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USA: Mit dem Teufel spielen

Zu Obamas neuer Anti-Terror-Koalition gegen den IS-Vormarsch sollen auch die Golfmonarchien stoßen. Deren Taliban-Light-Natur stört den Präsidenten nicht weiter

Von Konrad Ege

Der US-Präsident hat einen Kurswechsel vollzogen. Es soll nun Luftangriffe gegen IS-Stellungen sowohl im Irak wie auch im Nordosten Syriens geben. Diese Ausweitung der Operationen deutet eine neue Anti-Terror-Kampagne an. In dieser Woche hat Obama die eigenen Leute mit einer energischen Rede an die Nation darauf eingestellt. Und schon sind wieder 1.500 US-Militärberater im Irak - die entschiedene Abkehr von George W. Bush war gestern.

So kann es nicht weiter verwundern, wenn Theologen gerade ihre Thesen zum gerechten Krieg aktualisieren. Obama spricht von einer "Anti-Terrorismus-Kampagne, wie wir sie schon in den vergangenen fünf, sechs, sieben Jahren durchführen". Kurz zuvor tat sich der Westen beim NATO-Gipfel in Wales zu einer Koalition gegen IS zusammen, die grausigen und grausamen Milizen-Verbände, die der Islamische Staat sein wollen. Bei der von Washington verlangten "Zehner-Koalition" handelt es sich um ein Projekt mit tiefen Widersprüchen, bei dem die Verantwortlichen offenbar nicht gern über Gründe sprechen: Der von George W. Bush 2003 geführte Angriff auf den Irak mit seinen verheerenden Folgen und der Krieg in Afghanistan ab 2001 haben den IS-Dschihadisten zum Aufstieg verholfen.

Mitmachen gegen IS sollen Saudi-Arabien und andere arabische Machthaber vom Golf. Deren Geld und reaktionäre Interpretation des sunnitischen Islam jedoch nähren seit langem den Boden für fundamentalistische Gruppen. Jetzt haben die Herrscher der Golfstaaten kalte Füße.

Seit Jahrzehnten ist das der Deal der US-Politik am Golf: Die Regionalmacht Saudi-Arabien liefert günstig Öl und sorgt für "vernünftige" Preise - die USA helfen der saudischen Königsfamilie mit Sicherheitsgarantien. Washington, Paris, London und Berlin schauen bereitwillig weg von der Taliban-Light-Natur der Regierungen in Saudi-Arabien, Katar, Kuwait und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Ein "bisschen" sunnitischer Fundamentalismus ist für die Profiteure der Öl- und Erdgasressourcen und Waffenlieferanten wie Deutschland durchaus hinnehmbar.

Im Kalten Krieg stand Riad verlässlich auf der Seite des Westens. Staatliche und private Sponsoren aus Saudi-Arabien verteilten Ende der siebziger und bis Mitte der achtziger Jahre Hunderte Millionen Dollar an die afghanischen Mudschahedin. Freiheitskampf hieß das damals. Dieser Konflikt habe - so Bruce Riedel, langjähriger Mitarbeiter im Nationalen Sicherheitsrat - "die intellektuelle Umwelt geschaffen, die den globalen Dschihad ermöglichte".

Sponsoren des Dschihad

Der in Riad gebürtige Osama bin Laden, Sohn eines Bau-Magnaten mit besten Verbindungen zum saudischen Königshaus, war mit dabei in Afghanistan. Die Saudis und bin Laden gingen bald getrennte Wege. Doch ein von der Onlineplattform Wikileaks zitiertes Papier des US-Außenministeriums fasste 2007 zusammen: "Saudische Geldgeber und Wohltätigkeitsverbände sind seit 25 Jahren bedeutende Geldquellen für extremistische und terroristische Gruppen." Im Abschlussbericht der 9/11-Untersuchungskommission steht, Al-Qaida habe in Saudi-Arabien "Individuen und Wohltätigkeitsverbände" um Finanzierung angehalten. Saudi-Arabien sei ein "problematischer Verbündeter" gewesen beim Kampf gegen den islamischen Extremismus.

Das Etikett "Al-Qaida" sei nur begrenzt nützlich, vermerkt der Autor Patrick Cockburn in seinem neuen Buch The Jihadis Return. ISIS and the New Sunni Uprising. Al-Qaida sei mehr eine Idee als eine Organisation, eine Idee des Martyriums für einen islamischen Staat und für den Heiligen Krieg gegen abtrünnige Muslime.

Aus Sicht der Herrscher am Golf - besonders der saudischen - hat die Gratwanderung zwischen den westlichen Verbündeten und den Dschihadisten bisher gut geklappt. Als Hüter der Heiligen Stätten in Mekka und Medina, als Verteidiger des wahren Islam stützt sich die Königsfamilie auf radikal-puristische Kleriker und Rechtsgelehrte; Spenden fließen an Gotteskrieger. Nur dürfen die nicht so weit gehen, dass dadurch die Königsfamilie Schaden nimmt. Und mit den USA will man sich dabei nicht zu sehr ins Gehege kommen.

"Mach nichts Dummes"

Im syrischen Bürgerkrieg, so die Brookings Institution in Washington, haben vor allem Geldgeber aus Kuwait extremistische Gruppen finanziert. "Mit dem Feuer spielen" heißt die Ende 2013 vorgelegte Studie. Das sei aus dem Ruder gelaufen. So könne der "Islamische Staat" nun seine Botschaft in dem von der US-Invasion zerstörten und mit einer repressiven schiitischen Führung versehenen Irak verbreiten.

Die Partnerschaft zwischen den USA und Saudi-Arabien geht zurück auf die letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges. Präsident Franklin D. Roosevelt machte im Februar 1945 auf der Heimreise vom Gipfel der Alliierten in Jalta Zwischenstation auf dem schweren Kreuzer USS Quincy, der im ägyptischen Großen Bittersee vor Anker lag. Nicht nur Europa, auch der Nahe Osten mit seinen Ölquellen war aufzuteilen. Der saudische König Abdul Aziz traf bei seiner ersten Auslandsreise auf der Quincy mit Roosevelt zusammen. Die US-Wochenschau zeigte Bilder, die beiden an Deck, "kostbarere Teppiche" seien ausgerollt worden. Nach dieser Begegnung durfte der US-Ölkonzern Aramco die erste Pipeline bauen und die US-Luftwaffe den Stützpunkt in Dhahran errichten.

Die Carter-Doktrin vom Januar 1980 - verkündet ein Jahr nach der Revolution auf der vermeintlichen "Insel der Stabilität" Iran und zwei Monate nach dem Ansturm schwer bewaffneter Dschihadisten auf die Große Moschee in Mekka - hat Saudis und Amerikaner noch enger zusammengebracht. Jeder Versuch von außen, Kontrolle in der Golfregion zu übernehmen, so damals US-Präsident Jimmy Carter, werde als "ein Angriff auf die lebenswichtigen Interessen der Vereinigten Staaten von Amerika" gesehen und mit "allen erforderlichen Mitteln, auch militärischen, zurückgewiesen". Seinerzeit eine ziemlich klare Ansage. Doch die militärischen Expeditionen der USA in der Region seitdem haben Ereignisse ausgelöst, die derartigen Ansagen widersprechen. Und jetzt die schwarz gekleideten Männer des IS. Forderungen nach Militärschlägen klingen so einfach, wenn da nur das alte Problem nicht wäre: Krieg anzufangen ist leicht, aus dem Krieg wieder herauszukommen hingegen schwierig.

Gegen den "Islamischen Staat" hat der Westen unangenehme und verfeindete Bundesgenossen. Die Webseite longwarjournal.org hat die US-Luftangriffe Ende August analysiert, die es gab, um die IS-Belagerung der irakischen Stadt Amerli zu brechen. Man operierte zusammen mit der Regierungsarmee, kurdischen Kämpfern und der Schiiten-Miliz Asaib al-Haq. Diese Miliz sei schon während des Irakkrieges aktiv gewesen und zwar gegen US-Einheiten. Für den IS bestätigt die Konstellation seiner Feinde, dass man für den "wahren Islam" kämpft. Die neue Allianz wird mit ihrer militärischen Übermacht die fanatischen Dschihadisten zurückdrängen, jedoch mit nicht kontrollierbaren Folgen.

Barack Obama soll zu Reportern auf die skeptische Frage nach seiner Strategie gesagt haben: "Don’t do stupid stuff." Das wurde viel kritisiert. Doch "mach nichts Dummes" ist kein schlechtes Prinzip. Nun aber will der Westen seine militärische Macht spielen lassen.

Quelle: der FREITAG vom 12.09.2014. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Konrad Ege und des Verlags.

Veröffentlicht am

14. September 2014

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