstimmung mit den physiologischen Merkmalen der Hühner stellen."

Drei Jahre nach seinem Tod wurde er zum ewigen Präsidenten der Demokratischen Volksrepublik ernannt. Seinen Denkmälern, Relikten und der hundertbändigen Gesamtausgabe seiner Schriften die Hochachtung zu verweigern ist bei Strafe verboten. Der Kalender zählt jetzt von seinem Geburtsjahr aus: Wir haben das Jahr Dschutsche 104.

Sein Sohn und Nachfolger Kim Jong Il (1941-2011) ist der Staatslegende zufolge auf dem Paekdu-Berg geboren, wo Himmelserscheinungen und Erdbeben, spontaner Wellengang auf heiligen Seen und dergleichen mehr seine Geburt begleiteten. Tatsächlich aber lebten seine Eltern 700 Kilometer vom Paekdu entfernt in einem bescheidenen Militärcamp im sowjetischen Fernost-Gebiet Charbarowsk. Für Kim Jong Il ersann die Publizistik der Arbeiterpartei nicht weniger als 56 schmeichelnde Namen und kombinierte Begriffe, unter denen Adjektive wie brillant, weise, einzigartig und geliebt vorwiegen; der "geliebte und respektierte Führer", der "leitende Sonnenstrahl". Er konnte sogar mitten im Schneegestöber den 2734 Meter hohen Paekdu-Berg erklettern, und die Sonne beschien dabei seinen Weg. Sagt die Legende.

Dass zu seinen Ehren eine Blume namens Kimjongilia gezüchtet wurde (wie für seinen Vater die Kimilsungia), gehört zu der organisierten Verehrung, die von einem Personen- zu einem Familienkult geworden ist und es strafwürdig macht, die Objekte der Verehrung nicht zu lieben. Kim Jong Un aber ist sich noch immer nicht ganz sicher, dass die Alten ihn ganz ernst nehmen. Folglich müssen sie ihn erst einmal fürchten. Lieber glauben, statt genau wissen. Wie seinen Geburtstag. Amtlich: 8. Januar 1982, es kann aber auch 1983 oder 1984 gewesen sein. Da 1982 gleich Dschutsche 70 ist passt es zu den Mythen.

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 12.06.2015. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Karl Grobe.

Veröffentlicht am

14. Juni 2015

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