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Die andere Chronologie zu Pacellis Konkordatspolitik

Ein Forschungsbeitrag von Christoph Hübner beleuchtet den rechtskatholischen Anteil am Scheitern der Weimarer Republik

Von Peter Bürger

Beim Thema "Rechtskatholizismus" konnte man bislang im Wesentlichen nur auf Arbeiten von Klaus Breuning (Die Vision des Reiches, 1969) und Thomas Ruster (Die verlorene Nützlichkeit der Religion, 1994) sowie eine knappe Darstellung "Rechtskatholizismus im Kaiserreich und in der Weimarer Republik" (1984) von Horst Gründer zurückgreifen. Nachdrücklich zu begrüßen ist deshalb die folgende, vom Verlag leider extrem schlecht eingebundene Veröffentlichung, mit welcher der Historiker Christoph Hübner durch systematische, bis ins 19. Jahrhundert zurücklangende Untersuchungen eine neue Perspektive eröffnet auch zur Beurteilung von Ereignissen des Jahres 1933:

Hübner, Christoph: Die Rechtskatholiken, die Zentrumspartei und die katholische Kirche in Deutschland bis zum Reichskonkordat von 1933. Ein Beitrag zur Geschichte des Scheiterns der Weimarer Republik. Berlin: Lit Verlag 2014. [875 Seiten] [Das Buch geht schnell aus dem Leim, kostet 89,90 Euro!]

Anhand dieser unbedingt zu empfehlenden Forschungsarbeit habe ich eine Chronologie zu Entwicklungen und Ereignissen im Umkreis der Konkordatspolitik zusammengestellt, die hier - mit wenigen ergänzenden Kommentierungen - mitgeteilt sei:

26.05.1926: Nuntius Eugenio Pacelli nimmt gegenüber Pietro Gasparri folgendermaßen Stellung zur Koalitionspolitik der katholischen Zentrumspartei in Deutschland: "Es scheint […] von der Erfahrung erwiesen, dass ein gutes Konkordat und ein Schulgesetz, das der Konfessionsschule günstig gesinnt ist, sich wahrscheinlich eher durch eine Allianz mit der deutsch-nationalen Partei als mit den Sozialisten erreichen lassen werden - wenn nicht in der Zentrumspartei die Rücksichten […] auf die Außenpolitik und die soziale Innenpolitik die Überhand [sic] gewinnen." (Hübner 2014, S. 481) - Ab Mitte 1926 zeigen Vatikan und Nuntius mit Blick auf "Linkstendenzen" der Zentrumsanhängerschaft weniger Toleranz gegenüber einem SPD-freundlichen Kurs der katholischen Partei und mehr Gehör für rechtskatholische Eingaben. Zentrumschef Wilhelm Marx, "assistiert von Pacelli-Mitarbeiter […] Kaas", zeigt grundsätzlich Bereitschaft, mit den Deutschnationalen ein "christliches Reichsschulgesetz" auf den Weg zu bringen. (S. 495)

Juli 1928: Nuntius Pacelli äußert gegenüber dem katholischen Politiker Wilhelm Marx Bedenken hinsichtlich des Eintritts von Zentrum und BVP in eine große Koalition der republiktragenden Parteien - ohne die Deutschnationalen. (S. 510)

Oktober 1928: Ausschluss der antirömischen "Geistchristen" aus der NSDAP. Adolf Hitler hält kurz darauf im katholischen Passau eine Rede, in der nachdrücklich die forcierte "Zurückdrängung des völkisch-religiösen Elements innerhalb der NSDAP und die Hinwendung Hitlers zu den christlichen Kirchen" dokumentiert ist. (S. 605-606)

08.12.1928: Auf dem Zentrumstag am 8. und 9. Dezember wird der Kanonist Prälat Ludwig Kaas neuer Parteivorsitzender. (S. 533-536)

11.02.1929: Mit Abschluss der Lateranverträge ist der Katholizismus als Staatsreligion im faschistischen Italien festgelegt. Im Vorwort zur Ostern 1929 erscheinenden deutschen Ausgabe der Vertragstexte schreibt Eugenio Pacelli, die italienischen Lateranverträge hätten eine "säkulare Bedeutung für die ganze Kirche" und könnten als Modell "auch in anderen Ländern" zu Erfolgen führen. (S. 542-544)

Dezember 1930: Der rechtskatholische Münchener Historiker Max Bucher, den Pacelli seit den bayerischen Konkordats-Auseinandersetzungen 1924/25 persönlich kennt, schreibt einen langen Brief nach Rom, der gleichsam auf eine "Taufe der NS-Bewegung" zielt und in diesem Zusammenhang (politische Macht der NSDAP) die "italienische Lösung" auch für Deutschland in Aussicht stellt. Ein folgenreiches, später von Pacelli aufgegriffenes Argumentationsmuster des Rechtskatholiken zugunsten einer Annäherung lautet: Eine "Protestantisierung" oder gar "National-Bolschewisierung" der Nazis muss verhindert werden. (S. 633-640, 671-673, 701-702)

Mai 1931: Es erscheint in 3. Auflage die parteioffiziöse (!) NSDAP-Schrift "Nationalsozialismus und Katholische Kirche" von Johannes Stark: Die Bezugnahme auf das "positive Christentum" im NSDAP-Parteiprogramm ziele auf die konfessionelle Kirchlichkeit; andere Deutungen (Rosenberg) seien bloße Privatmeinung. Diese NSDAP-Parteischrift enthält ein deutliches Signal zugunsten einer Regelung des Verhältnisses von Staat und Kirche durch ein Konkordat, wobei insbesondere auch eine Lösung der Schulfrage analog zu dem - schon im Februar 1929 von Hitler positiv bewerteten - Laterankonkordat in Aussicht gestellt wird. Wörtlich: "Dieses Abkommen zwischen der katholischen Kirche und dem faschistischen Staat in Italien über die Schulen kann dem Sinne nach in die zukünftigen Verträge zwischen dem [d.h. einem zukünftigen, P.B.] nationalsozialistischen Staat und den christlichen Kirchen in Deutschland übernommen werden." (S. 628-630)

01.06.1931: Der prominenteste Rechtskatholik Ferdinand Freiherr von Lüninck und fünf weitere Adelige des Bistums Paderborn übersenden dem Ordinariat ihrer Heimatdiözese eine Stellungnahme, in der der "offizielle Kern" des NSDAP-Programms als ganz dem "katholischen Lebensideal" entsprechend charakterisiert wird! (S. 650-651)

August 1931: Bei einer Vatikanaudienz von Reichskanzler Heinrich Brüning wird dieser nach Ausweis seiner Memoiren mit der Forderung von Kardinalstaatssekretär Pacelli konfrontiert, er müsse "mit Rücksicht auf ein Reichskonkordat eine Regierung der Rechten bilden und dabei zur Bedingung machen, daß sofort ein Konkordat abzuschließen sei". (S. 641-642, 672)

September 1931: Laut Brüning-Memoiren findet ein Gespräch zwischen Kurt von Schleicher, Heinrich Brüning und Ludwig Kaas statt. Prälat Kaas verweist - mit Blick auf eine wegen der Wirtschaftsnotlage anwachsende "bolschewistische Gefahr" - auf den allerletzten Ausweg eines Staatsstreichs zur Sicherung des Gemeinwohls hin, welcher dann im Rahmen der katholischen Soziallehre durchaus legitim sein könne. Damit kommt für Schleicher eine "Autoritarismus-Lösung" ins Blickfeld, die ggfs. über eine kirchenfreundliche Konkordatspolitik unter einem röm.-kath. Kanzler und mit Rechtsbündnis umgesetzt werden kann. (S. 673-681, 702)

25.06.1932: Edmund Raitz von Frentz übersendet von Rom aus dem befreundeten Zentrumsredakteur Johannes Hoffmann (Kölnische Volkszeitung) einen Bericht über Lage-Einschätzungen im Vatikan: Pacelli votiert zu diesem Zeitpunkt schon für eine Zusammenarbeit von Zentrum und NSDAP und verfolgt das Ziel einer "Verchristlichung" der NS-Bewegung. Im Vatikan wünscht man sich eine freundlichere Bewertung des Kabinetts von Papen durch die Zentrumspresse! Falls die katholische Partei ihren nach rechts hin feindseligen Kurs beibehalte, sehe Pacelli (als "ultima ratio") gar die Möglichkeit eines Politikverbotes für Geistliche - was unausgesprochen der Drohung gleichkommt, es könne dem Zentrum die Grundlage seiner Massenbasis entzogen werden. (S. 701-703)

Juli 1932: Der Kölner Kardinal Schulte gibt dem CV-Verbandsseelsorger Erhard Schlund o.f.m. zu verstehen, es solle gegen NSDAP-freundliche CV-Studenten nicht mehr mit Bezug auf die bischöflichen Warnungen vor der nationalsozialistischen Partei vorgegangen werden. (S. 666)

13.07.1932: Reichswehrminister Kurt von Schleicher teilt dem Paderborner Bischof Kaspar Klein seine Überzeugung mit, dass der Vatikan keine Bedenken gegen eine "exemte Form der Militärseelsorge" (losgelöst von der Bischofskonferenz) hat und diese Form sogar allen anderen vorzieht. (S. 704)

31.07.1932: Die Nazis können bei der Reichstagswahl ihr Ergebnis von 1930 verdoppeln. Die katholischen Parteien bleiben noch bemerkenswert stabil. Dies geht nach Hübner aber nicht auf eine per se gegebene Immunität des katholischen Milieus gegenüber den Nazis zurück, sondern auf die anhaltenden NSDAP-Warnungen in den Wahl-Hirtenbriefen. - Dem Zentrum bringt eine nachfolgend gezeigte Bereitschaft zur Koalition mit der NSDAP, die vor dem Hintergrund der ab Mitte 1932 bekannten Annäherungsvoten des Vatikans (s.o.) eingeordnet werden muss, Glaubwürdigkeitsverluste ein. (S. 705-707)

17.08.1932: Ein Beschluss der Fuldaer Bischofskonferenz verurteilt gemäß "Bertram-Linie" eine NSDAP-Mitgliedschaft von Katholiken so deutlich wie nie und setzt (relativ spät) ein Signal gegen die inzwischen schon erfolgreiche rechtskatholische "Pro-Nazi-Kampagne". Dieser Beschluss wird jedoch - wohl mit Blick auf laufende Koalitionsverhandlungen der Zentrumsführung - nicht veröffentlicht. (S. 667-668)

25.10.1932: Kardinalsstaatssekretär Eugenio Pacelli überreicht dem deutschen Botschafter ein "Promemoria" für die Regierung des rechtskatholischen Zentrumsabtrünnigen Franz von Papen, das auf Juli-Vorschläge Kurt von Schleichers zur Gestaltung der Militärseelsorge eingeht. Hier wird erstmals in einem offiziellen (!) Vatikandokument das italienische Konkordat mit den Faschisten als mögliches Vorbild auch für ein deutsches Reichskonkordat genannt. (S. 711-713)

Ende 1932: Der Pacelli eng verbundene Kanonist und Zentrumsvorsitzende Prälat Ludwig Kaas hat ein Manuskript "Der Konkordatstyp des faschistischen Italien" weitgehend abgeschlossen, welches allerdings erst im Herbst 1933 erscheinen wird. Der Text enthält laut Hübner die These, "es ließen sich mit autoritären Staaten leichter Konkordate schließen als mit liberalen Demokratien". Kaas votiert Ende 1932 - wie Schleicher schon seit 1931 - für ein Lösungspaket "autoritärer Staat & Konkordat" [wozu freilich die Zentrumspartei, die Hitler ja ausschalten möchte, schon bald nicht mehr zwingend gebraucht wird]. (S. 719-726, 729)

30.01.1933: Unter maßgeblicher Initiative des adeligen Rechtskatholiken Franz von Papen - bei Ausschluss der katholischen Zentrumspartei - wird Adolf Hitler als Reichskanzler installiert. (S. 727) Papen weiß, dass eine Kooperation von Katholiken mit der NS-Bewegung im Vatikan keineswegs abgelehnt wird und zudem aufgrund entsprechender Signale der NSDAP die Perspektive für ein Reichskonkordat eröffnet (s.o.).

04.02.1933: Hindenburg unterzeichnet unter Verweis auf eine angebliche "bolschewistische Gefahr" eine Notverordnung, die bereits Schritte in die Diktatur anbahnt. (Es folgen die endgültige Absetzung der preußischen Regierung Braun, Görings Erlass vom 22.2. zur Sanktionierung von SA-Terror und die einen Tag nach dem Reichstagsbrand vom 27.2. erlassene "Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat" (Ausnahmezustand). (S. 732)

08.02.1933: Der deutsche Vatikanvertraute Raitz von Frentz berichtet von einer kurz zuvor stattgefunden Unterredung bei Papst Pius XI., in welcher Pacelli beklagt habe, die bei der jüngsten Regierungsbildung unbeteiligten Parteien Zentrum und BVP hätten ein ungemein wichtiges "Schachspiel ganz und hoffnungslos" verloren. Als einziger positiver Punkt der gegenwärtigen Entwicklung sei vom Kardinalstaatssekretär Hitlers ausgeprägter Antikommunismus hervorgehoben worden. (S. 736) - Christoph Hübner schreibt: "Es kann also kein Zweifel bestehen: Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli, der wohl mächtigste Mann der katholischen Kirche, hatte bereits Anfang Februar 1933 die Parteien des politischen Katholizismus in Deutschland aufgegeben; er betrachtete sie schon jetzt als bloße Verhandlungsmasse für die kommenden Konkordatsverhandlungen mit der Regierung Hitler-Papen, von deren Willen zur Errichtung der Diktatur er überzeugt war." (S. 740)

17.02.1933: Die "staatsbürgerliche Vereinigung der katholischen Verbände" gibt eine "nicht explizite, aber doch unmissverständliche Wahlempfehlung für Zentrum und BVP" ab. Zeitungen, die den Aufruf drucken, werden zeitweilig verboten. Daraufhin treffen Zentrums-Zeitungsverlage am 24.2. die Vereinbarung, bei "Wahlkampfbeiträgen" fortan zurückhaltender zu formulieren. (S. 734)

19.02.1933: Unter der Voraussetzung, dass Zentrum und BVP doch noch eine Koalition mit der NSDAP schließen, sieht Eugenio Pacelli die beiden Parteien weiterhin als Bollwerke katholischer Interessen an. (S. 737) - Pacelli spricht in diesem Monat "bei seinen schweren Besorgnisbekundungen hinsichtlich der Nationalsozialisten wirklich nur von den Konkordaten", nicht von weltanschaulichen Bedenken. (S. 738f) Er geht aber davon aus, dass Hitler und Papen nach wie vor eine "italienische Lösung" anstreben. (S. 738)

20.02.1933: Der Wahl-Hirtenbrief der deutschen Bischöfe fällt vergleichsweise zahm aus, warnt aber immerhin "vor Agitatoren und Parteien, die des Vertrauens des katholischen Volkes nicht würdig sind". (S. 735)

27.02.1933: Der prominente Rechtskatholik Ferdinand von Lüninck wird - anstelle des Zentrumsmanns Gronowski - zum Oberpräsidenten von Westfalen ernannt. (S. 708, 732f) - Sein Bruder Hermann von Lüninck wird im gleichen Jahr Oberpräsident der Rheinprovinz. Beide Brüder sind als Vertreter des rechtskatholischen Adels schon 1932 (!) offen von den Deutschnationalen ins Lager der Nazis gewechselt.

04.03.1933: Eugenio Pacelli hält als Kernpunkt eines vertraulichen Gespräches mit Pius XI. fest: "Hitler ist der erste (und einzige) Staatsmann, der bislang öffentlich gegen den Kommunismus geredet hat. Bislang war dies einzig und allein der Papst gewesen." Papst und Kardinalstaatssekretär teilen diesen Aspekt, der auf eine Annäherung an Hitler hindeutet, einigen Botschaftern mit, u.a. auch dem bayerischen Gesandten. (S. 745)

05.03.1933: Die NSDAP erzielt nach nationalsozialistischer Propaganda und Terror enorme Erfolge bei der Reichstagswahl (43,9 %) und der preußischen Landtagswahl (43,2 %). Während das Zentrum recht stabil bleibt, sind gerade in Bayern Einbrüche für den politischen Katholizismus (BVP) und eine deutliche Zunahme römisch-katholischer NSDAP-Wähler zu verzeichnen. (S. 741f) [Der traditionsreiche katholische Rechtskurs in Bayern zeitigt also am Ende traurige "Ergebnisse"; P.B.]

06.03.1933: Zentrumschef Ludwig Kaas bietet Reichsvizekanzler Franz von Papen eine Zusammenarbeit an. (S. 743)

07.03.1933: Hitler sieht einen noch weitergehenden Überlauf katholischer Wähler nach Rechtsaußen nur unter der Voraussetzung als möglich an, dass der Vatikan den politischen Katholizismus fallen lässt. (S. 743) Nicht eine Koalition der Nationalsozialisten mit Zentrum/BVP führt hin zu diesem Ziel; Hitler - so Hübner - setzt vielmehr im Rahmen einer schon lange verfolgten Strategie darauf, dass "die NSDAP mit Hilfe des Vatikans für gläubige Katholiken wählbar gemacht" wird! (S. 744)

11.03.1933: In den frühen Morgenstunden kommt es zum Austausch der Ratifikationsurkunden zum Badischen Konkordat. Hübner hält es für wahrscheinlich, dass die nationalsozialistische Seite diesen Vorgang - unter Vorspiegelung von Ablehnung bzw. Schaffung von Unklarheit - gezielt vonstatten gehen ließ. (S. 748)

13.03.1933: Papst Pius XI. lässt jetzt sogar "im Kardinalskonsistorium - wenn auch ohne Namensnennung - durchblicken […], dass er neben sich selbst allein Hitler als wahrhaft überzeugten und unerschrockenen Kämpfer gegen den Kommunismus" betrachtet. Das Kardinalstaatssekretariat informiert den deutschen Botschafter darüber, dass im päpstlichen Redetext "tatsächlich Hitler gemeint war", und bestätigt die freundliche Bekundung Richtung Berlin auch gegenüber Vatikan-Botschaftern anderer Staaten. (S. 749) Der in Rom weilende deutsche Kardinal Faulhaber zeigt sich erschüttert, erstellt für Pacelli aber ein von diesem erbetenes (!) Memorandum, das u.a. folgenden Ausblick enthält: "Wenn […] die neue Regierung [Hitlers] auch weiterhin im Kampf gegen den Anmarsch des Bolschewismus und die öffentliche Unsittlichkeit stark bleibt, werden die Bischöfe das Mißtrauen gegen die Partei [NSDAP] gerne aufgeben". (S. 749, S. 750f.)

13.03.1933: Die Zentrumsfraktion im hessischen Landtag lässt - ohne Aussprache - ein Ermächtigungsgesetz für die NS-Landesregierung passieren.

17.03.1933: Ein anonymer Leitartikel in der zentrumsverbundenen "Kölnischen Volkszeitung" bietet offen die Mitarbeit der Zentrumspartei am Aufbau des "neuen Deutschlands" an; die bischöflichen Warnungen vor der NSDAP würden nur gelten, "solange und soweit" die NS-Partei an bestimmten weltanschaulichen Irrtürmern festhalte; schon jetzt sei aber eine fruchtbare Zusammenarbeit möglich. (S. 752) - Am gleichen Tag stellt sich - einer Initiative des Franz von Papen folgend - ein "Großdeutscher Bund konservativer Katholiken" mit dem Wahlspruch "Kreuz und Adler" unter Beteiligung von Vertretern des rechten Zentrumsflügels auf. Mit dieser - öffentlich allerdings erst am 3. April in Erscheinung tretenden - Plattform wird es z.B. angesichts der längst angelaufenen Repressionen für austrittswillige beamtete Zentrumsmitglieder die Perspektive geben, in ein regimetreues überparteiliches Auffangbecken für Katholiken überzutreten. (S. 754-756)

18.03.1933: Kardinal Bertram vertritt gegenüber Franz von Papen noch immer beharrlich den Standpunkt, nicht die Bischöfe müssten sich aktiv der NSDAP annähern, sondern diese müsse ihr Parteiprogramm revidieren; Bertram verweist zudem auch auf Ausschreitungen und Rechtsbrüche im Rahmen der NS-Revolution. - Am gleichen Tag erscheint in der "Kölnischen Volkszeitung" jedoch eine vom Kölner Generalvikariat lancierte Meldung, ein klärendes Wort der Bischöfe zum Nationalsozialismus werde bald erfolgen. (S. 752-753)

19.03.1933: Bertram, der bis Anfang 1933 eine andere Linie als der Kölner Erzbischof Schulte verfolgt und offenkundig noch nichts von den mit Faulhabers Romreise (s.o.) verbundenen Sachverhalten weiß, vertritt in einem Schreiben an alle Mitglieder der Fuldaer Bischofskonferenz weiterhin den Standpunkt, eine bloße "Veränderung in den politischen Machtverhältnissen" könne nicht Grund für eine Veränderung der kirchlichen Haltung zur NSDAP sein. Eine Koalition von katholischem Zentrum und Nazipartei (Regelung analog zu Zentrums-Koalitionen mit der weltanschaulich vom Lehramt verurteilten SPD!) sei auch schon jetzt möglich. (S. 753)

20.03.1933: Unter ausdrücklichem Hinweis auf die "besondere Zusammensetzung der Reichsregierung", in der ja der Päpstliche Geheimkämmerer und Zentrumsdissident Franz von Papen eine besondere Rolle spielt, bemerkt der deutschnationale Rechtskatholik Eduard Stadtler in der konstituierenden DNVP-Fraktionssitzung, "das Zentrum rechne […] mit seiner Auflösung als etwas Unabwendbarem"! (S. 756)

21.03.1933: Am katholischen Hochamt vor der Reichstagseröffnung nehmen rund 80 NSDAP-Abgeordnete in Uniform geschlossen teil - und demonstrieren so - auch durch Sakramentsempfang - eine Ignoranz gegenüber den noch geltenden bischöflichen Bestimmungen, mit denen andererseits Hitler scheinheilig sein Fernbleiben vom Hochamt begründet. - Noch am selben Tag bringt die Kardinal Bertram nahestehende "Schlesische Volkszeitung" eine Erklärung, in welcher explizite NS-Weltanschauung und Gottesdienstteilnahme nicht mehr als strikte Widersprüche erscheinen. (S. 758-761, 767) Soll hier durch nachträgliche Relativierung eine Wahrung der Bischofsautorität abgesichert werden?

23.03.1933: Im Vorfeld zur Abstimmung um das Ermächtigungsgesetz lässt sich eine Gruppe von Zentrumsabgeordneten um Heinrich Brüning, die Garantien zum Erhalt der verfassungsmäßigen Ordnung fordert, von Parteichef Ludwig Kaas mit einem sehr vagen Hinweis auf ein Versprechen Hitlers abspeisen. Eine Rede des Prälaten Kaas, der vor seiner Fraktion für die nächsten Jahre eine "gründliche Neuorientierung nach der religiösen [!] Seite hin" als vorrangige katholische Aufgabe ansieht, beweist dessen persönliche Unterstützung für die "Ermächtigungs-Vorlage" der Regierung Hitler (enthält aber keine Hinweise auf die zugrundeliegenden Motive). Hitler betont in seiner Regierungserklärung unter Beifall des Zentrums, die Reichsregierung werde größten Wert auf einen Ausbau der freundschaftlichen Beziehungen zum Heiligen Stuhl legen (dergleichen gab es vorher noch nie in einer deutschen Regierungserklärung). Es folgt eine Zustimmung der gesamten Zentrumsfraktion zum Ermächtigungsgesetz. - Wenige Stunden später vermutet Wilhelm Kapler, Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages, die Reichsregierung sei zu Reichskonkordatsverhandlungen mit dem Vatikan bereit. (S. 729-730, S. 757-759, S. 762-764)

23.03.1933: In einem Telegramm an Kardinal Bertram fordert Kardinal Faulhaber unter Hinweis auf die Meldung der Kölnischen Volkszeitung vom 18. März (s.o.) ein abgestimmtes Vorgehen des gesamten Episkopats hinsichtlich der bisherigen Warnungen vor der NSDAP.

24.03.1933: Kardinal Bertram sieht sich nun auch angesichts der sehr rom- und kirchenfreundlichen Regierungserklärung Hitlers bezüglich der bisherigen bischöflichen NSDAP-Warnungen unter Zugzwang gesetzt, obwohl eine das neue Vorgehen betreffende Rundfrage vom 19. März unter den Mitgliedern der Fuldaer Bischofskonferenz noch gar nicht abgeschlossen ist. Er verschickt unter diesem Vorzeichen einen Entwurf zur Aufhebung der bisherigen Warnungen. Ein am Folgetag nachgeschobener Text zu einer Klerikalanweisung sieht die Möglichkeiten der Sakramentenspendung an NSDAP-Mitglieder und des uniformierten Gottesdienstbesuches (auch "in größerer Anzahl") vor. (S. 766-767)

24.03.1933: Am gleichen Tag versendet der Münchener Erzbischof Kardinal Faulhaber einen Vorschlag zur Revision der bayerischen Pastoral-Instruktion zur NSDAP an die bayerischen Bischöfe: "Ich muss mir […] nach dem, was ich an höchsten Stellen in Rom erlebt habe, hier aber nicht mitteilen kann, vorbehalten, trotz allem mehr Toleranz gegen die neue Regierung zu üben, die heute nicht bloß im Besitz der Macht ist, was unsere Grundsätze nicht umstoßen könnte, sondern rechtmäßig wie noch keine Revolutionspartei in den Besitz der Macht gelangte. Man denke sich einmal das Wort des Hl. Vaters aus, der in einem Konsistorium, ohne den Namen zu nennen, vor aller Welt Adolf Hitler als Staatsmann bezeichnet, der als erster nach dem Hl. Vater gegen den Bolschewismus die Stimme erhoben hätte." Eine Abschrift dieser Information über die "päpstliche Laudatio auf Hitler" geht auch an Kardinal Bertram, die dieser dann wohl am 25. oder 26. März erhält. (S. 768-769)

24.03.1933: Der Zentrumsvorsitzende und Konkordatsexperte Prälat Ludwig Kaas reist - in unbekannter Mission - nach Rom ab. (S. 768)

25.03.1933: Papst Pius XI. lobt in einem vertraulichen Gespräch mit Pacelli die Regierungserklärung Hitlers, die dann auch auf der Titelseite des "Osservatore Romano" abgedruckt wird. (S. 770)

27.03.1933: Eugenio Pacelli erklärt dem bayerischen Gesandten Otto Ritter zu Groensteyn, "dass der Vatikan, bei aller Zustimmung zu Hitlers Regierungserklärung, den Entscheidungen der Bischöfe nicht vorgreifen könne". Er notiert sich auch am Folgetag, die Bischöfe sollten nicht gedrängt werden. (S. 770-771).

28.03.1933: Kardinal Bertram gibt - früher als geplant - die Aufhebung der bislang geltenden bischöflichen Warnungen vor der NSDAP bekannt. Ergänzungen aus der Feder des Kölner Erzbischofs Schulte bestimmen, die "Verurteilung bestimmter religiös-sittlicher Irrtümer" sei dadurch nicht aufgehoben, und enthalten eine ausdrückliche "Mahnung zur Treue gegenüber der rechtmäßigen Obrigkeit und zur gewissenhaften Erfüllung der staatsbürgerlichen Pflichten unter grundsätzlicher Ablehnung allen rechtswidrigen oder umstürzlerischen Verhaltens". Die früheren Sanktionen bestehen nicht mehr, auch wenn keine offene (weltanschauliche) Anerkennung des Nationalsozialismus erfolgt ist. Somit können Katholiken - besonders Landwirte, Akademiker und in Massen Beamte mit ehemaligem Zentrums-Parteibuch - zur NSDAP überlaufen. (S. 769-774)

31.03.1933: An diesem Tag äußert in Rom Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli, der von der am 28. März ergangenen Aufhebung der bischöflichen "NS-Verbote" alles andere als begeistert ist, gegenüber dem bayerischen Gesandten Otto Ritter zu Groensteyn seine Meinung, "die Bischöfe hätten noch warten sollen, vor allem aber hätten sie ihre Warnungen nicht ohne Gegenleistung seitens der Reichsregierung zurückziehen dürfen". (S. 778-779) - Pacelli, ist nicht prinzipiell gegen die vollzogene Revision der bischöflichen Warnungen vor der NSDAP, doch diese ist in seinen Augen zu unkoordiniert bzw. mit unerwarteter Voreiligkeit erfolgt. Die Revision, so muss man mit einiger Sicherheit annehmen, sollte nach Pacellis Planungen erst im Tausch gegen Zugeständnisse des päpstlich ja schon belobigten A. Hitler bei erwarteten Konkordats-Verhandlungen vorgenommen werden.

08.04.1933: Vizekanzler Franz von Papen und Zentrumsvorsitzender Prälat Ludwig Kaas sitzen (zufällig?) gemeinsam im Zug nach Rom, wo dann am 9./10. April Konkordats-Verhandlungen zwischen Vatikan und Hitler-Deutschland beginnen und am 8. Juli mit Paraphierung des Vertrages [Unterzeichnung mit Initialen] abgeschlossen werden. (S. 774-778)

11.06.1933: Offener Straßenterror der SA gegen in München zum Gesellentag versammelte Mitglieder des katholischen Kolpingwerks.

04.07.1933: Der in Rom weilenden Zentrumsvorsitzenden Ludwig Kaas ruft bei seinem Stellvertreter Josef Joos an. Abends noch erfolgt daraufhin die "Selbstauflösung" der Zentrums-Partei; die katholische Bayerische Volkspartei vollzieht am nächsten Tag den nämlichen Schritt. (S. 781-782)

20.07.1933: Feierliche Unterzeichnung des Reichskonkordates durch Eugenio Pacelli und den Rechtskatholiken Franz von Papen. - Unter den bei Adolf Hitler bald darauf eingehenden Dankesschreiben sticht das Telegramm des Münchner Kardinals Michael von Faulhaber vom 24. Juli hervor: "Was die alten Parlamente und Parteien in 60 Jahren nicht fertig brachten, hat Ihr staatsmännischer Weitblick in sechs Monaten weltgeschichtlich verwirklicht. Für Deutschlands Ansehen nach Westen und Osten bedeutet dieser Handschlag mit dem Papsttum, der größten sittlichen Macht der Weltgeschichte, eine Großtat von unermeßlichem Segen."

Veröffentlicht am

20. Januar 2015

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