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USA: Wenn die Armen kommen

Noch nie verließen so viele Teenager ohne Papiere Mittelamerika und riskierten an einer militärisch streng gesicherten Grenze ihr Leben

Von Konrad Ege

Tea-Party-nahe Politiker warnen bereits vor einer Invasion. Es sickerten zudem immer mehr Kriminelle aus Zentralamerika ein. Präsident Obama habe zu verantworten, dass die Gesetzlosigkeit an der Grenze mit Mexiko überhandnehme. Rick Perry, republikanischer Gouverneur von Texas und mutmaßlicher Präsidentschaftsbewerber, schickt Einheiten der Nationalgarde. Staatsgrenzen müssten nun mal geschützt werden. Niemand im Ausland habe ein Recht, in die USA zu kommen.

Dieses Jammern, das nicht nach Ursachen fragt, gilt in wohlhabenden Ländern als Argument gegen die Illegalen, die übers Mittelmeer nach Europa wollen oder durch die Wüste oder eben den Rio Grande hinauf nach Norden. Migration ist besonders kompliziert in den USA, der Einwanderer-Nation mit Stolz auf die Vorfahren, die einst in die Neue Welt ausgewandert sind.

Heutzutage denken Amerikaner bei Einwanderung an Mexiko und Mittelamerika. 17 Prozent der 317 Millionen US-Bürger sind Latinos. Rund elf Millionen leben ohne Papiere in den Vereinigten Staaten. Sie stellen die Hälfte der Arbeiter beim Gemüse- und Obstanbau, auf dem Bau sind es geschätzte 17 Prozent, in der Gastronomie zwölf. Als der Staat Alabama vor Jahren ein scharfes Gesetz gegen "Illegale" beschloss, nach dem Polizisten jederzeit "verdächtige Latinos" kontrollieren durften, entsetzte sich die Industrie über auf Feldern verfaulendes Gemüse. Die Vorschrift wurde entschärft.

Bis in die 60er Jahre hinein hat die US-Regierung das Anwerben von Gastarbeitern aus Mexiko gefördert. Seitdem variiert die Migrationspolitik nach Bedarf und politischem Klima, doch mit klarer Tendenz zu mehr Restriktionen gegen die aus dem Süden. Noch in den George-W.-Bush-Jahren hofften republikanische Politiker, die vermeintlich sozialkonservativen Einwanderer würden sich auf ihre Seite schlagen.

Zwei Tote pro Tag

Die Grenze zwischen den USA und Mexiko erstreckt sich 3.200 Kilometer weit vom Pazifik bis nach Texas und zum Golf von Mexiko. Sie ist mit Zäunen, Mauern, Bewegungssensoren und Drohnen gesichert. Rund 18.000 Beamte bewachen den sogenannten Schutzwall. Zwei Autostunden westlich von San Diego und etwa 20 Kilometer nördlich der Grenze, im ländlichen Holtville, der selbsternannten "Welt-Karottenhauptstadt", findet der Reisende einen ungewöhnlichen Friedhof. Holzkreuze stecken im Boden, viele ohne Namen und mit der Aufschrift "No Olvidados", ihr seid nicht vergessen. Enrique Morones von Border Angels hat ein Video von diesem Friedhof auf die Webseite seines Verbands gestellt: 700 Gräber für Menschen, die beim Überqueren der Grenze umgekommen sind, Migranten wie der fünfjährige Marco Antonio, der zusammen mit seinem Vater verdurstet ist. Die Karotten wachsen nur dank Bewässerung, doch herrscht an der Grenze in vielen Regionen ein Backofen-Klima mit Temperaturen von mehr als 40 Grad im Sommer.

Als 1994 das Nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA in Kraft trat, startete die Grenzschutzbehörde Border Patrol die "Operation Gatekeeper", um Migranten von der leichter passierbaren Küstenzone ins unwegsame Landesinnere zu treiben. Dazu sagt Enrique Morones, vor "Gatekeeper" seien pro Monat im Schnitt zwei Menschen bei der Grenzüberquerung umgekommen. Heute habe man einen oder zwei Tote pro Tag, wenn an der Grenze Wohlstand und Elend zusammentreffen. Die Armen kommen, obwohl die Zäune länger und höher werden, und seit 9/11 auch die Anti-Terror-Kampagne herhalten muss, um steigende Ausgaben für Grenzbarrieren zu rechtfertigen. Laut US-Grenzschutz sind 2013 insgesamt 414.000 Migranten an der Demarkationslinie gestoppt worden - es gab 445 Tote.

Barack Obama versucht seit längerem eine Gratwanderung. Seine vorgeschlagene und zu Wochenbeginn nochmals bekräftigte Reform des Einwanderungsrechts würde den meisten Migranten einen - freilich komplizierten - Weg zur Staatsbürgerschaft öffnen. Wirtschaftsinteressen sprechen dafür, doch scheitert das Projekt bisher an der Blockade der Republikaner, die auf Rechtspopulismus schalten: "Illegale" sollten nicht belohnt werden, heißt es. Politisch hat das den Demokraten geholfen. Teile des Reformplans, den Obama offenbar durch eine Präsidialanordnung durchsetzen will, sehen indes verstärkte Grenzkontrolle und forciertes Abschieben vor. 2013 traf das gut 400.000 Menschen, mehr als unter George W. Bush.

Genannt "La Bestia"

Derzeit ist in den Medien allerdings mehr Grenzkrise als Einwanderungsreform angesagt. Seit Oktober 2013 wurden mehr als 57.000 "unbegleitete Kinder und Jugendliche" aufgegriffen. Bei vielen ist "aufgegriffen" nicht einmal das richtige Wort: Häufig gehen sie in der Hoffnung auf die Beamten zu, die Begegnung werde zu einem Verfahren und zu einer Aufenthaltsgenehmigung führen. Noch nie zuvor kamen so viele junge Menschen aus Honduras, Guatemala und El Salvador, mehr als 2.000 Kilometer durch Mexiko, zu Fuß, in Bussen oder auf den Dächern von Güterzügen, genannt "La Bestia" und unterwegs von Mittelamerika in die USA. Bei manchen Einwanderungsgegnern schwingt Kritik mit, wie Eltern ihre Kinder auf eine derart gefährliche Reise schicken und oft noch Tausende Dollar für die "Coyotes" zahlen könnten, die Menschenschmuggler.

Doch lässt die Bandenkriminalität in ihrer Heimat vielen Teenagern gar keine Wahl. Eine 16-Jährige aus El Salvador erzählt, sie habe miterlebt, wie ein Mitschüler, der vom Unterricht zurückkehrte, von Killern einer Gang erschossen worden sei. Gangster hätten auch sie gedrängt mitzumachen, sie sei mit Macheten bedroht worden, bis sie von ihrer Mutter in die USA geschickt wurde. Jonathan Ryan vom Rechtshilfeverband RAICES erzählt, er begegne salvadorianischen Jungen, die von Kriminellen tätowiert worden seien, damit rivalisierende Banden keinen Anspruch mehr auf sie hätten.

Die Organisation interviewte 925 junge Latinos in einem Übergangscamp der Lackland Air Base in San Antonio/Texas. Etwa zwei Drittel hätten gute Chancen, als Flüchtlinge anerkannt zu werden. In ihren Herkunftsländern Honduras, Guatemala und El Salvador grassiere die Gewalt, seien die Einkommensunterschiede riesig, floriere der Drogenschmuggel nach Norden, meint Ryan. Derzeit sitzen Tausende junge Migranten in Auffanglagern auf US-Militärbasen und im Polizeiarrest oder dürfen vorübergehend bei Angehörigen in den USA leben. Nach US-Recht müssen ihre Asylgesuche geprüft werden und könnten demnächst dank einer Gesetzesnovelle zu einer zügigen Abschiebung führen.

Quelle: der FREITAG vom 12.08.2014. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Konrad Ege und des Verlags.

Veröffentlicht am

13. August 2014

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