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“Ein Zug mit Soldatenköpfen von Berlin bis München”

Zeitungsfundstück - ausgegraben zum Antikriegstag 2014

Von Peter Bürger

Während des Ersten Weltkrieges bestand in der kleinen sauerländischen Kreisstadt Meschede ab Ende 1914 ein riesiges Kriegsgefangenenlager. Bei der Planung hatte man ursprünglich an eine Belegungszahl von etwa 10.000 gedacht. Für den 10. Oktober 1918 verzeichnet eine Statistik jedoch insgesamt 28.290 Kriegsgefangene. Besonders Berichte der beiden ehemaligen Gefangenen M. Charrier und Baron Richardson Racey vermitteln menschenverachtende Zustände eines "modernen" Lagersystems mit Mangelernährung und auch Zwangsarbeit (fast tausend Ausländer starben während der Lagerhaft im schönen Sauerland).

Viel freundlicher wirken hingegen die Bilder eines Fotobandes "Kriegsgefangenenlager Meschede", der wahrscheinlich noch vor Kriegsende in Mönchen-Gladbach erschienen ist. In einem Exemplar dieses Bildbandes aus dem Archiv von Hans-Peter Grumpe ist der folgende - undatierte - Bericht "Grausige, aber lehrreiche Zahlen" aus einer südwestfälischen Zeitung eingeklebt:

"Der Weltkrieg dauerte 4 Jahre, 3 Monate und 10 Tage = 1.560 Tage. Es blieben tot im Felde 12.990.570 blühende Menschenleben. Jeden Tag fielen im Durchschnitt 8.327, in jeder Minute 6 Männer. Ebenso oft ging ins Hinterland das inhaltsschwere Wörtchen "Gefallen", dort unsägliches Leid, Ströme von Tränen erzeugend. Sämtliches Eisenbahnrollmaterial Preußens würde nicht ausreichen, allein die losgetrennten Köpfe der Gefallenen zu transportieren. Würden die Köpfe der Getöteten in einen Eisenbahnzug verpackt, so daß dieser ganz gefüllt wäre, so würde der Zug vom Hauptbahnhof Berlin bis zum Bahnhof München reichen. Das Blut der Gefallenen hat 52 Millionen Liter betragen, eine rätselhafte Menge, die der ungeheuren Wassermenge des Niagarafalles für einen Tag gleichkommt. Würden die Leichen Kopf an Kopf, Fußende an Fußende liegen, so ergäbe sich eine Strecke von 16.000 km, d.i. mehr als 35mal von Meschede bis Berlin. - Verwundet wurden rund 20 Millionen. Etwa 10 Millionen davon sind heute Invaliden. Der Krieg gab Deutschland allein 2.900 vollkommen Erblindete, 5.400 Geisteskranke, 44.357 Krüppel mit einem Bein, 20.952 Krüppel mit einem Arm, 1.269 Krüppel ganz ohne Beine, 135 ohne beide Arme. - Die direkten täglichen Kosten des Krieges betrugen 758 Millionen Goldmark, insgesamt 1,37 Billionen = 1/9 des Gesamtvermögens der Erde. Man hätte für diese gewaltige Summe jeder Familie in Deutschland, Oesterreich, Rußland, Belgien, Frankreich, England, Italien, den Vereinigten Staaten von Nordamerika, Kanada und Australien ein Haus im Werte von 10.000 Goldmark mit einer Einrichtung im Werte von 4.000 Goldmark und einen Garten im Werte von 2.000 Goldmark beschaffen können. Die Tötung jedes Kriegers kostete über 100.000 Goldmark."

Der psychiatrische Komplex des modernen Krieges ist ein Jahrhundert nach Erscheinen dieses Artikels in noch weit höherem Ausmaß das zentrale Merkmal unserer Zivilisation. Yuval Noah Harari konstatiert in seiner "Kurzen Geschichte der Menschheit" (Bonn 2013): "Heute sind Waffentechnologie und Wissenschaft zwei Seiten ein und derselben Münze. Eine der wichtigsten Mächte der Gegenwart ist der militärisch-industrielle Komplex, der eigentlich genauer militärisch-industriell-wissenschaftlicher Komplex heißen müsste. Die Militärs der Welt initiieren, finanzieren und dirigieren einen erheblichen Teil der wissenschaftlichen Forschung und der technischen Entwicklung. Wenn sich taktische, strategische oder politische Schwierigkeiten auftun, wenden sich Staatenlenker immer häufiger an Wissenschaftler in der Hoffnung auf Wunderwaffen, die das Problem lösen."

Offiziell heißt das Programm dieser "Problemlösungs"-Strategie: Verteidigungspolitik. Es wäre im Sinne der von Bertolt Brecht vorgeschlagenen Sprachverweigerung schon einiges gewonnen, wenn stattdessen wenigstens in den Schriften der Friedensbewegung durchgehend (!) von "Militärministerium", "Ministerin für Kriegsangelegenheiten", "kriegspolitischen Richtlinien der Bundesregierung", "kriegspolitischen Denkfabriken", "Rüstungsetat" bzw. "Militärhaushalt", "Kriegsindustrie" etc. die Rede wäre. Bei einer Vermittlung der Quantitäten des militärisch-industriell-wissenschaftlichen Komplexes unserer Gegenwart könnte vielleicht auch das oben dargebotene Zeitungsfundstück als Inspiration dienen …

Veröffentlicht am

29. August 2014

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