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Leitsprüche sind heute noch aktuell wie eh und je: “Die Waffen nieder” - “Nie wieder Krieg” - “Frieden schaffen ohne Waffen”

Redebeitrag von Michael Schmid bei der Mahnwache mit dem Motto: "100 Jahre Erster Weltkrieg, 75 Jahre Zweiter Weltkrieg - Wir bleiben dabei: Frieden schaffen ohne Waffen" am 1. September 2014 in Gammertingen (Kreis Sigmaringen)

Vor 100 Jahren, am 1. August 1914, wurde der Erste Weltkrieg begonnen, der sich zu einem industriellen Massenmord entwickelte, einem regelrechten "Menschenschlachthaus", der rund 17 Millionen Menschenleben forderte.

Vor 75 Jahren, am 1. September 1939, wurde "ab 5.45 Uhr zurückgeschossen", wie Hitler in einer Rundfunkrede verkündete. Am frühen Morgen, nach einem angeblichen polnischen Angriff, hat Hitler den Nichtangriffspakt vom 26. Januar 1934 gebrochen und den Überfall auf Polen gestartet. Damit wurde ein unvorstellbarer Krieg begonnen, der Zweite Weltkrieg, der über 55 Millionen Menschen den Tod brachte.

Dieses Datum, 1. September, wird seit Jahrzehnten zum Anlass für einen jährlichen Antikriegstag genommen. Mit weit mehr als 180 Veranstaltungen erinnern Friedensgruppen und Gewerkschaften am heutigen Antikriegstag 2014 an den Beginn des Zweiten Weltkrieges vor 75 Jahren und des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren. Auch wir versammeln uns heute hier, um den Opfern dieser Kriege zu gedenken und zumindest ganz knapp einen Blick in die Gegenwart zu werfen.

Der Erste Weltkrieg, vor 100 Jahren begonnen, war die "erste industrielle Massenabschlächterei auf unserem Kontinent", so der Theologe und Publizist Peter Bürger.

Peter Bürger hat jetzt zum Antikriegstag 2014 eine Zeitungsmeldung von 1918 aus einer südwestfälischen Zeitung ausgegraben, ein Bericht mit der Überschrift: "Grausige, aber lehrreiche Zahlen". Daraus möchte ich zitieren:

"Der Weltkrieg dauerte 4 Jahre, 3 Monate und 10 Tage = 1.560 Tage. Es blieben tot im Felde 12.990.570 blühende Menschenleben. Jeden Tag fielen im Durchschnitt 8.327, in jeder Minute 6 Männer. Ebenso oft ging ins Hinterland das inhaltsschwere Wörtchen "Gefallen", dort unsägliches Leid, Ströme von Tränen erzeugend. Sämtliches Eisenbahnrollmaterial Preußens würde nicht ausreichen, allein die losgetrennten Köpfe der Gefallenen zu transportieren. Würden die Köpfe der Getöteten in einen Eisenbahnzug verpackt, so daß dieser ganz gefüllt wäre, so würde der Zug vom Hauptbahnhof Berlin bis zum Bahnhof München reichen. (…) Die direkten täglichen Kosten des Krieges betrugen 758 Millionen Goldmark, insgesamt 1,37 Billionen = 1/9 des Gesamtvermögens der Erde. Man hätte für diese gewaltige Summe jeder Familie in Deutschland, Oesterreich, Rußland, Belgien, Frankreich, England, Italien, den Vereinigten Staaten von Nordamerika, Kanada und Australien ein Haus im Werte von 10.000 Goldmark mit einer Einrichtung im Werte von 4.000 Goldmark und einen Garten im Werte von 2.000 Goldmark beschaffen können. Die Tötung jedes Kriegers kostete über 100.000 Goldmark." Eine ausführlichere Fassung dieser Zeitungsmeldung von 1914 ist hier zu finden:  "Ein Zug mit Soldatenköpfen von Berlin bis München" .

Anmerken möchte ich noch, dass auch nach hundert Jahren die Erinnerung an diesen Krieg fast ausschließlich eine europäische ist. Dabei nahmen aber Millionen Soldaten aus den Kolonien an den Kämpfen des Ersten Weltkriegs teil und zahlreiche Kriegsschauplätze lagen außerhalb Europas. Während des Ersten Weltkriegs kämpften in Deutsch-Ostafrika viele afrikanische Soldaten in der deutschen Schutztruppe. Ein Teil von ihnen war zwangsrekrutiert, viele nahmen aber als Freiwillige an diesem Krieg teil. Insgesamt hatte der Krieg von 1914 bis 1918 jedenfalls Auswirkungen im gesamten globalen Süden und hat zu einer Neuausrichtung der Welt beigetragen.

Der Zweite Weltkrieg, der 25 Jahre nach Beginn des Ersten begonnen wurde, also heute vor 75 Jahren, forderte noch ein Mehrfaches an Menschenleben. Ich setze voraus, dass die Details bekannt sind, so dass ich jetzt nicht weiter darauf eingehe.

"Nie wieder Krieg" lautete das Motto von Antimilitaristen und Pazifisten nach dem Ersten Weltkrieg. Bereits zuvor, vor 125 Jahren hat Bertha von Suttner gefordert: "Die Waffen nieder". Bertha von Suttner war u.a. Mitbegründerin der DFG-VK, sie war erste Friedensnobelpreisträgerin, die im Juni 1914, also unmittelbar vor Beginn des Ersten Weltkriegs gestorben ist.

"Nie wieder Krieg!" hieß es auch nach dem Zweiten Weltkrieg. Später dann, Deutschland hatte längst wieder eine Bundeswehr, ab den späten 1970er Jahren wurde das von unserem Freund Ulli Thiel geschaffene Motto "Frieden schaffen ohne Waffen" zum herausragenden Leitspruch der Friedensbewegung.

Alle diese Leitsprüche - "Die Waffen nieder" - "Nie wieder Krieg" - "Frieden schaffen ohne Waffen" - sind heute noch aktuell wie eh und je. Denn nach diesen beiden Weltkriegs-Katastrophen des 20. Jahrhunderts sind wir leider auch heute sehr weit von der Verwirklichung der Vision entfernt, nach der Kriege überwunden sind und Frieden ohne Waffen geschaffen wird.

So gab und gibt es nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs weit über 100 Kriege, durch die weltweit mindestens 25 Millionen Menschen gestorben sind. Auch aktuell gibt es leider 30 bis 40 Kriege und bewaffnete Konflikte.

Für Rüstung werden unvorstellbare Summen ausgegeben. Alleine in den vergangenen zehn Jahren sind die Rüstungsausgaben aller Länder der Welt zusammengerechnet um über 50 Prozent auf etwa 1750 Milliarden US-Dollar (2012) gestiegen. Mit diesem Geld hätten akute Probleme wie Armut und Hunger, Ausbau der Gesundheitsfürsorge oder der Kampf gegen die Klimaerwärmung gelöst werden können.

Für Deutschland spielen Militär und militärisches Eingreifen, also Krieg, eine immer größere Rolle. Deutschland hat sich zum drittgrößten Rüstungsexporteur entwickelt. Es spricht aber auch von einem groben Missverhältnis zwischen zivilen und militärischen Mitteln, wenn die Bundesregierung in den vergangenen 15 Jahren beispielsweise mehr als 100 Mal mehr für Auslandseinsätze der Bundeswehr ausgegeben hat als für den zivilen Friedensdienst.

Und der Ruf nach militärischen "Lösungen" von Konflikten in der Welt ist inzwischen auch aus Deutschland deutlich hörbar. So macht sich die deutsche politische Elite für "mehr Verantwortung" in der Weltpolitik stark. Bundespräsident Joachim Gauck, Militärministerin Ursula von der Leyen (CDU) und Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) erklären, es sei an der Zeit, dass Deutschland international militärisch mehr tun und von seiner angeblich bisher praktizierten zurückhaltenden Rolle Abstand nehmen müsse. Die Bundeswehr wird von einer früheren "Verteidigungsarmee" in eine weltweit einsetzbare Interventionstruppe umgestaltet.

"Dazu sollen sowohl Restriktionen bei den Waffenexporten in Krisenregionen aufgeweicht, wie aber auch die parlamentarischen Hürden für die sogenannten humanitären Interventionen beiseite geschoben werden. Seitdem werden auch massive Versuche unternommen, die moralischen Bedenken aus dem kollektiven Gedächtnis der Deutschen auszuradieren, damit sich Deutschland in Zukunft hemmungsloser als bisher an den internationalen Kriegseinsätzen beteiligen kann", sagt der deutsch-iranische Politikwissenschaftler und Experte für internationale Beziehungen und den mittleren Osten. Und er fährt fort: "Der drohende Völkermord an der yezidischen Minderheit im Nordirak wurde deshalb geschickt von einflussreichen Medien zum innenpolitischen Thema Nr. 1 hochstilisiert. Die Glaubwürdigkeit der humanitären Motive der deutschen Bundesregierung kann daran gemessen werden, dass dieselbe Regierung zu Israels Gräueltaten in Gaza, die zur gleichen Zeit vonstatten gehen, kein einziges Wort verschwendet. Zum Leid der Palästinenser wird geschwiegen und das Leid der Yeziden wird für die eigene Politik missbraucht. Das ist eine erschreckende Heuchelei."

Bezeichnend, dass ausgerechnet am heutigen 1. September, an dem sich der Angriff Deutschlands auf Polen und damit der 2. Weltkrieg zum 75. Mal jährt, ausgerechnet an diesem Tag eine pro-forma Abstimmung im Bundestag zu Waffenlieferungen an die Kurden im Nordirak stattfindet, die von der Bundesregierung gegen den Willen der Mehrheit der BundesbürgerInnen und aller kritischen Stimmen von ExpertInnen gestern beschlossen wurden.

Das Perfide an dem Gerede von "mehr Verantwortung" und der ständig wiederholten Ultima-Ratio-These, also der Meinung, im äußersten Fall müsse auch Krieg geführt werden, ist, dass es ihren Verfechtern weniger um Humanität oder Verantwortung, sondern um das Wahrnehmen eigener geostrategischer und wirtschaftlicher Interessen weltweit geht.

Ich stimme der Erkenntnis von Papst Franziskus zu, der in einem Interview im Juni sagte: "Ich glaube, wir sind in einem Weltwirtschaftssystem, das nicht gut ist, da es nicht den Menschen in die Mitte stellt. Wir haben das Geld in den Mittelpunkt gestellt, den Geldgott. … Es ist ein System, das Krieg führen muss, um zu überleben. … Und was bedeutet das? Dass Waffen produziert und verkauft werden, und Menschen auf dem Altar des Geldes geopfert werden." (Interview mit der spanischen Zeitung La Vanguardia vom 13.6.2014 )

Papst Franziskus weist also zurecht auf die enge Verbindung des derzeitigen Weltwirtschaftssystems mit Waffenlieferungen und Kriegseinsätzen hin. Und wenn also unsere politische Elite von "mehr Verantwortung" in der Welt spricht, dann steht dahinter in erster Linie das Verfolgen eigener Wirtschaftsinteressen. Letztlich geht es darum, um den Zugang und den Besitz der letzten Ressourcen auf unserem Erdball auch Kriege zu führen.

Das wird natürlich selten so deutlich ausgesprochen. So bemäntelt der aktuelle Bundespräsident seine Forderung nach größerer Unterstützung von Kriegseinsätzen der Bundeswehr dann doch lieber als "Kampf für Menschenrechte oder für das Überleben unschuldiger Menschen".

Würde es um das Wahrnehmen einer echten Verantwortung gegenüber gering entwickelten Ländern, z.B. in Afrika, gehen, dann könnte ein erster Schritt darin bestehen, "unsere dorthin gelieferten Überproduktionen an Nahrungsmitteln zu stoppen und damit der dortigen Wirtschaft überhaupt erst einmal eine Entwicklungsmöglichkeit zu geben." (Gerhard Kern)

Solche Schritte zu mehr weltweiter Gerechtigkeit und einem wirklichen Frieden - entwickelt ohne Waffengewalt, Rüstungsproduktion und Rüstungsexporten -, das wären wirklich weiterführende, konstruktive Antworten auf die beiden Weltkriegskatastrophen, die vor 100 bzw. vor 75 Jahren begonnen wurden. Zugleich müsste es auch darum gehen, die real existierende Weltunordnung, die nur relativ wenige Menschen auf dem Globus reich macht und dabei buchstäblich über Leichen geht, zu überwinden. Das würde natürlich tief greifende Veränderungen auch bei uns erforderlich machen. Denn, wie stellt Peter Bürger zurecht fest: "Europa und unser Land gehören auf dem Kriegsschauplatz des unaufhörlichen Hungertodes zur Täterseite."

Vorgestern habe ich eine Anfrage von einer Künstlerin aus Lörrach bekommen, ob sie meine Rede vom 1. September 2003 in einer Ausstellung zum 100. Jahresgedenken des Ersten Weltkriegs aushängen dürfe. Diese Rede habe auch nach all den Jahren keinerlei Aktualität verloren. Indem ich so auf diese Rede von vor 11 Jahren gestoßen wurde, möchte ich nun hier nochmals die Schlussabsätze von damals zitieren.

Ich hatte u.a. an die große Kundgebung der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung vom 27. August 1963 am Lincoln Memorial in Washington erinnert, bei der Martin Luther King seine berühmt gewordene Rede hielt: "Ich habe einen Traum". Im Anschluss daran habe ich formuliert (Zitat):

"Ich träume an diesem Antikriegstag davon, dass unsere Regierungen eine neue "Realpolitik" machen, welche das reale Schicksal und das wirkliche Leben, die Not und die Probleme der Völker und des einzelnen Menschen, des einzelnen Flüchtlings zum Ausgangspunkt ihrer Politik, aller humanitärer Überlegungen und Maßnahmen macht und nicht die vorgeblichen "Sicherheitsinteressen" und wirtschaftlichen Vorteile nur des eigenen Staates.

Ich träume von einer Globalisierung mit menschlichem Antlitz, die nicht auf Kosten und zu Lasten der Menschen und der übrigen Kreatur geht.

Ich träume von einer Politik und von Gesellschaften, die den ewigen Kreislauf von Gewalt und Krieg nicht durch immer neue Gewalt anheizen, sondern die auf Alternativen ziviler und gewaltfreier Konfliktbearbeitung setzen, Gesellschaften, welche ihre Ressourcen nicht für immer neue Aufrüstung einsetzen, sondern für die Entwicklung sozialer Gerechtigkeit im In- und Ausland, um auf diese Weise auch Konfliktprävention zu betreiben.

Ich träume von einem stark wachsenden Bewusstsein in unserer Gesellschaft für die dringende Notwendigkeit einer Energiepolitik, welche auf die Nutzung der natürlichen Energiequellen Sonne, Wasser, Wind und Biomasse aufbaut, und damit weder Gefahren wie die Atomkraft heraufbeschwört, noch zur Klimakatastrophe und Gesundheitsgefährdung durch die Vergiftung der Umwelt beiträgt, eine Energiepolitik, die auch keine begrenzten Rohstoffquellen in aller Welt "verteidigen" muss und somit auf Angriffskriege verzichten kann, eine Energiepolitik also die auf Frieden durch die Sonne statt auf Krieg um Öl setzt.

… Lasst uns trotz aller Rückschläge und Frustrationen, die es in der Arbeit für den Frieden unzweifelhaft auch gibt, den langen Atem behalten, den beharrliche und konstruktive Friedensarbeit in Zukunft braucht." Das vollständige Manuskript dieser Rede von Michael Schmid am 1. September 2003 findet sich hier:  "Die Welt darf kein Kriegsspiel nach den Regeln der Starken sein" .

Fußnoten

Veröffentlicht am

04. September 2014

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